
Tausende Buddhisten gehen im September 2012 gegen die muslimische Rohingya-Minderheit auf die Straße. (Bild: picture alliance / dpa / Man Thar Lay)
In dem Moment, in dem Religionen politische Macht gewinnen, kann ein Primat der Gewaltlosigkeit oftmals nicht aufrechterhalten werden, sagt der emeretierte Theologieprofessor Hermann Häring. Dies zeige sich beispielsweise bei den Vertreibungen von Muslimen durch Buddhisten in Birma.
Hermann Häring im Gespräch mit Philipp Gessler – Deutschlandradio Kultur
Ralf bei der Kellen: 2011 endete im südostasiatischen Staat Burma die Herrschaft des Militärs. Und wie so oft nach dem Ende solcher Diktaturen brachen auch hier lange unterdrückte Kämpfe zwischen verschiedenen Ethnien und Glaubensgemeinschaften auf. In den letzten Tagen und Wochen tauchten immer wieder Berichte auf, dass die muslimische Minderheit Burmas von der buddhistischen Mehrheit vertrieben wird. Dass der Buddhismus, der von vielen als eine friedliebende Religion wahrgenommen wird, eine solche gewalttätige Seite haben soll – das zu glauben fällt vielen Menschen schwer. Mein Kollege Philipp Gessler hat sich aus diesem Anlass vor der Sendung mit dem emeritierten Professor für Wissenschaftstheorie und Theologie Hermann Häring unterhalten und wollte zunächst von dem Tübinger Gelehrten wissen, ob wir nun unser Bild vom Buddhismus revidieren müssen.
Hermann Häring: Ja und nein. Ich glaube, wir müssen einfach den Buddhismus auch mal in seiner politischen Realität sehen. In der Regel erleben wir den Buddhismus als Religion, als Fluchtpunkt für Aussteiger, die sich dort in Meditationen flüchten, die eben die Idee der Gewaltlosigkeit, des Sich-Zurückziehens im Buddhismus, des Mitleids kennengelernt haben, aber nicht eben die Frage: Wie realisiert sich Buddhismus jetzt zum Beispiel in einer Kultur, wenn politische Mächte von buddhistischer Herkunft seien? Dann wird das natürlich auch sehr nüchtern.
Philipp Gessler: Gerade der Buddhismus – weil Sie von Nüchternheit sprechen – der Gründerzeit, also aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert, erscheint ja als eine sehr gewaltfreie Religion. Manchen Überlieferungen aus dieser Zeit zufolge sei es den buddhistischen Gläubigen sogar bei Gefahr des eigenen Lebens verboten, einen Angreifer zu töten. Von dieser radikalen Friedlichkeit scheint der Buddhismus der heutigen Zeit ja ziemlich weit weg zu sein, oder?
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