Über das Verhältnis von Glaube und Wissen

William Blake, The Ancient of Days(1749)

Muss der “wahre” Naturwissenschaftler Atheist sein?

Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt. (Enzyklika Fides et Ratio)

Zehn Jahre nach der Enzyklika “Fides et Ratio” lohnt es sich erneut, über das Verhältnis von Glaube und Wissen nachzudenken. Dieses traditionsreiche Thema vor allem im katholischen Denken ist nämlich aktueller denn je, steht es letztlich doch im Zentrum der heftigen Kontrover-se um den so genannten “neuen Atheismus”. Als Reaktion auf den Kreationismus, der vom Glauben her das Wissen angreift, holt dieser naturwissenschaftlich unterfütterte Atheismus zum Gegenschlag aus und führt das Wissen gegen den Glauben ins Feld – der “Gotteswahn” des Evolutionsbiologen Richard Dawkins ist das populärste Beispiel für die Unterstellung, religiöser Glaube sei unvernünftig, vernünftig sei nur die Wissenschaft. Schon früh hat Josef Ratzinger vor einem derart ausufern-den Evolutionismus gewarnt, der keine andere Rationalität als die eigene gelten lässt und den Glauben ins Private, Subjektive, Beliebige, ja Irrationale abgeschiebt. Als Papst plädiert er – z. B. in der viel diskutierten Regensburger Rede – gegen die “Beschränkung der Vernunft auf das im Experiment Falsifizierbare” und für die “Ausweitung unse-res Vernunftbegriffs”. Schließlich sei Theologie die “Frage nach der Vernunft des Glaubens”.

Sie sind herzlich eingeladen, mit zu diskutieren, ob aus der aktuellen Polarisierung eines “ratio contra fidem” ein neues “fides et ratio” werden kann.

ReferentInnen:

Prof. Dr. Wolfgang Beinert
Em. Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Regensburg; Mitglied des Arbeitskreises Kirche und Wissenschaft (München) und des Schülerkrei-ses Joseph Ratzinger; Schwerpunkt u. a. Fundamental-dogmatik, Ekklesiologie, Eschatologie

Dr. Michael Blume
Referent in der Grundsatzabteilung des Staatsministeri-ums Baden-Württemberg; Mitglied der internationalen Forschergruppe Evolutionary Religious Studies (ERS); Lehrauftrag der Universität Heidelberg zum Thema “Religi-onswissenschaftliche Präsentationen zur Evolution der Religion”; Schwerpunkt u. a. Evolutionsbiologie der Religiosität

Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider
Lehrstuhl für Philosophie der Naturwissenschaften, Uni-versität Gießen; Schwerpunkt u. a. Die Reichweite der Idee der Selbstorganisation

Prof. Dr. Regine Kather
Philosophisches Seminar der Universität Freiburg; Gast-professur an der Universität Cluj-Napoca / Klausenburg (Rumänien); Schwerpunkt u. a. Natur- und Wissen-schaftsphilosophie

Prof. Dr. Nico K. Michiels
Lehrstuhl Evolutionsökologie der Tiere, Fakultät für Biolo-gie der Universität Tübingen; aktuelle Interessen u. a. Auseinandersetzung mit Evolutionskritikern

Programm
Samstag, 28. Juni 2008
bis 14.00 Uhr
Anreise
14.15 Uhr Begrüßung und Einführung in die Tagung
14.30 Uhr Von der wissenschaftlichen Erkenntnis zur religiösen Sinndeutung Reflexionen über die Funktion der Vernunft aus Philosophie und Naturwissenschaft
Prof. Dr. Regine Kather, Freiburg

16.00 Uhr Kaffeepause

16.30 Uhr Wissen und Weltanschauung aus der Perspektive des Evolutionsbiologen
Prof. Dr. Nico K. Michiels, Tübingen

18.00 Uhr Abendessen

19.00 Uhr Ignoramus – Ignorabimus
Gibt es Grenzen des Naturerkennens? Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider, Gießen

20.00 Uhr Diskussion mit Wolfgang Beinert, Michael Blume, Bernulf Kanitscheider, Regine Kather, Nico Michiels und dem Publikum

Sonntag, 29. Juni 2008
8.00 Uhr Frühstück

9.00 Uhr Wie die Biologie das Thema “Religion” wieder entdeckt hat
Oder: Was man vom Glauben weiß Dr. Michael Blume, Stuttgart

10.30 Uhr Pause

10.45 Uhr Der erweiterte Vernunftbegriff
Über das Verhältnis von Glaube und Wissen aus katholischer Perspektive
Prof. Dr. Wolfgang Beinert, Regensburg

12.15 Uhr Einladung zum Gottesdienst
Zelebrant: Prof. Dr. Wolfgang Beinert
13.00 Uhr
Mittagessen und Ende der Tagung

Anmeldung

4 Antworten zu “Über das Verhältnis von Glaube und Wissen”

  1. Misc Sagt:

    “Glaube” in diesem Sinne ist für ein komplettes Weltbild schon seit längerer Zeit ins Optionale abgefallen; Es gibt keinen validen Grund (mehr?) anzunehmen, dass seine Inhalte die Realität wiedergeben.

    Freilich kann man ihn in kompatibler Form – welche auch immer das (gerade) sein mag – beibehalten; wer Ockhams Rasiermesser konsequent anwendet wird dies jedoch nicht und ich wage zu behaupten, dass dies die hohe Zahl an Atheisten und Agnostiker innerhalb der Naturwissenschaften erklärt.

  2. Andreas A. Sagt:

    „Schon früh hat Josef Ratzinger vor einem derart ausufernden Evolutionismus gewarnt, der keine andere Rationalität als die eigene gelten lässt und den Glauben ins Private, Subjektive, Beliebige, ja Irrationale abschiebt.“

    Der Papst warnt vor Evolutionismus? Hier ein Auszug aus Wikipedia .“Dem Evolutionismus wurde und wird …vorgeworfen …. man müsste den „Wilden“ helfen, sich von ihrer untersten Entwicklungsstufe fortzuentwickeln.
    Jetzt werfen wir einen Blick auf die Missionare und den Missionsgedanken der Kirche und wundern uns!

    Wo gehört der Glaube denn sonst hin, wenn nicht ins Private? Was würde das uns in der Welt an Ärger ersparen wenn jeder seinen Glauben für sich behalten würde? Einen schönen Ansatz haben DIE GRÜNEN diese Woche gebracht. Wer das Kopftuch verbieten will muss das auch fürs Kreuz gelten lassen! Das kommt meiner Auffassung von ReligionsFREIHEIT doch schon näher.
    Religionsausübung und Bekundung in der Öffentlichkeit sollte verboten werden.

    Toll finde ich auch immer die von Josef R. kritisierte „neue Beliebigkeit“. Die althergebrachte Beliebigkeit der Kirche ist anscheinend richtig. Ich denke dabei an die Unterstützung A. Hitlers und der Sklaverei. Am Ende jeder dieser „Epochen“ hat man dann zum Glück einen, bis dato unliebsamen Querdenker groß rausstellen können um zu demonstrieren, dass die Kirche schon immer gegen die jeweilige Unrechtsherrschaft war.

    Grüße

    Andreas A.

  3. Eule Sagt:

    Theologie als apologia ad intra resp. ad extra war und ist stets Grundfunktion des Glaubens; dies implizierte/impliziert eine sachgemäße Auseinandersetzung mit den jeweiligen Verstehenshorizonten spezifischer Epochen (vgl. 1 Petr 3, 15). Dazu gehörte/gehört selbstredend der Aufweis prinzipieller Erkenntnisgrenzen der Naturwissenschaft, der indes nicht sogleich mit galoppierender Reglementierung gleichgesetzt werden sollte. Auf jeden Fall ein ebenso spannendes wie bedeutendes Thema!

  4. Lilith Sagt:

    Wissenschaft ist eine Erkenntnismethode. Nichts untersagt dem Wissenschaftler, in seiner Freizeit Aktivist einer Ideologie seiner Wahl zu sein. Wer aber beruflich logisch-kritisches Denken beherrschen und anwenden muss, der kann sich vielleicht gar nicht mehr derart selbsttäuschen, dass er noch zu primitiven logischen Fehlschlüssen und blindem Aberglauben fähig wäre. Und wer weiß, womöglich gefällt er sich gar in seiner Rolle als aufgeklärter Mensch!

    Fazit: Die Frage, ob der Wissenschaftler an den Weihnachtsmann glauben darf, ist eindeutig mit Ja zu beantworten. Ob er es aber auch kann, will und soll, das ist eine gänzlich andere Frage. Ich als liberaler Mensch würde es in die persönliche Freiheit legen, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.


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