Kardinal Lehmann und die Schöpfungslehre



Kardinal Lehmann in einem Interview mit der katholischen Die Tagespost über die Schöpfungslehre im Biologie-Unterricht.

Herr Kardinal, sind Sie überrascht, dass die Kontroverse um Kreationismus über Amerika hinaus nach Deutschland übergreift?

Ja und Nein. Nein, weil über kurz oder lang doch vieles, was in den Vereinigten Staaten diskutiert wird, über den großen Teich zu uns kommt. Ja, weil wir eine völlig andere Situation haben im Vergleich zu fundamentalistischen Strömungen vor allem in einigen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten.

Die hessische Kultusministerin Wolff will die Schöpfungslehre zum Gegenstand des Biologieunterrichts machen. Und Bischof Mixa hat gesagt, es habe „etwas Totalitäres“, wenn Biologielehrer nur die von Charles Darwin begründete Evolutionslehre unterrichteten. Was halten Sie davon?

Ich will keine Stellungnahme abgeben zu beiden Positionen, weil diese bei näherem Zusehen differenzierter sind. Es geht mir um die Sache. Gewiss muss der Biologieunterricht nicht ausführlicher den Sinn der biblischen Schöpfungserzählung entfalten. Der Religionsunterricht seinerseits kann nicht darauf verzichten, zur Klärung des Verhältnisses von Evolutionslehre und biblischer Schöpfungserzählung die verlässlichen Ergebnisse der biologischen Abstammungslehre in Erinnerung zu rufen und in Bezug zueinander zu setzen.

In welchem Verhältnis sehen Sie moderne Naturwissenschaften und Schöpfungslehre? Schließen sich beide aus?

Die Naturwissenschaften und die theologische Deutung der Weltentstehung gehen zunächst einmal völlig verschiedene Wege und dürfen nicht miteinander vermischt werden. Im Grunde will dies heute auch bei uns niemand ernsthaft. Aber die Beziehungslosigkeit zwischen beidem kann mindestens für den Christen nicht einfach das letzte Wort sein. Er will schließlich in seinem heutigen Bewusstsein verstehen, ob beides bei aller Verschiedenheit gedanklich vereinbar ist. Der Biologe kann, aber er muss diese Frage nicht stellen und beantworten. Ein heutiger Religionsunterricht kommt auf keinen Fall daran vorbei.

Wo sehen Sie Grenzen der modernen Evolutionslehre?

Die moderne Evolutionslehre hat manche Wandlungen durchgemacht. Es ist ganz unbestreitbar, dass der Kerngehalt des Darwinismus – Selektion als ein mächtiges Motiv bei der Entwicklung der Artenvielfalt – die tauglichste Hypothese zur Erklärung der biologischen Geschichte ist. Aber sie war lange Zeit auch mit ungeprüften weltanschaulichen Voraussetzungen belastet, die den Konflikt mit dem christlichen Glauben verstärkten. So wurde die Grundüberzeugung auch in andere Wissenschaften und Kulturgebiete übertragen, nicht zuletzt auch auf die Ethik, dass nämlich die Evolution die Best-Angepassten mit dem Sich-Durchsetzen belohnt. Dieses „Recht des Stärkeren“ wurde dominant. Eine vergröbernde und gezielte Popularisierung, etwa durch Ernst Haeckel („Welträtsel“), brachte erst voll den Konflikt.

Und die moderne Evolutionslehre?

Die heutige Evolutionslehre ist bei fast allen Vertretern weit darüber hinausgekommen und hat auch über das Überleben des Stärksten hinaus mit den sprunghaften Mutationen und der kontinuierlichen Vererbung noch andere grundlegende Faktoren zur Entfaltung des Lebens zu berücksichtigen. Es ist also gut, wenn sich der „Evolutionismus“ bescheidet, sich nicht überschätzt und, ohne zu einer Weltanschauung zu werden, bei seinen nachprüfbaren Einsichten bleibt. Er muss sich zum Beispiel auch mit der Tatsache und dem Verständnis des „Zufalls“ in der Evolution beschäftigen.

Aus der katholischen Kirche kommen – bis hin zum Papst – sehr unterschiedliche Stimmen zu diesem Konflikt. Ist die Haltung der Kirche zu Darwin nicht sehr widersprüchlich?

Diese Klärung ist längst erfolgt. Man kann sich nur wundern, wie wenig in dieser Diskussion des Sommers 2007 Kenntnisse über die intensive Auseinandersetzung der Theologie mit einem evolutiven Weltverständnis wirksam sind. Hat man wirklich vergessen, was zum Beispiel Teilhard de Chardin und Karl Rahner, Stefan Bosshard und Alexandre Ganoczy und viele andere über Jahrzehnte geleistet haben? Im Übrigen hat bereits Papst Pius XII. in einer Rede aus dem Jahr 1941 und später in der Enzyklika „Humani generis“ (1950) eindeutig erklärt: „Das Lehramt der Kirche verbietet nicht, dass die Evolutionslehre (insofern sie nämlich den Ursprung des menschlichen Leibes aus schon existierender und lebender Materie erforscht) … gemäß dem heutigen Stand der menschlichen Wissenschaften und der Theologie in Forschungen und Erörterungen von Gelehrten in beiden Feldern behandelt werde, und zwar so, dass die Gründe beider Auffassungen, nämlich der Befürworter und der Gegner, mit der nötigen Ernsthaftigkeit, Mäßigung und Besonnenheit erwogen und beurteilt werden.“

…also eine große Freiheit?

Der Papst spricht ausdrücklich von „dieser Freiheit der Erörterung“, warnt aber zugleich vor Grenzüberschreitungen. So hält zum Beispiel der Glaube daran fest, dass die menschliche Seele bei aller leiblichen Evolution auch des Menschen unmittelbar von Gott geschaffen ist. Im Übrigen gibt es seit 1948 auch Erklärungen der Kirche zum Verständnis und zur Auslegung der biblischen Urgeschichte. Die Theologie hat intensiv daran weitergearbeitet.

3 Comments

  1. Hat man wirklich vergessen, was zum Beispiel Teilhard de Chardin und Karl Rahner, Stefan Bosshard und Alexandre Ganoczy und viele andere über Jahrzehnte geleistet haben?

    Das will Pater Rahna hiermit mal unterstreichen!

    Gefällt mir

  2. Immerhin weiß Lehmann bescheid. Ich wäre froh, wenn andere Kirchenvertreter so weit wären. Dass er gegen Ende nicht mehr Klartext redet, ist verständlich, schließlich kann er seinem obersten Boss (den in Rom) nicht offen widersprechen.

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.