Punctuated Equilibria


Sind Lücken ein Argument für Gott? Aus Sicht diverser Intelligent-Design-Vertreter durchaus. Deswegen stürzen sie sich mit großer Begeisterung auf jede Lücke, die Wissenschaftler in der Evolution der Arten oder, wie seit einiger Zeit beliebt, in der Sprachevolution vermeintlich auftun. Das könnte man als einfaches Non Sequitur abtun und ignorieren, ein genauerer Blick lohnt sich aber durchaus.

In diversen ID-affinen Blogs wird seit kurzem eine Studie aus der Science diskutiert, die empirische Belege für ein Sprachwandelmodell gefunden haben will, das auf dem evolutionsbiologischen Ansatz des sogenannten Punctuated Equilibrium fußt. Punctuated Equilibrium beschreibt die Entstehung neuer Spezies durch einen abwechselnd sehr schnellen („punctuated“) und sehr langsamen oder normalen („equilibrium“) Entwicklungsprozeß innerhalb eines Stamms. Auf diese Weise kann aus einer über einen längeren Zeitraum relativ stabilen Spezies innerhalb kurzer Zeit eine neue Spezies entstehen.

Dieses Modell wurde von Dixon (1997) auf die linguistische Disziplin der Sprachwandelforschung übertragen. Letztere beschäftigt sich u.a. mit der Entstehung neuer Sprachen, was schematisch meist am Stammbaummodell dargestellt wird, das seinerseits ebenfalls auf dem entsprechenden evolutionsbiologischen Modell basiert. Mithilfe dieses Werkzeuges lassen sich sowohl Entwicklungsschritte als auch Verwandtchaftsverhältnisse innerhalb einer Sprachfamilie veranschaulichen. Problematisch dabei ist, daß es nur über die zeitliche Achse Aussagen erlaubt, nicht jedoch über die räumliche Achse, also über den für den Sprachwandel enorm wichtigen Sprachkontakt.

Um diesen zu beschreiben kann man sich des Wellenmodells bedienen, das kontaktbedingte sprachliche Veränderungen grafisch darstellt. Beispiele sind etwa die bekannten Karten aus der Dialektforschung. Dixon vereinte nun die Vorteile beider Modelle in einem – Punctuated Equilibirum bescheibt sowohl den zeitlichen wie auch den räumlichen Faktor in der Entwicklung der Sprachen. Auf eher veränderungsarme Phasen („equilibrium“), in denen der Sprachkontakt in gemächlichem Tempo in den Sprachen, besonders im Lexikon, der Sprechergruppen seine Spuren hinterläßt, folgen Perioden explosionsartigen Wandels durch plötzliche Aufspaltung einer Sprechergruppe („punctuated“), etwa bedingt durch Naturkatastrophen oder radikale kulturelle Umwälzungen.

Die eingangs erwähnte Studie fand Belege für diesen kombinierten Ansatz in den Sprachfamilien Bantu, Austronesian und Indo-European (Indo-Germanisch). Als Beispiel wird die Entstehung des amerikanischen Englisch angeführt, die über die Abgrenzung zum englischen Mutterland um und nach der Unabhängigkeitserklärung motiviert oder zumindest begünstigt wurde. Der vielzitierte Satz aus der Studie scheint das zu untermauern: „American English emerged abruptly when Noah Webster introduced his American Dictionary of the English Language, insisting thatas an independent nation, our honor requires us to have a system of our own, in language as well as government‘.“

PE und ID

Was macht also das Punctuated Equilibrium für ID-Anhänger so interessant? Zweierlei: Erstens die Notwendigkeit eines intelligenten Agenten, die das Modell vermeintlich fordert. Es scheint den gradualistischen Ansatz des Darwinismus zu widerlegen, denn wo sollte ein abrupter Evolutionssprung in der graduellen Weiterentwicklung der Arten seinen Platz haben, wenn nicht über einen unabhängigen Designer, der in den kontinuierlichen Prozeß zumindest ab und zu eingreift, um die Sache voranzubringen? Dieses Verständnis fördern auch die Autoren der sprachwissenschaftlichen Studie mit Sätzen wie dem oben zitierten: Das amerikanische Englisch entstand – quasi über Nacht – mit der Veröffentlichung eines patriotisch inspirierten Wörterbuches. Direkter und willentlicher kann ein Designer gar nicht designen.

Zweitens die vielen Lücken, die das wilde Herumspringen der Evolution hinterlassen muß – wie kommt sie innerhalb kürzester Zeit von Spezies A zu Spezies B? Zwischen diesen beiden Spezies gibt es nach ID-Lesart des Punctuated-Equilibirum-Ansatzes kaum oder gar keine Übergangsformern, d.h. eine Menge sehr großer Lücken, die, damit wären wir wieder bei Punkt eins, mit dem Darwinismus nicht zu füllen seien.

Beides beruht auf ein und demselben Mißverständnis, das in allen ID-Texten und in vielen Medienbeiträgen zum Punctuated Equilibrium – und auch jetzt von den Autoren der Science-Studie – immer und immer wieder wiederholt wird: Punctuated Equilibrium und Gradualismus schließen sich nicht gegenseitig aus. Es handelt sich nicht um ein Gegensatzpaar, weder in der Evolutionsbiologie noch – falls man der Verwendung in der Sprachwandelforschung überhaupt folgen mag – in der Linguistik. Im Gegenteil, das Modell untermauert die graduelle Veränderung innerhalb eines Stammes sogar, indem es die in Fossilienfunden dokumentierte Diskrepanz zwischen Stasis und explosivem Wandel mancher Spezies in das gradualistische Modell integriert. „Even punctuated equilibria, which, at first sight, seem to support saltationalism and discontinuity, are in fact strictly populational phenomena, and therefore gradual.“ (vgl. Mayr 2001, S.193 u. S.270)

At some level of magnification, any evolutionary ramp must look like a staircase (Dennett)Die Perioden der Stasis oder des Equilibriums sind nämlich durchaus keine völlig veränderungsfreien Phasen. Vielmehr gibt es auch hier stetigen Wandel in einer Population, der aber eben so langsam vonstatten geht, daß sich über einen längeren Zeitraum keine signifikanten Veränderungen ausmachen lassen, geschweige denn, daß eine neue Spezies entsteht. Zu letzterem kommt es nur in – relativ gesehen – Ausnahmefällen, wenn die graduelle Entwicklung durch äußere Umstände beschleunigt wird. Daran wiederum wird deutlich, daß die Evolution keineswegs „Sprünge“ macht („saltationalism“) – sondern lediglich in unterschiedlichem Tempo „läuft“. Lücken gibt es also keine, so wenig wie sich in einem zickzack laufenden Aktienkurs oder einem 1000-Meterlauf mit Zwischen- und Schlußsprints Lücken finden lassen.

Die Stasis-Perioden sind sogar notwendig, um überhaupt von einer Spezies sprechen zu können, denn was wollte man Spezies nennen, wenn es von Generation zu Generation zu signifikanten Unterschieden des Phänotyps kommt? Der Gegensatz von Equilibrium und Punctuation ist also auch im Darwinismus per definitionem wahr – und kein Angriff auf denselben. (Dennett 1995)

Die gleiche Erklärung gilt auch für den Fehlschluß der Sprachwissenschaftler, der in der Behauptung liegt, das amerikanische Englisch sei durch ein Wörterbuch entstanden. Wie das Bremer Sprachblog bemerkt, sind Wörterbücher in aller Regel deskriptiver, nicht normativer Natur – selbst, wenn es sich um ein Wörterbuch mit (patriotischer) Agenda handelt, werden sich die darin beschriebenen lexikalischen Veränderungen nicht von selbst durchsetzen, sondern dadurch, daß sie in der Sprechergemeinschaft ohnehin schon eine Verwendung finden, die von den Sprechern als Vorteil oder Verbesserung gegenüber der alten Variante empfunden wird. Die Stasis also ist auch hier nichts anderes als langsamer Sprachwandel, der durch bestimmte Ereignisse, wie in diesem Fall die Veröffentlichung eines Wörterbuches im Zuge der amerikanischen Identitätsfindung Anfang des 19. Jahrhunderts beschleunigt werden kann. Dasselbe Phänomen könnte man im selben Zeitraum aus denselben Gründen vermutlich auch für die deutsche Hochsprache skizzieren.

Der Veränderungsprozeß ist in beiden Bereichen, Evolution wie Sprachwandel, graduell, durch äußere Faktoren in seiner Geschwindigkeit sehr dynamisch. Es gibt in beiden Bereichen weder Lücken noch Sprünge, die man mit irgendeinem intelligenten Designer, sei es Gott oder Wörterbuch-Verleger, stopfen müßte.

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Dennett: Darwin’s Dangerous Idea. Evolution and the Meanings of Life. Simon & Schuster. New York, 1995.

Dixon: The Rise and Fall of Languages. Cambridge University Press. Cambridge, 1997.

Mayr: What Evolution is. Basic Books. New York, 2001.

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10 Gedanken zu “Punctuated Equilibria

  1. Pingback: Punctuated Equilibria « Nörgeln, immer nur nörgeln

  2. El Schwalmo

    @derautor

    === schnipp ===
    Wohl nur durch eine gehörige Portion Ironie, die dir leider entgangen ist. Der Hinweis auf den Therapeuten war als erster Denkanstoß gedacht.
    === schnapp ===

    langsam sollte Dir doch klar werden, dass das, was Du als ‚Ironie‘ bezeichnest, kaum ein Mensch als ‚Ironie‘ erkennt, weil das einfach nur Polemik, und zwar eine der wüsteren Sorte, ist.

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  3. „Und wie passt der erhellende Kommentar zu dem, was ich geschrieben habe?“

    Wohl nur durch eine gehörige Portion Ironie, die dir leider entgangen ist. Der Hinweis auf den Therapeuten war als erster Denkanstoß gedacht.

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  4. Daran wiederum wird deutlich, daß die Evolution keineswegs „Sprünge“ macht („saltationalism“) – sondern lediglich in unterschiedlichem Tempo ‚läuft‘. Lücken gibt es also keine, so wenig wie sich in einem zickzack laufenden Aktienkurs oder einem 1000-Meterlauf mit Zwischen- und Schlußsprints Lücken finden lassen.

    Diese Aussage ist nicht ganz richtig, denn aus systemtheoretischen Gründen muss es zwangsläufig morphologische „Lücken“ bzw. „Sprünge“ in der Evolution geben. Schon zur Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des hierarchisch strukturierten Merkmalsgefüges ist immer nur eine diskontinuierliche Veränderung der Merkmale möglich und eben kein stufenloses Formenkontinuum, wie sich das der Evolutionsgegner gemeinhin vorstellt.

    So kann z.B. das Herz oder die Anlage zum Rückenmark (Neuralrohr bzw. Chorda) in der Entwicklung der Vertebraten (ganz im Gegensatz zu einigen basalen Chordatieren) nur noch sehr eingeschränkt variieren, weil daran inzwischen eine Vielzahl funktionell abhängiger Merkmale anknüpfen (Prinzip der „funktionellen Bürde“). Außerdem werden durch Mutationen häufig mehrere phänotypische Merkmale gleichzeitig verändert (Pleiotropie), so dass eine Vielzahl von Merkmalskombinationen, die prinzipiell vorstellbar wären, in natura gar nie auftreten können.

    Kurzum: In der Evolution gibt es durchaus kleine und mittlere „Sprünge“ (z.B. Heterochronie), die strukturell nicht in weitere Zwischenschritte „auflösbar“ sind. Aber natürlich folgt daraus kein grundsätzlicher Gegensatz zwischen PE und Gradualismus, sondern eben nur ein unterschiedliches Spektrum von Möglichkeiten.

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  5. „Leider ist die Annahme, Sprachwissenschaft – Wörterbücher eingeschlossen – sei eine normative Disziplin, recht weit verbreitet.“

    Die ist wie jede Wissenschaft deskriptiv. Die normative Sprachwissenschaft wird von einem Großunternehmen ausgeübt, nicht von einer Universität: Der Langenscheidt KG (darunter die Duden-Redaktion).

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  6. falk

    Oh, Mißverständnis? Dixon hat mit der Studie gar nichts zu tun, er hat lediglich das PE-Modell für die Sprachwissenschaft ins Spiel gebracht.

    Leider ist die Annahme, Sprachwissenschaft – Wörterbücher eingeschlossen – sei eine normative Disziplin, recht weit verbreitet. Naturwissenschaftler dürften das weniger direkt kennen, aber auch hier gehen oft gemachte Aussagen über die Entzauberung der Welt in die gleiche Richtung – „wie können Naturwissenschaftler es wagen, mir vorschreiben zu wollen, wie ich das und das zu sehen habe.“
    In beiden Fällen ist das ein Fehlschluß, der mE auf mangelndem Wissenschaftsverständnis fußt. Das will ich den Autoren der Studie natürlich nicht unterstellen, aber für Menschen, die diesen Fehlschluß pflegen, ist eine Formulierung wie im Abstract dieser Studie natürlich gefundenes Fressen.

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  7. Ein super Artikel, Falk!

    Sagt Dixon ernsthaft, dass American English plötzlich mit Einführung dieses (in der Tat sehr wichtigen) Wörterbuchs entstanden ist?

    Mal abgesehen davon, dass sich AE und BE nicht überwältigend unterscheiden (von einer neuen „Spezies“ würde man sicher nicht sprechen), hat sich nicht einfach jeder US-Bürger dieses Dictionary gekauft und ab sofort eine etwas andere Sprache gesprochen. Was für eine absurde Vorstellung!

    Sprachen sind ständig im Wandel, sind Teil eines komplexen, chaotischen Prozesses. Die kann man nicht einfach erfinden und erwarten, dass jeder sie plötzlich spricht. Das geht höchstens mit einzelnen Wörtern, insbesondere wenn sie nicht völlig neu sind (wie etwa „sid“ für „nicht mehr hungrig“), sondern wenn sie bereits bestehen und nur eine zusätzliche Bedeutung oder einen sanften Bedeutungswandel erfahren („Gay“, „Bright“). Und auch da gehört Glück dazu, die richtigen Umstände zur rechten Zeit.

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  8. Pingback: natura non facit saltus

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