War es ein Gott?


Rezension und Leseprobe vom Science-Shop zum Buch von Henning Genz

Buchcover - War es ein Gott?„Die Form der Naturgesetze können wir nicht in Frage stellen, ohne uns ins Uferlose zu verlieren.“

Nicht nur bibeltreue Christen in den USA zweifeln an der Evolutionstheorie Darwins. Mit den Geheimnissen des Universums konfrontiert, versuchen viele Menschen das perfekte Zusammenspiel von Naturgesetzen und Elementen mit der Existenz eines Gottes zu erklären.

Henning Genz aber stellt in diesem Buch klar, dass Urknall und Evolution eine Frage des Wissens und nicht des Glaubens sind – und dass die Wissenschaft sich aufgibt, wenn sie ihre Ergebnisse der Existenz eines geheimnisvollen Gottes unterstellt.


Henning Genz, geboren 1938 in Braunschweig, ist seit 1974 Professor für Theoretische Physik an der Universität Karlsruhe. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der Elementarteilchenphysik ist er ein versierter Sachbuchautor und hat in zahlreichen Veröffentlichungen zur Popularisierung der Physik beigetragen.

Henning Genz verstarb am 22. September 2006. Einen Nachruf von Christoph Pöppe können Sie auf der Seite der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft lesen.


 

Leseprobe

Im großen und ganzen ist die Welt so beschaffen, daß sich irgendwann und irgendwo Bedingungen herausbilden konnten, die zuerst die Entwicklung von Leben überhaupt und alsdann von intelligentem, bewußtem und beobachtendem Leben ermöglicht haben. Wäre das nicht so, wir wären nicht hier. Kann aber auf einer oder gar allen dieser Stufen, die von den Parametern des Universums über lokale Bedingungen und das Leben überhaupt zu intelligenten und bewußten Beobachtern geführt haben, ein starkes »muß« an die Stelle des schwachen »kann« treten? Absehen müssen wir bei dem Versuch, eine Antwort zu finden, von unserer speziellen menschlichen Verwirklichung eines intelligenten und bewußten Beobachtertums – »haarlos und mit aufrechtem Gang, mit jeweils fünf Fingern an zwei Händen, die wir Englisch oder Französisch sprechen und Tennis oder Schach spielen« ([Bennett 1997a], S. 73) – sowie von dem Wasser und der Luft, die wir zum Leben brauchen. Wir wollen auch nicht noch einmal fragen, ob die Parameter des Universums zufällig oder notwendig so sind, wie sie sind – und was Notwendigkeit dieser Parameter überhaupt bedeuten könnte. Zufällig könnten die Parameter unserer Welt dadurch sein, daß sie ein Abglanz wären von notwendigen Werten, die sie in anderen, höherdimensionalen Welten besäßen, von denen unsere Welt selbst ein Abglanz wäre – zwar zufallserzeugt, aber dadurch ausgezeichnet, daß sie Leben ermöglichen und mit ihm dieses Buch und den Leser, der gerade jetzt diese Passage liest. Wenn so, besteht keine Hoffnung, die Parameter unserer Welt auf »Erste Prinzipien« welcher Art auch immer zurückzuführen.

Beispielsweise die Stärke des Abfalls der Schwerkraft mit der Entfernung. Schon Paley wußte, daß diese Stärke im großen so sein muß, wie sie ist, damit Leben möglich sei. Seither hinzugekommen ist die Erkenntnis, daß die Dimensionszahl des Raumes die Stärke festlegt. Mit der Dimensionszahl wäre also auch die Stärke des Abfalls ein Zufallsprodukt.
Die Form der Naturgesetze können wir nicht in Frage stellen, ohne uns ins uferlose zu verlieren. Notwendigkeit setzt ein, wenn auch ihre Parameter festgelegt sind – aus welchen Gründen auch immer. Wieder und wieder haben wir gesehen, daß die tatsächlichen Parameterwerte, die unser Leben ermöglichen, in einer winzigen Oase von Werten liegen, die ebenfalls intelligentes, bewußtes und beobachtendes Leben ermöglichen. Umgeben ist diese Oase mit ihren Ausläufern von einer Wüste von Werten, deren Verwirklichung bereits die Entwicklung von Leben ermöglichenden lokalen Bedingungen verhindert hätte und weiter verhindern würde.

Dies, und nicht das präzise – wenn auch verbesserungswürdige – Funktionieren beispielsweise der Augen, ist die »hohe Präzision«, die Naturwissenschaftler meinen, wenn sie sie als Vorbedingung intelligenten Lebens anführen. Manche Glaubensvertreter hingegen, indem sie im Trüben lassen, was genau sie meinen, wenn sie sich auf die tatsächliche »hohe Präzision« des Lebens für ihre Thesen berufen, erwecken im Effekt und wohl auch gewollt den Eindruck, daß die funktionelle Präzision des Lebens im Detail ohne einen Designer-Gott, der eben hieran mitgewirkt hat, nicht habe hervortreten können. Wohl in dem Vorgefühl, daß jede Nennung eines bestimmten wissenschaftlich (noch) unerklärten konkreten Sachverhalts durch dessen nachfolgende Erklärung ad absurdum geführt werden könnte, vermeiden sie nach Möglichkeit derartige Nennungen. Nur ein kurzes Wort hier zu den Kreationisten, die uns glauben machen wollen, die Bibel habe im Wortsinn recht und die Welt sei vor sechstausend Jahren in sechs Tagen erschaffen worden – komplett mit allen, alsdann nur scheinbaren, Gebrauchs- und Vergangenheitsspuren. Das kurze Wort: Vertreter von Intelligent Design haben bei diversen Gelegenheiten den Vorwurf zurückgewiesen, sie seien Kreationisten – ein Vorwurf, den niemand erhoben hatte. Ob ausgesprochen oder unausgesprochen, beiden gemeinsam ist die These, daß die Welt sich nicht autonom aus einem vielleicht gottgegebenen Anfangszustand durch Zufall und Notwendigkeit entwickelt habe, sondern daß wir unser Dasein göttlicher Steuerung im Detail verdankten.

Aber mußten sich bei Vorgabe der Parameter des Universums, wie sie nun einmal sind, lebensfreundliche Bedingungen irgendwo und irgendwann ausbilden? Ich denke, daß das so ist. Nicht deterministisch genau diese oder jene, sondern zufällig irgendwelche, die Leben ermöglichen. Das Besondere an den Parametern des Universums ist ja nicht, daß sie deterministisch dieses oder jenes festlegen – das mag so sein, aber wir können es nicht wissen –, sondern daß sie Zufälle zulassen, die irgendwann und irgendwo auf erstens lebensfreundliche Bedingungen, dann zu etwelchem Leben und schließlich zu intelligentem, bewußtem und beobachtendem Leben führen müssen.

Deterministische makroskopische Gesetze, die durch mikroskopische Zufälle verstanden werden können, kennt die Physik zur Genüge; man denke nur an die Gasgesetze. Irrelevant für das deterministische Ergebnis der Molekülbewegungen ist, ob diese tatsächlich auf Zufällen beruhen oder auf deterministischen Gesetzen, die wie Zufälle wirken. Daß ihr Ursprung für ihre Konsequenzen irrelevant ist, gilt für die hier gemeinten kreativen Zufälle genauso wie für die der Molekülbewegungen. Ob sie echte irreduzible Zufälle der Quantenmechanik sind oder gemeine Zufälle der nicht-quantenmechanischen Physik, die nur deshalb als Zufälle durchgehen, weil wir ihre gesetzmäßige Ursache nicht kennen (können), mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls sind die Zufälle, die wir meinen, kreativ: Während die Gültigkeit der Gasgesetze nicht davon abhängt, wie die zufälligen Bewegungen der Moleküle jeweils beschaffen sind, hängt das makroskopische, die weitere Entwicklung sichtbarlich beeinflussende Ergebnis eines kreativen Zufalls gerade davon ab, welche von verschiedenen, nach allem Anschein gleichberechtigten Möglichkeiten durch ihn zufällig realisiert worden ist. Wenn ein armer Schlucker zufällig den millionenschweren Jackpot knackt, eröffnen sich ihm kreativ zahlreiche Möglichkeiten. Wenn aber nicht, dann nicht.
Damit das nicht verlorengehe, sei noch einmal gesagt, daß es kreative Zufälle nur deshalb geben kann, weil die Parameter des Universums sie erlauben. Bereits wenig verschiedene Parameter würden das nicht. Mit ihnen würde das Universum entweder in dem strukturlosen Chaos des Urknalls verharren oder aber sich deterministisch versteifen. Entweder kein kalter Himmel, der die bei Strukturbildungen notwendig erzeugte Wärme aufnehmen kann, oder die Starre Schwarzer Löcher. Es ist die unermeßliche Vielzahl der von den tatsächlichen Parametern des Universums zugelassenen Zufälle, die in einer Art Diffuser Kausalität Konsequenzen dieser Art irgendwann und irgendwo erzwingen. Erfährt das Universum doch von jedem seiner Punkte aus gesehen dieselbe Expansion, so daß es in jedem Punkt ein »Jetzt« als den Zeitpunkt gibt, in dem das ihn umgebende beobachtbare Universum 13,7 Milliarden Jahre alt und 30 Milliarden Lichtjahre groß ist. Immense Größe im Verein mit immensem Alter des Universums und eine beidem entsprechende Vielzahl von Zufällen muß geradezu zwangsläufig darauf führen, daß sich intelligentes, bewußtes und beobachtendes Leben ausbildet – wenn die Parameter des Universums dies überhaupt erlauben.

Beginnend mit dem Urknall, hat das Universum niemals aufgehört, kreativ zu sein. Erst höchstes Kuddelmuddel, dann inflationäre Expansion, abermals Kuddelmuddel, die Trennung alsdann von Materie und Strahlung, die Entstehung von Galaxien, Sternen, Planetensystemen und dem kalten Himmel, der die heißen Abfallprodukte der sich bildenden Strukturen aufnimmt. Bedürfen wir zum Verständnis dessen und der späteren Entwicklung intelligenten, bewußten und beobachtenden Lebens etwelcher Wunder, die über das Wunder des Anfangs hinausgehen? Ich denke nicht. Zwar stehen uns noch nicht alle Details naturwissenschaftlich klar und deutlich vor Augen, aber die Betonung muß auf noch nicht liegen. Ein Designer-Gott, der mehr bewirkt haben sollte, als das Universum mit seinen Parametern im Urknall angeknipst und es dann sich selbst überlassen zu haben, müßte für immer ein Lückenbüßergott bleiben.

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7 Comments

  1. Vielen Dank für diese Ausfürliche Darstellung! Da hätte man ja glatt nen eigenen Artikel draus machen können. Super!

    In der Aktuellen Ausgabe der Spektrum der Wissenschaft hat auch Kanitscheider eine Rezension über das obige Buch verfasst. Eine Online-Version der Rezension gibt es bei Spektrumdirect:

    Es war kein Gott

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  2. Das »starke« anthropische Prinzip versucht, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Wir können uns eine Vielfalt verschiedener, voneinander getrennter möglicher Universen vorstellen. Die Bedingungen, die in den meisten dieser möglichen Universen herrschen, würden die Entwicklung intelligenter Lebewesen nicht gestatten. In sehr wenigen von ihnen – vielleicht nur in einem einzigen – sind die Bedingungen genau so, daß Sterne, Galaxien und Sonnensysteme entstehen können und ebenso intelligente Lebewesen, die das Universum studieren und sich fragen können: Weshalb ist das Universum so beschaffen, wie wir es beobachten? Die einzige Antwort lautet: Weil wir, wenn es nicht so wäre, nicht da sein und diese Frage stellen würden. Doch wie groß die Anzahl der möglicherweise existierenden Universen auch immer ist, es muß zumindest eines geben, in dem zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Geschichte Leben entstehen kann.
    Treiben wir diesen Gedanken noch einen Schritt weiter, dann versetzen wir den Menschen in eine höchst beneidenswerte Position. Einigen Berechnungen aus neuerer Zeit zufolge ist schon die Wahrscheinlichkeit, daß überhaupt ein Universum entstehen konnte, so astronomisch gering, daß es sozusagen einen doppelten Glückstreffer darstellt wenn dieses Universum obendrein auch noch aussieht wie „unseres“. Stellen wir die Frage noch etwas anders: Weshalb beobachten wir überhaupt ein Universum? Und die einzige Antwort könnte wiederum lauten: Weil wir, wenn wir es nicht täten, nicht da sein und diese Frage stellen könnten. Mit anderen Worten: Es gibt ein Universum, weil wir existieren.“ (Kitty Ferguson, Gott und die Gesetze des Universums)

    Das anthropische Prinzip wurde 1973 durch den Kosmologen Brandon Carter formuliert und besagt, dass das Universum für die Entwicklung intelligenten Lebens geeignet sein muss, da wir andernfalls nicht hier sein, es beobachten und physikalisch beschreiben könnten.

    Es kann nicht als Gottesbeweis herangezogen werden, denn die Feinabstimmung der Naturkonstanten muss nicht von einer überirdischen Macht vorgenommen worden sein, so dass Leben entstehen konnte. Die Behauptung, dass diese Feinabstimmung extrem unwahrscheinlich sei, kann nicht bewiesen werden. Daher könnte sie sich auch zufällig ohne den Eingriff eines Schöpfers eingestellt haben. Unterstützt wird diese These durch die Überlegung, dass es nicht nur unser eigenes Universum sondern beliebig viele andere Universen geben könnte, in denen andere Naturkonstanten gelten.

    „Erstens können wir keine Annahmen über die Wahrscheinlichkeiten der Parametereinstellungen machen, weil wir zu wenig Informationen haben. Es wäre z. B. möglich, dass es keine andere Möglichkeit für Materie gibt, als genau diese Einstellungen zu haben. Oder die Parameter können nicht unendlich viele Werte annehmen, sondern nur einige wenige Werte, womit unser Universum eine recht hohe Wahrscheinlichkeit hätte. Wahrscheinlichkeiten verteilen sich meist nicht gleichmäßig, wenn man zwei Würfel wirft, ist eine Zwölf viel weniger wahrscheinlich als eine Sieben. Ferner wäre es auch möglich, dass es unendlich viele verschiedene Universen gibt, jedes mit einem anderen Satz von Parametern. In den meisten Universen entstand kein intelligentes Leben, dort sitzt also niemand und wundert sich darüber, dass die Bedingungen zu schlecht sind, um intelligentes Leben hervorzubringen … Und in den wenigen Universen mit günstigen Parametern entstand intelligentes Leben und wundert sich darüber.“ (Volker Dittmar, Gottesbeweise (im Internet veröffentlicht)

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  3. Ich denke, dass im Artikel noch ein Hinweis auf das anthropische Prinzip fehlt… während es auf die Evolutionstheorie nicht gut anwendbar ist, ist es das bezüglich Naturkonstanten sehr gut.

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  4. Aber warum hat „Jemand“ am Poti gedreht? Und warum nicht früher? Oder später? Und warum SO und nicht SO?

    Dieser „Jemand“ wirft nur mehr Fragen auf, als er beantwortet.

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  5. Ehrlich gesagt verstehe ich die Diskussion über die Feineinstellung des Universums nicht ganz. Meiner Meinung nach kann Niemand wirklich vorraussagen was die genaue Folge einer Änderung der Naturkonstanten wäre. Dafür ist das System der Naturgesetze einfach zu komplex.

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