Das Klopapier von Lüdinghausen


Bewährungsstrafe
für 61-Jährigen

Mareike Aden – zdf

„Die Aufregung über den Umgang mit dem Koran in Guantanamo hat mich auf die Idee gebracht, den Koran auf Klopapier drucken zu lassen“, tippte „Mahavo“ im Juni 2005 in ein Internet-Forum. Hinter ihm verbirgt sich der 61 Jahre alte Manfred van H. Am Donnerstag hat ihn das Amtsgericht Lüdinghausen bei Münster deshalb zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung verurteilt. Es ist das erste Mal, dass sich ein deutsches Gericht mit Koran-Schmähungen beschäftigt – ausgerechnet mitten im Karikaturenstreit.

Für den Anfang, diese Aktion ist dumm und grotesk, viel Gehirn hat der Verursacher dieser Aktion nicht in seine Tat eingebracht. Was betroffen macht ist die Tatsache, dass gelogen wird, was das Zeug hält. Ohnmacht nennt man das wohl. Da hat ein Gericht in vorauseilendem Gehorsam ein Exempel statuiert — zur „Wahrung des sozialen Friedens“. Die Vernunft darf man beleidigen, so viel man will, irrationalen Glauben dagegen muss man respektieren. Der § 166 des StGB dürfte nach einer solchen Auslegung in weitaus stärkerem Maße zur Anwendung kommen als jemals zuvor. Hat dieses Urteil seine Ursache in einem Schreiben der iranischen Regierung an die Bundessregierung, es ist anzunehmen. Es bleibt ein bitterer Beigeschmack, die Plumpheit des Täters manifestiert sich in der Plumpheit seiner Richter. Der Sinn des Klopapiers ist es zu einem ganz bestimmten Zweck verwendet zu werden, wir nehmen es täglich in die Hand, es ist ein guter Werbeträger, aber es bleibt Klopapier, auch wenn da Koran draufsteht. Und es gehört ein gerüttelt Maß an Irrationalität dazu anzunehmen, nur weil da Koran draufstand wird dieses Papier zur Devotionale.

Der Skandal ist, dass der Klopapierbeschmierer ja nicht für seine Geschmacklosigkeit bestraft wurde (was er verdient gehabt hätte), sondern für die angebliche Störung des öffentlichen Friedens qua symbolischer Beleidigung eines religiösen Heiligtums.

Wer immer daran interessiert ist, dass in diesem Land Wahrheiten Vorfahrt vor Lügen haben und frei geäußert werden dürfen, muss entschieden dafür eintreten, dass religiöse Lehren rationaler Kritik schonungslos ausgesetzt werden wie alle anderen Überzeugungen auch. Dies umfasst selbstverständlich das Recht, am Koran resümierend kein gutes Haar zu lassen und das in plakativer Deutlichkeit zu demonstrieren.

Schlechte Ideen sterben lassen können, bevor dafür Menschen sterben müssen — wo das nicht mehr uneingeschränkt möglich ist, haben die Verfassungsfeinde gewonnen.

Der Satz „Am A…. des Propheten zu sein“, gewinnt in Lüdinghausen eine völlig neue Bedeutung.

Die ganze Geschichte hier

17 Comments

  1. @derautor

    === schnipp ===
    Es geht um um den Gotteslästerungsparagraphen §166 StGB und nur um den.
    === schnapp ===

    okay, das habe ich übersehen.

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  2. Den Spruch lasse ich mir rahmen: „Die Vernunft darf man beleidigen, so viel man will, irrationalen Glauben dagegen muss man respektieren.“ Da steckt soviel Wahrheit drin…das ich weinen muss!

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  3. Du bist definitiv der Falsche, mich darüber zu belehren, wo du doch noch nicht einmal weißt, dass Beleidigung, Üble Nachrede, Rufmord, Volksverhetzung etc. unabhängig von §166 ohnehin strafbar sind (laut §§ 185-200; 130 StGB). Es geht um um den Gotteslästerungsparagraphen §166 StGB und nur um den.

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  4. @derautor

    === schnipp ===
    Hm. Ich will Kritik ja nicht verbieten, aber symbolisch, so dass sie die Problematik des Paragraphen einsehen, könnte man das machen.
    === schnapp ===

    mach‘ das doch einfach mal. Vielleicht merkst Du dann den Unterschied zwischen erlaubter Kritik, Grenzen der Satire und Beleidigung von wem auch immer durch was auch immer.

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  5. @derautor

    === schnipp ===
    Warum beschwert sich eigentlich niemals jemand darüber, wenn seine aufgeklärten Gefühle verletzt werden? Das fällt schließlich auch unter diesen Paragraphen. Dann wäre ich aber nur noch am Verklagen, wenn ich das nutzen würde.
    === schnapp ===

    mach‘ das doch einfach mal. Wenn Du damit Erfolg hast, erreichst Du mehr als mit allem zusammen, was Du bisher gemacht hast.

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  6. In den USA muss man sich noch ganz andere Sachen anhören, da gibt es keine Gesetze gegen Beleidigung.

    Was den Fall betrifft: Manfred van H. war offenbar ein christlicher Fundamentalist. Das ändert meine Meinung allerdings nicht. Gleiches Recht für alle und wenn ich für die Abschaffung des §166 bin, dann darf auch ein Christ dies nutzen.

    Sinnloses in den Schmutz ziehen muss eben auch erlaubt sein, damit disqualifiziert man sich ohnehin selbst. Man kann nicht für alles Gesetze haben, es gibt auch keine Tischsitten-Gesetze.

    Warum beschwert sich eigentlich niemals jemand darüber, wenn seine aufgeklärten Gefühle verletzt werden? Das fällt schließlich auch unter diesen Paragraphen. Dann wäre ich aber nur noch am Verklagen, wenn ich das nutzen würde.

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  7. @anonym

    Man muss sich in diesem Land zum Glück nicht alles gefallen lassen. Waschlappen sind die, die die Klappe aufreißen, aber nicht dafür gerade stehen wollen.

    deshalb die falsche E-Mail Adresse?
    Und noch etwas, hier darf jeder seine Meinung sagen. Das ist genau der Duktus dieses Blogs.
    Nur offensichtliche Trolls werden gelöscht.

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  8. Das vermeintliche Werturteil besteht in diesem Fall nur in einem in den Schmutz ziehen.

    Man muss sich in diesem Land zum Glück nicht alles gefallen lassen. Waschlappen sind die, die die Klappe aufreißen, aber nicht dafür gerade stehen wollen.

    In einem Brights-Blog darf man einen anderen Duktus erwarten.

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  9. Durch diese Aktion wird die Weltanschauungsfreiheit in keiner Weise eingeschränkt. Im Vergleich zu Shakespeare ist die Bibel für mich auch Klopapier, na und? Für Christen ist Voltaire Klopapier. Was soll’s? Damit kann ich leben.

    Eine Nation von Heulsusen, Waschlappen und Weicheiern ist das, wenn man für literarische, politische oder eben religiöse Werturteile ein Jahr lang ins Gefängnis kommen kann.

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  10. Ihn für Geschmacklosigkeit zu verurteilen wäre auch nicht gerade besser gewesen…

    Einen „extremen Übergriff“ kann ich in dem Handeln des Mannes nicht erkennen. Das wäre meiner Meinung nach der Fall, wenn er Muslime dazu zwingen würde, den Koran als Klopapier zu benutzen. Tut er aber nicht. Wer es hätte tun wollen hätte es tun können, wer es nicht hätte tun wollen hätte es lassen können.
    Soll er doch machen was er will, solange er niemanden zu etwas nötigt und keine Volksverhetzung betreibt.

    Und das Strafmaß erscheint mir dann absolut abwegig. So viel bekommen häufig nicht einmal Personen, die gefährliche oder gar schwere Körperverletzungen begehen…

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  11. Man könnte diese Nonsens-Aktion ja als praktische Literaturkritik abtun, aber erst das Gericht macht diesen Unfug zum Politikum.
    Wo soll das den enden? Immer wenn sich die Berufsempörten (auch bekannt als Moslems) angegangen fühlen muss der böse Kritiker in den Knast, damit der öffentliche Friede gewahrt bleibt? Nein, danke! Auf diesen „Frieden“ kann ich verzichten.

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  12. Die Tatenlosigkeit der deutschen Justiz im Fall des Rappers Muhabbet läßt die politisch getroffene Entscheidung erahnen.

    van Gogh hat noch Glück gehabt, daß er so schnell gestorben ist, wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn erstmal in den Keller gesperrt und gefoltert“

    so der deutschtürkische Rapper.

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  13. Einen Skandal kann ich in dem Urteil nicht erkennen.

    Die Aktion mit dem Klopapier erscheint mir auch schwer nachvollziehbar zu sein: Welchem Zweck außer der Beschimpfung der Religion sollte das dienen?

    § 166 StGB schützt das Grundrecht der Religions- und Weltanschauungsfreiheit auch vor besonders extremen Übergriffen der Mitbürger. Ohne einen solchen Schutz ist das Grundrecht eine Farce.

    Über das Strafmaß kann man geteilter Meinung sein, mir erscheint es deutlich zu hoch.

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