Abrechnung mit Gott


Von DR. JOS SCHNURER – © Die Berliner Literaturkritik– Foto privat

Diese Metapher ist für uns nach der Aufklärung ja so etwas wie der Prototyp einer Kapitulation vor dem, was der Verstand uns signalisiert: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, wie dies Immanuel Kant in seiner Kritik an metaphysischen Selbstverständlichkeiten formuliert hat. Bis heute bleibt die Erkenntnis Kants für Menschen, die entweder einen „Gottesstaat“ errichten wollen, oder sich längst in ihrem Weltbild auf „göttliche Unabänderlichkeiten“ eingerichtet haben, unverständlich, „dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, dass die mit Principien ihrer Urtheile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nöthigen müsse auf ihre Fragen zu antworten“. Bei solchen ketzerischen und agnostizistischen Gedanken kommen einem religiösen Menschen, je nach dem Stand der eigenen Aufklärung, Zweifel bis zur Furcht, sich zu „versündigen“. Die Auseinandersetzung zwischen Theisten und Atheisten bleibt.

 Es hat immer schon Denker gegeben, die gegen solche „Unumstößlichkeiten“ angegangen sind. Dem „Credo ergo sum“ – „Ich glaube, also bin ich“ – wird das „Ego cogito, ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“ – eines René Descartes entgegen gesetzt. Der bekannte Psychologe, Psychoanalytiker und Atheist C. G. Jung hat dies mit seinem „Ich glaube nicht, ich weiß“ ausgedrückt. Die Kritik an der Gottgläubigkeit ist immer auch eine Kritik an den weltlichen Agenten dieser Ideologie, den Religionsgemeinschaften. Systemimmanent, als Kritik der ideologischen und institutionellen Verfasstheit der organisierten Gottgläubigen, wird nicht grundsätzlich die Existenz eines Gottes oder von Göttern in Frage gestellt, wie etwa, wenn der Schriftsteller Hugo Ernst Käufer schreibt: „Er trat aus der Kirche aus und wurde Christ“ oder wenn die Schriftstellerin Gertrud von Le Fort formuliert: „Es sind nicht die Gottlosen, es sind die Frommen seiner Zeit gewesen, die Christus ans Kreuz schlugen“. Es wird noch viel komplizierter und verworrener, wenn wir die neueren Erkenntnisse aus der Gehirnforschung betrachten; etwa, wenn es um das Ich, um die eigene Persönlichkeit geht, die von Spiegelneuronen im Gehirn gesteuert werden und ein „Selbstmodell“ bilden, das signalisiert: „Ich nehme die Welt aus der Mitte meines Körpers wahr“. Was hat da ein Gott zu suchen?

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