Schlagwort-Archive: Antike

Frommer Rausch


Cover des Sammelbandes. © Neofelis Verlag

Ein Sammelband beleuchtet das Verhältnis des Judentums zum Wein – von der Antike bis zur Neuzeit.

Von Micha BrumlikJüdische Allgemeine

Für viele, auch für keineswegs besonders fromme Juden ist der »Kiddusch«, also die feierliche Heiligung von Wein in einem meist silbernen Becher, der Inbegriff häuslicher und synagogaler Frömmigkeit nach dem Gottesdienst oder vor der Schabbatmahlzeit zu Hause.

Und dennoch ist das Verhältnis des Judentums zum Alkoholgenuss zwiespältig, scheinen Juden insgesamt weniger zu trinken als Christen – wenn auch mehr als Muslime, denen der Alkoholgenuss gänzlich untersagt ist. Allenfalls an Purim, also jenem Fest, an dem im Maskentaumel ohnehin das Oberste zuunterst gekehrt wird, sollen jedenfalls die Männer so viel trinken, dass sie nicht mehr wissen, wer Mordechai und wer Haman ist.

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Machen Quanten Sprünge?

DIGITAL CAMERADie Quantentheorie scheint zu besagen, dass sich die Natur auf der kleinsten Ebene sprunghaft verhält. Doch bei genauerer Betrachtung gelten auch im Mikrokosmos stets kontinuierliche Gesetze: Die Welt funktioniert im Grunde nicht digital, sondern analog!

Von David TongSpektrum.de

Von dem deutschen Mathematiker Leopold Kronecker (1823 – 1891) stammt der Ausspruch: “Die ganzen Zahlen hat der liebe Gott gemacht, alles andere ist Menschenwerk.” Er meinte damit, die Zahlen Null, Eins und so weiter spielten eine fundamentale Rolle in der Mathematik. Doch für heutige Physiker nimmt das Zitat eine Überzeugung vorweg, die sich in den letzten Jahrzehnten immer fester etabliert hat: Die Natur sei im Grunde diskret, die Bausteine der Materie und der Raumzeit ließen sich einzeln abzählen. Diese Idee geht auf die Atomisten der griechischen Antike zurück, gewinnt aber im digitalen Zeitalter zusätzliche Plausibilität. Viele Physiker stellen sich das Universum als einen gewaltigen Computer vor (siehe Spektrum Spezial 3/2007), in dem die physikalischen Gesetze als Algorithmus für diskrete Informationsbits dienen – wie der grüne Ziffernregen, den die Hauptfigur Neo am Ende des Films “Matrix” an Stelle der vermeintlichen Realität sieht.

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Die neue Macht der Religion im modernen Rechtsstaat

Bild: Basler Zeitung

Jürgen Habermas bezieht in seinen neuen Aufsätzen Stellung zur aktuellen Renaissance des Glaubens.

Von Rudolf WaltherBasler Zeitung

Auch wenn sie nicht neu ist, frappierend ist die unglaubliche Produktivität von Jürgen Habermas immer wieder. Dies belegt auch sein zweiter Band über «Nachmetaphysisches Denken II», der auf über 300 Seiten zehn Aufsätze und Repliken enthält, die der 84-Jährige in den letzten fünf Jahren verfasst hat.

«Nachmetaphysisch» nennt man ein philosophisches Denken, das keinen privilegierten Zugang zur Wahrheit beansprucht – im Unterschied zur Philosophie von der Antike bis zur Aufklärung. Das Wissen, das Philosophie heute vermittelt, kann keine Position oberhalb weltlichen Wissens oder gar eine Art Schiedsrichterrolle über andere Wissenschaften mehr anbieten. Für nachmetaphysisches Denken gilt, dass es prinzipiell davon ausgeht, dass sich alles Wissen als revisionsbedürftig herausstellen kann.

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Olympia-Ausstellung in Katar: Keine Skulpturen nackter Athleten

Bild: faz.net

Die Statuen antiker Athleten waren der Zensurbehörde in Katar offenbar zu freizügig. Bei der kürzlich in Doha eröffneten Ausstellung über den “Mythos Olympia” bleibt der Skulpturensaal deshalb leer.

Deutschlandradio Kultur

Zu sehen seien nur die Klebestreifen, die die Standorte der griechischen und römischen Statuen markieren sollten, schreibt die französische Zeitung “Libération” auf ihrer Internetseite. Übriggeblieben sei ansonsten nur das Schild, das Besucher vor möglicherweise anstößigen Exponaten warnen sollte. Die Ausstellung, die zuvor unter anderem im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war, ist umstritten. Kritiker werfen dem Geldgeber Katar vor, ungebührend Einfluss auf das Konzept genommen zu haben, um sich mit dem Internationalen Olympischen Komitee gut zu stellen. Katar bewirbt sich für die Olympischen Sommerspiele 2020.

“Religionen sind ja keine Anleitung zum guten Leben”

foto: standard/cremer Konrad Paul Liessmann fordert verpflichtenden Ethikunterricht für alle und nicht nur als “Restfach” für Religionsabmelder.

Philosoph Konrad Paul Liessmann über das gute Leben und den rechten Glauben, weltliche Gesetze und göttliche Offenbarung

Interview | Lisa NimmervollderStandard.at

STANDARD: Österreich schleppt das Thema Ethikunterricht seit 1997 als Schulversuch mit, und noch immer gibt es keine politische Entscheidung, ob und wenn ja, in welcher Form Ethikunterricht eingeführt werden soll. Was sagt uns dieses Gezerre über dieses Land und sein Verhältnis zur Religion?

Konrad Paul Liessmann: Wir können den Ethikunterricht offensichtlich nur im Zusammenhang mit Religion und Religionsunterricht diskutieren. Ursprünglich wollte man etwas für die Schüler tun, die sich von Religion abmelden und in dieser Zeit keinen Unterricht haben, eine schulorganisationstechnische Maßnahme. Da kam die Idee des Ethikunterrichts, der sich in anderen Ländern aus ganz anderen Überlegungen durchgesetzt hat. Mittlerweile wird so diskutiert, als gälte: Entweder haben Menschen eine Religion, dann sind sie moralisch gefestigt, oder sie haben keine, dann brauchen sie Ethikunterricht. Das sehe ich anders.

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Vom völkischen Größenwahn des Katholizismus

Vorige Woche im Vatikan. Der Papst ernennt 6 Kardinäle und nutzt die Gelegenheit, in Arroganz und Impertinez kaum zu übertreffender Art, den weltumspannenden Anspruch der katholischen Kirche zu betonen.

B16:

[...] Die Kirche sei “katholisch”, weil sich die christliche Botschaft an allen Menschen richte, [...]Zwar habe sich Jesu Mission zu Lebzeiten auf das jüdische Volk beschränkt. Von Anfang an sei sie jedoch darauf ausgerichtet gewesen, “allen Völkern das Licht des Evangeliums zu bringen”.

Die katholische Kirche sei im Auftrag Jesu verpflichtet jede ethnische, nationale und religiöse Spaltung zu überwinden. Tränen in den Augen knien die Katholen darnieder. Der Pappa gibt ihnen Größe zurück, verbal. Nach den Schlüpfrigkeiten unter priesterlicher Soutane, vor allem gegen Kinder, endlich wieder eine Frohbotschaft. Es kann nur eine Kirche Christi geben, natürlich die katholische. Ihre Universalität gründe letztlich auf der Universalität des “einzigen göttlichen Heilsplans für die Welt”.

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Beschneidung: Geist und Fleisch

Beschneidungsbesteck: Juden und Muslime wundern sich über den aktuellen Furor über den Ritus ©DPA

Die Praxis wie auch die Ablehnung der Beschneidung sind in hohem Maß kulturrelativ. Die Unterstellung aber, ganze Bevölkerungsgruppen vergingen sich am Wohl ihrer Kinder, ist abwegig und anmaßend.

Von Reinhard BingenerFrankfurter Allgemeine

Vernunft und Zivilisation können auf archaische Riten rückständiger Minderheiten keine Rücksicht nehmen! Im Namen des Rechts ist es sogar geboten, unaufgeklärte Minderheiten vor der Verstümmelung ihrer Kinder zu schützen! In etwa so legten sich – zwei Jahrtausende vor Erfindung von Talkshow und Internetforum – auch schon griechische und römische Autoren die Sache mit der Beschneidung zurecht. In der longue durée hat sich also wenig geändert: Viele Europäer halten für fortschrittlich, was sie schon immer für fortschrittlich hielten.

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Humanismus und Rechtskultur

Bild: diesseits.de

Es gibt keinen Humanismus ohne Humanität, ohne Barmherzigkeit. Der Begriff „Menschenwürde“ wurde in der Antike entdeckt, in der Renaissance wieder angeeignet, Ende des 18. Jahrhunderts erstmals in individuelle „Menschenrechte“ gegossen. Hier setzte dann das Streben nach Humanisierung des Rechts ein. Eine Konferenz geht dem nach.

Dr. Horst Groschoppdiesseits.de

Goethe berichtet um 1820 in den Wanderjahren vom Streben nach „menschlicher Behandlung der Gefangenen”, dem Streben, „gegen Schuldige gelind, gegen Verbrecher schonend, gegen Unmenschliche menschlich zu sein”. Das klingt wie in aktuellen Debatten, was den Umgang mit Gefangenen überall auf der Welt und auch hierzulande betrifft, denken wir nur an das Thema „Sicherungsverwahrung”.

Woran misst sich hier das Menschliche? Was sind die Kriterien? Welche Rechtsfelder wären zu bearbeiten, wenn es um humane Lösungen gesellschaftlicher Widersprüche geht – über das Problem des Umgangs mit Verurteilten hinaus? Wie steht es heute um die Menschenwürde in unserer Rechtskultur? Wie sind Grenzfälle zu bewerten im Streit der Ethiken? Ist das Ziel gar ein humanistisches Recht? Letzteres ist sicher strittig und dürfte nicht verwechselt werden mit „humanem” Recht.

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Joachim Kahl: Humanistische Spiritualität ohne Gott

Bild: kle-point.de

Philosoph Joachim Kahl in Vortragsreihe zur Spiritualität

kle-point

Am Montag, 4. Juni, um 19.30 Uhr wird die Klever Reihe „Spiritualität – Spurensuche in und neben den Religionen“ fortgesetzt. Im VHS-Haus an der Hagschen Poort spricht der bekannte Philosoph Joachim Kahl über „Weltlich-humanistische Spiritualität – Seele des Atheismus“.

Was kann man von einem Humanismus ohne Gott lernen? Kahl versteht Spiritualität als eine allgemein menschliche Dimension des Gemüts, die eine religiöse oder aber auch eine nicht-religiöse, weltlich-humanistische Ausgestaltung finden kann. In einer zunehmend sinn-leeren Welt kann es immer wieder gelingen, ohne weltanschauliche Vorgaben einer Religion Inseln von Sinn und Menschenfreundlichkeit für sich und andere zu schaffen. Unter anderem bieten Motive aus den Lebenskunstphilosophien des Altertums, besonders der Stoiker und Epikureer, brauchbare Hilfen bei der heutigen Suche nach Sinn. In der Auseinandersetzung mit dem Tod als absolutem Ende des Lebens erweist sich die Radikalität der humanistischen Philosophie, die jedoch keineswegs Hoffnunsglosigkeit bedeutet.

Joachim Kahl (Foto) erwarb sich früh große Bekanntheit durch die 1968 erschienene Streitschrift „Das Elend des Christentums oder Plädoyer für eine Humanität ohne Gott“. Heute vertritt der in Marburg lebende Ex-Theologe, Philosoph und Buchautor einen weltlichen Humanismus, der seinen atheistischen Kern nicht verleugnet, aber auch nicht bekenntnishaft vor sich herträgt, sondern den Dialog sucht.

Die Veranstaltungsreihe in Kooperation von VHS, Evangelischen Forum und Katholischen Bildungswerk Kleve wird im Herbst fortgesetzt. Der Eintritt beträgt 5,– EUR an der Abendkasse. Infotelefon 02821-723118.

Christlicher Salafismus: Anteil der Religion am Untergang der antiken Welt

Rolf Bergmeier, Bild: humanisten.info

Rolf Bergmeier ist ein Bundeswehroffizier im Ruhestand, der von 2004-2008 an der Gutenberg-Universität Mainz Alte Geschichte und Philosophie studierte. Er erregte vor zwei Jahren mit einem Buch über die Legenden um Kaiser Konstantin Aufsehen. Nun hat er das Nachfolgewerk Schatten über Europa veröffentlicht, in dem er postuliert, dass das lateinische Christentum den Verfall der römischen Zivilisation maßgeblich beschleunigte.

Von Peter MühlbauerTelepolis

Herr Bergmeier – war das Christentum der Salafismus der Antike?

Rolf Bergmeier: Ich möchte das frühe Christentum nicht abwerten. Der Gedanke der Nächstenliebe ist – wenngleich nicht neu – sicherlich bewahrenswert. Aber grundsätzlich ist der Monotheismus mit seinem Wahrheitsanspruch weniger konsensfähig als der Polytheismus, wie wir ihn beispielsweise im Imperium Romanum erleben. Mit der Ernennung zur Staatskirche im Jahre 380 (Cunctos Populos) durch Kaiser Theodosius erhält das katholische Christentum die Macht, seine radikalen Vorstellungen in der Gesellschaft durchzusetzen. Ab diesem Zeitpunkt, so denke ich, kann man nicht zu Unrecht von einem christlichen Salafismus sprechen. Die folgenden Jahrhunderte belegen diese These.

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Politik der Apokalypse

Bild. saarländische-online-zeitung

Der Titel und Untertitel des vorliegenden Bandes ist etwas irreführend, da es hier nicht um eine Abhandlung ausschließlich der Religionen geht, sondern der Gefahren von Weltanschauungen insgesamt, die eine positive Utopie anstreben:

Von Klaus Ludwig HelfSaarländische Online-Zeitung

„Utopien sind Wunschträume kollektiver Erlösung und Alpträume des Erwachens.“ Dabei unterscheidet Gray nicht zwischen religiösen oder politisch-weltanschaulichen revolutionären oder radikalen Utopien, die alle- so versucht er in historischen und diachronen Exkursen nachzuweisen- in menschenverachtendenTerrorsystemen aufgegangen seien; die Zivilisation und der Humanismus seien in solchen Regimes untergegangen. Die gelte nicht nur für das Mittelalter oder für das 20. Jahrhundert, sondern auch und gerade in unserem Jahrhundert: „Die Moderne ist nicht weniger abergläubisch als das Mittelalter- und in mancher Hinsicht sogar abergläubischer Das Gewaltpotential des Glaubens wird, im Zusammenspiel mit den Auseinandersetzungen um Rohstoffe, unser Jahrhundert aller Voraussicht nach entscheidend prägen.“ Keine positive prognostische Perspektive, die der Autor am Ende seines Buches wagt. Was sind die Gründe für das Terrorpotential? Der Autor versucht, diesem Phänomen von der Antike bis zur Jetzt-Zeit nachzugehen.

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F. Mauthner: Der Freidenker vom Bodensee

Quelle: Badische Zeitung

Am Glaserhäusle, einem kleinen, grün umrankten Anwesen am Rande der ehemaligen Bischofsresidenz Meersburg, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Über steile Weinberge hinweg öffnet sich rechts ein entzückender Blick auf die Mainau. Nach links gewendet breitet sich vor den Augen des Schauenden fast der gesamte Obersee aus. Bei klarer Luft ist das Alpenpanorama überwältigend. Kein Wunder, dass die große Dichterin Annette von Droste-Hülshoff dieses Kleinod in einem ihrer Gedichte besungen hat. Für Hedwig Straub und Fritz Mauthner muss es so etwas wie die Erfüllung eines Lebenstraums gewesen sein, als sie es 1909 erwarben und an den Bodensee übersiedelten.

Von Karlheinz SchiedelBadische Zeitung

Die Wege der beiden hatten sich einige Monate zuvor in Freiburg gekreuzt. Sie, 1872 als uneheliche Tochter eines badischen Notars in Emmendingen geboren, als knapp Zwanzigjährige der provinziellen Enge und dem Zugriff eines Freiburger Katecheten entflohen, nach Abitur und Medizinstudium im Auftrag der französischen Regierung einige Jahre als Ärztin in Algerien, Tunesien und Timbuktu tätig, war 1904 in den Breisgau zurückgekehrt, um ihre Medizinstudien zu vertiefen. Er, 1849 als viertes von sechs Kindern eines jüdischen Tuchhändlerehepaars im böhmischen Horice zur Welt gekommen, aufgewachsen in einem areligiösen Umfeld, hatte in Prag Jura studiert, lebte danach einige Jahre in Berlin, wo er sich als Autor von vielgelesenen literarischen Parodien und historischen Romanen einen Namen machte, ehe er sich mehr und mehr der Philosophie und der Sprachkritik zuwandte. Herausragend die dreibändigen “Beiträge zur Kritik der Sprache” und das “Wörterbuch der Philosophie”. Autoren wie Ludwig Wittgenstein, Samuel Beckett oder James Joyce gehörten zu seinen Lesern und holten sich Anregungen bei Fritz Mauthner.

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Vom Mythos der Christenverfolgung(evangelikal)

Quelle: bessarabia.altervista.org

Der Frankfurter CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Matthias Zimmer brachte es im Anschluss an den Vortrag des Referenten auf den Punkt: „Trotz der Hitze draußen hat es mich manchmal etwas gefröstelt bei dem, was hier erzählt worden ist und was ich selbst nicht wusste.“

Von Norbert DörholtFrankfurt live.com

Ganz ähnlich erging es den meisten Besuchern des Vortrags von Religionsforscher Prof. Dr. Dr. Thomas Schirrmacher zum Thema „Christenverfolgung – keine Vokabel von gestern!“ im gut gefüllten großen Saal des „Haus am Römer“ im Schatten des Frankfurter Doms. Eingeladen hatten im Rahmen der Vortragsreihe „Nachdenken –Vordenken“ Dr. Zimmer und seine Frankfurter Bundestagskollegin, die große Dame der Christlich Demokratischen Union Erika Steinbach.

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Der Glaubenszweifel ist kein Produkt der Moderne

Quelle: FAZ.NET

Über Säkularisierung muss neu gesprochen werden
Nichts Menschliches war dem Mittelalter fremd: Dorothea Weltecke bewahrt in der hitzigen Atheismus-Debatte einen kühlen Kopf und stellt heraus, dass der Glaubenszweifel kein Produkt der Moderne ist.

Von Wolfram KinzigFAZ.NET

Was ist ein Atheist? Ist das jemand, der davon ausgeht, dass es keinen Gott gibt, der Gottes Interesse an der Welt bestreitet oder der im traditionellen Sinne ein gottloser Schurke ist? In der Geschichte hat man alle drei Bedeutungen mit dem Begriff des Atheismus verbunden. Die erste Bedeutung ist die in der Moderne geläufige (die sich dann weiter ausdifferenzierte), die zweite haben schon in der Antike die Epikureer vertreten (weshalb sie von ihren Gegnern als „Atheisten“ gescholten wurden), und die dritte darf man voraussetzen, wenn es in Psalm 14,1 und 53,2 heißt: „Die Toren sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott.“

Die Atheismusforschung der Gegenwart orientiert sich in erster Linie an der erstgenannten Bedeutung. Wenn sie historisch orientiert ist, stößt sie dann aber auf die Schwierigkeit, „Atheisten“ ausmachen zu müssen, bevor die moderne Bedeutung des Begriffs in Gebrauch kommt. So kam man in der einschlägigen religions- und philosophiegeschichtlichen Forschung der letzten Jahrzehnte zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, in welchen Quellentexten man eine Bestreitung der Existenz Gottes dokumentiert sah. Die Betriebstemperatur der Diskussion ist dabei erstaunlich hoch, da sehr schnell weltanschauliche Voraussetzungen der einzelnen Wissenschaftler ins Spiel kommen. Darunter leidet dann schnell die historische Präzision.

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Ohne Bindung an Gott wird Arbeit zum Fluch

Evangelisches Professorenforum fragt, warum das christliche Abendland wirtschaftlich erfolgreich war, weist aber auch auf die Schwachstellen der abendländischen Arbeitsethik hin.

kath.net

Die christliche Einstellung zur Arbeit hat das Abendland wirtschaftlich erfolgreich werden lassen. Doch gegenwärtig schwinden die christlichen Werte, und ohne Bindung an Gott wird die Arbeit zum Fluch. Auf diese Zusammenhänge macht der Koordinator des christlichen Professorenforums, Hans-Joachim Hahn (Gießen), im Newsletter der Organisation aufmerksam. In ihr sind Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zusammengeschlossen, „die die christliche Weltsicht nachhaltig und überzeugend im akademischen Raum zur Geltung bringen wollen“.
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Aufklärung auf Neulateinisch

Ungarns erste Zeitung erschien in Neulatein

Lateinische Texte aus der Renaissance sind zahlreich, aber kaum erforscht – Ein neues Ludwig-Boltzmann-Institut will diesen Schatz nun heben, um das moderne Europa besser zu verstehen

Von Sascha AumüllerderStandard.at

Der niederländische Universalgelehrte, Herausgeber, Textkritiker und Begründer der modernen Philologie Erasmus von Rotterdam gilt heute als wichtigster Wegbereiter des europäischen Humanismus; und als ziemlich schreibwütig mit einem errechneten Pensum von eintausend täglich zu Papier gebrachten Wörtern. Erstaunlich nur: Die Empfänger seiner Briefe – mehr als 2000 davon sind noch erhalten – lobten ihn trotz dieser Wortsalven durchwegs für seinen elaborierten Stil.

Verfasst hat er seine Schriften häufig in Neulatein, also in einer Sprache, die nach ihrer schlampigen Verwendung im Mittelalter zu Beginn der Neuzeit erst rehabilitiert werden musste. Erasmus war der festen Überzeugung, dass formale Aspekte der Sprache auch den Charakter ihrer Benutzer prägen. Schöngeistige Gedanken zur humanistischen Bildung, wie sie 1600 Jahre vor ihm Cicero artikulierte, wollte er nur in einem Latein formulieren, das der vorbildlichen Form der Antike wieder näher war. Neulatein ist also gewissermaßen klassisches Latein.

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KORSO: Grundsatzerklärung

Für die Gleichbehandlung der Konfessionsfreien in Staat und Gesellschaft.

Koordinierungsrat säkularer Organisationen

Mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist derzeit konfessionsfrei. Mehr als drei Viertel der Konfessionsfreien orientieren sich an humanistischen Lebensvorstellungen. Diese Menschen haben in Deutschland keine angemessene Interessenvertretung. Der Koordinierungsrat säkularer Organisationen (KORSO) will hier eine Wende herbeiführen.

Die säkularen Weltanschauungsverbände in Deutschland stehen in einer langen Tradition europäischer Geschichte, die von der Antike, der Renaissance und dem Humanismus bis zu den neuzeitlichen Naturwissenschaften, der Aufklärung und den laizistischen Staatstheorien reicht. Sie sind organisatorisch überwiegend in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, womit in Deutschland eine Befreiung von der Vorherrschaft der christlichen Kirchen begann. Sie sind den Idealen der Menschenrechte verpflichtet, wie sie seit 1948 in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen verankert sind.

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Der evangelikale Kampf gegen die Sklaverei

Sklavenhandel in Frankreich, Quelle: nzz.ch

Die stärkste Triebkraft für die Abschaffung der Sklaverei waren die Freikirchen Englands und Nordamerikas. Evangelikale Strömungen hätten diesen Kampf seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert maßgeblich geführt.

idea.de

Daran hat der Professor für Alte Geschichte an der Universität Rostock, Egon Flaig, in einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung erinnert. Erfolge dieses Kampfes hätten sich nach einem Jahrhundert eingestellt. Die Verfassung des amerikanischen Staats Vermont 1777 habe der Sklaverei ein Ende gesetzt. Pennsylvania, Connecticut und Rhode Island seien gefolgt. Großbritannien schaffte die Sklaverei 1833 ab. Zur Frage, warum Evangelikale mit ihrem Kampf gegen die Sklaverei einen solchen Erfolg hatten, schreibt Flaig: „Erstens agierten sie in rechtlichen und politischen Verhältnissen, die sich mit persönlicher Unfreiheit nicht vertrugen; zweitens stießen sie auf eine jahrhundertealte geistige Empfänglichkeit für antisklavische Argumente.“ Diese reichten bis in die Antike zurück.

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Wo hört das Tier auf, wo beginnt das Menschliche?

Der falsche Vampir Megaderma lyra, Quelle: bbc.co.uk/media

Seit der Antike gibt es eine Definition des Menschen, die ihn als “animal rationale” beschreibt, als vernünftiges Tier. Doch diese Vorstellung wirft Probleme auf: Wie genau sind die animalischen und die vernünftigen Anteile im Menschen miteinander verknüpft? Wo hört das Tier auf, wo beginnt das Menschliche?

Von Sabine SalewskiDeutschlandradio Kultur

Wir können die Schreie von Fledermäusen nicht hören. Ihre Rufe im Ultraschallbereich sind für menschliche Ohren zu hoch. Erst wenn man sie mit einem Spezialmikrofon aufnimmt, tieferlegt und zehnfach verlangsamt, werden sie hörbar:

Fledermäuse nehmen ihre Umwelt mithilfe dieser Hochfrequenzschreie wahr. Sie registrieren das Echo ihrer Schreie, das von Bäumen, Insekten oder Hauswänden zurückgeworfen wird: Sie sehen mit den Ohren. Wohl kein Sinnesapparat unterscheidet sich so grundsätzlich von unseren eigenen Wahrnehmungsorganen wie die Echolotortung der Fledermaus: Fledermäuse sind nicht wie wir.

“Jeder, der einige Zeit in einem geschlossenen Raum mit einer aufgeregten Fledermaus verbracht hat, weiß auch ohne die Hilfe philosophischer Reflexion, was es heißt, einer grundsätzlich fremden Form von Leben zu begegnen.”

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Am Anfang war der Comic

Foto. Jens Harder/Carlsen-Verlag

Von Ralf HutterderFreitag

Gehören Tim und Struppi auf den Index?

Rassismusverdacht, DDR-Propaganda, Neonazis – in Erlangen ­offenbaren sich die politischen Nuancen, aber auch die Abgründe der grafischen Literatur

“Keine Idee der Geschichte ist so wirkungsmächtig wie die Idee von Gott.“ Diese Wortfolge war es, die in Erlangen am Anfang der Ausstellung „Und das Wort ist Bild geworden – Über die Comics und das Religiöse“ stand – einer von fast 30 Werkschauen im internationalen Comic Salon Erlangen, dem größten Festival der grafischen Literatur im deutschsprachigen Raum. Deutet man die Wortfolge um, versteht man „Geschichte“ nicht im Sinne von Menschheitsgeschichte, sondern als Erzählung, dann steht am Ende des Satzes anstelle von Gott das Bild. Seine Wirkmächtigkeit hat die Ausstellung deutlich benannt: Sei das Verbot, Gott abzubilden, beispielsweise im Christentum durchgehalten worden, hätte letzteres „in der bildermächtigen Kultur der Antike kaum eine Verbreitungschance gehabt“. Die allgemeine Erkenntnis lautet: „Das Wort verlangte nach Illustration, denn die Menschheit ist eine augenhungrige Gattung.“

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