Religion in der Defensive (2)


(hpd) Wenn Gott das wüsste, würde er sich im Grab umdrehen: Wie Theologen den Allmächtigen verteidigen (Teil 2)

4. Die Neuen Atheisten sind säkulare Fundamentalisten

Der Vorwurf lautet: Die Neuen Atheisten sind ebenso fundamentalistisch, wie die religiösen Fanatiker, die sie kritisieren.

Es kann zunächst einmal keine atheistischen oder säkularen „Fundamentalisten“ geben, weil „Fundamentalismus“ dasselbe bedeutet wie „Wortgläubigkeit“. Und dafür braucht man ein Wort, um wörtlich daran zu glauben. Es gibt jedoch keine atheistische Bibel und Dawkins wird mit dem Gotteswahn kaum sein heiliges Buch selbst schreiben. Christopher Hitchens parodierte den Vorwurf einmal und nannte sich einen „First Amendment Fundamentalist“. Er glaubt also im wörtlichen Sinne an die Meinungsfreiheit.

Aber sind die Neuen Atheisten militant oder fanatisch auf irgendeine andere Weise?

Richard Dawkins

Als Paradebeispiel wird hier stets Richard Dawkins genannt. Seltsam, denn Richard Dawkins ist das Vorzeigebeispiel für einen politisch korrekten Linksliberalen. Er ist gegen Bush und gegen den Irakkrieg. Er ist auch gegen das britische Königshaus und gegen Zensuren in Schulen, weil die den Kindern so viel Stress machen. Zu Hause hat er Pferdchen von einem Kinderkarussell und kleine Hunde. Zu dessen Lebzeiten war er eng mit dem Humoristen Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis“) befreundet, der durch Dawkins Buch „The Blind Watchmaker“ zum Atheisten wurde und sich schließlich sogar als „radikalen Atheisten“ bezeichnete.

Wo jedoch sind die Parallelen zwischen Adams, Dawkins und den Taliban? Wie viele Selbstmordattentate haben die beiden Schriftsteller bislang verübt? Wie viele Frauen haben sie bislang gesteinigt? Wie viele US-Soldaten haben sie bislang erschossen? Keine. Der Vergleich ist nicht nur falsch, sondern verantwortungslos, weil er den wahren Fundamentalismus verharmlost.

Christopher Hitchens

Christopher Hitchens ist ein überzeugter Befürworter des Irakkriegs und trotz seiner polemischen Wortwahl und seinem Drang, Leute zu beleidigen, die besonders hoch in der gesellschaftlichen Hierarchie stehen, sieht man ihn fast täglich im amerikanischen Fernsehen. Vor kurzem hat er die Clintons mit Vampiren verglichen und sich einen Holzpflock für sie gewünscht, worüber selbst die Moderatoren von FOX News lachen mussten. Provokation ist zweifellos Hitchens Element.

Aber: Für alle Positionen, wie radikal sie auch erscheinen, legt er eine Flut an Argumenten vor.

Er verließ die Linke und bezeichnet sich nun als „parteiloser Radikaler“. Und das ist er wohl auch. Ein Fundamentalist, wie etwa die Taliban, das ist er nicht. Die Taliban teilen keineswegs seine Ziele: Emanzipation der Frau, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, internationale Solidarität, Demokratie, Selbstbestimmung und freie Forschung. Und auch nicht sein Mittel: Freie Debatte. So erklären sich auch Hitchens Biographien von George Orwell und Thomas Jefferson. Das einzige, was man ihm vorwerfen könnte, ist die gnadenlose Art, mit denen er seine Gegner behandelt. Und seine Neigung, alkoholisiert, unrasiert und fluchend auf Debatten und in den Abendnachrichten zu erscheinen.

Sam Harris

Ebenfalls seltener als Dawkins Opfer des Fundamentalismus-Vorwurfs ist der Neurowissenschaftler Sam Harris. Dieser Umstand ist ähnlich erstaunlich wie die Schonung von Christopher Hitchens. Sam Harris befürwortet in seinem Buch „Das Ende des Glaubens“ nicht nur einen Krieg gegen den Islam, sondern auch die Folter von Terrorverdächtigen. Schließlich gebe es bei Bombardierungen viel mehr Kollateralschäden als bei der Folter, zudem diene sie der Gewinnung von Informationen, die über Leben und Tod unzähliger Zivilisten entscheiden können.

„Das Ende des Glaubens“ ist zweifellos ein interessantes Buch voller provokanter Ideen. Beweist es jedoch, dass Sam Harris militant ist oder ein Fanatiker? Nein, denn auch Harris betont stets die Wichtigkeit der freien Debatte, um zu vertretbaren ethischen Lösungen zu gelangen und er lässt sich auch eines Besseren belehren. Obwohl einige seiner Ergebnisse vor der Befürwortung von Gewaltanwendung nicht zurückschrecken, so vertritt er sie doch keineswegs dogmatisch, zudem er wie Hitchens zahlreiche rationale Argumente für seine Positionen nennt.

Was man Harris von Atheistenseite oft vorwirft, ist sein Hang zum Spirituellen. Er verbrachte viele Jahre in Indien beim Meditieren und ist ein großer Anhänger buddhistischer Anleitungen zur Selbst-Erforschung des Bewusstseins. Er betont dennoch klar, dass diese Anleitungen der rationalen Kritik standhalten müssen. Und in der Tat haben Untersuchungen mit buddhistischen Mönchen gezeigt, dass Meditieren das Gehirn auf eine ungewöhnliche Art und Weise stark beeinflusst.

5. Die Aufklärung führte zu KZs und Gaskammern

Das mitunter bizarrste Argument stammt ursprünglich nicht von Theologen, sondern von den beiden Soziologen Theodor W. Adorno und Marx Horkheimer: Man lastet den Neuen Atheisten an, dass die Aufklärung, die sie vertreten, zum Nationalsozialismus geführt habe. Noch immer gilt ihr Essay „Dialektik der Aufklärung“ als die intellektuelle Aufklärungskritik schlechthin, entsprechend groß war ihr Einfluss für die postmodernistische Verirrung der Geisteswissenschaften. Erstaunlich daran ist vor allem, wie haarstäubend schlecht dieser Essay ist.

Er ist nämlich, wenn man diese Anhäufung pseudointellektueller Begriffe in verqueren Satzkonstruktionen überhaupt ernst nehmen möchte, nur eine Kritik des Missbrauchs eines Teils der instrumentellen Vernunft, nicht etwa „der Aufklärung“, wie Horkheimer und Adorno großmäulig behaupten. Will heißen: Die KZs wurden mit Hilfe einer kühlen, rationalen „Vernunft“ gebaut, das nennt sich auch Zweckrationalität. In der Tat. Auch die Gaskammern wurden mit Hilfe dieser Vernunft gebaut und betrieben.

Genau dasselbe gilt für Kindergärten, Flugzeuge, Autobahnen, Hotels, Toaster und Waschmaschinen. Alles, was funktioniert, wurde mittels der instrumentellen Vernunft entworfen und gebaut. Nun haben wir jedoch das Problem, dass diese Vernunft auch missbraucht werden kann, um eben diese KZs, Gaskammern und Atombomben zu bauen. Offensichtlich.

Aber was um alles in der Welt hat das mit dem Projekt der Aufklärung zu tun? Kant defnierte den Wahlspruch der Aufklärung: „Sapere Aude!“ – „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Dies hatte zur Folge einen Emanzipationsprozess des menschlichen Geistes und schließlich auch des Menschen von der Religion, sowie von der weltlichen Ideologie. Die Aufklärung ging ein Bündnis ein mit dem Erbe der Renaissance – dem Humanismus – und Resultate dieses Emanzipationsprozesses waren bereits vor rund 250 Jahren die Menschenrechte, die Demokratie, die freie Gesellschaft. Der Vernunftbegriff der Aufklärung umfasste schon immer auch ethische Vernunft, lebenspraktische Vernunft, ja eine ganze Menge Vernunft und nicht nur den kühl berechnenden, mathematischen Teil der instrumentellen Version, zudem noch in seiner missbrauchten Variante.

Wer seine Zeit noch weiter mit diesem Essay verschwenden will, findet hier eine fundierte Kritik von Egbert Scheunemann.

6. Die Brights sind Szientisten

Ein Szientist ist jemand, für den die Wissenschaft die Antwort auf alles darstellt, für den sie allmächtig und unfehlbar ist. Für einen Szientisten ist die Wissenschaft Gott.

Das Problem besteht jetzt nur darin: Szientisten können rein logisch nicht existieren, weil die Wissenschaft von ihrem Wesen her ergebnisoffen, sich ihrer Unvollkommenheit bewusst und undogmatisch ist. Genau deshalb gibt es ja so viele Tests und Wiedertests und Nochmaltests von Hypothesen, bis man sie zögerlich zu Theorien erklärt. Oder von Medikamenten, bis man sie zulässt. Oder von Orangensaft, bis er in die Regale von Supermärkten wandert.

Ein Szientist ist, wie Gott, unvorstellbar. Es handelt sich um ein Konstrukt, das dem menschlichen Geist verschlossen bleibt. Weil es sinnlos ist.

Also sind auch die Brights keine Szientisten. Im Gegenteil finden sich unter ihnen Menschen aus jeder Gesellschaftsschicht. Es gibt Gärtner, die Brights sind, Lehrer, Studenten und Professoren, Architekten, Metzger, Postboten und Bademeister. Sie sind nur gleich in einer Hinsicht: Sie glauben nicht an das Übernatürliche.

Sicherlich könnte es dort draußen verrückte oder unmoralische Wissenschaftler geben, wie man sie aus Science-Fiction-Filmen kennt. Aber wenn dem so ist, dann sind dies keine Szientisten.

7. Es muss eine Erste Ursache geben

Auch Thomas Hobbes („Leviathan“) war durchaus der Ansicht, es müsse eine Erste Ursache für die Naturgesetze geben, eine Art Tritt in das Hinterteil des Universums, um es zum Laufen zu bringen. Jedoch ließ er die Frage offen, ob diese Erste Ursache Gott oder ein Mechanismus ist. John Locke hielt das Ganze für offensichtlich, auch, dass es natürlich der christliche Gott sein müsse, der da am Anfang steht – der Anglikaner Locke war ein großer Gegner sowohl der katholischen Kirche wie auch des Atheismus. Die Debatte weitergebracht hat erst David Hume, der meinte, dass wir es schlichtweg nicht wissen können, ob es eine Erste Ursache gab oder nicht. Überhaupt können wir nur wenig wissen und müssen ganz schön vorsichtig sein mit unseren Behauptungen. Nur die Offenbarungsreligionen schienen Hume so unlogisch und so stark im Widerspruch zu unseren Beobachtungen, dass er gegen Ende seines Lebens schließlich meinte, wenn er höre, jemand sei religiös, dann halte er ihn für einen Schurken.

Bis vor kurzem waren wir nicht viel weiter als Hobbes und Hume. Was passierte im Moment des Urknalls? Was war vor dem Urknall? Gab es überhaupt ein „vor“ dem Urknall? Keine Ahnung.

Doch Anfang 2007 veröffentlichte der Physiker Victor Stenger sein Buch God the Failed Hypothesis: How Science Shows That God Does Not Exist. Es handelt sich um nichts anderes als um den Versuch eines negativen Gottesbeweises. Meiner Einschätzung nach gelingt es Stenger nicht ganz, aber tatsächlich beinahe, diesen Beweis zu erbringen. Sei dem, wie es will, so hat er auf jeden Fall etwas Entscheidendes zum Thema Erste Ursache zu sagen. Ich versuche den für diese Frage relevanten Teil halbwegs korrekt und verständlich zusammenzufassen:

  • 1.Beim Big Bang wurde Energie in Masse umgewandelt.
  • 2.Eine Energieform kann in eine andere umgewandelt werden, so lange die Gesamtenergie eines geschlossenen Systems gleich bleibt.
  • 3.Die Gesamtenergie des Universum beträgt Null, weil die negative Gravitationsenergie die positive Energie der Masse exakt aufwiegt.
  • 4.Der Beginn des Universums, wie wir es kennen, erforderte also keinen Bruch der Energieerhaltung. Es kam keine Energie hinzu und es ging auch keine verloren. Insofern gab es keine „Schöpfung“.

Gäbe es einen Bruch der Energieerhaltung, etwa indem plötzlich eine Unmenge von Energie zugesetzt würde, dann käme das einem Gottesbeweis sehr nahe. So jedoch ist das Gegenteil der Fall. Zudem würde man von einem Schöpfer erwarten, dass er mit der Schöpfung Ordnung ins Weltgefüge bringt, im Gegenteil ist das Universum jedoch extrem unordentlich (die Entropie ist groß, siehe 2. Thermodynamisches Gesetz). Nur in einigen Lokalitäten, wie etwa der Erde, ist die Entropie relativ klein, was einzig daran liegt, dass es sich nicht um ein geschlossenes System handelt: Die Sonnenenergie räumt unseren Planeten auf. Wie eine gewaltige Putzfrau.

Theologen machen sich gerne über Atheisten lustig, weil sie angeblich glauben, dass sich das Universum selbst aus dem Nichts erschaffen habe. Es kommt einem fast ein wenig trotzig vor, wenn Victor Stenger genau das behauptet, da es solche Phänomene im Quantenbereich durchaus gibt. Auf die Frage „Warum gibt es etwas und nicht nichts?“ antwortet er mit einem Zitat des Nobelpreisträgers Frank Wilczek: „Nichts ist instabil.“ Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es etwas gibt und nicht nichts beträgt 60%. Gott wäre also erforderlich gewesen, um ein leeres Universum zu erschaffen, und nicht eines, das mit Planeten, Sonnen, etc. gefüllt ist.

Wer sich in der Lage sehen möchte, Victor Stenger zu kritisieren, der wird wohl oder übel sein Buch kaufen müssen, denn seine Argumentation ist viel umfangreicher. Ein erster Eindruck wurde hoffentlich gewonnen. Sagen wir also, dass eine Welt mit Gott anders aussehen würde als die Welt, in der wir leben, ferner, dass Gott als Erste Ursache überflüssig ist.

Wahrscheinlich hatte Thomas Hobbes (1588-1679) also Recht: Am Anfang war ein Mechanismus.


Fortsetzung folgt…

Andreas Müller

Die Neuen Atheisten

 

24 Comments

  1. „Aber bitte nicht anfangen, zu behaupten, dass irgendein Modell das definitiv zutreffende ist.“

    Das hat niemals jemand behauptet. Ich sage, dass es sich um eine wissenschaftliche Frage handelt und dass wir sie vielleicht bis wahrscheinlich irgendwann beantworten werden können.

    Natürlich passt das niemandem, der einem Lückenbüßer-Gott anhängt, oder der meint, dass er irgendein wichtiges Geheimnis beschützen würde (wozu?), wenn er diese Frage für nicht zu beantworten erklärt und aufgibt.

    „Ist es “wissenschaftlich” zu fragen ob der Mensch grenzen hat“

    Selbstverständlich ist es das.

    Ich weiß wirklich nicht, warum hier einige Kommentatoren aussprechen oder suggerieren, dass die Wissenschaft einfach willkürlich vor einer bestimmten Frage kapitulieren soll, nur damit wir dumm bleiben. Daniel Dennett nennt solche Menschen „Murkies“, die alles in einem nebulösen Schleier jenseits aller Klarheit halten möchten. Sinn ergibt das nicht.

    Vor 100 Jahren hättet ihr wohl die Kapitulation vor der Frage gefordert, ob der Mensch Gottes Schöpfung oder ein Produkt der Evolution ist.

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  2. Ist es „wissenschaftlich“ zu fragen ob der Mensch grenzen hat z.b. um zu verstehen das etwas keinen Anfang hat? Ist die „Wissenschaft“ selbst ein Gott geworden?

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  3. „Interessant. Seine diesbezügliche Theorie hat Victor Stenger von Stephen Hawking. Die beiden Physiker sollen also böse Szientisten sein, weil sie Modelle zum Urknall aufstellen, wie tausend andere Physiker auch.“

    Nö, sie können durchaus Modelle aufstellen. Aber bitte nicht anfangen, zu behaupten, dass irgendein Modell das definitiv zutreffende ist.

    Dass die Schöpfungsgeschichte der Bibel nicht zutrifft, lässt sich dagegen schnell klären: Diese erzeugt im Vergleich zu fossilen Funden etc. viel zu viele Widersprüche.

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  4. „Wer bist du, dass du eine solche Frage beantworten KANNST?“

    Wer bist du, dass du sie nicht beantworten kannst? Und vor allem, wer bist du, dass du meinst, kein noch so guter Physiker wäre jemals in der Lage, sie zu beantworten?

    Was zum Zeitpunkt des Urknalls oder davor geschehen ist, ist eine wissenschaftliche Frage wie jede andere.

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  5. „Ich habe die Frage doch schon beantwortet: Es ist einfach nichts passiert, was den Namen “Schöpfung” verdient hätte.“

    Hört sich dogmatisch an. Wer bist du, dass du eine solche Frage beantworten KANNST? Ich zweifle.

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  6. Oder die Schöpfung.

    „Freilich kann ein Atheist ein Dogmatiker sein, wenn er sich kategorisch weigert, irgendwelche Zweifel an der Nichtexistenz von Göttern zuzulassen.“

    Bring mir eine haltbare theoretische Möglichkeit der Existenz Gottes, die sich nicht mit sich selber begründet.

    Solang ich im Frühling kein frisch gelegtes Hasenei in meinem Garten finde werde ich auch keinerlei Zweifel an der Nichtexistenz der Osterhasen zulassen.

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  7. „Die Frage des “was war vor dem Urknall?” ist so eine: Es weiß keiner und wird höchstwahrscheinlich auch nie jemand wissen, weil aus dieser “Zeit” nichts mehr existiert“

    Interessant. Seine diesbezügliche Theorie hat Victor Stenger von Stephen Hawking. Die beiden Physiker sollen also böse Szientisten sein, weil sie Modelle zum Urknall aufstellen, wie tausend andere Physiker auch.

    War doch keiner dabei? Mit der Logik können wir sämtliche Geschichtswissenschaften für Szientismus erklären. Der Holocaust hat sich zugetragen? Woher wissen wir das? Oder die Evolution?

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  8. In Verbindung mit bescheuerten Busverbindungen wird’s dann weniger klein. Die Diskussionskultur, die wir damals hatten, hat da aber vieles ausgeglichen.

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  9. Gut. Wer also zum Ethik-Unterricht zur ungünstigen Zeit geht bringt also ein kleines Opfer. Ich kenne die Situation übrigens anders herum…

    Dein Vergleich zum „Szientismus“ ist gut. Leuchtet ein.

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  10. „Soweit ich weiß, gibt es da auch eine Wahl zwischen Religionsunterricht und Ethik.“
    Theoretisch ja. Praktisch ist der Ethik-Unterricht dann Nachmittags – führt dazu, dass auch nicht-Christen zum Reli-Unterricht gehen, weil dieser weniger bescheuert liegt.

    Das mit dem „Szientismus“ ist noch etwas komplizierter: Darunter verstehe ich Leute, die Schlüsse über Dinge schließen, über die man überhaupt keine Kenntnisse hat. Die Frage des „was war vor dem Urknall?“ ist so eine: Es weiß keiner und wird höchstwahrscheinlich auch nie jemand wissen, weil aus dieser „Zeit“ nichts mehr existiert – trotzdem gibt es Leute, die sich darüber sicher sind, was zu dieser Zeit war. Und genau das ist Szientismus.

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  11. „Für mich ist das die erkenntnistheoretische Ansicht, dass es keinen objektiveren und zuverlässigeren Weg zur Wahrheit über die Welt gibt als den wissenschaftlichen.“

    Ich gehe mal davon aus, dass hier die Naturwissenschaften gemeint sind. Was ist denn die Wahrheit über die Welt, die hier erwartet wird? Diese Wahrheit ist doch schon bekannt:
    „… besitzt die Natur eine im Prinzip erforschbare Gesetzes- und Kausalstruktur, wobei die Kausalität deterministischer oder statistischer Art sein kann.“ [B. Kanitscheider]

    „Zur Wahrheit“ (Einzahl! siehe oben) kann man damit nichts Entscheidendes mehr hinzufügen – zumindest nichts womit wir dann zufrieden wären. Oder soll es eine absolute Wahrheit geben?

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  12. »Der Artikel kann seine auf hoher Physik basierenden Argumente eben nur unvollständig zusammenfassen.«

    Hohe Physik? Buuaaaahhhaaaaahhhhh…

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  13. Ein Kommentar zu Stengers Argumentation: Ich finde seine Behauptung, die Gesamtenergie des Universums sei Null (und deswegen sei der Urknall keine Verletzung der Energieerhaltung), alles andere als überzeugend.

    Kurz zum Hintergrund: Ich bin selber Physiker – zwar von der Ausbildung her eher Teilchenphysiker, aber auch mit viel Ahnung von Kosmologie. U.a. stammt von Ryan Scranton (einem Kosmologen) und mir auch die FAQ-Seite zum Urknall im talk.origins Archiv:
    http://www.talkorigins.org/faqs/astronomy/bigbang.html
    Wer keine Lust auf Englisch hat – meine deutsche Version gibt’s hier:
    http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~bfeuerba/indexd.htm

    Auf dieser FAQ-Seite habe ich mich auch ausgiebig mit dem Energie-Problem beschäftigt (Abschnitt 3a). Und so einfach, wie Stenger es darstellt, ist es lange nicht!
    1) Die „Gesamtenergie des Universums“ ist eigentlich gar nicht klar definierbar – dies gilt vor allem an der „Gravitationsenergie“, die laut Stenger die positive Energie der Masse aufwiegt.
    2) In manchen Modellen kann man diese Energie definieren und berechnen – und dort kommt sie tatsächlich als Null heraus (soweit ich mich erinnere, benützt Stenger ein solches). Diese Modelle sind aber i.A. grob vereinfacht und entsprechen nicht unbedingt der Realität.
    3) Selbst wenn die Energie definierbar ist, sagt die Allgemeine Relativitätstheorie (auf der die Urknall-Theorie ja basiert) voraus, dass unter gewissen Umständen (die bei der Expansion des Universums erfüllt sind!) die Gesamtenergie gar nicht erhalten (konstant) bleiben muss; somit ist es eigentlich gar kein Problem „etwas“ aus „nichts“ zu schaffen.
    4) Wie in einem anderen Kommentar schon angemerkt: es ist alles andere als klar, ob es überhaupt jemals „nichts“ gab – im Gegenteil gibt es einige Ansätze, die versuchen, das Universum als ewig existent zu erklären (was nicht im Gegensatz zur Urknall-Theorie steht, auch wenn’s spontan so klingt). Mehr dazu im Kapitel 5 des oben genannten FAQs.

    Ich kenne Stengers Buch nicht, aber einige seiner online verfügbaren Artikel, und laut seiner eigenen Aussage (und laut dem, was ich hier gelesen habe) verwendet er dort dieselbe Argumentation wie im Buch. Etwa ein Jahr, bevor er dieses Buch veröffentlicht hat, hatte ich eine längere Email-Diskussion mit ihm über die obigen Themen –
    in dieser hat er aber darauf bestanden, dass seine Argumentation richtig ist. Und das, obwohl er zwischendurch mal zugestanden hatte, dass er ein vereinfachtes Modell verwendet…! In der Diskussion hatte ich stark den Eindruck, dass er meine Argumente gar nicht verstehen wollte… Zumindest in mancher Hinsicht scheint auch Stenger etwas dogmatisch zu sein.

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  14. — „Wie schon gesagt müsst ihr einfach ‚The Failed Hypothesis‘ lesen, andernfalls könnt ihr Stenger nicht kritisieren.“

    Du wirst lachen, das Buch steht bei mir im Regal—sogar gelesen.

    — „Er meint den Zustand vor dem Urknall.“

    Zitat aus Stengers Buch:
    „The observations confirming the big bang do not rule out the possibility of a prior universe. (…) In the scenario I have presented, our universe is described as having ‚tunneled‘ through the chaos at the Planck time from a prior universe that existed for all previous time.“ (S. 125f.)

    Da ein wie auch immer beschaffenes Prä-Big-Bang-Universum alles andere als ein Nichts ist, wird hier kein Übergang vom Nichtsein zum Sein beschrieben. Auch das „Planck’sche Chaos“ ist kein Nichts.
    Die eigentliche Antwort auf die Frage, wie aus nichts etwas entstehen konnte, lautet also, dass nie etwas aus nichts entstanden ist, weil es schon immer etwas und nie nichts gegeben hat. Das heißt, es gibt ein ewiges Sein und unser nichtewiges, im Big Bang geborenes Universum ist nur ein kleiner Teil dessen.

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  15. Er meint den Zustand vor dem Urknall.

    Wie schon gesagt müsst ihr einfach „The Failed Hypothesis“ lesen, andernfalls könnt ihr Stenger nicht kritisieren. Der Artikel kann seine auf hoher Physik basierenden Argumente eben nur unvollständig zusammenfassen. Dafür kann ich nichts, das geht nicht anders.

    Sich über die 60% lustig zu machen, ohne gelesen zu haben, wie Stenger auf die Zahl kommt, finde ich einigermaßen erbärmlich.

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  16. 1. „Es kann zunächst einmal keine atheistischen oder säkularen ‚Fundamentalisten‘ geben, weil ‚Fundamentalismus‘ dasselbe bedeutet wie ‚Wortgläubigkeit‘.“

    Da es keine heilige Schrift des Atheismus gibt, können Atheisten natürlich keine Fundamentalisten sein, wenn mit „Fundamentalismus“ „Litteralismus“ gemeint ist. Oft wird damit aber auch einfach „Dogmatismus“ gemeint, d.i. ein starres, unbeirrbares Festhalten an vorgefassten Lehrmeinungen oder Glaubenssätzen.
    Freilich kann ein Atheist ein Dogmatiker sein, wenn er sich kategorisch weigert, irgendwelche Zweifel an der Nichtexistenz von Göttern zuzulassen.

    2. „Ein Szientist ist jemand, für den die Wissenschaft die Antwort auf alles darstellt, für den sie allmächtig und unfehlbar ist. Für einen Szientisten ist die Wissenschaft Gott.“

    Das verstehe ich nicht unter „Szientismus“. Für mich ist das die erkenntnistheoretische Ansicht, dass es keinen objektiveren und zuverlässigeren Weg zur Wahrheit über die Welt gibt als den wissenschaftlichen. Das soll aber nicht heißen, dass dieser Weg absolut sicher ist und dass die Wissenschaft nicht zwischendurch auf Irrwege geraten kann.

    3. „Auf die Frage ‚Warum gibt es etwas und nicht nichts?‘ antwortet er mit einem Zitat des Nobelpreisträgers Frank Wilczek: ‚Nichts ist instabil.'“

    Hier wird wieder einmal mit den Wörtern „nichts“ und „Nichts“ gespielt. In „Nichts ist instabil“ kommt nicht das Indefinitpronomen „nichts“ vor, wie in der Frage zuvor, sondern das Substantiv „Nichts“. Der Satz lautet also vollständig: „Das Nichts ist instabil.“ Etwas, das Eigenschaften besitzt, und sei es die Eigenschaft des Instabilseins, kann jedoch kein Nichts sein.
    Ein instabiles „Nichts“ ist also bloß ein Scheinnichts, d.h. in Wirklichkeit ein Etwas. Dadurch wird aber die Antwort „Weil es ein (‚das Nichts‘ genanntes) Etwas gibt, das instabil ist“ auf die Frage, wieso es etwas und nicht nichts gebe, unsinnig!

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  17. Also ich kann nicht ganz nachvollziehen, was am Wissenstand von Hume auszusetzen ist? Was er bezüglich dem Ursprung gesagt hat, entspricht einfach der Tatsache.

    Eher finde ich solche spitzfindigen Wortspiele mit dem Wort „Nichts“ für inhaltsleer. „Nichts nicht Es gibt etwas“, weshalb folgende Aussagen verkürzt werden können, sogar verkürzt werden müsssen.

    „Warum gibt es etwas und nicht nichts?” „Warum gibt es etwas?“

    „Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es etwas gibt und nicht nichts beträgt 60%.“ „Die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es etwas gibt beträgt 60%.“

    *Kopfschütteln*

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  18. Ich kann beide Punkte (Feiertage u. Unterricht) nachvollziehen. Das mit den Feiertagen ist schwer, sicher eine eigene Diskussion.

    Der schulische Religionsunterricht findet unter der Obhut des Staates statt, so kann man sicher Toleranz vermitteln. Es ist evtl. auch die Idee diesen Unterricht zu kontrollieren. Ich kenne die „bisherige Form“ nicht. Soweit ich weiß, gibt es da auch eine Wahl zwischen Religionsunterricht und Ethik. Ich finde, der Religionsunterricht kann auch gut außerhalb der Schule stattfinden. Auch halte solchen Unterricht nicht für Zeitverschwendung. Es scheint mir auch, dass dies nicht behauptet wurde („bisherige Form… für Zeitverschwendung“).

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  19. 60% ist schon recht wenig um sagen zu können, dass es so sein muss. Das sind nicht mal zwei von dreien.
    Zum Vergleich: Sind Schwangerschaften zu 10% gefährdet, (also mit 90%iger Wahrscheinlichkeit „normal“), wird das als hoch (die Wahrschienlichkeit für Normalen Verlauf also für gering) angesehen.

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  20. Was sich ändern muss? Also auf rechtlicher Ebene nicht viel – das Feiertagsgesetz ist eines davon (wieso gilt dies nur für Christen und betrifft auch Fälle, in denen die Gläubigen überhaupt nichts von der Veranstaltung mit bekommen, wenn sie es nicht darauf anlegen?), der schulische Religionsunterricht ein anderes (halte ich in der bisherigen Form schlicht für Zeitverschwendung in sowieso überfüllten Stundenplänen). Die diversen Äußerungen, wie man sein Privatleben zu gestalten habe, fallen dagegen so lange unter freie Meinungsäußerung, wie diese nicht durch Gesetze gestützt werden – wenn ich da an die Schnappsideen denke, was Ende letzten Jahres als Ausdehnung des Begriffes „Kinderpornographie“ diskutiert wurde, kann man sich dem aber leider nicht immer sicher sein.

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  21. Normalerweise liest man solche Artikel hier gern, jeder kann sein intellektuelles Aufgebot bringen und mitdiskutieren. Aber die Absätze sind wieder so verstiegen, provokant, und schleudern die Wahrheit so endgültig heraus – das in mir eine gewisse Lustlosigkeit daran aufsteigt. Wo ist die Relevanz?

    Wie sieht den die moderne aufgeklärte Gesellschaft aus? Was muss sich ändern? Muss sich etwas ändern? Reicht es aus die Evolution vier Schulhalbjahre zu unterrichten? Wäre länger besser, nur um sicher zu gehen?

    Demokratie, aufgeklärte Bildung, kein Hokus Pokus, keine Anhänger des „Alten“ an irgendwelchen Schalthebeln, noch ein gutes Wirtschaftssystem, Lebensfreue (sonst nützt uns der Kram am Satzanfang nichts) und Tolerenz (evtl. wird die später überflüssig, wenn wir uns erstmal eingelebt haben). Ach, ja und der Urknall. Amen.

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  22. Ein paar Fehler sind drin… Medizinische Tests sind teilweise wissenschaftlich grenzwertig, weil für die wenigsten Medikamente bekannt ist, WIE sie wirken. Es ist nur „besseres Try & Error“. Der Harris bedient dafür ein anderes Vorurteil: Dass Atheisten keine Moral hätten. Nur selbige ist bei diversen religiösen Führern auch arg begrenzt…

    Die Frage, was den Urknall ausgelöst hat, wird man nie beantworten können. Selbst wenn ihn irgendeine „höhere Macht“ ausgelöst hat, hat sich diese aber offenbar danach verdrückt – oder guckt nur noch zu. In jedem Fall gibt es keinen Einfluss, der irgendwie messbar wäre. In Hinblick auf die Zahl von Menschen, die (teilweise sogar im Namen der Religion) die Regeln ihres eigenen Glaubens gebrochen haben, sollte dies als statistischer Nachweis taugen, dass da niemand ist, der Interesse an einem Verhalten nach diesen Regeln hat.

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