
Und wir sind es doch - die Krone der Evolution (Gebundene Ausgabe) von Gerhard Neuweiler (Autor)
Horst Bredekamp – NZZ Online
Bereits im Titel des Werkes liegt die Problematik. «Und wir sind es doch – die Krone der Evolution», mit dem der Fledermausforscher und Verhaltensbiologe Gerhard Neuweiler seine Theorie der Evolution überschrieben hat, spielt auf das «Und sie bewegt sich doch» an, mit dem Galilei der Legende gemäss trotz der Verurteilung durch die Inquisition den Planetenstatus der Erde behauptet hat. Mit diesem Anklang gibt Neuweiler zu verstehen, dass er auch seinerseits eine so einsame wie wahre Position zu vertreten beansprucht. Gegen jene weithin gültige Evolutionstheorie, die dem Menschen den Sonderstatus verweigert, formuliert Neuweiler ein alternatives Modell. Sein Titel ist so provokant, dass sein Werk unterhalb der Wahrnehmungsschwelle des Gros der Evolutionsbiologen bleiben dürfte.
Ästhetik als Urprinzip
Dies wäre umso bedauerlicher, als Charles Darwin im Jahr seines Doppeljubiläums gleichsam leergefeiert wird, so dass mit den immer neu bekräftigten Erfolgsgeschichten Skrupel und Widersprüche aus seinem epochalen Werk zu verschwinden drohen. Eine Auseinandersetzung, die Darwin ehrt, indem sie an dessen Problemfeldern ansetzt, bietet jedoch Neuweilers Buch. Es setzt am Kontrast zwischen der Überzeugung, dass der Zufall die Evolution steuert, und der Bewunderung für die höher entwickelten Fähigkeiten an, um vom Ursprung der Materie und des Lebens her eine Entwicklung zu beschreiben, an deren Ende der Mensch steht. Da Neuweiler in seiner Heraushebung des Homo sapiens von jedem theologischen Anklang absieht, um konzessionslos als Biologe zu argumentieren, geht sein Tabubruch umso tiefer.
Aus kulturwissenschaftlicher Sicht ist dieser Ansatz von besonderer Brisanz, weil der Autor die Ästhetik, die unter Biologen seit jüngerer Zeit vehement diskutiert wird, als ein Urprinzip der Evolution begreift. Neuweiler, der im letzten Jahr kurz nach Vollendung seines Buches gestorben ist, war kein gewöhnlicher Tierforscher. Einer der Koryphäen seines Faches, war er als Vorsitzender des Wissenschaftsrates und des Kuratoriums der Volkswagenstiftung auch ein äusserst inspirierter Repräsentant der Wissenschaft als Institution. Gemeinsam mit dem befreundeten Komponisten György Ligeti hat er vor zwei Jahren ein Buch zur «motorischen Intelligenz» vorgelegt, das die Motorik der Finger als einen der entscheidenden Beiträge zur Entwicklung des Gehirnes begreift. Hierauf hat er nun eine Evolutionstheorie aufgebaut, die auch und gerade die Fähigkeit zur Kunst biologisch herzuleiten sucht, ohne deren Spezifik auszublenden: Kunst als ein kreatürliches Prinzip, das dem Menschen in singulärer Weise zur Verfügung steht.






































































Juni 11, 2009 um 7:42
Lieben Dank Gwendolan! Das als Leserbrief abzuschicken ist eine gute Idee, allerdings schlafe ich wohl besser eine Nacht drüber und entschärfe den Text dann etwas. In dieser Form war mein Kommentar schließlich mehr als Ventil für meinen Ärger denn als konstruktiver Beitrag zu einem Meinungsaustausch gedacht
Juni 11, 2009 um 5:05
@Lilith:
Danke für deinen Kommentar. Ich hatte mich über die wohlwollende Rezension schon in der Print-Version der NZZ geärgert.
Ich hoffe, du schickst deinen Kommentar der NZZ auch als Leserbrief (leserbriefe@nzz.ch), falls du das noch nicht getan hast!
Juni 11, 2009 um 4:12
*hmpf* Darüber muss ich nun doch ein paar mehr Worte verlieren.
Der Text fängt schon einmal bezeichnend an: Erst nachdem der geneigte Leser über ein Drittel des Artikels zugeschwallt wurde mit Lobeshymnen auf einen angeblich spektakulären Tabubruch (der einem auch im Rest des Artikels penetrant gepredigt wird), in Verbindung mit dem hilflosen Versuch blendende Ehrfurcht zu schüren, traut sich der Rezensent Horst Bredekamp überhaupt, auf den Inhalt des Buches einzugehen. Soviel fehlendes Vertrauen in die Qualität des Buches schon von Seiten eines Fürsprechers (!) verheißt nichts Gutes.
Und was ist der Kern des Ganzen? Ein fataler Fehler, wie er schon in dem gnadenlos gefloppten Film „A Sound of Thunder“ (2005) begangen wurde. Der gesamte Plot des Films wird bei Wikipedia kurz und bündig abgesägt mit der Feststellung: „The premise is that each of these are greater steps in evolution, from simpler to more complex. This is a common misunderstanding of evolution. There are no more or less evolved species.“
Dieses Missverständnis wird auch in einer großartigen Folge von Outer Limits („From Within“, 1996) behandelt, wo drei unglückselige Minenarbeiter von urzeitlichen Neuroparasiten befallen werden, die die Persönlichkeit der Wirte drastisch verändern und sich rasch verbreiten. Nur ein einziger Junge bleibt wegen seiner geistigen Behinderung immun und ist dadurch sogar in der Lage, die Stadt zu retten. Das veranschaulicht sehr schön, dass „am besten angepasst“ eben nicht gleichzusetzen ist mit „komplex“ oder „intelligent“ oder anderen hierarchisierbaren Aspekten.
Eine Tatsache, die der Selbstverliebtheit der Menschen drastisch zuwiderläuft und in den Bereich dessen fällt, was Freud als zweite große Kränkung der Menschheit bezeichnet. Kein Wunder also, dass da regelmäßig versucht wird, den Menschen in irgendeiner Hinsicht an die Spitze zu stellen, auf verschiedenste Weise.
Ein immer wiederkehrender Klassiker, der selbst unter formellen Wissenschaftlern eine erhebliche Anhängerschar aufweist, ist dabei der Leib-Seele-Dualismus. Weil das in dieser ehrlichen Form in wissenschaftlichen Kreisen zu offensichtlich antiquiert wäre, formuliert man es gern um in einen „kognitiv-psychischen Wesensunterschied“ oder ähnliches. Der Gedanke bleibt aber der gleiche: Ein Element, das den Menschen nicht nur graduell, sondern fundamental von allem tierischen unterscheidet und ihm daher eine Herrschaftslegitimation zugesteht, wie sie im mittelalterlichen Gottesgnadentum Königen und Kaisern zuteil wurde. Dieser Glaube an das Gottesgnadentum negierte vor allem im Absolutismus eine Behinderung des Souveräns, geschweige denn seine Absetzung – der feuchte Traum eines jeden Narzissten. Dass diese Ordnung schon allein deswegen heilig sei, weil sie in den Augen ihrer Vertreter von göttlicher „Schönheit“ sei, findet sich übrigens auch hier bei Bredekamp wieder („Ästhetik als Urprinzip“). Auweia.
Aber schauen wir, wie es weitergeht: Neuweiler benutzt zur Rechtfertigung der Krönung dieser Rezension zufolge den Aspekt der Kultur, also zum einen die Weitergabe von Wissen und Praktiken über Generationen und zum anderen die Nutzung von Technologie. Darin steckt die Behauptung, dass kein anderes Wesen dazu in der Lage sei. Doch dem wird sogar im Hause NZZ selbst widersprochen („Von Tieren — Auch Affen haben Kultur“, 2007) mit Erkenntnissen aus der Ethologie, die nicht weniger als ein halbes Jahrhundert alt sind und längst zum Standardwissen in der Lern- und Verhaltenspychologie zählen. Man fragt sich, wie eine „Koryphäe“ auf diesem Fachgebiet hinter dem Bildungsstand eines unmotivierten Erstsemestlers zurückbleiben kann? Aber derartige Zweifel beim informierten Leser werden prompt überschallt durch die nächste Lobpreisung Bredekamps auf den angeblichen Tabubruch.
Damit ist eigentlich schon genug gesagt. Ein letzter Hoffnungsschimmer ist da aber noch, damit diese Kritik nicht ganz so vernichtend ausfällt: Angenommen, Neuweiler würde tatsächlich Richtiges schreiben – wäre es dann wenigstens neu, innovativ, wagemutig? Leider nein, nicht einmal das kann man ihm anrechnen. Dass der Mensch über ausgeprägte psychische und soziale Komponenten verfügt, die bei einer evolutionären Betrachtung berücksichtigt werden müssen, ist eine derart triviale Erkenntnis, dass sie sich im Grunde schon aus der bloßen Existenz der modernen Sozialwissenschaften heraus ableitet. Auf den Trichter sind seine Kollegen also schon vor über Hundert Jahren gekommen! Und spätestens seit den Internethypes ist das bereits über dreißig Jahre junge Mem-Konzept von Dawkins – zumindest im englischsprachigen Raum – einem breiten Publikum bekannt („internet meme“).
Was bleibt, ist der Umstand, dass der Mensch in spezifischen Aspekten nach bestimmten Maßstäben in einem Vergleich auf Platz 1 landet. Daneben gibt es aber Milliarden anderer Rankings, bei denen er das eben nicht tut. Fadenwürmer sind womöglich der individuenreichsten Stamm unter allen vielzelligen Tieren – macht sie das zur Krone der Schöpfung? Einige Buschsträucher und Riesenschwämme sind über zehntausend Jahre alt – kann sich der Mensch mit dieser beeindruckenden Leistung messen? Besagter ist aber auch Wirt für zahllose Parasiten und somit nur ein Mittelstück in der Nahrungskette – müssen diese dem Menschen nicht folglich überlegen sein?
Wir können das Ganze aber auch umkehren: Der Mensch sei die Krone der Schöpfung, akzeptiert, aber innerhalb der Menschen gibt es ja auch wieder Unterschiede. Wie viele islamische Nobelpreisträger kann die Geschichte zählen? Kennt die Welt einen afrikanischen Goethe oder Mozart? Offensichtlich hat sich die westliche Zivilisation doch als die „Kulturschaffendste“ erwiesen. Der Logik von Neuweiler zufolge würde das bedeuten, dass die Amerikaner/Weißen/Einkommensstarken den Titel „Krone der Schöpfung“ am ehesten verdient haben, noch vor anderen Menschen. Mit Sicherheit wird der Mann vor solch politisch unkorrekten Anwendungen seiner Weltsicht zurückschrecken – allerdings ohne diese Abgrenzung kritisch-logisch begründen zu können, und das ist entlarvend.
Am besten wäre es da, wenn auf derart beliebige Rangreihungen komplett verzichtet wird oder – wo solche Hierarchisierungen einen praktischen Nutzen haben – kein objektiver Allgültigkeitsanspruch aufgrund von willkürlichen Einzelmerkmalen erhoben wird. Alles andere ist keine Wissenschaft mehr…