Der goldene Kompass – eine Kritik

von [C]Arrowman

Ich habe den Film nun gesehen und habe schon lange vorher die Bücher der „His Dark Materials Trilogie, i.e. Der Goldene Kompass, Das Magische Messer und Das Bernstein Teleskop gelesen. Der Film hinterlässt bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Wie bei den meisten Filmumsetzungen ist die Story aufs wesentliche zurechtgestutzt und einige Nebencharaktere fehlen, weshalb ich das auch nicht beanstanden werde. Ich sage deshalb zwiespältig, weil auf der eine Seite wurde die Welt von der Trilogie exzellent umgesetzt, so erkennt man viele Schauplätze wieder, wie etwa der Speisesaal von Bolvangar oder das Haus von Mrs. Coulter. Auf der anderen Seite hat man sich nicht an die Chronologie des Buches gehalten, z.B. wurde im Buch Iofur Raknison erst nach der Schlacht von Bolvangar gestürzt.

Positiv ist mir aufgefallen, dass die Rollen der Charaktere perfekt besetzt worden. Nicole Kidman ist als Mrs. Coulter einfach klasse und kann sowohl die zuckersüße verführerische, als auch die manipulierende, nach Macht strebende Seite von Mrs. Coulter darstellen. Nicole hat sich als perfekte Wahl erwiesen für die Rolle, nebenbei ich habe gehofft, dass sie den Job macht.

Ebenso hat sich Dakota Blue Jones als Lyra ideal erwiesen. Sie schafft es den Charakter von Lyra sehr gut wiederzugeben. Sie schafft es in ihre Rolle sowohl die manipulierende und verlogene Art ihrer Mutter Mrs. Coulter zu legen (Lyra erzählt gerne abenteuerliche Lügengeschichten und schafft es Iofur mit einer solchen zu manipulieren), wie auch den Freiheitsdrang und Rebellenhaftigkeit ihres Vaters Lord Asriel, ebenso die Entschlossenheit, die Dinge zu erreichen, die sie sich vornimmt. Eine Eigenschaft die beiden Elternteilen innewohnt.

Insgesamt ist die Besetzung der Rollen ausgezeichnet gelungen. Ein Lob auch an die CGI-Leute die einen glaubhaften Iorek Byrnisson geschaffen haben (der allerdings ein paar mal zu oft in die Kamera brüllt).

Gut gefallen hat mir auch wie die Welt umgesetzt wurde. Lyras Welt hat einen anderen Weg in der technischen Entwicklung eingeschlagen. So ist keine Digitaltechnik entstanden, sondern analoge Systeme, die eine Kombination aus Pneumatik, Hydraulik und Leistungselektronik darstellen, allgemein als Steampunk bezeichnet; allerdings sollte man hier nicht an gewaltige Zahnräder mir viel Rauch denken, sondern eher an die Forschungen von Nikolai Tesla und an Luftschiffe mit Flugzeugturbinen. Der Stil der Welt ist passend dazu im Art Deco des frühen 20. Jhdt. gehalten.

Genug des Lobes. Wie eingangs erwähnt wurde besonders zum Ende hin die Storyline durcheinander gewürfelt und entspricht vielfach nicht mehr der Vorlage. Es mag zwar sein, dass man einiges kinokompatibel machen musste, so ist aber das Vorziehen des Kampfes zwischen Iorek Byrnison und die Sache, dass die Samojeden Lyra an Iofur Raknisson und nicht an Bolvangar verscherbeln, nicht zu entschuldigen. Iofur Raknisons Vernarrtheit in Mrs. Coulter (die ihn im Buch, wie die meisten anderen ihrer Verbündeten, umgarnt hat) ist ganz gestrichen worden. Man hätte meines Erachtens das Ganze auch wie in der Vorlage umsetzen können. Ich vermute man wollte einfach eine tolle Schlacht als Rausschmeißer haben. Des weiteren ist anzumerken, dass das Buch nicht dort endet, wo der Film endet.

Anderes Thema: politcal correctness

Wer das Buch kennt, wird merken das viele Anspielungen auf das Christentum im allgemeinen und die Römisch Katholische Kirche fehlen. Der Antagonist ist nicht eine (die!) Kirche, sondern ein gesichtsloses Magisterium. Das Insignium des Magisteriums ist nicht das Kreuz wie im Buch, sondern ein verschnörkeltes M. Am deutlichsten wird dies, dass Iorek seine Rüstung nicht vom örtlichen Pfarrer (der im Buch einen Teufel in der Rüstung exorzieren wollte), sondern aus der Vertretung des Magisteriums holt. Des weiteren wird die Besessenheit des Magisteriums mit profaner Machtgier erklärt und nicht wie im Buch mit dem Sündenfall. Der Sündenfall selbst, spielt eine zentrale Rolle im Buch. Richtig im Film wird dargelegt, dass Kinder noch keinen Staub anziehen, während erwachsene das tun. Aus der Unschuld der Kinder ergibt sich, dass die Anziehung von Staub der physikalische Beweis der Sünde ist (…“sie erkannten das sie nackt sind“ (“die wahre Gestalt ihrer Daemonen“) wie es in Lyras Welt heißt)… “denn Staub bist du und zu Staub sollst du werden, lest es in der Bibel nach“). Daher will das Magisterium verhindern das Staub an Menschen anhaftet. Apropos, der Effekt der Trennung vom Daemon wird nur unzureichend dargestellt. Man hätte z.B. auf das Personal (nicht die Wissenschaftler) von Bolvangar hinweisen können (die alle von ihren Daemonen getrennt wurden, die Daemonen begleiten ihre Menschen weiterhin, allerdings als getrennte Wesen) hinter sich haben. So fehlt Menschen an denen das durchgeführt wurde der freie Wille, Kreativität und Phantasie, sie sterben wenn man sie nicht beschäftigt, und sind im allgemeinen wie Zombies und würden auf Befehl hin kämpfen bis man sie in Stücke reißt.

Leser von „Der Gotteswahn“ werden hier die Vergleich zum dawkinschen Kindesmissbrauchsvorwurf ziehen. Die Trennung vom Deamon als Metapher für die Indoktrination durch die Kirche.

Zugegeben, philosophisches in einen Film-Epos zu verpacken ist schwierig, da man den Zuschauer nicht langweilen möchte, aber der Art unaufrichtig vor der Christenlobby in den Staaten und in Rom zu kuschen, anstatt die Konfrontation zu suchen, ist meines Erachtens eine Beleidigung des Autors und seinem Werk.

    Um nicht Unfair zu sein, es wird mehrfach klar gemacht das es um nichts anderes geht, als um den Kampf um die Ideale der Aufklärung (vertreten durch das Jordan College mit seinem Rektor) und den freien Willen, dargestellt durch Lord Asriel Lyra und die Hexen. Man kann auch nicht erwarten, dass die Parallele-Welten-Theorie so wie andere in den Büchern vorkommende uns bekannte physikalische Phänomene ausführlich zur Sprache kommen.

 

Die Kirche in den Bücher und in der Realität:

In Lyras Welt ist die Kirche ein undurchsichtiges Konglomerat aus Behörden, Gremien, Gerichten und Gesellschaften. Das Papsttum wurde abgeschafft. Zu Lyras Zeit hat das Geistliche Disziplinargericht die Vormachtstellung im Magisterium und hat die Befugnis über Ketzerei zu urteilen und somit die Lehre der Kirche festzulegen. Die Lehre des Magisterium ist extrem konservativ geprägt. Alle Entdeckungen sind erstmal ketzerisch und müssen vom Magisterium freigegeben werden. Das Disziplinargericht kann im Zweifelsfall alle Streitkräfte der christlichen Welt requiieren und scheut sich nicht, dies zu tun. Die Schweizergarde selbst ist eine hochprofessionelle Einsatztruppe, meistens werden aber weltliche Elitegarden oder einfach Söldnertruppen rekrutiert. Ironischer Weise scheut sich die Kirche selbst nicht davor, als ketzerisches eingestuftes Wissen zu nutzen, ist ja alles im Namen der höchsten Autorität. Forschungen, die auf gesellschaftlichen Widerstand stoßen könnten, schiebt das Magisterium gerne an halbprivate Initiativen wie die Oblationsbehörde ab, um sich ggf. davon distanzieren und die Mitglieder als Ketzer bezeichnen zu können.

Ich lasse hier mal Ruta Skadi, eine Figur aus dem zweiten Buch mal zu Wort kommen: “[...] ich weiß nicht, wer auf unserer Seite stehen wird, aber ich weiß gegen wen wir kämpfen müssen: das Magisterium, die Kirche. Sie hat die ganze Geschichte hindurch [...] versucht, jede natürliche Regung zu unterdrücken und unter Kontrolle zu bringen. Und was sie nicht unter Kontrolle bringen kann [ wie etwa freier Wille, Anm. des Verf.],, schneidet sie heraus. Einige haben gesehen was sie in Bolvangar taten. [... Es gibt] dort Kirchen die ihre Kinder genauso Beschneiden… sie schneiden den Jungen die Geschlechtsteile ab, jawohl Jungen und Mädchen… damit die Kinder keine Gefühle mehr haben. [Die Kirche] kontrolliert und zerstört jedes schöne Gefühl.“

Das Abschneiden soll die Kinder zu den Schafen machen, die die Hüter gerne hätten, doof und das selbe uniforme Blöken.

Unsere Kirchen sind heute bei weiten nicht mehr so extrem, aber sie waren es im Mittelalter. Beschneidung der Frauen ist im Islam und Afrika immer noch Gang und Gebe. Unsere Kirchen haben Wissenschaftler verfolgt und Hexen verbrannt weil sie, so die Kirchen, Ketzer waren. Lyras Welt ist eine Welt in der die Kirche immer noch die Macht hat wie im Mittelalter: Zensur, Verfolgung Andersdenkender, weitreichenden politischen Einfluss. Dinge, die in den USA sich immer noch einer gewissen Popularität erfreuen.

Das Abschneiden ist wie oben erwähnt eine Anspielung auf die Indoktrination im Kindesalter, welche einen ähnlichen Effekt haben kann, nämlich den Glauben als Ersatz für Neugier und Kreativität. Wissenschaft wird als Böse hingestellt weil sie nicht mit dem Vorgegeben Weltbild zusammen passt.

Der Tenor der Trilogie ist aber nicht die profane Kirchenkritik, sondern wie im Film angesprochen, die Verteidigung der Ideale der Aufklärung.

In diesem Sinne:

Sapere aude, habe Mut dich deines Verstandes zu bedienen. -I. Kant

Sowie: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen…! (Berlinische Monatsschrift ,1784)

 

    Fazit: Der Film ist eine an und für sich ordentliche und würdige allerdings keine überragende Umsetzung, wie es z.B. Herr der Ringe aus dem selben Stall war. Als Kenner der Bücher bleibt bei mir das Gefühl zurück, durch den Film gehetzt worden zu sein, sowie einiges verpasst zu haben. Die Schauspieler schaffen es allerdings sehr gut, die Storylücken durch eine einzigartige Darstellung ihrer Charaktere den Film sehens- und empfehlenswert zu machen, auch für die, die die Bücher kennen. Ich hoffe, dass der Film der Trilogie, derzeit in jedem noch so kleinen Buchladen zu finden zum regen Absatz verhilft… beispielsweise als Weihnachtsgeschenk.

3 Antworten zu “Der goldene Kompass – eine Kritik”

  1. Wolfgang Hömig-Groß Sagt:

    Ich habe die Bücher noch nicht gelesen (aber schon gekauft) und den Film kenne ich auch nicht. Ohne dieses Hintergrundwissen bleibt mir diese Kritik leider völlig unverständlich, bis auf den ersten Teil, der Handwerkliches zum Film sagt.
    In meiner Jugend hätte man das – glaube ich – restringierten Code genannt; Informationen für die, die ohnehin schon alles kennen. Schade!

  2. [C]Arrowman Sagt:

    JA stimmt, unglücklich ausgedrückt…

  3. offray Sagt:

    Schön, interessanter Vergleich mit den Büchern, danke für die Rezension.

    “Ich hoffe, dass der Film der Trilogie, derzeit in jedem noch so kleinen Buchladen zu finden zum regen Absatz verhilft… beispielsweise als Weihnachtsgeschenk.”

    Du meinst vermutlich die Bücher zum Film.


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