Der singende Antichrist


oder Gesichts-Elfmeter, wie er sich schon mal selbst bezeichnet. Von Jean-Martin Büttner

Wenn kein Akkord scheusslich genug ist

Morgen präsentiert Marilyn Manson im Hallenstadion wieder sein Schockprogramm. Seine Provokationen haben Tradition. Und die hat einiges mit den USA zu tun.

«Welcome to my nightmare / I think you’re gonna like it.»
Alice Cooper
.

Bill O’Reilly arbeitet als Fernsehmoderator bei Fox TV, einem Sender von Robert Murdoch. Der Mann ist der Scharfrichter unter den Interviewern, der seine Gäste vor laufender Kamera angreift, verhöhnt und niederschreit. Das heisst alle, die sich links von ihm noch bewegen. Im Februar hatte er den amerikanischen Sänger Marilyn Manson zu Gast. Der gilt mit seinen Songs, Texten, Videoclips und Auftritten seit langem als singender Antichrist, zumindest für die evangelikale Rechte, die amerikanischen Republikaner – und damit auch für Bill O’Reilly.

Der Moderator stellte seinen Gast als moralisches Scheusal hin, der sein junges Publikum zum Selbstmord und zu satanischen Riten animiert und in die Homosexualität treibt (für O’Reilly offenbar dasselbe). Doch Manson blieb die Ruhe selbst. Er reagierte sachlich, schlagfertig, selbstironisch, differenziert und parierte die Vorwürfe mit aufreizender Gelassenheit. Seine Provokationen, erklärte er dem zunehmend fassungslosen Moderator, funktionierten als Spiegel einer Gesellschaft, die selbst von Gewalt und ihrer Darstellung besessen ist. «Thank you for having me on your show», sagte er zuletzt: «I like you to challenge me. »Hätte O’Reilly über seine schäumenden Attacken hinaus gedacht, wäre ihm vielleicht der Unterschied zwischen Haltung und Inszenierung, Ansicht und Aufführung bewusst geworden. Möglicherweise hätte er auch realisiert, dass sich gerade in diesem Genre viele Musiker Spass daraus machen, ihre Intelligenz hinter Vulgaritäten zu verstecken. «It’s better to look stupid», wie Alice Cooper einmal gesagt hat, «than to be stupid.»

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7 Comments

  1. @Wolfgang Hömig-Groß

    manche aspekte finde ich echt super! eine zeitlang begannen seine konzerte in den usa mit einer demonstration gegen das christentum (wobei die gegendemonstranten in der mehrzahl waren)

    manche wiederrum verstehe ich nicht ( ich habe mich mit diesen auch nicht auseinander gesetzt ) aber malt bilder wo er eine hakenkreuzflagge hat, macht „kunst“-ausstellungen in denen auch häufig hakenkreuze vorkomme etc. keine ahnung was da war, was das soll, was er damit errichen und ausdrücken will.

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  2. naja spätestens seit 1938 habe ich mit bücherverbrennungen meine probleme…
    auch wenn der kommentar von manson “ ich kann nicht anderst “ echt witzig ist! 🙂

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  3. Der Mann (Manson) ist überhaupt gut. Vielleicht nicht seine Musik (kenne ich nicht), aber was er sagt ist stets intelligent und zielführend. Naja: alles, was ich bisher von ihm gehört habe. Und es ist schon sehr kompetent, unter solchen Umständen die Nerven zu behalten, sich überhaupt darauf einzulassen.

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  4. Sehr gut. Wenn die Menschen mehr „heilige“ Bücher verbrennen würden, wäre die Welt ein besserer Ort. Oder wenn sie die mal lesen würden. Dann könnten sie am Ende feststellen, was für ein Mist das eigentlich ist.

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  5. Gleichzeitig berichtet kath.net heute davon, dass Manson bei seinem Auftritt eine Bibel verbrannt hat. Manson im Wortlaut: „Ich kann nicht anders. Ich muss eine Bibel einfach vebrennen. Das ist eine schlechte Angewohnheit von mir.“ http://www.kath.net/detail.php?id=18340

    Für katholische Verhältnisse ist der Beitrag sogar recht frei von Wertungen.

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