Falsch verstandene Affenliebe

Jane Goodall lässt sich pflegen

Jane Goodall lässt sich pflegen

Von Michael Miersch – Welt Online Essay
Der Philosoph Peter Singer fordert eine Justizrevolution: Tiere sollen Rechte bekommen. Das klingt eigentlich sympathisch. Doch das Konzept ist inhuman

Tierleid findet kaum mehr im Verborgenen statt. Jeder, der Zugang zu einem Fernsehgerät hat, weiß inzwischen, wie Schlachthöfe und Tierversuchslabors von innen aussehen, wie man Schweine transportiert und Wale harpuniert. Wenn in China Hunde gegrillt, in Kanada Robben erschlagen oder in der Türkei Tanzbären gequält werden, sind Kamerateams vor Ort, die uns schaurige Bilder ins Wohnzimmer liefern. Verdrängung wird schwieriger, und immer mehr Menschen wünschen sich eine Welt, in der auch Tiere mit Respekt und Güte behandelt werden. Völlig zu Recht.

Der weltweite Protest gegen Tierquälerei wird mittlerweile von einer Geistesströmung angeführt, die das Konzept der Menschenrechte auf nicht menschliche Wesen ausweiten will. Sie beruft sich auf einen der bekanntesten Philosophen der Gegenwart, den Australier Peter Singer, der in Princeton Bioethik lehrt. Singer verfasste 1975 das Buch “Animal Liberation” (Die Befreiung der Tiere), bis heute das Grundlagenwerk des Konzepts Tierrechte. Letzte Woche veröffentlichte er in dieser Zeitung ein Lob des spanischen Parlaments. Denn dessen Ausschuss für Umwelt und Landwirtschaft hatte erklärt, Singers “Great Ape Project” (Projekt Menschenaffen) zu unterstützen. Mit dem Projekt, das Singer mit Gleichgesinnten seit 1993 verfolgt, soll erreicht werden, dass Menschenaffen fundamentale Menschenrechte zugesprochen werden, darunter das Recht auf Leben, Freiheit und Schutz vor Folter.

Singers Philosophie bleibt nicht auf akademische Seminare beschränkt, sondern hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten in der westlichen Welt massiv ausgebreitet. Der Kampf für Tierrechte löste die aus dem 19. Jahrhundert stammende Tierschutzidee ab. Heute ist die Organisation Peta (People for the Ethical Treatment of Animals), die sich als Speerspitze der Tierrechtsbewegung versteht, größer und verfügt über mehr Geld als herkömmliche Tierschutzvereine. Zahlreiche prominente Schauspieler und Musiker in den USA, England und Deutschland unterstützen Peta. Sie tragen Singers Botschaft in Illustrierten, Fernsehmagazine und Boulevardzeitungen, die seit Jahren der Organisation Beifall spenden. Singers Buch “Animal Liberation” wurde mehr als eine halbe Million Mal verkauft. In deutschen Schulbüchern für den Ethikunterricht wird seine Lehre zustimmend dargestellt. Es bahnt sich ein Paradigmenwechsel an. Tierrechtler lehnen die Sonderstellung des Menschen ab, die in der jüdischen und christlichen Tradition und auch unter fast allen Philosophen der Aufklärung Konsens war. Sie sind davon überzeugt, dass Tiere prinzipiell gleichwertig sind und Rechte auf Leben und Freiheit besitzen.

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15 Antworten zu “Falsch verstandene Affenliebe”

  1. Mr. X Sagt:

    Den Sinn von Leben gibt sich das Leben selbst, somit erübrigt sich die Sinngebung durch die Nichtexistenz.

    Ein veganer Lebensstil führt zur Abschaffung der Nutztierhaltung und des durch diese gegebenen Leiden.

    Der Versuch der Beantwortung der Frage nach dem Sinn von Leben ist nur eine Freizeitbeschäftigung des seienden Lebens und tangiert die nicht, die nicht sind.

  2. Gwendolan Sagt:

    “Sich vegetarisch (oder vegan) zu ernähren ist problemlos machbar.”

    Würden wir uns vegetarisch ernähren, so wären alle heute lebenden Nutztiere ja nicht einfach frei über Feld und Wiesen ziehen. Im Gegenteil: Sie wären ganz einfach nie geboren worden. Man kann natürlich sagen, das wäre besser für sie, weil ihnen einiges an Leid erspart geblieben wäre. Aber mit diesem Argument kann man die Existenz von Leben überhaupt in Frage stellen.

  3. Falk Sagt:

    “Nur sind wir Teil der Natur, und als solche können wir eine derart hochstehende Ethik überhaupt nicht leben.”

    Selbst wenn dem so wäre: Aus dem Umstand, dass man eine solche moralische Verpflichtung nicht zu 100% umsetzen kann, folgt nicht, dass man es deshalb ganz oder großenteils lassen kann.

    Sich vegetarisch (oder vegan) zu ernähren ist problemlos machbar.

    Was den Artikel angeht, so kann man ihn getrost in die Tonne kloppen – indem der Autor einfach pauschal von “Tieren” spricht, also etwa auch Insekten hinzunimmt, und augenscheinlich ein Argument daraus stricken will, dass Sprachfähigkeit den Menschen vom Tier unterscheide, zeigt er überdeutlich, dass er Null Komma Null verstanden hat, worum es geht.
    Auch das Papierargument verdeutlicht sein Unverständnis – in einem utilitaristischen Ansatz wäre es ohne weiteres möglich zu sagen: Stimmt, der Druck meines Buches verursacht Leid, aber dessen Wirkung wiegt das auf. Der Utilitarismus verdammt einen nicht zur völligen Untätigkeit, nur weil man mit allem irgendwem oder -was irgendwie irgendeine Art von Leid zufügt.

    Singer tut mir leid. Leute wie dieser Herr Miersch meinen ihn scharf angehen zu müssen, obwohl sie keinen Plan haben, was er überhaupt sagt. Ethik ist ein noch schlimmeres Thema als Religion: Hier meint erst recht jeder, einen qualifizierten Beitrag leisten zu können.

  4. Menschenrechte, auf Ibisse angewandt | DER MISANTHROP Sagt:

    [...] tip to nikpol Michael Miersch – Falsch verstandene Affenliebe [↩] « What’s Wrong With [...]

  5. Eule Sagt:

    Ja, Gwendolan – aus einem Sollen ergibt sich nicht zwangsläufig weder ein staatliches Gesetzgebungsverfahren, Gesetzesbestimmungen noch eine entsprechende Rechtssprechung. Dennoch ist der Satz “Wir sind ein Teil der Natur” lediglich eine anthropologisch-deskriptive Aussage, die indes bei Dir Teil einer ethischen Begründung eines Sollens geworden ist; doch weder eine Begründung als solche noch ein Sollen als solches beschreibt Wirklichkeit, sondern: Eine Begründung leitet in dem Maße aus Wirklichkeit ab wie Sollen Wirklichkeit fordert.

  6. Gwendolan Sagt:

    Ja Eule. Ich begehe aber keinen naturalistischen Fehlschluss. Ich sage ja nicht, wir “sollen” Tieren Leid zufügen. Ethisch ist die Geschichte klar, wir “sollen nicht”. Nur sind wir Teil der Natur, und als solche können wir eine derart hochstehende Ethik überhaupt nicht leben. Aus dem “ultamitiven Sollen” können eben auch nicht unbedingt Realitätstaugliche Gesetze abgeleitet werden.

  7. Eule Sagt:

    @Gwendolan

    Und folglich sparen wir uns jegliche Ethik(-diskussion)? Jedoch: Schon besagter Satz in Deinem vorletzten Kommentar beinhaltet bemerkenswerterweise eine Art Handlungsanweisung, die mit der Leidverursachung innerhalb der Natur begründet wird. Aber: Aus dem Sein folgt kein Sollen. Hier liegt das Problem.

  8. Gwendolan Sagt:

    Die Natur ist nichts ethisches. Und wir sind Teil von ihr.

  9. Eule Sagt:

    @nickpol

    “Ich habe da meine nicht unerheblichen Zweifel.” – Dito, denn: Was soll der von Dir kommentierte Satz bedeuten? Die kapitalistische Gesellschaftsordnung als Tierschutzverein?

    @Gwendolan

    Aussage a) stimme ich zu. Problematisch indes ist der letzte Satz von b): Inwieweit rechtfertigt Leidverursachung innerhalb der Natur unethisches Handeln?

  10. Gwendolan Sagt:

    Man kann auch die Position vertreten, die etwa folgendermassen lautet:

    a) Es ist anzuerkennen, dass das Hervorrufen von Leid bei anderen Lebewesen unethisch ist. Dies gilt unabhängig von ihrer biologischen Art sondern knüpft an ihrer Leidensfähigkeit an.

    b) Es ist ebenfalls anzuerkennen, dass wir Menschen Teil der Natur sind, und nicht über ihr stehen. Wir sind zwar durch unsere Fähigkeit, ethische Probleme zu erkennen, zu einem gewissen, erhöhten Mass an Rücksichtnahme gegenüber unseren Mitlebewesen verpflichtet. Allerdings gehört das gegenseitige Verursachen von Leid verschiedener Lebewesen zur Natur generell und auch zur menschlichen Natur dazu. Deswegen ist es durchaus vertretbar, wenn der Mensch bis zu einem gewissen Grade unethisch handelt und ein gewisses Mass an Leid bei seinen Mitlebewesen verursacht.

  11. nickpol Sagt:

    @Ranba

    Ich befürchte, dass wenn die Menschheit fremde erdähnliche Welten tatsächlich bereisen sollte, haben die “Einwohner” wenn sie nicht auf menschlichem Niveau sind (Selbst wenn sie auf dem Niveau der hier ansässigen Ureinwohner wären) ganz ganz schlechte Karten

    Sollte die Erde mal von anderen Zivilisationen besucht werden, ist es gut vorstellbar, dass wir dann die Barbaren oder weit schlimmer, Rohstofflieferant sind.
    Wie kommst du denn zu so einer Aussage?

    Um praktisch ein solides Fundament für den Tierschutz zu errichten muss eine kapitalistische Grundlage geschaffen werden.

    Ich habe da meine nicht unerheblichen Zweifel.

  12. Ranba Sagt:

    Ich habe es bereits im Kommentarform verfasst:

    Das Singerbashing basiert auf der Unterstellung, Singer würde geistig behinderten Menschen das Recht zu Leben absprechen. Das ist eine BÖSWILLIGE Unterstellung.

    Er schreibt in seinen Werken lediglich, dass ein Mensch, dessen Gehirn Matsch ist, weniger verspürt als beispielsweise ein Hamster mit gesundem Gehirn.

    Worin man da irgendwelche Euthanasiebegründungen ablesen will ist mir mehr als rätselhaft.
    Wer dies leugnet bzw. nicht ernst nimmt kommt aus 2-3. zwielichtigen Interessensvereinen:

    1. Die, die gegen Sterbehilfe sind und meinen würde man Singers Ethik zugrunde legen, wäre ja der ganze “Gotteswille” absurd. Die vorgefertigte Meinung der “Mensch” sei (als einziges Geschöpf im Weltall) mit einer “Seele” die “Krone der Schöpfung” macht jedwedes Gegenargument unmöglich.

    2. Die, die leugnen dass Tiere Emotionen haben. Das sind i.d.R. Personen, die auch die Evolution leugnen und meinen “Gott” hat dem affenartigen Menschenleib eine “Seele” eingehaucht oder schlicht Solipsisten sind bzw. Egomanen, die auf ihr Steak aus hedonistischen Gründen nicht verzichten wollen.

    3. Die, die meinen Singers Ethik würde zu einem Dammbruch führen, fänge man erst damit an Affen Rechte zu geben – was ist dann mit Ratten oder gar Würmern?
    Was ist mit den Gazellen die in der Savanne von Löwen zerfleischt werden? etc.

    Die beiden ersten Punkte sind ideologisch begründet.
    Punkt 3 ist die gleiche Argumentationsschiene, die Christen benützen um vor atheistischen Verwahrlosungen, Dammbrüchen und Beliebigkeiten zu warnen oder basieren auf paranoiden Verallgemeinerungen:
    “Wenn erstmal Abtreibungen erlaubt sind…ja dann geht die Welt sicher bald unter!”
    “Wenn man erstmal davon ausgeht “Neger” und “Indianer” hätten eine Seele, wo führt das hin! Da gibts garkeine Berechtigung für Sklaverei mehr!”

    Mal ganz davon abgesehen, dass die Tierschützer eher eine allgemeine Durchsetzung des “Tierrechtes” erreichen wollen und keine “Menschenrechte.”
    Das heißt, dass Tiere als “Rechtssubjekte” nicht unbedingt als “Personen” einen besseren Schutz erhalten.

    So nun zum eigentlichen Thema:

    Ich sehe, dass nichtmals die Menschenrechte weltweit durchgesetzt werden bzw. die UN ja gerade fleißig an deren Demontage arbeitet.

    Menschenrechte waren noch nie in Ausbeutungs-und Unrechtsstaaten eingehalten worden und allgemeingültiges Gut!
    Es ist geradezu illusorisch dann auf die anderen leidfähigen Wesen diese Rechte auszudehen.

    Um es metaphorisch zu sagen: Das “Netz” der Rechte ist löchriger als ein schweizer Käse und würde dann wohlmöglich reißen.

    Um praktisch ein solides Fundament für den Tierschutz zu errichten muss eine kapitalistische Grundlage geschaffen werden.
    Von Gutmenschentum ist die Welt noch nie genesen, nur von vollendeten Tatsachen.
    In-Vitro-Fleischproduktion z.Bsp. Dadurch würde Massenquälerei mit der Zeit obsolet, Alternativen müssen geschaffen werden, keine Parolen geschwungen werden und man sollte sich selbst zumindest vegetarischer ernähren oder wenn man es sich leisten kann zum Bauern/Metzger seines Vertrauens gehn, wo die Tiere zumindest Artgerecht gehalten werden.
    Dadurch ernährt man sich auch gesünder als durch den chemisch belasteten Dreck aus der Großindustrie.

    Strikt logisch betrachtet gibt sich der Mensch selbst Rechte: “Weil er es kann.”
    Es wäre damit ein Akt der Barmherzigkeit anderen leidfähigen Lebewesen in dem komplett sinnleeren Universum zu helfen, zumindest eine schöne Zeit zu ermöglichen.
    Fadenscheinige speziesistische Argumentationen, wie “Nur der Mensch kann abstrakt denken” (was übrigens nicht allgemeingültig ist wenn man geistig debile bzw. Kinder die sich nicht im Spiegel erkennen können mit einbezieht) ist Hohn in Gegenwart von Menschenaffen die die Zeichensprache erlernen können, sich selbst im Spiegel erkennen und sogar Spaß am Sex haben!

    Nur weil der Mensch aufgrund seiner überwältigenden Assoziationsfähigkeit die Welt umgestalten kann wie es ihm passt, heißt das nicht, dass man mit unseren “geistig behinderten” Nachbarn schalten und walten kann wie man es beliebt.

    Gedankenspiel:
    Würden übrigens tatsächlich mal hypothetische Außerirdische erscheinen und diese genau wie die Speziessisten argumentieren bzw. religiöse Fundis sein, die nur ihrer eigenen Alienspezies eine “geisterhafte Seele” zuweisen, dann gute Nacht Erde.
    Ich befürchte, dass wenn die Menschheit fremde erdähnliche Welten tatsächlich bereisen sollte, haben die “Einwohner” wenn sie nicht auf menschlichem Niveau sind (Selbst wenn sie auf dem Niveau der hier ansässigen Ureinwohner wären) ganz ganz schlechte Karten…

  13. [C]Arrowman Sagt:

    Die Britten haben in weitreichenden Tierversuchen nachgewiesen das es ungesund ist sich von seiner eigenen Art zu ernähren…

  14. fallenangel Sagt:

    Menschen! Laufen eh ausreichend davon rum…

  15. [C]Arrowman Sagt:

    Dem nächst wird auch noch behauptet das Pflanzen gefühle haben. Was soll ich dann essen?


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