
Der Literaturagent John Brockman, einer der Initiatoren der „Dritten Kultur” © Daniel Pilar
Von Thomas Thiel - FAZ.NET
Man steigt, heißt es, nicht zweimal in denselben Fluss. Aber man hofft doch, als derselbe ans Ufer zurückzukehren. Nur im Horizont dieses Bildes zeigt sich die Radikalität der Frage, die der Literaturagent John Brockman von der Organisation „Edge“ (Edge – die Website) der wissenschaftlichen Gemeinschaft vorgelegt hat: „Welche Entwicklung könnte zu Ihren Lebzeiten alles ändern?“ Wie zu jedem Jahreswechsel fordert Brockman mit seiner Frage auf der Website von Edge die Phantasie der Wissenschaftler heraus, den Mut zum großen Gedanken. Es antworten oft hochdekorierte Forscher wie Ian Wilmut, Craig Venter oder Daniel Dennett, die in (Natur-)Wissenschaftlern und Technikern und nicht mehr im Literaten oder Historikern den zeitgemäßen Typus des Intellektuellen sehen.
Fasst man den Grundtenor der mehr als einhundertfünfzig Antworten zusammen, so gehört die Zukunft den Genetikern, Neurobiologen und Informatikern oder jedenfalls solchen Wesen, die sich die Ergebnisse neurobiologischer, informationstechnologischer und genetischer Forschung zunutze machen. Ob sie noch sinnvollerweise Menschen genannt werden sollten, ist dabei eine berechtigte Frage.
Das intelligentere Wesen hat das Lebensrecht
Der Mensch steht selbst mitten in dem grundstürzenden Wandel, taucht als hybrides Mensch-Maschinen-Wesen auf oder muss selbstreplikativen Maschinen weichen, an die manche, wie die Psychologin Susan Blackmore, den Stab übergeben möchten. Streng evolutionistisch gedacht, habe, wer intelligenter sei, und das würden die Maschinen einmal sein, auch das größere Lebensrecht. Um nicht einen ziellos vor sich hinwerkelnden Maschinenpark zu schaffen, wäre die Herausforderung, sie mit Willenskraft auszustatten.
Solchen Gedanken, die, würden sie samt und sonders in die Tat umgesetzt, einen kosmischen Schwindel hervorrufen würden, stehen in der Realität manche Hürden gegenüber. Wenn man die künftige Gesellschaftsordnung wie der Kognitionswissenschaftler Donald D. Hoffman auf der Grundlage voll funktionsfähiger Quantencomputer denkt, muss man schon voraussetzen, dass ihrer Anfertigung nicht grundlegende theoretische Probleme entgegenstehen.
Den Informatikern geht es vor allem um künstliche Intelligenz, die mit den Erkenntnissen der Lebenswissenschaften zusammengeführt werden soll, bis hin zu der Vorstellung, lebende Organismen als digitale Einheiten zu erfassen, was sie dann galaxisweit versendbar machen würde. Die Informationstheorie gibt sich gern so herrschsüchtig. Das Leben, so Neil Gershenfeld, sei besser als Algorithmus denn als Satz von Aminosäuren zu verstehen.






































































Januar 12, 2009 um 6:07
@nickpol, halt das Toupet fest. Denn auch das ist, wie Brille und dritte Beißerchen, nur eine menschliche Weiterentwicklung, eine einfache aber kreative Umsetzung dessen, was ich als schöpferischer Logik sehe. Denn die hat nicht bei Affen halt gemacht.
Und so, wie nur geistgebabte Affen eine Brille tragen, so frage ich, ob wir nicht auch in Sachen Ethik bzw. gemeinsamer Kult-Werte eine der menschichen Kultur entsprechende Umsetzung dessen brauchen, was einer ganz natürlichen kreativen=schöpferischen Logik entspricht.
Einer Logik, die ganz und gar nicht „Scheiße“ ist, auch wenn ich selbst vieles, was heute in deren Namen verkündet wird für „notdüftig“ im negativsten Sinne des Begriffes halte. (Ich hatte jetzt mehr an die Dogmatiker gedacht.)
Und genau daher sind natürliche Denker gefragt, die nicht weiter nur über einen vorgesetzten geheimnisvollen Desinger schimpfen, der ihnen das Zentrum der Lust (zumindest das körperliche) mit der Kanalisation verbunden hat. Die auch nicht schwärmen „der Liebe Gott hätte es schon gut gemacht“. Sondern sich die kreative Logik der Natur – sicher auch die Sache mit dem Sexualorgan – vom Standpunkt der Biologie oder Sozibiologie erklären lassen, um sich für den kreativen Kosmos, das evolutionäre Geschehen zu begeistern, darüber nachdenken, wie der Kult im Licht der Evolution weiterzuentwickeln wäre: Hier auf mündig freie Weise das zu verstehen wäre, was in der Antike als „Wort“ (zu begreifende, verstehende Logik der Prinzipien des ewigen Werdens) galt.
Gras auf den Kopf zu stecken, macht kein Toupet. So wenig wie einfach einen Genegoimus zur menschlichen Leitmaxime zu machen oder sich in leeren Worten einen dogmatischen Heiligenschein aufzusetzen. Auch in Sachen Kult muss m.E. geschaut und überlegt werden, was auf ganz natürlichen Weise der Natur des Menschen entpricht, warum diese Affenart einen dem evoutionären Fluss entsprechenden Kult braucht. Ich lese es bei Daniel C. Dennet nach.
(Nur ein natürliches, logisches Hören erscheint mir das zu heilen, was nicht nur yerainbow, sondern selbst die Kirche als krank erkennt.)
Januar 12, 2009 um 1:57
„Die menschliche Kultur“ oder „Kultur des Menschen“ gibt es nicht.
Es gibt viele Kulturen.
Derzeit sind die meisten Kulturen, ähm, vorsichtig ausgedrückt, nicht so ganz gesund für leib und seele.
Gewinnmaximierung auf Deibel komm raus kann nicht gesund sein.
Man darf annehmen, daß da, wo krank, auch gesund möglich wäre – prinzipiell.
So sollte eine gesunde, oder sagen wir gesündere Kulturen möglich sein.
Januar 12, 2009 um 1:21
gerhard
gerhard, du schreibst wieder mal einen kreativ=schöpferischen Stuss, dass einem das Toupet wegfliegt. Der Mensch hat schon lange damit angefangen den Pfusch des kreativ=schöpferischen Logos zu optimieren, Hörgeräte, Brillen, die dritten Beißerchen, Prothesen. Jedwede Verbindung von organischem mit künstlichen Material macht den Inhaber desselben zum Cyborg.
Dass er diese Entwicklung forciert, ist verständlich, will der Mensch im Dieseits ein ordentliches Leben führen.
Auch die Computer der 20.000ten Generation werden ihren Ursprung im Computer der ersten Generation haben und Rechenknechte bleiben. Die Frage ist, wie gelingt es dem Menschen, prophylaktisch, eine Ethik zu entwickeln, die es ermöglicht diese Entwicklungen zu realisieren und für das Allgemeinwohl nutzbar zu machen.
Dein kreativ=schöpferisches Logos ist Scheiße, weil es sich als nicht so schöpferisch erwiesen hat. Ein Beispiel, warum hat es das Zentrum für sexuelle Lust in die Kanalisation des menschlichen Körpers gelegt, das ist saumässig designed oder dahinter steckt eine perverse Phantasie. In jedem Falle krank.
Und noch etwas, Gene werden nicht maximiert.
Januar 12, 2009 um 12:17
Wenn die intelligente Über-Lebensweise, die evolutionäre Optimierung menschlichen Seins durch Menschmaschinen hergestellt werden soll (mit neurobiolgischer Informatik, Lügendedektoren zur öffentlichen Moral, aufrichtiger Gesellschaft…), der Mensch einer intelligenteren Maschine weichen muss, ist das dann der Konkurs, der uns durch die Evolution erwachsenen Aufklärung und ihrer Hoffnung auf den vernünftigen Menschen? (Ähnlich wie im aktuellen Wirtschaftsgeschehen, wo nachweislich die Vernunft von Kapital- und Konsumegoismus nicht ausreicht, sich weder ökonomisch, nocht ökologisch verhält.)
Oder ist es die Bankrotterklärung einer bisher zu kurz gedachten aufklärerischen evolutionsbiologischen Betrachtung, die die menschliche Natur oftmals nur wie eine Genmaximierungsmaschine auswertet, dies als allein maßgebende Leitmaxime menschlichen Lebens ausgibt? Dabei die menschliche Kultur bzw. einen im Licht der Evolution weiterzuentwickelnden gemeinsamen Kult unbeachtet lässt, der bisher im Bienenstaat geistbegabter Affen gen- und genesismaximierende Gemeischaftswesen machte?