Kissler’s Grütze

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Ein Heer von Tertiärliteraten? Foto:dpa

Angriff auf den “Verbalwissenschaftler”

“Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie”. Mit diesem Credo provoziert ein Biologe aus Kassel einen handfesten Streit unter Gelehrten.

Von Alexander KisslerSueddeutsche

Die Menschheit braucht mehr Menschlichkeit, aber braucht sie einen “Neuen Humanismus”? Mehr Bildung täte not, doch ist die “Einheit des Wissens” erstrebenswert? Diese Fragen bilden den Hintergrund einer handfesten wissenschaftspolitischen Auseinandersetzung, die nun vor einer neuen Eskalation steht.

Ein Mann aus Kassel, im persönlichen Umgang freundlich, gewitzt, charmant, hat ebendort für einen Knalleffekt gesorgt. Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera fordert von den Geisteswissenschaftlern, sich aus den “inneren Angelegenheiten und Fragestellungen” der einzig wahren, der Naturwissenschaft herauszuhalten und anzuerkennen: “Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie.”

Kutschera ist für seinen mitunter brachialen Kampf gegen die Kritiker der Evolutionstheorie bekannt. Er sieht sich als Streiter für eine ideologiefreie Naturwissenschaft und muss sich doch immer wieder Anwürfen erwehren, er betreibe ein weltanschauliches Geschäft, ja er wolle recht intolerant zum Materialismus bekehren.

Da Kutschera in seiner Offensive gegen den Kreationismus zuweilen übers Ziel hinausschießt, wurde er unlängst von einem Historiker in einer linken Berliner Wochenzeitung als “McCarthy aus Kassel” bezeichnet. Darauf warf sich der Humanistische Pressedienst für Kutschera in die Bresche und verwies, zur Ehrenrettung gewissermaßen, auf dessen Attacke wider die Geisteswissenschaften. Die apologetische Übung dürfte aber ihren Zweck verfehlen.

An der fraglichen Stelle nämlich, in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Laborjournal, rückt Kutschera die gesamte Geisteswissenschaft in die Nähe des Privatvergnügens. Er nennt sie “Verbalwissenschaft” und scheidet sie scharf von der “Realwissenschaft”.

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10 Antworten zu “Kissler’s Grütze”

  1. sapere aude Sagt:

    Kutschera hat übrigens inzwischen (am 19. August) im Laborjournal auf die Angriffe geantwortet:

    “Wer nie seine Lieblingsthese an einem Experiment hat scheitern sehen, wird den Unterschied zwischen Real- und Verbalwissenschaften nicht verstehen. Das Experiment ist dem Realwissenschaftler der Halt im geistigen Chaos, der Verbalwissenschaftler dagegen rudert in den Nebeln von Avalon, ohne je ein Ufer zu erreichen.”

    http://www.laborjournal.de/editorials/320.html

  2. Richthard Sagt:

    “Er begreift einfach nicht, dass auch die scheinbar so realen Gegenstände einer methodisch streng naturalistischen Wissenschaft immer epistemische, d. h. konstruierte Objekte sind.”

    Sie scheinen nicht ganz zu verstehen, dass mit solcherlei erkenntnistheoretischer Spielerei überhaupt keine echten Objekte existent sind, weder in der Geistes- noch Naturwissenschaft noch sonstwo.

    Einen solch relativistischen Skeptizismus den sie hier an den Tag legen ist im praktischen Wissenschaftsbetrieb pure Narretei.
    Sie meinen wohlmöglich auch wenn man die beiden Aussagen tätigt:
    “Der Osterhase legt Eier” und
    “Ein Huhn legt Eier”
    seien diese gleichwertig, weil die Existenz von Eiern Spekulation sei.

  3. Halligstorch Sagt:

    Mein Kommentar passt vielleicht besser hier als bei Kutscheras Orginalartikel:

    Schon vor über einem Jahr* habe ich darauf hingewiesen, dass Kutschera dem anscheinend unausrottbaren wissenschaftlichen Aberglauben anhängt, dass in der Biologie als Naturwissenschaft »nur real existierende Dinge, die durch Beobachtung/Vergleich (bzw. Experimente) analysiert werden können, in die Theoriebildung einzubeziehen« (Zitat: Kutschera) sind. Er begreift einfach nicht, dass auch die scheinbar so realen Gegenstände einer methodisch streng naturalistischen Wissenschaft immer epistemische, d. h. konstruierte Objekte sind. Jeder moderne Wissenschaftstheoretiker würde dem heute zustimmen.

    Kutschera verharrt dagegen mit seiner holzschnittartigen Erkenntnistheorie, die nur zwischen Real- und Verbalwissenschaft unterscheidet, in einem vorsintflutlichen Wissenschaftsverständnis. Bisher haben sich wenige an Kutscheras Wissenschaftsverständnis gestört, weil seine Angriffe vornehmlich den angeblich durch und durch wissenschaftsfeindlichen Kreationisten galten. Jetzt wo auch die Geisteswissenschaften ins Kreuzfeuer geraten bzw. vor seinen Richterstuhl gezerrt werden, greift (hoffentlich!!!) Alarmstimmung im Wissenschaftsbetrieb um sich.”

    *http://www.kritische-naturgeschichte.de/Medien/Von_Egeln_und_Engeln.pdf oder
    http:/www.kritische-naturgeschichte.de/Seiten/uebergroessen.html

    Gruß

    Halligstorch

  4. Richthard Sagt:

    “Er muss ja nicht gleich bedeuten, dass jedes kulturelle Phänomen sich auf die Biologie reduzieren lässt. Ein häufig diskutiertes Beispiel ist die Ethik -”

    Aber aus neurobiologischer, die ebenfalls eine naturwissenschaftliche Grundlage bildet. Selbst wenn ich nur flach sage: Ohne bestimmte Gehirnwindungen und Reizverabeitung kein Mitleid – keine Ethik.

  5. Richthard Sagt:

    Die Naturwissenschaft bedient sich präziserer Werkzeuge zur Wirklichkeitsmodellierung als die Gedankenspielerein der Geisteswissenschaft. Seit Wittgenstein weiß man dass Philosophie SPRACHKRITIK ist. Das scheinen Geisteswissenschaftler gerne zu ignorieren.
    Kanitscheider schrieb in einem Interview treffend: “Wie kommt es eigentlich dass viele Naturwissenschaftler in literarischen, ethischen und politischen Fragen in der Elite mitreden können, Geisteswissenschaftler aber oftmals mit dem Verständnis der Evolution und der Neurobiologie vollkommen überfordert sind?”

    “Jemand hat mal gesagt ‘die Natur des Menschen ist die Kultur’. Sogar Dawkins hat gesagt, dass er in keiner Gesellschaft leben möchte, die so funktioniert, wie Evolution in der Natur abläuft.”

    - Es existiert keine Unterscheidung von künstlich und natürlich.
    Selbst die Atombombe ist die Folge von komplexen biochemischen Abläufen und natürlicher Selektion. Deren Gewichtung sich nur von denen im Erbgut als Grundlage auf die im Gehirn verschoben haben.

    “Das bedeutet doch, dass der Mensch sich eben nicht so entwickelt wie der Rest der Natur. Soziobiologie (die heute ‘evolutionäre Psychologie’ heißt) ist für mich ein modernes Pendant der Psychoanalyse. ”

    Die Soziobiologie greift in der Tat zu kurz, denn sie lässt die neurobiologischen Grundlagen als individuelle Anpassung viel zu unterbewertet.

  6. Falk Sagt:

    @Johannes
    Ich meinte das hier:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Continental_philosophy
    http://en.wikipedia.org/wiki/Analytic_philosophy

    Kant mag noch zu den hilfreicheren Lehrgegenständen gehören, aber letztlich sehe ich auch hier mehr historische Relevanz als direkte Bedeutung für die moderne Philosophie. So wie, um die Kurve zum Thema Evolution zu kriegen, Mendel historisch sehr wichtig für die Biologie war, sich die Genetik aber doch ein bisschen weiter entwickelt hat seit diesen Tagen.
    An deutschen Unis beschäftigt man sich in der Philosophie aber leider wesentlich häufiger mit Mendel als mit der Veröffentlichung von morgen, metaphorisch gesprochen.

    @El Schwalmo
    Du verstehst den Satz mE aber auch falsch. Er muss ja nicht gleich bedeuten, dass jedes kulturelle Phänomen sich auf die Biologie reduzieren lässt. Ein häufig diskutiertes Beispiel ist die Ethik – aus evolutionsbiologischen Überlegungen folgt unmöglich eine wie auch immer geartete Ethik, dennoch kann dieser Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens und damit zu wichtigen Grundlagen jeder Ethik beitragen.
    Oder in der Linguistik: Die Entstehung der Sprache lässt sich nur mithilfe evolutionstheoretischer Überlegungen erklären, das heißt aber noch lange nicht, dass Sprache “nur” ein Feature wie jedes andere wäre.

    Ich würde da einfach empfehlen, nicht jeden Ansatz, der sich irgendwie radikaldarwinistisch interpretieren lässt, gleich radikaldarwinistisch zu interpretieren. :)

  7. El Schwalmo Sagt:

    @falk

    === schnipp ===
    Kutscheras Satz “Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie.” ist richtig. Evolutionsbiologische Grundlagen sind natürlich wichtig, wenn es um menschliche Erzeugnisse geht. Jedenfalls, wenn man den Menschen als Produkt der Evolution akzeptiert.
    === schnapp ===

    das ist eine schwierige Frage. Ist Quantenchromodynamik wichtig für den Menschen? Schließlich besteht er aus Materie.

    Jemand hat mal gesagt ‘die Natur des Menschen ist die Kultur’. Sogar Dawkins hat gesagt, dass er in keiner Gesellschaft leben möchte, die so funktioniert, wie Evolution in der Natur abläuft.

    Das bedeutet doch, dass der Mensch sich eben nicht so entwickelt wie der Rest der Natur. Soziobiologie (die heute ‘evolutionäre Psychologie’ heißt) ist für mich ein modernes Pendant der Psychoanalyse. Man kann wunderschöne interessante Geschichtchen zu menschlichem Verhalten erzählen. Ob man wirklich Relevantes erkennt, wenn man menschliches Verhalten auf Lebensumstände in Urhorden zurückführt?

    Kutschera hat Einem Recht, eben in dem, was Du zitiert hast: Einmischung. Jemand, der einfordert, man müsse die Titel der 20 wichtigsten Journale kennen und sie möglichst verfolgen, wenn man an Evolution herumkrittelt, sollte sich fragen, ob es nicht auch wichtige Journale in anderen Bereichen gibt, über die man sich äußert.

  8. Johannes Sagt:

    “Aber erstens ist die Art von Philosophie, von der du sprichst, nicht die, die an deutschen Unis vorwiegend gelehrt wird.”

    Was ist bspw. mit Kant?

    “Nur durch das kritische logisch/systematische Denken der Erkenntnisphilosophie…”

    Das ist der Gegenstand des Werkes von Kant, er war Professor der Metaphysik.

    “Hierzulande geht es meistens um Metaphysik…”

    Aha.

    “… im angelsächsischen Raum, also da, wo wissenschaftlicher Fortschritt vornehmlich stattfindet…”

    ?

  9. Falk Sagt:

    Dem würde Kutschera vermutlich auch nicht unbedingt widersprechen.

    Aber erstens ist die Art von Philosophie, von der du sprichst, nicht die, die an deutschen Unis vorwiegend gelehrt wird. Hierzulande geht es meistens um Metaphysik und Philosophiegeschichte. Das ist zwar auch interessant, bringt aber wenig Erkenntnisfortschritt – und ist genau deswegen im angelsächsischen Raum, also da, wo wissenschaftlicher Fortschritt vornehmlich stattfindet, nicht sonderlich beliebt.

    Zweitens sollte man Kisslers kindischem Verständnis nicht allzu viel Glauben schenken. Kutschera sagt mitnichten, dass Geisteswissenschaftler grundsätzlich nichts Sinnvolles beizutragen hätten. Der von Kissler als Beleg kontextfrei zitierte Satz heißt z.B. in voller Länge: “Dennoch habe ich es während meiner Forschungsaufenthalte und Seminarvorträgen nie erlebt, dass sich ein Historiker oder Philosoph aus den Humanities in die inneren Angelegenheiten und Fragestellungen der Sciences einmischt.” Das ist doch schon gleich etwas ganz anderes als Kisslers “Der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera fordert von den Geisteswissenschaftlern, sich aus den ‘inneren Angelegenheiten und Fragestellungen’ der einzig wahren, der Naturwissenschaft herauszuhalten”

    Kutscheras Satz “Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie.” ist richtig. Evolutionsbiologische Grundlagen sind natürlich wichtig, wenn es um menschliche Erzeugnisse geht. Jedenfalls, wenn man den Menschen als Produkt der Evolution akzeptiert.

    Langsam wird es mE etwas peinlich, was die Süddeutsche so veröffentlicht. Sowohl Kirsch als auch Kissler glänzen primär durch völliges Unverständnis der Materie. Alles, was sie zu bieten haben, ist etwas weltanschaulicher Furor.
    Also, nicht dass ich etwas gegen diese Veröffentlichungen hätte – im Gegenteil, gut, dass jeder Standpunkt sein Forum findet, aber etwas mehr Substanz fände ich schon schön.

  10. Grachus Sagt:

    Meiner Ansicht nach ist es genau anders herum, die Philosophie ist “die Mutter” der Naturwissenschaft.
    Nur durch das kritische logisch/systematische Denken der Erkenntnisphilosophie war es möglich die Wissenschaftliche Methode zu entwickeln…


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