Oh, mein Pappa!


HAMBURG. (hpd) Verschwörungstheoretiker haben ihre wahre Freude: Christliche Bekenntnisse werden in den Medien platziert und ein leitender Redakteur nach dem anderen bekennt sich medial als Christ. In einem Land – in dem offiziell die Christen noch in der Mehrheit sind – zumindest ungewöhnlich. Bisher ‚outeten‘ sich nur Minderheiten.

Peter Hahne, Stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios in Berlin, Mitglied im Rat der EKD und evangelikaler Prediger, meint seit November 2004 nicht nur bestsellerhaft „Schluss mit lustig“, sondern wirbt für seine Veranstaltungen auch ungeniert mit dem ZDF-Logo im Rücken. Botschaft seiner Bücher ist, dass es wahre Hoffnung nur geben würde, wenn unsere Werte auf dem Fundament der Bibel aufbauen.

Vor dem hochgejubelten „Weltjugendtag“ 2005 in Köln ein bemerkenswertes öffentliches Bekenntnis.

Wolfram Weimer, Chefredakteur und Herausgeber des Magazins für politische Kultur, „CICERO“ veröffentlichte im August 2006 sein Buch „Credo. Warum die Rückkehr der Religionen gut ist“ und die christliche Presse bat erfreut zum Interview, ein Cicero-Heft in der Hand.

Und, als würden noch weitere Bekenntnisse gebraucht, erklärte im November 2006 der seinerzeitige Kulturchef des Magazins DER SPIEGEL , Matthias Matussek, in seinem wöchentlichen Video-Kulturtipp auf spiegel.de zum „Rockzipfel Gottes“ nicht nur seine Lobpreisung des Spiegel-Special-Religion, sondern bekannte: „Ich selber, ich muss gestehen, ich bin Katholik.“

Die Sendung ZAPP des NDR bemerkte dazu im Mai 2007: „Geschichten über den Papst erhöhen Auflage und Quote. Der Papst bedient diesen Medienhype über seine eigenen Agenturen. Es ist aber vor allem die Presse selbst, die die mediale Vermarktung von Papst und Kirche fördert. Ob durch zahlreiche Dokumentationen oder fiktionale Fernsehserien wie ‚Um Himmels Willen‘ oder ‚Pfarrer Braun‘. Viele Medien behandeln das Thema Kirche mit missionarischem Eifer, weil vielen Journalisten einfach die Distanz fehlt.“

Entsprechend glaubt Matthias Matussek, im November 2007 in der ARD, immer noch: „Unter den Deutschen gibt es eine Renaissance des religiösen Gefühls“. Als erklärter Katholik und Kirchgänger ist er überzeugt, „dass jede Gesellschaft einen Glaubenskern hat, der geschützt werden muss. Gesellschaften, die ihn verloren haben, sind debil.“ Also: Willkommen in der Irrenanstalt.

Vermischung von Medienfunktion und persönlichen Bekenntnissen

Falls jedoch jemand gemeint haben sollte, dass die medialen Bekenner nun allmählich genügend öffentlich waren, täuscht sich.

  • – (Dezember 2007) ZEIT-WISSEN: „Zum Glauben verdammt
  • – (Januar 2008) und OKO-TEST „Mein Gott!
  • – (Februar 2008) MERIAN: „Vatikan„, was harmlos klingt, aber ein Heft, dass dem Papst persönlich in einer Generalaudienz übergeben wurde und zu im MERIAN selber berichtet wird: „Ganz unberührt von der Begegnung mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche blieb auch nicht die Hamburger MERIAN-Delegation, die in der persönlichen Begegnung besonders von der herzlichen und gütigen Ausstrahlung des Papstes überrascht war, der in sich seiner Zeit als Kardinal und Präfekt der Glaubenskongregation oft sehr hart und scharf gegen Kritiker geäußert hatte.
    Zur Reisevorbereitung wird Benedikt XVI. das MERIAN-Heft wohl nicht benötigen, dazu kennt er den kleinsten Staat der Welt seit Jahrzehnten viel zu gut. Aber die MERIAN-Mitarbeiter dürfen darauf hoffen, dass ihre Zeitschrift nach dem ersten Hineinblättern während der Audienz vielleicht als Nachtlektüre im Apostolischen Palast dienen wird.“
    Denn so wurde das Heft vorab beworben, der Vatikan, das ist dort „wo der Heilige Vater wohnt„. Also: Ihr Kinderlein (oder wie es im Heft heißt: Schafe) kommet.

Das Heft wird als „Reiseführer“ angeboten – es ist jedoch bereits vom Titelbild her ungewöhnlich für MERIAN-Reiseführer, die weitestgehend Landschaften und Architektonisches zeigen, hier den grüßenden Papst – wer will mag es auch als Segen ansehen: In rotem Umhang auf roten Hintergrund, das MERIAN in Weiß, das Vatikan in Gold. Neben dem Üblichen der Sixtinischen Kapelle und dem Petersdom wird auf dem Titelblatt auch „Wissenswertes“ angekündigt: „Wer den Heiligen Vater duzen darf“.

Auch Evangelische wollen endlich Heilige und einen Pappa

Der eigentliche Grund für die Publikation wird dann im Editorial vom Chefredakteur persönlich genannt: Der deutsche Papst – und dazu ein Bekenntnisschreiben: „Wie viele andere habe ich gespannt im April 2005 die Fernsehbilder nach der Wahl Kardinal Ratzingers und von der Amtseinführung Benedikts XVI. und später auch die seiner ersten Deutschlandreise verfolgt. Was mich besonders beeindruckt: die vielen jungen Menschen, die bei diesen Gottesdiensten waren und sich wieder für Glaube und Kirche interessieren. Das Christentum ist nicht verstaubt, sondern wird immer wieder neu entdeckt, von Generation zu Generation. Das sage ich auch und gerade als evangelischer Christ.“

Nach der besonderen evangelischen Verehrung einer katholischen Heiligen im Elisabeth-Jahr 2007 scheint die spirituelle Sehnsucht mancher Evangelischer nach mehr Autorität, immer mehr zur Ökumene zu drängen, damit endlich die Abschaffung der Heiligen durch Herrn Dr. Luther wieder korrigiert werden kann? Das wird man den Katholiken ökumenisch doch wohl zugestehen können? Denn wenn man die Seiten durchblättert, wäre der passende Titel: „Oh, mein Pappa!“

Ergriffene Autoren voller Inbrünstigkeit

Im Heft, auf Doppelseiten, dann: „Gottes schönstes Schauspiel – Monumental auf winzigem Raum, doch von weltumspannender Herrschaft und betäubender Herrlichkeit: der Vatikan.“ Eigentlich müsste auf jeder Seite unten ein „Amen!“ stehen oder beim Umblättern der enthusiastischen Beschreibungen ein „Hallelujah!“ erklingen.

Wem der nicht gerade billige Verkaufspreis des Heftes (EUR 7,50) nicht erschwinglich ist, der kann sich dieses Schauspiel auch im Internet anschauen: „Überzeugen Sie sich selbst und klicken Sie sich durch unsere Diashow.“

Ein Textbeispiel aus dem Beitrag: „Audienz beim Sekretär“ – der Weg dorthin: „Weiter über den Damasus-Hof, benannt nach einem seiner Vorgänger [als Papst], der Schlägertruppen losschickte, um den Bodygards seines Widersachers Ursinus die Nasen blutig zu hauen. Nachdem der weite Hof durchschritten ist, geht es wieder aufwärts. In einem messingblitzenden Fahrstuhl, den ein Angestellter mit weißen Handschuhen bedient. Geräuschloses Schweben in den Bannkreis des letzten absoluten Monarchen Europas.

Wie Räume Ehrfurcht erzwingen können! Spiegelnde Marmorböden, alle paar Meter salutierende Schweizergardisten. Kein Geräusch ist zu hören, außer dem Knallen der Absätze auf dem Boden.“

So geht es munter durch das ganze Heft. „Keine Angst vorm weißen Mann“, „Bruder Benedikt, Heiliger Vater“, „Einfach göttlich, diese Mode!“, „Auferstehung als Devotionale“, „Armee in Puff und Plunder“, „Weihwasser als Waffe“ – damit ist der Exorzismus der katholischen „Teufelsaustreiber“ gemeint. Ist das nicht alles heiter und cool?

Über „Ratzingers Rom“ und „Benedettos Belegschaft“ geht beinahe verloren, dass das katholische Kultusressort des Magazins DER SPIEGEL seinen Korrespondenten in Rom, Alexander Smoltczyk, ausgeliehen hat, der schreibt: „Kann man hier auch in die Kirche gehen, Papa?“ mit einem dezenten Hinweis, das im Herbst 2008 ein Buch von ihm erscheint: „Vatikanistan. Ein Brevier für Pilger, Ketzer und Konsorten.“

Noch ist keine Ende in Sicht

Wer denkt noch an die Worte der Bundesjustizministerin Zypries, die im Dezember 2006 festgestellt hatte: „Wir erleben nun in Deutschland das, was einige die ‚Renaissance der Religion‘ nennen. Sie scheint allerdings eher ein Feuilleton-Phänomen zu sein; denn eine Welle von Kircheneintritten ist wohl nicht zu verzeichnen. Stattdessen rangieren in den Bestsellerlisten jene Sachbücher ganz oben, in denen religiöse Werte besonders laut beschworen werden.“

Wer nun abzählt, welche Magazine als nächste Bekenner-Kandidaten in Frage kommen, kann getrost noch warten. Das März-Heft von MERIAN ist am Schluss der Ratziger-Reiseführers bereits angekündigt: „Freuen Sie sich auf das nächste Heft / Im Handel ab 28. Februar 2008. Thema ist das Ferienland Kärnten. Erster Artikel „Der Wallfahrtsort Maria Wörth hat eine 1100-jährige Vergangenheit und liegt anmutig am Wörthersee.“ Dritter Artikel: „Der nachösterliche Vierbergelauf: 50 Kilometer Prozession, 29 Rosenkränze und fünf Messen.“ Hallelujah!

Also: Gleiche Stelle, gleiche Welle.

Carsten Frerk

2 Comments

  1. Religiöse Outer haben es durchaus schwer: Sich als Erwachsener öffentlich zu einem durch nichts als Wunschdenken veranlassten und von antiken Mythen geprägten Kinderglauben zu bekennen, ist hierzulande — Gott sei Dank — peinlich geworden.

    Wir sorgen dafür, dass dies auch so bleibt. 🙂

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  2. Je mehr man sich mit der Materie beschäftigt, desto mehr sieht man, wie nötig ein Bekenntnis zum Nicht-Glauben sein kann. In Medien und öffentlichen Ämtern/Gremien sind Christen gnadenlos überrepräsentiert. Trotzdem hält sich wacker das Gerücht, man habe es als Christ ja in der Öffentlichkeit schon schwerer als ein Atheist.

    Schöner Überblick von Carsten Frerk!

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