Daniel C. Dennett: »Breaking the Spell« — Religion als natürliches Phänomen


Daniel C. Dennett: »Breaking the Spell«Dies ist mein erster Beitrag für das Brights-Blog; eine Überarbeitung des 275sten Eintages meines Blogs Molochronik.

1991 (da war ich 19) habe ich Daniel C. Dennett lesend als Mitherausheber (neben Douglas R. Hofstadter) von »Einsicht ins Ich«, einer munteren Essay- und Kurzgeschichten-Antho über Fragen & Spekulationen zum menschlichen Bewußtsein, kennengelernt.

Als ›bekennder Phantast‹ hat mich besonders gefreut, daß Dennett, der respektabel-seriöse Wissenschafts-Philosoph, seine Sympathie für Phantastik und dessen Genre zeigt, z.B. indem er als Fachmann zur Dokumentationen über Philosophie und technisch-gesellschaftliche Wurzeln der »Matrix Experience«-DVD beitrug.

Die fünf Thesen des Buches über den gegenwärtigen Stand und die sich abzeichnende, kommende Entwicklung bezüglich Religion/Wissenschaft möchte ich vorstellen; ein wenig hemdsärmelig (aber hoffentlich nicht unkorrekt) von mir übersetzt (Seite 35 f). — Freilich sind die möglichen Entwicklungen der Religion um einiges komplizierter, aber Dennett meint, daß die folgenden fünf Szenarios die extremsten Positionen gut umreißen.

  1. RELIGIÖSE WENDE Die Aufklärung {Enlightenment} ist lang vorbei: die schleichende ›Säkularisierung‹ der modernen Gesellschaften verpufft vor unseren Augen.
    Szenario: Gezeitenwechsel. Religion wird wieder wichtiger denn je. Religion nimmt bald wieder die herrschende gesellschaftliche und moralische Rolle ein, die sie vor dem Aufstieg der Wissenschaften seit dem 17. Jhd. inne hatte. Während die Menschen sich von den Entwicklungen der Technologie und des materiellen Komfort erholen, steigt die spirituelle Identität wieder zur meistgeschätzten Eigenschaft einer Person auf. Gesellschaften werden sich schärfer gemäß der Zugehörigkeit in Christen, Moslems, Juden, Hindus usw aufteilen. Schließlich wird — erst in vielleicht 1000 Jahren, oder bedingt durch große Katastrophen schon früher — eine einzige Religion den Planeten umspannen.
  2. ABSTERBEN DER RELIGION Religion liegt in den Todeszuckungen; die gegenwärtigen Ausbrüche an Inbrunst und Fanatismus sind Symptome des Übergangs zu einer wirklich modernen Gesellschaft, in der Religion höchstens noch eine zeremonielle Rolle spielt.
    Szenario: Obwohl es zeitliche und lokale Wiederbelebungen und gewaltätige Katasthrophen geben mag, werden die großen Religionen genauso aussterben, wie heute Hunderte von Religionen schneller verschwinden, als Anthropologen sie verzeichnen können. In der Lebenszeit unserer Enkel wird aus dem Vatikan das Europäische Museum für Römisch-Katholisches Christentum, und Mekka wandelt sich zu Disneys Magischem Königreich Allahs.
  3. TRANSFORMATION DER RELIGION Aus Religionen werden Institutionen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: größtenteils uneigennützige Zusammenschlüsse, die Selbsthilfe anbieten und moralische Gemeinschaftsarbeit ermöglichen. Zeremonien und Tradition dienen, um Beziehungen zu festigen und ›Langzeit-Fan-Treue‹ zu schaffen.
    Szenario: Mitglied einer Religion zu sein, wird immer mehr zu etwas werden, das dem gleicht, wenn man heutzutage ein Bayern München- oder HSV-Fan ist. Dabei wird es dann verschiedene Farben, Lieder und Jubelrufe {cheers}, unterschiedliche Symbole und einen lebhaften Wettbewerb geben — würden Sie Ihre Tochter einen Frankfurter Eintracht-Fan heiraten lassen? — doch von ein paar renitenten Wenigen abgesehen, weiß jeder die Wichtigkeit von friedlicher Koexistenz in der Globalen Liga der Religionen wertzuschätzen. Religiöse Kunst und Musik blühen auf, und freundliche Rivalitäten führen zu abgestuften, ausdifferenzierten Spezialisierungen. Die eine Religion mag wegen ihrer Anwaltschaft für die Umwelt {enviromental stewardship} berühmt sein, und Millionen mit sauberem Wasser versorgen. Eine andere Religion mag für die Verteidigung von sozialer Gerechtigkeit und wirtschaftlicher Ausgeglichenheit bekannt sein.
  4. MARGINALISIERUNG DER RELIGION Das Ansehen und die Sichtbarkeit von Religion schwinden. Wie Rauchen wird es zwar toleriert, da es immer welche geben wird, die behaupten nicht ohne leben zu können, doch ermuntert man nicht dazu. Kindern, die ja leicht beeindruckbar und formbar sind, Religion zu lehren, wird in den meisten Gesellschaften scheel beäugt, in einigen wird man es sogar verbieten.
    Szenario: Politiker, die immer noch praktizierend religiös sind, müssen ihre Ämtertauglichkeit durch etwas anderes als ihre religiösen Verdienste um die Gemeinschaft beweisen; nur wenige Politiker würden dann noch mit ihren religiösen Überzeugungen hausieren gehen. Die Aufmerksamkeit auf die Religion eines Menschen zu lenken, wird als ungehobelt betrachtet werden, wie auch öffentliche Kommentare über das Geschlechtsleben, oder Fragen danach, ob jemand geschieden ist oder nicht.
  5. WELTENDÄMMERUNG Das Jüngste Gericht ist da. Die Gesegneten steigen leibhaftig gen’ Himmel auf, alle anderen bleiben zurück und erleiden die Qualen der Verdammnis, wenn der Antichrist unterliegt.
    Szenario: Wie die Prophezeiungen der Bibel weissagen, sind die Geburt des Staates Israel im Jahre 1948 und der fortwährende Konflikt um Palestina deutliche Zeichen für das Weltenende, wenn die Wiederkehr von Christus alle anderen Hypothesen vom Tisch fegen wird.

Hier zur Vertiefung noch ein Link zu einem einstündigen Video-Interview der Charlie Rosen-Show mit Dennett. Besondere Freude für mich: Gastgeber Bill Moyers und Dennett verbreiten großes Lob für J.S. Bach und Johannes Brahms.

In meinem Blog kann man an einer Umfrage teilnehmen. Dazu muß man sich bei Antville anmelden. Zur Information für jene, die eine Anmeldung scheuen: Antville ist eine Tocher des ORF, also ein seriöser Bloganbieter. Hier kann man sich den derzeitigen Ergebnisstand meiner Umfage ansehen.

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Daniel C. Dennett »Breaking the Spell – Religion as a Natural Phenomenon« (448 Seiten incl. Anhang, Fußnoten, Bibliographie Index; Viking, 2006, ISBN gebunden: 0-670-03472-X) — Der Link führt zu einer lesenswerten, ausführlichen Rezension des Buches von th auf den Seiten der Fachhochschule Kehl.

Hoffentlich wird das Buch doch noch übersetzt werden!

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7 Comments

  1. Zu meiner großen Freude kann ich bescheid geben, dass nun Dennetts Buch auch auf Deutsch erschienen ist, und zwar im Verlag für Weltreligionen als „Den Bann brechen – Religion als natürliches Phänomen“.
    Hier gehts zur Rezensions-Übersicht zum Buch vom Perlentaucher:
    http://www.perlentaucher.de/buch/30326.html
    Die NZZ ist ganz skeptisch, aber die FAZ ist ganz angetan. Beide sind skeptisch gegenüber der von Dennett verwendeten Meme-Denke, aber immerhin begrüßt vor allem die FAZ-Besprechung, dass Dennett ein umsichtig argumentierender Naturalist/Bright ist, den ernst zu nehmen sich lohnt.

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  2. Nicht ich wurde auf links umerzogen (na ja…), sondern meine Mutter. Da redet ihr jetzt an der Sache vorbei. Außerdem schreibe ich natürlich mit dem Nagel meines linken kleinen Zehs.

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  3. Meine Mutter hat sich auch zum Linkshänder umerzogen, allerdings wegen einem Unfall. Sie kann nicht mal links und rechts klar voneinander unterscheiden deshalb. Diese Linkshänder-Umerziehung war eine der zahlreichen Grausamkeiten der Kirche und ich hoffe, sie schmoren dafür in der Hölle. Für solche Leute wäre es geradezu wünschenswert, wenn es so etwas gäbe.

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  4. Im Gegenteil; 1000 Dank.
    Meine Tippserei ist eine Zumutung, ist weiß. Aber ich bin leider (durch eine kath. Nonne mit Liniealschlägen) zwangsumerzogener Linkshänder und damit sowas wie ein Legastheniker und Rechtschreibschwächling ›ehrenhalber‹.

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