Die Evolution bastelt blind und planlos


Prof. Dr. Axel Meyer, Evolutionsbiologe, Universität Konstanz

Geißeln (Flagellen) sind elegante Nanostrukturen, mit denen sich viele Bakterien fortbewegen. Sie funktionieren wie eine Mischung aus Außenbordmotor und schnell rotierendem Propeller. Gegner der Evolutionsbiologie sehen ausgerechnet die Flagelle als Casus knacksus: Nur wenn alle etwa 40 biochemischen Komponenten der drei Hauptkomponenten einer Flagelle gleichzeitig entstanden und richtig zusammengebaut wurden, kann die Gesamtstruktur funktionieren. Zwischenformen und langsame Wirkungsveränderungen oder Verbesserungen hätten nicht funktioniert. Und eine Evolution ohne funktionierende Zwischenformen sei höchst unwahrscheinlich. Die Geißel sei zu komplex, um durch die evolutionären Mechanismen wie Mutation und Auslese entstanden sein zu können. Deshalb müsse ein „intelligent designer“ (um das Wort „Gott“ zu vermeiden) sie als Ganzes und de novo geschaffen haben.

Chris Bjornberg/Science Source/Photo Researchers, Inc.

Schon William Paley (1743-1805) fragte, wie man natürlich entstandene von künstlich geschaffenen Dingen unterscheiden könne, und postulierte, dass eine im Wald gefundene Uhr im Gegensatz zu einem Stein sofort als künstliches Objekt zu erkennen sei, denn die menschengemachte Komplexität sei offensichtlich. Paley folgerte, dass die Komplexität von Lebewesen so groß sei, dass nur ein Gott sie habe schaffen können. Alle Teile – einer Uhr oder eines Organismus – müssen
zusammenpassen und können nur als Ganzes funktionieren. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat in seinem Buch „Der blinde Uhrmacher“ dieses Komplexitätsargument Paleys elegant widerlegt. Selbst für so ein kompliziertes Organ wie das Auge, dessen Entstehung Darwin Kopfschmerzen bereitete, lassen sich heute noch lebende, funktionierende Zwischenformen nachweisen. Dies legt eine graduelle Evolution auch eines komplexen Organs nahe. Für die Geißel wurde kürzlich nachgewiesen, dass wichtige Bestandteile dieses jetzt zur Fortbewegung benutzten Organs mit Molekülen verwandt sind, die als Transportkanäle in der Membran der Bakterien dienen. Ein Ionenkanal, der die Zellmembran des Bakteriums durchdringt, ist in seinem biochemischen Aufbau ähnlich dem zentralen Bestandteil der Geißel. Die Komponenten der Geißel sind also nicht nur in ihr selbst zu finden. Das hätte auch nicht dem Wesen der Evolution entsprochen. Die bastelt bekanntlich blind und ohne Plan oft mit verdoppelten biochemischen Komponenten herum. Sehr ähnliche Geißeln sind in verschiedenen Teilen des Baums des Lebens unabhängig voneinander entstanden – und ganz
ohne Einwirkung übernatürlicher Kräfte.

7 Comments

  1. Naja, wenigstens zu einem sind die ID-Heinis gut: Um solche Entstehungs-Ketten öffentlich bekannt zu machen. 🙂

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  2. Jaja… es ist fast bemitleidenswert, mitansehen zu müssen, wie nach jedem Strohhalm gegriffen wird.

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  3. Das ist ja das Komische an diesen Fundis: das sie Gott auf die Rolle eines Lückenbüßers reduzieren. Täte man das in einem anderen Zusammenhang, hieße es aus diesen Kreisen bestimmt gleich „Blasphemie!“

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  4. Schließlich wird Religion eine Füllmasse mit der man Lücken schließt. Mit jedem wissenschaftlichen Fortschritt braucht man immer weniger von dieser Masse… bis irgendwann mal die Berufspriester selbst die Notwendigkeit der Entwicklung einsehen und zur Auflösung des Betriebes blasen.

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  5. Stimmt, nimmt man die Argumentation der ID-Deppen, sitzt in jeder nicht erklärbaren Lücke, ER. Wenn schon der Körper des Bakteriums auf dem natürlichen Wege entstandén sein kann, so hat ER doch wenigstens die Geißeln gemacht, wie bescheiden. :mrgreen:

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  6. Oh, welch ein Wunder! Ich hätte nie geglaubt, dass diese Dinger doch auf natürliche Weise entstanden sind! 😉

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