Creatio, biblische Schöpfungslehre


Kommentar zum Buch: Dr. Stefan Schneckenburger
Eine insgesamt sehr gemäßigte Rezension findet man bei www.evolutionsbiologen.de/creatio.html. Thomas Waschke, der Autor dieser Besprechung, geht mehr auf die biologischen Aussagen ein, die geprägt sind von einem fundamentalistischen Kurzzeitkreationismus – die Erde ist nur wenige tausend Jahre alt, in sechs 24-stündigen Tagen geschaffen, der Tod erst mit dem Sündefall des Menschen auf die Erde gekommen und was dergleichen Unsinn mehr ist – bis hin zur Größe und dem ausreichenden Platz für die geschaffenen Grundtypen auf Noahs Arche.

Als Botaniker schaut man natürlich auf die (spärlichen) Bemerkungen zu Pflanzen und dabei kann man eigentlich nur den Kopf ob der krausen Ungereimtheiten schütteln, die aus einem wortwörtlichen Verständnis der Bibel abgeleitet werden: u. a. steht da, dass in der ursprünglichen Schöpfung „Pflanzen als Nahrung für Mensch und Tier geschaffen“ wurden, die erst nach dem Sündenfall „sich zur Wehr (Dornen, Gift) setzen“ und – hört, hört – erst dann entwickelten sich „fleischfressende Pflanzen“ (der Tod und damit alle Karnivoren kam ja erst durch den Sündenfall des Menschen auf die Erde!). Und der der Pflanzen und ihrer Samen und Früchte im Magen der Tiere? Aber – don’t worry – die waren ja nach 1.Mose 1.29 „gegeben zu eurer Speise“.

Aber ein ganz besonderes Ärgernis sind die gesellschaftlichen und ethischen Implikationen, die mit einer unglaublichen Unverfrorenheit formuliert werden. An zwei Beispielen soll das vorgeführt werden:

Auf S. 59 findet sich eine Abbildung mit folgende Bildunterschrift: „Bei den Nachkommen Kains ist schon deutlich die Missachtung der Schöpfungsordnung Gottes erkennbar. Lamech nahm sich zwei Frauen und setzte sich damit über die von Gott gegebene Form der Ehe (ein Mann und eine Frau) hinweg. Heute erkennen wir, dass diese Ordnung völlig aufgelöst wird. Jeder ist frei, einen individuellen „Lebensentwurf“ zu wählen, wie es ihm gefällt. Die Folgen bleiben nicht aus.“

Diese nicht gottgewollten, die Schöpfungsordnung verletzenden Entwürfe werden in der zugehörigen Abbildung fein säuberlich mit Piktogrammen illustriert und dem Ideal der traditionellen Familie (Vater mit Aktentasche, Mutter mit Kleid und Zopf und vier Kinder) gegenübergestellt: u.a. Alleinerziehende, homosexuelle Paare mit Kindern, Doppelverdiener, Familien mit Hausmann, Wochenendfamilie, Kinderlose, schwule und lesbische Paare, Patchwork-Familien, freie Wohn- und Lebensgemeinschaften etc. Hier wird – wie an vielen anderen Stellen dieses vom Verlag als „wertvolles Werkzeug“ bezeichneten Buches ein archaisches Gottes- und Gesellschaftsbild vermittelt, das mit den Werten einer liberalen, demokratischen Gesellschaft wohl kaum vereinbar ist.

An einer anderen Stelle (Tabellarische Übersicht zur „Veränderung der Schöpfung durch Gottes Gerichte“ auf S. 208) findet sich vor dem Sündenfall „Ehe für Mann und Frau (Monogamie)“ und in der Situation danach „auch Vielehe (Polygamie), Homosexualität und andere Formen der Perversion“. Ähnliche zutiefst diskriminierende Formulierungen finden sich mehrfach und zeigen die Gefahr, die von solchen Büchern ausgeht: im Mantel einer naturwissenschaftlich verkleideten Darstellung wird ein extrem konservatives Gesellschafts- und Weltbild transportiert – genau das, was die „Wedge-Strategy“ der US-amerikanischen Fundamentalisten propagiert: Evolution und Kritik an ihr als „Einfallstor“ für eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft – und hier auf dem Weg über Kinder und Schule.

So findet sich in einem Verlagstext (Internetzugriff beim Daniel-Verlag am 9.1.2008): „Zielgruppe sind sowohl die christlichen Schulen – dieses begeleitende Schulbuch wird inzwischen von zahlreichen Bekenntnisschulen eingesetzt – als auch jede christliche Familie.“ Empfohlen und belobt wird dieses Buch von Reinhard Junker, einem der Köpfe der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, die damit auch zu erkennen gibt, dass sie eben nicht wie manchmal beschönigend dargestellt wird, zu der etwas gemäßigteren Fraktion der Evolutionsgegner gehört.

Was man im übrigen unter „begleitendem Schulbuch“ verstehen soll, liegt auf der Hand: auf dem Tisch in der Schule liegt ein Biologiebuch aus dem Kanon der von den zuständigen Kultusbehörden zugelassenen Büchern (vor allem, wenn jemand von der Schulbehörde einmal hereinschauen sollte) und unter dem Tisch – vermutlich im wahrsten Wortsinn „maßgeblich“ – „Creatio“ – eine erschreckende Vorstellung, nicht nur für einen Biologen. Und so geht damit an die Schulbehörden auch die Aufforderung einer strengen Kontrolle solcher „Bekenntnisschulen“ und ihrer Unterrichtsinhalte. Ein weiteres Detail stimmt nachdenklich: eine portugiesische Übersetzung ist am 1.10.2007 erschienen; Übersetzungen ins Englische, Russische und Spanische sind in Arbeit: wer finanziert dies eigentlich?

Fußnote (*): Incl. DVD mit dem kompletten Buch im pdf-Format sowie zahlreichen zusätzlichen Texten (überwiegend von Autoren der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, Baiersbronn)

7 Comments

  1. Würden wir jedes Buch indizieren, das falsche Tatsachenbehauptungen enthält, dann gäbe es nicht mehr viele auf dem freien Markt. Das kann kein Kriterium sein.

    Ein Kriterium wäre dagegen, ob ein Buch gegen Gesetze verstößt, etwa, indem es Volksverhetzung betreibt. Dies wäre ein Fall für die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei, nicht jedoch für die BPJM.

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  2. „Ich bin absolut gegen die Indizierung dieses Buches, so wie ich gegen die Indizierung prinzipiell und für die Abschaffung der BPJM bin. Es herrscht Meinungsfreiheit und wenn die Meinung noch so albern und verblödet ist wie diese hier.“

    Grundsätzlich stimme ich da voll und ganz zu! Ohne Frage…
    Jedoch ist es bei Büchern, die Unwahrheiten verbreiten eine andere Sache. Es geht hier nicht darum, dass hier jemand eine andere Meinung vertritt, sondern dass hier grundsätzlich einfach Unwahrheiten verbreitet werden. Die Erde ist nunmal ein bisschen älter als ein paar tausend Jahre und das ist beispielsweise eine unumstößliche Tatsache.

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  3. Ich bin absolut gegen die Indizierung dieses Buches, so wie ich gegen die Indizierung prinzipiell und für die Abschaffung der BPJM bin. Es herrscht Meinungsfreiheit und wenn die Meinung noch so albern und verblödet ist wie diese hier.

    Etwas tun kann man anders viel effektiver: Indem man es nicht als Schulbuch verwendet und den verpflichtenden Schulunterricht endlich im Sinne der Aufklärung reformiert und Heimunterricht sowie Privatschulen komplett untersagt (es sei denn, die Privatschulen halten sich an die Lehrpläne). Was die Leute – auch Kinder! – in ihrer Freizeit lesen, ist ihre Sache.

    Volksverhetzende Schriften werden nicht von der BPJM indiziert, sondern von der Kriminalpolizei beschlagnahmt. Das ist dann eine Sache für die Staatsanwaltschaft, nicht für selbsternannte „Jugendschützer“.

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  4. … kann mich den Vorrednern nur anschließen! Ein solches Buch ist konzeptionell nichts anderes als eine Waffe. Ein ideologisches Machwerk mit dem einzigen Ziel zu indoktrinieren und wissenschaftliche Erkenntnisse erst gar nicht an Kinder heran zu lassen.

    Hab übrigens grade mal nachgesehen: Indizierungsanträge können nur bestimmte Behörden einbringen.

    s.: http://www.bundespruefstelle.de/bmfsfj/generator/bpjm/Jugendmedienschutz/indizierungsverfahren

    Allerdings kann jeder sein städtisches Jugendamt anschreiben, auf dieses Buch aufmerksam machen und darum bitten, einen entsprechenden Indizierungsantrag in die Wege zu leiten.

    Hat evtl. jemand hier sowas schonmal versucht und kann darüber berichten?

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  5. kommen solche bücher eigentlich auch auf den index?

    alleine schon durch diese diskriminierende darstellung von modernen lebensgemeinschaften ist das buch geeignet, „die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen oder ihre Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu gefährden“ und sie „sozial-ethisch zu desorientieren“… um nicht zu sagen: sie zu verdummen.

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  6. Sehr lesenswerter Beitrag. Bücher wie dieses, die gezielt falsches Wissen in die Köpfe von Schülern einzuimpfen versuchen, gehören indiziert, nicht religionskritische Kinderbücher.

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