Die bildgewaltigen Irrtümer der Kreationisten


Atlas der Schöpfung

Der folgende Auszug stammt von einem Artikel bei Welt-Online. Der Autor Matthias Glaubrecht ist Zoologe und Evolutionsbiologe, der unter anderem als Forschungsdirektor am Museum für Naturkunde in Berlin arbeitet. Harun Yahya alias Adnan Oktar, der Autor des in dem Artikel kritisierten „Atlas der Schöpfung“ hat eine gerichtliche Sperrung aller WordPressblogs für User aus der Türkei erwirkt. Er wendet sich damit nicht nur in unzulässiger Weise gegen die Evolutionsbiologie, sondern verhindert auch die öffentliche Kritik an seinem Werk, das wie unten dargestellt absolut wissenschaftlich unhaltbar ist.


Mit scheinbar plausiblen Argumenten versuchen Evolutionsgegner, Darwins Lehre zu widerlegen. Besonders grandios scheitert darin der „Atlas der Schöpfung“. Das 800 Seiten dicke und großformatige Traktat wurde ungefragt an Forscher und Journalisten verschickt. Darin steckt Banales voller Fehler.

Wie sprichwörtliches Sauerbier versucht der türkische Autor Harun Yahya alias Adnan Oktar seinen „Atlas der Schöpfung“ derzeit unters Volk zu bringen. Gleichsam per Massenwurfsendung wurde dieses großformatige 800-Seiten-Traktat in vielen Ländern an Forscher und Journalisten verschickt. Kollegen von Cambridge bis Karlsruhe berichten vom unverlangten Auftauchen dieses buntgebundenen Glaubensbekenntnisses, das – beinahe wie eine biblische Heimsuchung – tagelang die Posteingänge blockierte, bis die meisten Pakete postwendend retourniert waren.

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Was hat Yahya zu berichten, das ihn glauben macht, dieses bibliografische Streugut derart hartnäckig verbreiten zu müssen? Zwar ist der „Atlas“ in bunter Aufmachung mit zahlreichen Farbabbildungen illustriert; doch schlägt dem Leser bereits bei flüchtiger Lektüre des Textes eine Schwarzweißmalerei entgegen, wie sie uns in dieser Banalität und Fehlerlastigkeit schon lange nicht mehr begegnet ist. Es ist das Werk eines Kreationisten. Deren Ansatz ist es – neuerdings akademisch verkleidet als „Intelligentes Design“ -, die biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich auszulegen.

Suren in pseudowissenschaftlichem Text

Über den salbungsvollen und selbstbeweihräuchernden Stil des in diesem Falle im Islam verwurzelten Autors sei hier kein weiteres Wort verloren, nicht über die vielen sachlichen sowie die Schreibfehler und auch nicht über das Hineinweben von Suren aus den Koran in den pseudowissenschaftlichen Text.

Vor allem die zentrale Behauptung des Bandes, anhand von Illustrationen Dutzender Fossilien aus allen Teilen der Erde sei die Evolutionstheorie widerlegt, ist barer Unsinn. Das beginnt bei der Behauptung, der Fossilbestand sei zu 99 Prozent ausgegraben, und viele der für das Buch willkürlich ausgewählten Organismen hätten in Hunderten Millionen Jahren keine Veränderung erfahren. Tatsächlich sind Fossilien rare Funde. Zugleich legen gerade sie beredtes Zeugnis von der geschichtlichen Entwicklung der Lebewesen seit wenigstens 550 Millionen Jahren ab, einer Evolution, die sehr wohl voller Veränderungen von Arten war.

Bar jeder biologischen Kenntnis

Über die Interpretation einzelner Fossilien mag es im Detail durchaus Differenzen unter Evolutionsbiologen geben, doch das rechtfertigt nicht, wie Yahya zu behaupten, „dass Evolution nie stattgefunden hat und dass Gott das Universum und alles Leben erschaffen hat“. Vor allem nicht, weil Yahya bar jeder biologischen Kenntnis und ohne genaue Artbestimmung oftmals gewissermaßen Äpfel mit Birnen vergleicht. Daraus folgert er, diese hätten sich nicht verändert.

Zwei Beispiele mögen dieses intellektuelle Kunststück belegen: So wird auf Seite 406 das Fossil einer 200 Millionen Jahre alten Muschel der Gattung Gryphaea gezeigt und mit der auf der gegenüberliegenden Seite abgebildeten, heute bei uns heimischen Miesmuschel Mytilus verglichen. Die beiden sind aber nicht näher miteinander verwandt. Doch Yahya erklärt pauschal, dass heutige Muscheln identisch mit denen aus der Urzeit seien – ein verblüffender Schluss angesichts einer biologischen Vielfalt von immerhin 15 000 fossilen und 20 000 lebenden Muschelarten.

Bildgewaltig und sinnleer

Auf Seite 54 wird gar ein 345 Millionen Jahre alter Vertreter der zum Tierstamm der Stachelhäuter (Echinodermata) gerechneten Seelinien gezeigt, der angeblich identisch sei „mit seinen heute lebenden Artgenossen“. Das offenbare die Tatsache der Schöpfung Gottes. Doch als lebender „Artgenosse“ ist zum Vergleich auf der gegenüberliegenden Seite ein Röhrenwurm aus dem Tierstamm der Ringelwürmer (Annelida) abgebildet.

Der „Schöpfungsatlas“ ist mithin ebenso bildgewaltig wie seine zentrale Aussage sinnleer und falsch ist. Spätestens wenn man von „irrationalen, unwissenschaftlichen Behauptungen der Darwinisten, ihren Betrügereien zur Täuschung der Öffentlichkeit und ihrer Propaganda zur Irreführung der Menschen“ liest, wird klar, dass eine sachliche Auseinandersetzung mit derart fundamentalistischen Schöpfungsgläubigen auch hier fehl am Platz ist.

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11 Gedanken zu “Die bildgewaltigen Irrtümer der Kreationisten

  1. Dann hat er aber viel zu vergeben, viele Marken und Labels wedren dort einfach produziert und billig verramscht, Markenschutz und Copyrights in der Türkei, wie eine Tüte Konfetti.

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  2. Cavon

    Apropros Bilder…

    Wurde auf diesem Blog nicht mal darüber berichtet, das die meisten Bilder dieses Buches „geklaut“ sind? Sprich, das den Bilder der Nachweis fehlt, von wem sie sind. Darf Yahya diese Bilder überhaupt verwenden?

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  3. NewestBright:)

    Bei uns im Institut haben den auch alle Profs bekommen,
    ich habe mir das Ding mal ausgeliehen:

    Und wisst ihr was: Ich kanns nur empfehlen !
    „Hammer“ die Bilder, total cooler Bildband, bin stundenland drinn versunken….. und den Text einfach ausblenden 😉

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  4. Da sehe ich keinen essenziellen Unterschied. Kreationismus ist doch mit Sicherheit eine esoterische Disziplin 😉
    Aber mal im Ernst. Das Muster nach dem solche Leute gestrickt sind, ist ja immer dasselbe. Da spielt es jetzt keine Rolle, ob jemand aus einem radikalen Islamismus heraus den Holocaust leugnet oder ob es ein wirrer Nazi auf der suche nach Atlantis ist.
    Da, wo ich herkomme sagt man da auch gerne:
    „Da packse dich am Kopp!“

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