Die katholische Kirche und das Kreuz mit der Evolution


Über das Erstarken fundamental-christlicher Strömungen und die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Religion

von Martin Neukamm

Nach Verlautbarung der viel gelobten Aussage Papst Wojtylas (Johannes Paul II.), die Evolution sei „mehr als eine Hypothese“, schien allenthalben der Eindruck zu entstehen, als lebten die katholische Kirche und die modernen Natur- beziehungsweise Realwissenschaften heute in friedlicher Koexistenz. Zumindest im aufgeklärten Europa hielt man den über Jahrhunderte schwelenden Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft für überwunden; wo immer er aufflammte, wurde er mühsam zugeschüttet und zu einer sektiererischen Außenseitermeinung erklärt – „Komplementarität statt Konflikt“ hieß die Devise.

Praktisch stellte man sich diese „Arbeitsteilung“ so vor, dass den Naturwissenschaftlern das Primat der Erklärung der Vorgänge in der Natur zugebilligt wurde, während sich die katholische Kirche vorrangig auf die Erörterung ethisch-moralischer Fragen zurückzog. Lediglich die Entstehung des Kosmos schien sie für Gott zu beanspruchen, wonach der Schöpfer in der Welt nicht fortwährend agiert, interveniert und repariert, sondern in seiner Vollkommenheit bewirkt, dass sich das Universum autonom, nach immanent-materialistischen Gesichtspunkten entwickelt.

Nach Ansicht liberaler Christen, die ihr wissenschaftsorientiertes Weltverständnis nicht auf dem Altar fundamental-religiöser Überzeugungen zu opfern bereit sind, scheint diese sogenannte deistische oder gar die pantheistische Variante der Religion immer noch die sozusagen politisch korrekte Haltung zu sein (siehe zum Beispiel Daecke 2001). Repräsentiert sie aber auch die offizielle Linie der katholischen Kirche. Offenbar wurde übersehen, dass eine solche Lösung dem Selbstanspruch der Religion kaum gerecht werden kann. Ihre Aufgabe besteht doch im Wesentlichen darin, den Glauben an die heilige Obhut Gottes zu vermitteln und ihren Anhängern wenigstens das Zustandekommen zeitweiser Kontakte zwischen der Welt und jener „Übernatur“, an die sie glauben, zu versprechen. Göttliche Eingriffe in den Lauf der Welt werden erbetet und erhofft. Das gilt insbesondere für die Herkunft des Menschen, einem Thema, das unser Selbstbild bestimmt wie kaum ein anderes. Es war somit nur eine Frage der Zeit, bis sich der Konflikt zwischen der katholischen Kirche und den Naturwissenschaften erneut zuspitzte.

In diesem Artikel soll der wieder aufgeflammte Streit zwischen der Evolutionsbiologie und renommierten Vertretern der katholischen Kirche dokumentiert und aus wissenschaftsphilosophischer Sicht analysiert werden. Doch wagen wir zunächst einen Blick in die Geschichte der Entstehung der Naturwissenschaften, um die historischen Wurzeln des Konflikts zu verstehen.

Rückblick: Die Entstehung der modernen Naturwissenschaften und die Position der katholischen Kirche

Theologische Grundeinsichten waren im Mittelalter und in der Spätscholastik ein bestimmendes Element beim Studium und bei der Interpretation der Natur. In Anlehnung an die Naturtheologie Thomas von Aquins glaubte man, das Handeln Gottes mithilfe empirischer Mittel erkennen zu können. Unter dem Kirchenlehrer Albertus Magnus profitierte davon auch die rationale Diskurstradition. Dennoch blieben die Wissenschaften der Deutungshoheit der Theologie unterstellt: Naturwissenschaftlich und philosophisch konnte nur wahr sein, was vor der christlichen Theologie Bestand hatte.

In der Renaissance beziehungsweise Neuzeit brach sich allmählich die Erkenntnis Bahn, dass der Verweis auf teleologische und übernatürliche Kräfte weder intellektuell befriedigend, noch als Erklärung zureichend war. Stattdessen begann man systematisch zu experimentieren und Theorien zu entwickeln, die auf Gesetzesaussagen und wohlbegründete Mechanismen verweisen. Man erschloss sich durch hypothetisches Schlussfolgern immer tiefere Schichten der Natur, die den menschlichen Sinnen verborgen bleiben. Die kausal-mechanismische Erklärungsstrategie, wonach die Naturphänomene rein auf weltimmanente Prinzipien rückführbar und übernatürliche Schaffensakte bei der Beschreibung und Erklärung der Vorgänge entbehrlich sind („ontologischer Naturalismus“), erwies sich in allen Wissenschaftsbereichen als so erfolgreich, dass übernatürliche, teleologische und vitalistische Kräfte nach und nach aus den Realwissenschaften verschwanden: Mit Galilei geschah das zuerst in der Astronomie, danach mit Newton in der klassischen Mechanik. Im 18. Jahrhundert löste sich mit de Lavoisier und Avogadro allmählich die Chemie von der Naturphilosophie (Alchimie) und reifte zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin heran, die im 19. Jahrhundert die Atomtheorie, die kinetische Gastheorie und die Thermodynamik gebar. Als der Chemiker Friedrich Wöhler im Jahre 1828 schließlich die Umwandelbarkeit anorganischer Materie in organische nachweisen konnte, entglitt auch die Biochemie dem Einfluss vitalistischer Spekulation. Im 19. Jahrhundert galt die Entstehung der Arten als letztes Refugium göttlicher Intervention. Doch nachdem Charles Darwin im Jahre 1859 die Evolutionstheorie begründete, sie mit einem Mechanismus ausstattete und sich auf ein umfangreiches Datenmaterial berief, waren die Naturwissenschaften endgültig frei von teleologischer Spekulation.

Während die Wissenschaften florierten und ein stattliches Netzwerk kohärenter, sich gegenseitig stützender Theorien hervorbrachten, musste der katholischen Kirche die Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse mühsam abgerungen werden. Galileo Galilei und Giordano Bruno (der seine revolutionären Einsichten bezüglich der unbedeutenden Stellung der Erde im Universum mit dem Feuertod bezahlte) wurden der Inquisition vorgeführt, und – was heute weniger bekannt sein dürfte – auch die „Atomisten“ erfuhren unter dem Einfluss Thomas von Aquins zunächst eine empfindliche Niederlage.

Den atomaren Aufbau der Materie, wonach sich die Atome im leeren Raum so bewegen, „wie es der Zufall gerade will“, und von selber infolge eines „jeder Ordnung baren Antriebes“ miteinander zusammenstoßen, betrachtete man als gottlos. Zudem schien das Hervorbringen chemischer Ordnung dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik zu widersprechen und außerdem hat noch niemand die Existenz von Atomen direkt „bewiesen“.

Diese Argumentation klingt mit Blick auf die Geplänkel mit den Evolutionsgegnern seltsam vertraut. Doch schien sich die katholische Kirche mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften allmählich zu arrangieren,selbst mit denen der Evolutionstheorie, an der sich seit 150 Jahren immer wieder der Streit entzündet. In der Botschaft „Christliches Menschenbild und moderne Evolutionstheorien“ beanspruchte Papst Wojtyla zwar die Entstehung der menschlichen Seele für Gott, ließ jedoch an der stammesgeschichtlichen Entwicklung der Arten, so wie sie die Evolutionstheorie beschreibt, keine Zweifel bestehen.

Unter dem Druck evolutionstheoretischer Erklärungserfolge erklärte Papst Wojtyla (1996): „Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika, geben neue Erkenntnisse dazu Anlass, in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar“.

Das „roll back“: Kardinal Schönborn und das intelligente

Design

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Unter dem Druck evolutionstheoretischer Erklärungserfolge erklärte Papst Wojtyla (1996): „Heute, beinahe ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen der Enzyklika, geben neue Erkenntnisse dazu Anlass, in der Evolutionstheorie mehr als eine Hypothese zu sehen. Es ist in der Tat bemerkenswert, dass diese Theorie nach einer Reihe von Entdeckungen in unterschiedlichen Wissensgebieten immer mehr von der Forschung akzeptiert wurde. Ein solches unbeabsichtigtes und nicht gesteuertes Übereinstimmen von Forschungsergebnissen stellt schon an sich ein bedeutsames Argument zugunsten dieser Theorien dar“.

War damit schon alles gesagt? Offensichtlich nicht, denn im Sommer 2005, nur wenige Monate nach dem Tod von Papst Wojtyla, konkretisierte der Wiener Kardinal Schönborn dessen Aussage in einem in der New York Times veröffentlichten Artikel und übte scharfe Kritik an der „neodarwinistischen“ Evolutionstheorie (Schönborn 2005). Offenbar wurde Papst Wojtylas Position dahingehend missverstanden, dass man mit der Anerkennung der Evolution auch die Akzeptanz natürlicher Evolutionsmechanismen unterstellte.

„Ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion kann nicht wahr sein.“

In bemerkenswert dogmatischer Eindeutigkeit korrigiert Schönborn diesen Irrtum. Er betont: „Seit Papst Johannes Paul II. 1996 erklärt hat, dass die Evolution … mehr sei als nur eine Hypothese, haben die Verteidiger des neo-darwinistischen Dogmas eine angebliche Akzeptanz oder Zustimmung der römisch-katholischen Kirche ins Treffen geführt, wenn sie ihre Theorie als mit dem christlichen Glauben in gewisser Weise vereinbar darstellen. Aber das stimmt nicht.“ Zwar könne „Evolution im Sinn einer gemeinsamen Abstammung wahr sein, aber die Evolution im neodarwinistischen Sinn – ein zielloser, ungeplanter Vorgang zufälliger Veränderung und natürlicher Selektion – ist es nicht. Jedes Denksystem, das die überwältigende Evidenz für einen Plan in der Biologie leugnet oder weg zu erklären versucht, ist Ideologie, nicht Wissenschaft.“

In der Tat hätte man die Ablehnung materieller Ursachen auch schon in Papst Wojtylas Verlautbarung erkennen können, denn er spricht von „materialistisch-reduktionistische Lesarten und auch spiritualistische Lesarten der Evolutionstheorie“. Da in der modernen Evolutionstheorie „spiritualistische Interpretationen“ nicht akzeptiert werden, sondern ausschließlich materielle Zusammenhänge gelten, die katholische Kirche aber kaum Sympathien für die materialistische Variante hegen dürfte (Junker 2007), deckt sich Papst Wojtylas Verlautbarung im Prinzip mit Schönborns Position.

Schönborn spricht also allen Modellen, die sich auf die elementaren Faktoren der ungerichteten genetischen Variation in Kombination mit der natürlichen Selektion (dazu zählen im weiteren Sinne auch innerorganismische Gesetzmäßigkeiten, die den Weg der Evolution maßgeblich mitbestimmen) – pauschal die Wissenschaftlichkeit ab. Da Schönborn kein Randdetail kritisiert, sondern das integrale Konzept aller modernen Evolutionstheorien angreift, „das auf vielfältige Weise in die allgemeine Biologie und in andere Wissenschaften, von der Chemie und Molekularbiologie bis zur Paläontologie, eingebunden ist, trifft seine Kritik die moderne (Natur-) Wissenschaft im Allgemeinen“ (Junker 2007, S.74).

In Anbetracht dieser Konsequenzen wird deutlich, dass Schönborn die eingangs beschriebene und mühsam errungene Erklärungsstrategie der Naturwissenschaften nicht akzeptiert. Vielmehr behauptet er, „dass der menschliche Verstand leicht und klar Ziel und Plan in der natürlichen Welt, einschließlich der Welt des Lebendigen, erkennen kann“, der dann nur jenseits des Natürlichen liegen kann.

Diese naturtheologische Interpretation, die zugleich eine Art „Gottesbeweis“ darstellen soll, ist das programmatische Kernstück der so genannten Intelligent Design-Bewegung, die von reichen christlichen Fundamentalisten in den USA ins Leben gerufen wurde. Primär verfolgt diese Gruppierung das Ziel, den Naturalismus als wissenschaftliches Prinzip durch einen christlichen Theismus zu ersetzen und die oben beschriebene Interpretation auf lange Sicht wieder zur dominierenden Lehrmeinung zu machen („Keilstrategie“; siehe Kutschera 2004). Doch anstatt Gott beim Namen zu nennen und sich auf die Genesis zu berufen, wie die orthodoxen Kreationisten dies tun, behaupten die Intelligent Design-Vertreter lediglich, die Lebewesen seien zu komplex und zu zweckmäßig arrangiert, um sich durch „ungelenkte Mechanismen“ entwickelt zu haben; ein „intelligenter Designer“ müsse sie erschaffen haben. Wer dieser Designer sei, darauf will man sich nicht festlegen – es gehe lediglich darum, „Design-Signale“ in der Natur zu identifizieren.

Dieser Sprachduktus soll suggerieren, es handele sich um eine wissenschaftliche Theorie, die es mit der Evolutionstheorie aufnehmen könne. Mit religiösem Glauben oder gar biblischem Kreationismus will man die Theorie nicht in Zusammenhang gebracht sehen. Doch während die natürliche Evolution so gut bestätigt ist, dass kaum noch jemand ernsthaft an ihr zweifelt, stützt sich Intelligent Design auf Hypothesen und Wirkfaktoren, die weder intersubjektiv nachvollziehbar sind noch Erklärungskraft besitzen – nichts Empirisches spricht für eine „intelligente Planung“ der Arten. Auch die vielfach angeführten Analogien mit der Technik und das von dem Mikrobiologen Behe ersonnene Konzept der „irreduziblen Komplexität“ erweisen sich als nicht stichhaltig (Neukamm 2007).

„Intelligent Design verkörpert nicht wissenschaftliche Theorie, sondern religiöse Meinung“

Der Thomist M. Rhonheimer (2007) hat in einem jüngst veröffentlichten Brief an Schönborn noch einmal treffend formuliert, woran sich die Kritik entzündet: Nicht das Postulieren von Zweckmäßigkeit in der Natur gibt Anlass zur Kritik, sondern Zweckmäßigkeit „aufgrund von Handlungen (Eingriffe einer Intelligenz) erklären zu wollen, weil man dadurch entweder, falls solche Eingriffe als übernatürlich gedacht werden, die Natur ihrer ontologischen Konsistenz beraubt, oder aber Natur anthropomorph zu einem intentionalen Agens umdeutet“. Kurzum: Da die postulierten Schöpfungsakte als naturimmanente Erscheinung verstanden werden, naturalistischen Beschreibungsmitteln aber unzugänglich sind, steht Intelligent Design im Widerspruch zu den Prinzipien der modernen Realwissenschaften. Leicht ist zu erkennen, dass es sich um eine „variierte Neuauflage der biblizistisch-kreationistischen Agenda“ handelt (Rhonheimer 2007).

Dies wurde Intelligent Design Ende 2005 in dem legendären Dover-Prozess in Harrisburg, Pennsylvania, zum Verhängnis. Tammy Kitzmiller, die Mutter einer Schülerin, klagte gegen den Beschluss der örtlichen Schulbehörde, Intelligent Design als Alternative zur Evolutionstheorie zu unterrichten. Die 139-seitige Urteilsbegründung gab ihr Recht: Die Lehre verkörpere, für jeden objektiven Beobachter erkennbar, religiöse Meinung und keine wissenschaftliche Theorie, so der couragierte Richter. Sie bediene sich Strategien, die sie von früheren Formen des biblischen Kreationismus übernommen habe und aus dem sie aus taktischen Gründen evolvierte. Darum und mangels wissenschaftlicher Dimension sei es verfassungswidrig, Intelligent Design an Schulen zu unterrichten (Jones 2005).

Ausgerechnet der konservative Richter und Bush-Vertraute John E. Jones ließ sich durch prominente Evolutionsbiologen von der Unwissenschaftlichkeit des Intelligent Design überzeugen. Mit den Ausschlag dürfte die Aussage des Biologen und Intelligent Design-Vertreters Michael Behe gegeben haben, der sich im Kreuzverhör zu der peinlichen Behauptung hinreißen ließ, auch die Astrologie sei eine Wissenschaft, wenn man die Kriterien anwende, nach denen Intelligent Design der Status einer Wissenschaft zukomme (Leitner 2006).

Der Versuch, die Wissenschaftlichkeit des Konzepts herauszustreichen und es an den Schulen zur dominierenden Lehrmeinung zu machen, wurde also in Dover rigoros beendet. Seitdem kündigt sich ein Strategienwechsel an. Man versucht, stärker die weltanschaulich-eschatologischen Aspekte des evangelikalen Fundamentalismus zu rechtfertigen und den Darwinismus auf ethisch-moralischer Ebene anzugreifen (Leitner 2006). So stellt Behe in seinem neuesten Buch „The Edge of Evolution“ (2007) eine These in den Raum, deren soziale und ethische Sprengkraft kaum überschätzt werden kann: Auch Krankheitserreger, wie der für die Malaria verantwortliche Parasit Plasmodium falciparum seien, so Behe, aufgrund ihrer nicht reduzierbar komplexen Strukturen gezielt erschaffen worden. Zwar wurde die Argumentation in Behes Buch unlängst zerpflückt und ad absurdum geführt (Myers 2007). Doch der Gedanke an eine von Gott geschaffene Geisel in Form von Malaria und HIV begeistert die evangelikale Hardcore-Gesellschaft, die ja ohnehin den Darwinismus für jede Form des Werteverfalls und der Missachtung der Schöpfungsordnung verantwortlich macht.

Dieser Vorstoß Behes, der bislang zum gemäßigten ID-Flügel gerechnet wurde, ist ein Beleg mehr für den religiös-fundamentalistischen Hintergrund des Intelligent Design und zugleich als Versuch zu werten, verstärkt die evangelikale Klientel zu bedienen. Schönborn indes zeigt sich von solchen Auswüchsen so wenig beeindruckt, wie von kritischen Argumenten und dem Gerichtsurteil in Dover. Kürzlich legte er noch einmal nach und erklärte: „Wenn es zu den glaubwürdigen, vernünftigen Argumenten gehört über den Plan zu sprechen, über Intelligent Design zu sprechen, dann gehört das auch in die Schulen“ (Peterseil 2007).

Die Zuspitzung des Konflikts: Über das Erstarken fundamental-christlicher Strömungen in Europa

Dank Schönborns Intelligent Design-Kampagne ist der Streit um die Evolutionstheorie nun endgültig in Europa angekommen und führt seit einigen Jahren spürbar zum Erstarken fundamental-christlicher beziehungsweise antievolutionistischer Strömungen. Diese erfassen zunehmend auch politische Kreise. Während vor fünf Jahren hierzulande kaum jemand ernsthaft über Intelligent Design räsonierte, weil die faktische Leere des Konzepts zu offensichtlich schien, hielten in den Jahren 2005 und 2006 prominente Evolutionsgegner an mehreren Universitäten (Salzburg, Köln, Kassel und Witten/Herdecke) Seminare über Intelligent Design. Der rechtskonservative polnische Vize-Bildungsminister M. Orzechowski bezeichnet die Evolutionstheorie sogar als „Lüge, die man nicht an Schulen unterrichten darf“. In Italien scheiterte die ehemalige Bildungsministerin Letizia Moratti nur aufgrund massiver Proteste mit dem Versuch, die Evolutionstheorie aus den Lehrplänen der Grund- und Mittelstufe zu verbannen, und in Holland setzte sich die Bildungsministerin Maria van der Hoeven für Intelligent Design ein.

Auch in Deutschland finden sich immer mehr Politiker, die Intelligent Design ein Forum bieten wollen. So tritt der Thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) dafür ein, die „Kontroverse über zwei konkurrierende Theorien anzustoßen“ (Neukamm 2005b), womit er den falschen Eindruck erweckt, in der Fachwelt fände eine Kontroverse statt. Bereits 2002 pries Althaus ein evolutionskritisches Buch, in dem auch Intelligent Design beworben wird, als „sehr gutes Beispiel für werteorientierte Bildung“ und hoffte, dass das Buch „nicht nur von Biologielehrern für den Unterricht verwendet wird, sondern auf eine weit darüber hinaus gehende Leserschaft trifft“ (Details hierzu in Waschke 2003).

 

Was hier mit dem Gestus religiöser Demut und wissenschaftlicher Aufklärung vorgetragen wird, entpuppt sich als harter evangelikaler Wissenschaftsrevisionismus. Er nimmt nicht nur den wissenschaftlichen Naturalismus, sondern auch unser aufgeklärtes Weltbild unter Beschuss, und das mit allen Konsequenzen: Nähme man das von Wort und Wissen vertretene Weltbild ernst, wäre nicht nur die Evolutionstheorie falsch, auch die Fundamentaltheorien der Geologie, Paläontologie, Biogeographie, Kosmologie, Astro- und Kernphysik (und alle Theorien, die auf sie zurückgreifen) müssten aufgegeben oder völlig neu geschrieben werden. Denn nach Ansicht der Kreationisten kann das Universum nur etwa 10.000 Jahre alt sein, und die Arten wurden gleichzeitig, am sechsten Tag der „Schöpfungswoche“ durch Gottes Wort erschaffen.

Solche Thesen erscheinen manchem Fachmann hierzulande zwar wirr aber harmlos. Doch sind ihre gesellschaftlichen und ethischen Implikationen problematisch. Etwa dort, wo der Lebensstil von Alleinerziehenden, Homoelternpaaren, Doppelverdienereltern oder „Familien mit Hausmann“ verdammt und als „Missachtung der Schöpfungsordnung“ angeprangert wird (wie zum Beispiel in dem Schöpfungsbuch „Creatio“, das von Wort und Wissen gelobt und zum Kauf angeboten wird). Hier offenbaren sich die intoleranten Züge eines archaischen Welt- und Gottesbildes.

Um den Außenstehenden nicht mit den revolutionären Botschaften zu überrollen, wird nach außen hauptsächlich Intelligent Design vertreten und in Interviews bezüglich der Frage, wie alt denn nun die Menschheit sei, auch mal um den heißen Brei herum geredet. Doch die Aura der Seriosität verblasst, wenn man etwa liest, dass der Geburtsschmerz wohl als Folge des Sündenfalls anzusehen sei, oder wenn ernsthaft über die Frage diskutiert wird: „Passten alle Tiere in die Arche Noah?“. Wenn wiederholt die Existenz evolutionärer Mechanismen zur Erklärung von „Makroevolution“ bestritten wird, nur weil die in der Fachliteratur präsentierten Kausalmodelle unvollständig, in Teilen spekulativ und „nicht beweisbar“ sind, ahnt auch so mancher Nichtfachmann die Verdrehung dessen, was der Begriff Wissenschaft bedeutet.

In dem „evolutionskritischen Lehrbuch“ liest man über die weltanschaulichen Implikationen der Evolutionskritik freilich ebenso wenig, wie über die Motivation seiner Autoren. Obwohl die Argumentationsstrukturen des Buches pseudowissenschaftliche Züge tragen (siehe zum Beispiel Mahner 1999; Neukamm 2005a, 2007), werden die Fakten über weite Strecken scheinbar neutral vorgetragen, was es Menschen ohne biowissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Hintergrund erschwert, Fehler aufzudecken. An diversen christlichen Privatschulen, wie etwa an der Gießener August-Herrmann-Francke-Schule, wird das Buch im Biologieunterricht als das bibelkonforme Lehrbuch verwendet (Mersch 2006), und es findet sich auch in den Bibliotheken einiger staatlichen Schulen.

Das Hessische Kultusministerium sieht keine Veranlassung, über die Aufsichtsbehörden religiös-weltanschauliche Aspekte aus dem Biologieunterricht fern zu halten. Man beruft sich auf eine „Erziehung im Geiste der christlich-humanistischen Kultur“ sowie auf die Autonomie der Privatschulen. Zwar distanziert sich die Kultusministerin Karin Wolff (CDU) vom Kreationismus, sie plädiert aber öffentlich dafür, fächerübergreifend Schöpfungsvorstellungen zu behandeln, zumal es zulässig sein müsse, die Evolutionstheorie in Frage zu stellen (Kutschera 2006). Was in den USA gerichtlich unterbunden wurde, scheint in Deutschland also möglich zu sein und ist in vielen christlichen Privatschulen längst Praxis. Die Keil-Strategie findet hier in Form des griffigen Slogans „lehrt die Kontroverse“ eine gefährliche Ansatzstelle.

Die Haltung Papst Ratzingers

Vor einiger Zeit hat sich auch das neue katholische Oberhaupt in den Konflikt eingeschaltet und Kardinal Schönborn den Rücken gestärkt. So kam es im letzten Jahr zu einer Begegnung zwischen Schönborn, Papst Ratzinger und seinen früheren Schülern in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Inhaltlich stand das Verhältnis von Evolutionstheorie, Schöpfungstheologie und Vernunft im Zentrum der Gespräche, die inzwischen in einem Dokumentationsband (Horn und Wiedenhofer 2007) veröffentlicht wurden. In diesem Fachbuch äußert sich der Papst zu der Frage, wie die Erkenntnisse der modernen Biologie ins christliche Weltbild passen.

Papst Ratzinger erklärt, die Naturwissenschaften hätten „große Dimensionen der Vernunft erschlossen, die uns bisher nicht eröffnet waren“. Allerdings weist er die so gelobten Forscher in ihre Schranken: Die Frage, woher die Rationalität stamme, läge außerhalb ihrer Kompetenz, die Naturwissenschaft „kann und darf darauf nicht direkt antworten“ (zitiert nach Schmitt 2007). Auch relativiert Papst Ratzinger das Zugeständnis Papst Wojtylas, die Evolution sei mehr als eine Hypothese. Die Evolutionstheorie sei keine vollständige, wissenschaftlich bewiesene Theorie, kontert der Papst nach Angaben der Nachrichtenagentur AP und verweist darauf, dass die langen Zeitspannen der Evolution eine Überprüfung unmöglich machten: „Wir können keine 10.000 Generationen ins Labor holen“, der Ursprung des Lebens könne letztlich wissenschaftlich nicht erklärt werden.

Schönborns und Papst Ratzingers Aussagen: Eine Analyse

Die harschen Worte der katholischen Glaubenshüter lassen keinen Zweifel daran bestehen, dass sie die Deutungshoheit des christlichen Theismus über die Naturwissenschaften beanspruchen. Schönborn und Papst Ratzinger scheinen zwar vordergründig die Prinzipien der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung anzuerkennen. Sie sind auch gewiss keine Kreationisten im orthodoxen Sinne. Dies hindert sie aber nicht daran, Theorien und Modelle, die mit den Glaubensvorgaben der „Heiligen Schrift“ nicht kompatibel sind, sogleich ins intellektuelle Abseits zu stellen und für „unwahr“ und „ideologisch“ zu erklären. Dass mit Intelligent Design geliebäugelt wird, ist auch nicht zu verkennen.

Die Rückbesinnung auf fundamental-christliche, wissenschaftskritische Positionen ist nach Ansicht von M. Mahner, Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken der GWUP e.V., nicht überraschend. Obwohl die Vertreter der katholischen Kirche zumeist eine Evolution zugestehen, so können sie doch nicht wirklich zugeben, dass diese ohne göttliche Absichten und Interventionen auskommen kann. Sie können kaum annehmen, dass Gott einen Jahrmilliarden andauernden, unvorherbestimmten Evolutionsprozess initiiert, „um einmal zu schauen, ob dabei etwas herauskommt, das er dann endlich durch Entsendung seines Sohnes erlösen kann. Und vor allem erlösen wovon, wenn es in einer natürlichen Welt keine Erbsünde gibt?“ (Mahner 2005).

Man sieht, das Problem ist vertrackt. Einerseits braucht Religion eine minimale Teleologie. Andererseits beschäftigt sich Religion, sobald eine transzendente, göttliche Lenkung des Weltgeschehens angenommen wird, zum Teil mit denselben Gegenstandsbereichen wie die Naturwissenschaften und trifft Aussagen, die (zum Teil) ihren Erkenntnissen und Prinzipien widersprechen. Auf die Evolutionstheorie gemünzt bedeutet das: Die Kausalmodelle der Evolutionstheorie wären falsch, prinzipiell unzureichend zur Erklärung der Evolution und die Evolutionstheorie nur ein unbedeutender Zwischenschritt auf dem Weg zu einer „Finalerklärung“, die lediglich auf den unerforschlichen Ratschluss einer höheren Macht verweisen kann. Um mit T. Junker zu sprechen: „Wenn die Wissenschaft … nicht in der Lage sein sollte, ein angeblich leicht und klar erkennbares Naturphänomen (Ziel und Plan in der natürlichen Welt) zu identifizieren, dann handelt es sich entweder um ein Phantasiegebilde – oder es gibt diesen Plan, dann wäre seine Unauffindbarkeit durch die Wissenschaft eine Bankrotterklärung, die sie in ihren Grundfesten erschüttern würde. Weitreichende Erkenntnisse wird man von ihr jedenfalls nicht mehr erwarten dürfen, sondern höchstens noch, was ihr die katholische Kirche laut Schönborn zugesteht…“ (Junker 2007, S. 76).

Die Kritik: Warum die Realwissenschaften naturalistisch sind.

Kardinal Schönborn und Papst Ratzinger kritisieren eine „Ideologie des Evolutionismus“ und bezeichnen sie als „unwahr“. Tatsächlich aber kritisieren und behindern sie aufgrund subjektiver religiöser Überzeugungen die Anwendung eines essentiellen Prinzips der Wissensgewinnung auf einen Teil der Biologie, wonach übernatürliche Ursachen in den Realwissenschaften als unzulässig gelten (Naturalismusprinzip).

Dieses Prinzip ist keine beliebige weltanschauliche These, wie die Bezeichnung „Ideologie“ nahe legt, vielmehr handelt es sich um eine wohlbegründete, prinzipiell auch revidierbare These sowie um einen für die wissenschaftliche Theorienbildung und Erklärung unverzichtbaren Rationalitätsstandard. Nur Theorien, die prüfbare mechanismische Aussagen enthalten, haben Erklärungskraft. Religiöse Aussagen und Erkenntnismethoden (wie Offenbarung, Intuition oder religiöse Erfahrung) können in den empirischen Wissenschaften nicht akzeptiert werden, da sie sich der Forderung nach intersubjektiver Nachvollziehbarkeit verschließen (Mahner 2005). Da sie sich zumindest zum Teil auf unerforschliche Kräfte berufen, haben ihre Aussagen auch keinen Erklärungscharakter.

Das naturalistische Prinzip hat sich als so erfolgreich erwiesen, dass die Annahme übernatürlicher Eingriffe in den Gang der Welt objektiv unbegründet erscheint

Welche Folgen hätte die Nichtbeachtung des Naturalismusprinzips? Zögen die Naturwissenschaftler in Betracht, dass der Christengott oder ein nicht spezifizierbarer Designer die Evolution aufgrund seines unerforschlichen Ratschlusses beeinflusste, könnte man – je nach persönlicher Glaubenslage – auch in anderen Bereichen der empirisch fassbaren Wirklichkeit den Eingriff Gottes (oder sonst einer transzendenten Intelligenz) reklamieren: Warum sollte man dann nicht auch davon ausgehen dürfen, der Schöpfer beeinflusse die Entstehung von Planetensystemen, den thermonuklearen Zyklus auf der Sonne oder steuere die äußerst verwickelten und bis heute erst ansatzweise bekannten Prozesse in der Embryonalentwicklung? Ja, warum sollte man dann nicht auch annehmen, dass die Natur unter dem Einfluss astrologischer oder vitalistischer Kräfte stünde oder sich unter der Ägide jener Götter entwickelt, deren Erzählungen uns aus der griechischen Mythologie oder aus zahlreichen anderen polytheistischen Religionen überliefert wurden?

Man sieht: Würde man den weltimmanenten Naturalismus nicht konsequent akzeptieren, gäbe es kein Halten mehr, wir gerieten auf eine „schiefe Bahn“, in der nach Belieben der Einfluss transzendenter Faktoren postuliert werden könnte, und die nach dem griffigen Slogan „lehrt die Kontroversen und lasst die Kinder selbst entscheiden“ im Unterricht behandelt werden müssten (siehe hierzu den Cartoon von Tony Auth in der Washington Post vom 04.08.2005). Wer auch nur an einem Faden unseres Weltverständnisses zieht, zerstörte das gesamte rationale Begreifen.

Gelegentlich wird behauptet, dass die Annahme „gelegentlicher“ Eingriffe transnaturaler Wesen in den Gang der Welt für die wissenschaftliche Forschung kein ernsthaftes Problem darstelle – schließlich könnten auch unter dieser Prämisse die „Erkenntnismöglichkeiten mit Hilfe der wissenschaftlichen Methodik … nach allen Regeln der Wissenschaftskunst ausgelotet werden“ (Wort und Wissen 2006). Dies geht aber an der Sache vorbei, denn dies würde selbstverständlich auch für die radikalste Form des Theismus, den heute kaum mehr ernsthaft vertretenen Okkasionalismus, gelten, wonach jedes Ereignis direkt von Gott verursacht wird. Auch in diesem Fall würde uns niemand daran hindern, Gottes Ratschlüsse zu „erforschen“ und zu beschreiben. Doch die Annahme übernatürlicher Wirkursachen ist zum einen erkenntnistheoretisch nicht begründbar und zum anderen hätte sie zur Folge, dass eine konsistente, mechanismische Erklärung des Weltgeschehens nicht mehr möglich wäre. Nur wenn man davon ausgeht, dass es in diesem Universum keine „kausalen Löcher“ gibt, in denen sich Götter, Geister, unspezifizierbare Designer et cetera tummeln, ist es möglich, ein in sich stimmiges Netzwerk aus erklärungsmächtigen, sich gegenseitig erhellenden Theorien zu konstruieren, das uns ein über die Einzeldisziplin hinausreichendes Weltverständnis vermittelt (Prinzip der Kohärenz).

 

Gewiss, Ratzinger hat Recht, wenn er betont, dass die Stammesgeschichte nicht im Labor untersucht werden könne. Außerdem kann die Evolutionstheorie auch heute nicht alles erklären, was es zu erklären gilt – sonst wäre die Forschung zu Ende. Stützt dies aber die Vermutung, dass die Evolutionsforschung am Ende sei? Aus wissenschaftlicher Sicht heißt die Antwort: Nein. Der Naturalismus ist in der evolutionären Forschung nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft. Wollte man Ratzingers Logik folgen, wäre nicht nur der „Neodarwinismus“, sondern überhaupt jede Theorie, die sich mit der Rekonstruktion historischer Ereignisse und mit Aspekten beschäftigt, in denen es kompliziert wird und wo noch nicht alles erklärt ist, ein Einfallstor für übernatürliche Spekulationen. Ja schlimmer noch, schon die Nichtreproduzierbarkeit und Nichtvorhersagbarkeit, durch die sich die meisten realen Systeme auszeichnen sowie die Unmöglichkeit, theoretisch postulierte Sachverhalte mit mathematischer Sicherheit zu beweisen, wären Grund genug, sie einer göttlichen Lenkung unterstellt zu sehen.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Fehlende (Teil-) Erklärungen und die hypothetische Rekonstruktion der Vorgänge in der Natur sind nicht gleichbedeutend mit einem Scheitern des naturalistischen Prinzips, und die „nicht reduzierbare Komplexität“ bestimmter Artmerkmale entpuppt sich als vorurteilsbehaftet (Neukamm 2007). Die Aufgabe der Naturwissenschaften besteht nicht darin, einen Sachverhalt im streng logischen Sinne zu beweisen, sondern angemessene Arbeitsmodelle bereitzustellen, die einen bestimmten Gegenstandsbereich beschreiben und kausal erklären.

Fazit: Konflikt statt Komplementarität – Was nun? Eine philosophische Schlussbetrachtung

Ranghohe Vertreter der katholischen Kirche erliegen immer wieder der Versuchung, die Naturwissenschaften der Deutungshoheit der Theologie zu unterstellen. Etablierte Theorien wie die Evolutionstheorie, die mit der christlichen Dogmatik nicht kompatibel erscheinen, werden als „Ideologie“ eingestuft und als unwissenschaftlich beschimpft. Die Würdenträger stärken damit fundamental-christliche, antievolutionistische Strömungen in Europa. Zögen jedoch die Wissenschaftler übernatürliche Ursachen in Betracht, fielen sie der Beliebigkeit anheim und würden von ihrem Hauptziel abrücken, der Erklärung der Vorgänge in der Natur.

Nachdem wir diesen Konflikt kommentiert haben, können wir uns um die Gretchenfrage nicht herumdrücken, die da lautet: Kann man in konsistenter Weise Naturwissenschaftler sein und trotzdem an eine spirituelle Wirklichkeit im religiösen Sinne glauben? Streng genommen lautet die Antwort „Nein“, denn die Wertesysteme von Realwissenschaft und Religion sind grundverschieden. Während in den Realwissenschaften eine subjektive Bewertung empirischer Befunde inakzeptabel ist, ist sie in der Religion gang und gäbe (Mahner 2005).

Wer an Gott glaubt, zugleich aber Wissenschaft betreiben möchte, ohne dabei an ihren Prinzipien oder ihren Fundamentaltheorien anzuecken, der kann dies bestenfalls im Sinne des eingangs beschriebenen Deismus, der zumindest einen weltimmanenten Naturalismus zugesteht. Dieser schließt die Existenz einer Übernatur zwar nicht aus, sieht aber im Sinne der üblichen wissenschaftlichen Methodologie vor, „… dass das Universum in seinem empirisch, aber auch theoretisch fassbaren Bereich ohne Rekurs auf autonome spirituelle Entitäten, besondere Lebenskraft oder teleologische und transzendente Wirk-Faktoren erkannt werden kann“ (Kanitscheider 2003). Und es ist eine weitere Einschränkung anzubringen: Auch für den Urknall werden in der Kosmologie keine Schöpfungsakte, sondern Energiefelder und quantenphysikalische Prozesse verantwortlich gemacht (Linde 1994). Bestenfalls das primordiale Energiefeld, also der Keim, aus dem sich alles entwickelte, könnte in Vereinbarkeit mit den Naturwissenschaften auf Gott zurückgeführt oder mit „Gott“ gleichgesetzt werden. Nur: Was hätten wir davon? Es wäre im Grunde nur eine Etikettierung. Religiöse Bedürfnisse könnte diese radikal-deistische Lösung wohl nicht befriedigen.

Naturimmanente Erklärung nur ohne göttliches Wirken

Schon liberalen Religiösen, die eine konziliante Haltung gegenüber der naturalistischen Wissenschaft einnehmen, erscheint der Deismus zu hart. So schlägt Rhonheimer (2007) vor, den Naturalismus zwar als weltimmanentes, methodologisches Prinzip zu akzeptieren, dabei aber auch die quantenmechanische Unbestimmtheit mikrophysikalischer Systeme als eine Möglichkeit göttlicher Intervention in Betracht zu ziehen. Anders ausgedrückt: Gott könne – sozusagen in Form eines „versteckten Parameters“ im Zufall – den Urknall und das Weltgeschehen beeinflussen, ohne „mit der Struktur der modernen Naturwissenschaften in Konflikt [zu] geraten“.

Leider hat auch dieses Modell einen Haken: Bereits die Annahme, eine nicht prognostizierbare Größe habe einen bestimmten Wert, den wir nur aufgrund unserer beschränkten Erkenntnismethoden nicht erkennen können, führt zu Widersprüchen mit den Resultaten der Quantenmechanik. Die unbestimmten Eigenschaften eines Quantensystems sind der Quantenphysik zufolge objektiv unbestimmt und können daher auch von einem allwissenden Wesen nicht gewusst und von einem allmächtigen Wesen nicht beeinflusst werden, ohne die geltenden Gesetze zu verletzen beziehungsweise mit der Struktur der modernen Naturwissenschaften in Konflikt zu geraten (Mittelstaedt 2001). Somit beinhaltet Rhonheimers Versuch, göttliches Wirken in eine „naturimmanente Erklärung“ hineinzuschmuggeln, keine naturimmanente Erklärung mehr. Ob ich behaupte, der intelligente Designer erschuf die Arten auf wundersame Weise oder Gott überwinde auf geheimnisvolle Weise die Gesetze der Quantenmechanik, ist wissenschaftslogisch dasselbe und gleichermaßen fragwürdig. Eine Synthese von Religion und Naturwissenschaft kann es in dieser Form also nicht geben, weder auf Kosten der Kosmologie, noch der Quantenmechanik, noch der Evolutionsbiologie. Die Trennung von Religion und Wissenschaft wird nicht von ungefähr als wichtigster Vernunftschluss seit der Aufklärung angesehen, ja sie ist geradezu eine der Erfolgsbedingungen der empirischen Wissenschaften.

Freilich, solche Aussagen wirken provozierend. So hat mir der Münchner Jesuit Christian Kummer unlängst unterstellt, man fühle sich offenbar „vom christlichen Schöpfungsmythos bedroht“ und sei wohl daran interessiert, einen „neuen Kulturkampf“ anzuzetteln – fast so, als plädiere man dafür, das Recht auf freie Religionsausübung abzuschaffen. Den Ausschlag gab eine Monographie (Kutschera 2007), in der zehn Naturwissenschaftler, Ingenieure, Wissenschaftsphilosophen und -Historiker versuchen, den Wildwuchs religiöser Spekulation einzudämmen, um sich nicht ständig auf wissenschaftlichem Terrain mit pseudowissenschaftlichen Behauptungen auseinandersetzen zu müssen. Gegen religiös motivierte Wissenschaftskritik sind stringente wissenschaftslogische Argumente gefordert, an denen gemessen die Glaubensvorstellungen liberaler Christen natürlich ebenso unbegründet erscheinen, wie die Glaubensvorgaben der Kreationisten, Astrologen und so weiter. Dies ist die Konsequenz, mit der ich wohl Kummers Zorn auf mich zog. Aber ist diese nüchterne Tatsachenfeststellung schon Ausdruck eines Kulturkampfes? Wie können und wie sollten (liberale) Religiöse und Naturalisten überhaupt miteinander umgehen?

Aus meiner Sicht können die Anhänger beider Weltanschauungen fruchtbar in den Naturwissenschaften kooperieren, sofern keine religiösen oder religiös motivierten Fundamentalismen ins Spiel kommen. So haben der Theist T. Dobzhansky und der Atheist E. Mayr demonstriert, wie auch in der Evolutionsbiologie (liberale) Religiöse und Naturalisten zusammenarbeiten können (Kutschera 2007). Auch Kummer zeigt beispielhaft, wie man die Evolutionstheorie gegen fundamentalistische Angriffe verteidigen kann.

Kummer möchte sich aber offenbar, wie so viele Religiöse und Naturwissenschaftler, auch auf der intellektuellen Ebene arrangieren, indem man eine Art Komplementarität zwischen der Theologie und den Naturwissenschaften ausruft, wonach eine teleologische Interpretation sozusagen als Bereicherung oder Vervollständigung der Evolutionstheorie aufgefasst und in dessen Licht der konsequente wissenschaftliche Naturalismus dann ebenso als Ideologie gesehen wird, wie der Kreationismus in all seinen Erscheinungsformen. Aber diese Form des Arrangierens ist – wie ich in dieser Arbeit zu zeigen versuchte und was schon Freud betonte – aus sachlichen (philosophischen und faktischen) Gründen eine schiefe Angelegenheit (siehe dazu auch Bunge und Mahner 2004; Neukamm 2007). Sie ist nur möglich, wenn sich die Religiösen einer Art Orwellschen Zwiedenkens befleißigen. Dies auszusprechen hat nichts mit Kulturkampf oder irrationalen Ängsten und auch nichts mit einer Verachtung religiöser Standpunkte zu tun, sondern dient der intellektuellen Redlichkeit. Auch wenn manche dazu neigen, die Gegensätze zwischen Religion und Naturwissenschaft aus psychologischen beziehungsweise taktischen Gründen unter den Teppich zu kehren, sie lassen sich nicht aus der Welt schaffen.

Literatur:

Behe, M. (2007) The Edge of Evolution. Free Press, New York.

Bunge, M.; Mahner, M. (2004) Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft. Verlag S. Hirzel, Stuttgart.

Daecke, S.M. (2001) Schöpfung als Interpretation von Evolution. In: Weingartner, P. (Hrsg.) Evolution als Schöpfung? Verlag Kohlhammer, Stuttgart, 73-96.

Horn, S.O.; Wiedenhofer, S. (2007) Schöpfung und Evolution. Sankt Ulrich Verlag, Augsburg.

Jones, J.E. (2005) Kitzmiller v. Dover Area School District. Decision of the Court. (Eine Kopie finden Sie hier.)

Junker, T. (2007) Schöpfung gegen Evolution – und kein Ende? Kardinal Schönborns Intelligent-Design-Kampagne und die katholische Kirche. In: Kutschera, U. (Hg.), 71-97.

Kanitscheider, B. (2003) Naturalismus, metaphysische Illusionen und der Ort der Seele. Grundzüge einer naturalistischen Philosophie und Ethik. In: Zur Debatte. Themen der Katholischen Akademie in Bayern 1, 33-34.

Kutschera, U. (2004) Streitpunkt Evolution. Darwinismus und Intelligentes Design. Lit-Verlag, Münster.

Kutschera, U. (2006) Schöpfungsmythen im Biologieunterricht. Protestbrief, unterzeichnet von 13 Wissenschaftlern, Ingenieuren und Lehrern. (Protestschreiben an die Hessische Kultusministerin Karin Wolff)

Kutschera, U. (2007, Hrsg.) Kreationismus in Deutschland. Lit-Verlag, Münster.

Leitner, R. (2006) Freispruch für Darwin? Skeptiker 19(4), 136-140.

Linde, A. (1994) The Self-Reproducing Inflationary Universe. Scientific American 271, 48.

Mahner, M. (1999) Buchbesprechung R. Junker & S. Scherer: Evolution – ein kritisches Lehrbuch. Skeptiker 12(4), 183.

Mahner, M. (2005) Religion und Wissenschaft: Konflikt oder Komplementarität? MIZ 34, 16-20.

Mersch, B. (2006) Kreationismus in Deutschland. Vor uns die Sintflut. (Zum Artikel.)

Mittelstaedt, P. (2001) Über die Bedeutung physikalischer Erkenntnisse für die Theologie. In: Weingartner, P. (Hrsg.) Evolution als Schöpfung? Kohlhammer, Stuttgart, 135-148.

Myers, P.Z. (2007) Behe’s Edge of Evolution, Part 1 (and 1a). (Text.)

Neukamm, M. (2005a) Junker, R.; Scherer, S. (2001): Evolution. Ein kritisches Lehrbuch. (Rezensionstext hier).

Neukamm, M. (2005b) Thürigens Ministerpräsident (CDU) lädt Evolutionskritiker Scherer aus. (Neukamms Bericht).

Neukamm, M. (2007) Wissenschaft und ontologischer Naturalismus. Eine Kritik antievolutionistischer Argumentation. In Kutschera, U. (Hg.), 163-231.

Peterseil, E. (2007) Intelligent Design als neue Religion? Jessasmaria 1, 14-16.

Rhonheimer, M. (2007) Neodarwinistische Evolutionstheorie, Intelligent Design und die Frage nach dem Schöpfer. Aus einem Schreiben an Kardinal Christoph Schönborn. Imago Hominis 14(1), 47-81.

Schmitt, S. (2007) Papst weist Naturwissenschaft in die Schranken. (Artikel aus Der Spiegel) Schönborn, C. (2005) Finding Design in Nature. New York Times 7. Juli.

Waschke, T. (2003) Deutscher Schulbuchpreis für Evolutionskritik. (Schulbuchpreis)

Wojtyla, C. (1996) Christliches Menschenbild und moderne Evolutionstheorien. Botschaft von Papst Johannes Paul II. an die Mitglieder der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften anläßlich ihrer Vollversammlung am 22. Oktober 1996. (Text der Papst-Botschaft.)

Wort und Wissen (2006) Kurzcharakterisierung wichtiger Ursprungslehren. (Text der Studiengemeinschaft WORT und WISSEN e.V. hier.)