Was so harmlos klingt, hat allerdings schon für einige Unruhe gesorgt. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend stellte bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien einen Indizierungsantrag, über den am morgigen Donnerstag entschieden werden soll. Zur Begründung heißt es, das Ferkelbuch sei „antisemitisch und ethisch desorientierend“ – erfülle also gleich mehrere Tatbestände. Was den letzteren angeht, die ethische Desorientierung, so mag es durchaus sein, dass Religionskritik, selbst wenn sie kinderbunt daherkommt, verwirrend ist; dergleichen geschieht schließlich nicht alle Tage und gehört nicht unbedingt zum Mainstream der Kinder- und Jugendliteratur. Doch immerhin könnte es auch sein, dass eher religionsunkritische oder gar -freundliche Bücher ebenso verwirrend und gefährlich sind.
Kinderbücher gibt es viele. Gute und schlechte. Manche von ihnen beschäftigen sich auch mit religiösen Fragen. Andere wiederum nicht. Eher selten sind dagegen dezidiert religionskritische Kinderbücher. Das in dem linken Alibri Verlag erschienene „Wo bitte geht’s zu Gott? fragt das kleine Ferkel“ ist ein solches Buch. Geschrieben hat es Michael Schmidt-Salomon, die überaus possierlichen Bilder zeichnete der Illustrator Helge Nyncke. Die Handlung: Ein neugieriges, großäugiges Ferkel und sein nicht minder niedlicher Freund, ein Igel, machen sich auf die Suche nach Gott. Sie wollen dieses mächtige Wesen kennen lernen, das in so großen Häusern wohnt – doch niemand, nicht einmal die imposanten Vertreter der drei großen monotheistischen Weltreligionen, kann eine befriedigende Antwort geben.
Christliche Werte und Erziehung
Das jedenfalls behauptete Michael Schmidt-Salomon: Wie zuletzt auch in den Erwachsenenbüchern von Richard Dawkins („Der Gotteswahn“) und Christopher Hitchens („Der Herr ist kein Hirte“) dargelegt, verbreiten Christentum, Judentum und Islam Angst; die Vorstellung von einem nicht nur barmherzigen, sondern eben auch allmächtigen und vor allem strafenden Gott schüchtert die Menschen ein. Ganz in diesem Sinne und etwas unbescheiden wirbt Schmidt-Salomon auf seiner Website mit dem Slogan, sein „Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen“, sei ein „Dawkins for Kids: das frechste Kinderbuch aller Zeiten!“ Ein nicht geringer Anspruch, aber warum sollen sich nicht auch Kinder kritisch mit den Religionen auseinandersetzen? Schließlich gibt es sogar Kinderbücher, die sich überaus wohlwollend mit dem Leben des amtierenden Papstes beschäftigen, ohne freilich auf die alles andere als harmlose Geschichte der römisch-katholischen Kirche auch nur mit einem Wort einzugehen.
Was also den Vorwurf der ethische Desorientierung angeht, so darf wohl eher vermutet werden, dass es dem Bundesfamilienministerium insbesondere nach Ursula von der Leyens christlich-abendländischer Werteoffensive in Erziehungsangelegenheiten um den antireligiösen Aplomb des Ferkelbuches geht: Dieser passt nicht ins Konzept, weil alles, was sich nicht bejahend auf die – vor allem christliche – Religion beruft, per se Verwirrung stiften muss. Das aber ist Quatsch. Wenn überhaupt, dann hat die Erziehung in Bezug auf die Religion darauf vorzubereiten, dass es mittlerweile eine ganze Reihe religiöser und nicht-religiöser Orientierungsangebote gibt. Und selbst wenn die Beschäftigung mit der „eigenen“ Religion Vorrang haben sollte, wobei noch zu fragen wäre, worin genau dieses Eigene eigentlich besteht: Eine Auseinandersetzung mit allen anderen Glaubens- und Wissensformen ist dadurch gerade nicht ausgeschlossen, sondern dringend erforderlich.
Bleibt der Antisemitismus-Vorwurf. Er beruft sich auf die Darstellung eines der drei Geistlichen, einen Rabbi. Nach den zum Beispiel im NS-Hetzblatt „Der Stürmer“ erprobten antisemitischen Stereotypen müsste er eine lange, nach unten gebogene Hakennase haben, dick und unförmig, vielleicht sogar bucklig sein. Fehlen dürften auch nicht die abfallende Stirn sowie die hervorstehenden Augen, von einer ungepflegten äußere Erscheinung und einem eher grimassierenden Gesichtsausdruck ganz zu schweigen. Davon aber ist in dem ganzen Ferkelbuch nichts zu sehen. Im Gegenteil, der Rabbi erscheint als die Figur eines Geistlichen mit Normal-, also Durchschnittsmaßen. Dass er, weil Ferkel und Igel ihre nervtötenden Kinderfragen stellen, schließlich zornig wird, unterscheidet ihn nicht von seinen Kollegen, einen Bischof und einen Mufti. Das sieht übrigens auch Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, so: „Der Meinung, das Buch sei antisemitisch, kann man so nicht folgen, da es gleichermaßen alle drei großen monotheistischen Religionen verleumdet.“ Indizieren lassen möchte er es allerdings schon, da es „militant atheistisch“ sei.






































































Juli 6, 2008 um 9:18
Und genau hier zeigt sich doch die Perversion der deutschen Justiz! Wenn jemand über eine real existierende Person sagt, sie sei ein Arsch, so kann erlediglich ein Verfahren wegen Beleidigung an den Hals bekommen, wenn diese Person persönlich Strafanzeige erstattet! Doch wie sieht es mit dem Christengott aus? Mir ist kein Fall bekannt, wo dieser zu Polizei oder Staatsanwaltschaft gerannt ist um gegen Irgendjemanden Strafanzeige zu erstatten. Trotzdem kann man ein Verfahren an den Hals bekommen, wenn man sagt, er sei ein Arsch! (Und wenn dieser doch angeblich so allmächtig ist, warum bestraft er seine Beleidiger dann nicht selbst?). Und was ist mit all den anderen als Götter bezeichneten Hirngespinsten? Was ist z.B. wenn jemand sagt Wotan oder Odin sei ein Arsch? Was ist, wenn dann jemand als Anhänger von Asatru oder einer anderen germanisch-neuheidnischen Bewegung zur Polizei rennt und
hartnäckig darauf besteht, daß seine Strafanzeige entgegengenommen wird? Dann wird er doch wohl letzendlich in einer Zwangsjacke abgeführt und irgendeinem Psychiater zur Begutachtung übergeben!
Und was ist mit Satan! Die Kirche ist doch nicht nur von dessen Existenz überzeugt, sondern beschimpft und beleidigt ihn laufend. Was ist, wenn nun ein praktizierender Satanist deswegen gegen einen Pastor bzw. Pfarrer Strafanzeige erstattet? Was wird daraufhin wohl seitens der Justiz geschehen? Es wäre doch interessant dies mal herauszufinden!
März 6, 2008 um 12:07
Es ist doch egal, wie man das nennt. Gemeint ist nach wie vor das gleiche: Wenn einer sagt, der Christengott ist ein Arsch, dann bekommt der er ein Verfahren an den Hals.
März 5, 2008 um 2:02
Naja, der „Gotteslästerungsparagraph“ existiert ja zum Glück in der Form nicht mehr. Obwohl es sicherlich interessant wäre, wenn ein dahingehend Verurteilter in einem revisionsverfahren feststellen lassen würde, ob es sich bei „Gott“ überhaupt um eine reale Person handelt, die beleidigt werden kann. Das ganze analog zum alten „Soldaten sind Mörder“, bei dem ja auch höchst richterlich festgestellt wurde, dass „Soldaten“ kein Kollektiv bilden, dass man beleidigen oder verunglimpfen kann. Interessant wäre das schon bei „Religionen“ zu wissen. Kann man alle Religionen kollektiv verunglimpfen oder sind diese zu verschieden für ein homogenes, verunglimpfbares Kollektiv?
Möchte jemand die Probe aufs Exempel machen?
März 5, 2008 um 10:28
Ich will hoffen, dass der Herr vom Zentralrat der Juden nicht recht weiß, was Verleumden überhaupt bedeutet.
Das Verleumden ist eine im Höchstmaß mit Freiheitsstrafe bedrohter Straftatbestand, der glücklicherweise nur gegenüber Personen, nicht aber bezüglich einer Religion möglich ist.
Wenn er gleichzeitig meint, dass es die Aussagen des Buches gleichwohl strafbar seinen, etwa als Gotteslästerung (so!), dann kann man dazu nur sagen, dass einerseits eine Religion ohnehin verloren hat, die zur Durchsetzung ihres Glaubens das Gewaltmonopol des Staates benötigt, andererseits aber auch gar kein Verleumden oder Verunglimpfen der Religion vorliegt. (Der Gotteslästerungsparagraph gehört ohnehin ersatzlos gestrichen).
Den Religionsvertretern werden nämlich weder falsche Aussagen untergeschoben. Sie werden lediglich zornig und stürzen übereinander, wobei nicht einmal eine Schlägerei zu sehen ist.
Dass die Helden der Religion tatsächlich wütend werden, wenn man kritische Fragen stellt, zeigt sich ja anschaulich an dem Indizierungsverfahren und an den Äußerungen über das Buch.
Das Buch ist harmlos. Rechtlich erlaubt sind noch gaaaanz andere Darstellungen.