Pathogenes Design? Michael Behes neues Buch The Edge of Evolution


von Martin Neukamm

Lange Zeit waren die Protagonisten des Intelligent Design, die die Entstehung der Arten nicht auf die natürliche Evolution, sondern auf Schöpfungsakte zurückführen, bemüht, die Wissenschaftlichkeit ihres Konzepts zu unterstreichen und dabei religiös-weltanschauliche Bezüge peinlichst zu vermeiden. Nun stellt Michael Behe in seinem Buch “The Edge of Evolution” eine These in den Raum, deren weltanschauliche, soziale und ethische Sprengkraft kaum unterschätzt werden kann: Nicht nur Bakteriengeißeln, das Blutgerinnungs- und Immunsystem – nein, auch diverse Krankheitserreger seien, so Behe, aufgrund ihrer “nicht reduzierbar komplexen” Strukturen gezielt von einem Schöpfer (Designer) hervorgebracht worden. Auf S. 237 seines Buchs erklärt Behe: “Here’s something to ponder long and hard: Malaria was intentionally designed. The molecular machinery with which the parasite invades red blood cells is an exquisitely purposeful arrangement of parts … Did a hateful, malign being make intelligent life in order to torture it? One who relishes cries of pain? Maybe. Maybe not.”

Die Argumentation in Behes Buch wurde unlängst von wissenschaftlicher Seite kritisiert und ad absurdum geführt (s. z.B. Myers 2007). So erweist sich Behes Versuch, anhand von Wahrscheinlichkeitsrechnungen “die mathematischen Grenzen des Darwinismus aufzuzeigen, als der altbekannte Fehlschluss, aus der Unwahrscheinlichkeit des spontanen Auftretens eines “Straight Flush” auf die schiere Unmöglichkeit zu schließen, auf Anhieb ein Pokerspiel zu gewinnen. Die Verwechslung von “Komplexität” mit “Unwahrscheinlichkeit” sowie die These, “nicht reduzierbar komplexe” Merkmale könnten nicht etappenweise evolvieren, weil Behe annimmt, ihre evolutionären Vorstufen müssten hierzu direkt auf die heutige Endfunktion hin selektierbar sein (was unmöglich ist und kein Evolutionsbiologe je behauptet hat), zeigt, dass sich Behe nicht über die Voraussetzungen im Klaren zu sein scheint, unter denen Evolution abläuft.

Im Grunde ist dies nichts Neues, so dass das Buch kaum eine Erwähnung wert wäre. Wäre da nicht die Frage, warum nun ausgerechnet Malaria-Parasiten und HIV-Viren als Beispiele für den grandiosen Geniestreich des superintelligenten Designers angeführt werden – Beispiele, die selbst orthodoxe Kreationisten in wissenschaftlichen Zusammenhängen bislang wohlbedacht vermieden haben. War sich Behe nicht im Klaren darüber, dass der Verweis auf das “intelligent arrangierte” Immunsystem, welches von einem “noch intelligenter” arrangierten Malaria-Parasiten überlistet wird, im Rahmen einer teleologischen Sichtweise unweigerlich die Frage nach dem (Un-) Sinn des Unterfangens nach sich zieht?

Dass Behe mit Parasiten und pathogenen Keimen argumentiert, beruht kaum auf Zufall; die Argumentation passt genau ins Bild der strategischen Neuorientierung der amerikanischen Intelligent-Design-Bewegung, die sich schon seit über einem Jahr abzeichnet: Seitdem das Experiment, Intelligent Design wissenschaftlich zu begründen und auf lange Sicht an den Schulen zur dominierenden Lehrmeinung zu machen, in dem legendären Dover-Prozess Ende 2005 rigoros fehlschlug, steht das Discovery Institute als führender “think tank” der ID-Bewegung mit dem Rücken zur Wand. Intelligent Design wurde “nun nicht nur von der akademischen Wissenschaft, sondern auch von Journalisten und zusehends von Politikern als religiöse Bewegung gesehen und beschrieben” (Leitner 2006). Da also der Versuch, dem rechtskonservativen Christentum eine Art “wissenschaftliche Legitimation” zu verschaffen gescheitert ist, benötigte man dringend eine neue Strategie und besann sich zurück auf die fundamental-christlichen Wurzeln.

Wie Leitner berichtet, erschienen auf einer großen Konferenz, die am 29. September 2006 in Südflorida gehalten wurde, neben Behe und dem Biologen Jonathan Wells unter anderem der TV-Prediger J. Kennedy und R. Weikart, die den alten kreationistischen Kurs vertreten und Darwins Lehren für den Nationalsozialismus und für alle möglichen Gräueltaten verantwortlich machen. Auf der Konferenz wurde der Darwinismus auf ethisch-moralischer Ebene heftig angegriffen. Zudem unternimmt man verstärkt den Versuch, die weltanschaulich-eschatologischen Aspekte des evangelikalen Fundamentalismus zu rechtfertigen. Zwar unterlässt es Behe, hierüber dezidierte Urteile zu fällen; er überlässt es lieber den orthodoxen Kreationisten, aus Intelligent Design die weltanschaulichen Schlüsse zu ziehen. Behe gibt nur “Denkanstöße”, seine Worte bleiben aber wohlbedacht inhaltsleer (“Maybe. Maybe not.“). Der sprichwörtliche Wink mit dem Zaunpfahl ist jedoch kaum misszuverstehen: Der Malaria-Parasit wurde von einem Wesen mit offensichtlich übermenschlichen Fähigkeiten gezielt erschaffen, um seinen Wirt zu infizieren, ihn krank zu machen, zu quälen und zu töten. Eine plausible Alternative gibt es im Rahmen der teleologischen Denkweise nicht, und das weiß Behe.

Der Gedanke an die Geiseln eines zornigen Schöpfers, der die Missachtung seiner Schöpfungsordnung anprangert und den Unglauben sowie die (sexuellen) Ausschweifungen der menschlichen Kreatur mit Malaria und HIV bestraft, liegt auf der Hand und begeistert die evangelikale Hardcore-Gesellschaft, die ohnehin den Darwinismus für jede Form des Werteverfalls verantwortlich macht. Gezielt solche Assoziationen zu wecken, ist ganz offensichtlich Behes neue Strategie, die natürlich alle Vorteile der Kritikimmunisierung mit sich bringt: So stößt man auf der einen Seite einen “erzkonservativen Re-Christianisierungskurs” an. Sobald man jedoch kritisiert wird, “zieht man sich schnell darauf zurück, es gehe einem lediglich um einen ganz unspezifischen intelligenten Planer im Allgemeinen” (Mahner 2007).

Falls es noch eines Belegs für den fundamental-religiösen Hintergrund des Intelligent Design bedurft hätte, mit Behes Buch wurde er geliefert. Der Autor ist nicht der nette Intellektuelle aus dem gemäßigten Spektrum des Intelligent Design, als den ihn manche sehen, sondern ein kühler Taktierer mit christlich-fundamentalistischen Überzeugungen. Myers (2007) formuliert es drastischer: “Behe isn’t just a crackpot who thinks he has a novel explanation for an evolutionary mechanism — he’s a radical anti-evolutionist extremist who rejects the entire notion of the transformation of species by natural processes.”

Literatur

Behe, M. (2007) The Edge of Evolution. The Search for the Limits of Darwinism. Free Press, New York.

Leitner, R. (2006) Freispruch für Darwin. Skeptiker 19(4), 136-140.

Mahner, M. (2007) Intelligent Design und der teleologische Gottesbeweis. In: Kutschera, U. (Hg.) Kreationismus in Deutschland. Lit-Verlagn, Münster, S. 340-351..

Myers, P.Z. (2007) Behe’s Edge of Evolution, Part I and Part Ia.

http://scienceblogs.com/pharyngula/2007/06/behes_edge_of_evolution_part_i.php

http://scienceblogs.com/pharyngula/2007/06/behes_edge_of_evolution_part_i_1.php

 

Autor dieses Beitrags: M. Neukamm

About these ads

11 Antworten zu Pathogenes Design? Michael Behes neues Buch The Edge of Evolution

  1. Zum Artikel von Martin Neukamm über Michael Behe vielleicht eine kleine Anmerkung:
    Das Foto ist tatsächlich einer “Parodieseite” entnommen. Wer hinter dieser Seite steckt ist unklar. Die Seite heißt “TheBrites” und soll offensichtlich den atheistischen Fundamentalismus parodieren . In völlig überzogener Weise stellen dort die Autoren das Verhalten von Atheisten (den Brights) dar. Z.B. Darwin Youth (Ich denke es ist klar woran das erinnern soll). Ich finde die Seite ist eine geschmacklose Propagandaseite. Die Darwin Youth ist natürlich keine gelungene Parodie, da ja nichts real existierendes in übertriebener und lächerlichmachender Weise und dadurch entlarvend dargestellt wird. Lediglich die Phantasie der Christlichen Fundamentalisten, dass die Evolutionstheorie wesentlich für Hitler verantwortlich ist, ist dort überzogen dargestellt. Der Rest der Seite folgt diesem Schema.
    Martin Neukamm hat nun das Kunststück fertiggebracht das Foto aus der entsprechenden Behe Buchrezensionsparodie in einen Artikel unterzubringen, der am Ende auf der Seite der Brights gelandet ist. Bravo ! Der Bequemlichkeit halber und zur Entlastung von Google der Link: http://cedros.globat.com/~thebrites.org/BookReviews/index
    Wenn man sich die Parodierezension anschaut und dann Martins Artikel denke ich kommt man auch nicht umhin gewisse Parallen zu erkennen. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass Martin das Buch gar nicht gelesen hat.

  2. Etwas spät, doch ein Vorschlag zur Güte.
    Ich finde, Stephen Colbert hat da den besten Ansatz, mit Behe umzugehen:
    http://richarddawkins.net/article,1483,Interview-with-Michael-Behe,The-Colbert-Report

    Ansonsten erinnert mich eure Diskussion hier an den Karikaturen-Streit :-0

  3. Ich muss El Schwalmo zustimmen, wir dürfen unseren Weltanschsulichen Gegnern nicht durch beleidigende Abbildungen Vorschub leisten!

  4. Ich finde, der Artikel sollte unbedingt hier bleiben, so wie er ist. Er ist wunderbar entlarvend.

  5. Das Bild zum Post ist von der AG der Evolutionsbiologen übernommen worden. Also, ich verstehe die Aufregung nicht. Das Bild ist im Netz und damit ist der Ort beliebig. Und Behe wird es überleben.

  6. Ich sehe das ähnlich. Ob man einem Artikel zustimmt oder nicht ist ja unerheblich. Aber die Abbildung schadet “der Sache” und ist einfach unnötig.

  7. Also das Bild finde ich auch sehr unpassend. Zumindest das kann man ja mal wegmachen.

  8. @jaybe

    === schnipp ===
    ach, el schwalmo, getroffene Hunde bellen…….
    === schnapp ===

    ich plädiere dafür, dass der Artikel hier verschwindet, nicht dafür, dass hier darüber diskutiert wird.

    Du kannst davon ausgehen, dass ich Behes Buch (und viele andere Arbeiten von ihm) incl. vieler Rezensionen und anderer Arbeiten zum Thema gelesen habe. Ich kann sehr genau begründen, was an Behes Ansatz nicht haltbar ist, aber genauso fundiert kann ich begründen, was an dem von mir monierten Artikel nicht haltbar ist.

    Der einzige Grund, der mich davon abhält, das hier zu tun, ist, dass ich unseren weltanschaulichen Gegnern keine ‘Munition’ liefern möchte. Daher liegt mir weniger an einer Diskussion über diesen Artikel, als daran, dass er wieder gelöscht wird.

    Weil er aber wieder eingestellt wurde, sah ich mich gezwungen, meine Bitte diesmal öffentlich zu machen.

  9. Das passt nicht so ganz, El Schwarmo ist doch selbst Biologe, wenn er von dem Artikel getroffen ist, dann nur, weil er seine Qualitätsansprüche nicht erfüllt.

  10. ach, el schwalmo, getroffene Hunde bellen…….

  11. Dieser Beitrag stand schon einmal in diesem Blog, wurde aus gutem Grund entfernt, und steht merkwürdigerweise nun wieder hier.

    Ich empfinde diesen Beitrag aus verschiedenen Gründen als extrem problematisch. Man stelle sich vor, auf einem christlichen Blog würde das Buch eines Evolutionsbiologen mit einem gemorphten Konterfei des Autors erscheinen.

    Der Beitrag befasst sich zudem nur mit einem Nebenaspekt des Buchs, der sich auch, wenn ich es richtig sehe, durch eine Lektüre des Buchs nicht bestätigen lässt.

    Diese Diskussion möchte ich hier nicht vertiefen, weil die an anderer Stelle schon abgelaufen ist.

    Ich bitte den Betreiber des BLOGs, diesen Beitrag zu entfernen. Auch andere Beiträge wurden entfernt, technisch sollte das kein Problem sein.