Monogamie ist unnatürlich


von Prof. Dr. Axel Meyer, Evolutionsbiologe, Universität Konstanz

Neuerdings weiß man, dass nicht nur die Männchen fast jeder Art fremdgehen, sondern auch die Weibchen. „It takes two to tango“, sagt man in den USA. Seit genetische Analysen es ermöglichen, Vaterschaften genauer zu bestimmen, zeigt sich, dass auch Weibchen der Arten, die als monogam galten, mit mehreren Männchen kopulieren. Seitdem sprechen Verhaltensbiologen nicht mehr von monogamen, sondern nur noch von sozial monogamen Arten. Selbst die Graugänse, Konrad Lorenz’ Posterkinder der Monogamie zu Zeiten der sexuellen Revolution, sind weit weniger tugendhaft als bisher gedacht. Schon Lorenz musste, von Ernst Mayr gedrängt, genauer Buch führen und schließlich konstatieren, dass Gänse fremdgehen.

Dass Männchen – aber auch Weibchen – möglichst viele Nachfahren anstreben, ist evolutionär leicht zu erklären. Samenzellen sind aber kleiner und „billiger“ zu produzieren als Eizellen. Weil Männchen also weniger Energie für die kleineren Geschlechtszellen brauchen und oft auch ihren Nachfahren weniger Fürsorge bieten (denn das verursacht „Kosten“ durch verpasste Fortpflanzungsgelegenheiten), versuchen sie, sich mit möglichst vielen Weibchen fortzupflanzen. Weibchen investieren meist mehr Energie in die Reproduktion und sind damit oft die limitierende Ressource, um die Männchen miteinander kämpfen. Die Weibchen sind der scheinbar willenlose und passive Preis dieses Wettbewerbs unter den meist viel größeren Männchen, zumindest bei den Arten, bei denen die Männchen untereinander um Zugang zu den Weibchen kämpfen und keine Wahl der Weibchen stattfindet.
Bei sozial monogamen Säugetierarten (und den meisten Vogelarten) dagegen sind die Männchen nur etwa 10 bis 15 Prozent größer. Bei diesen Arten suchen sich die Weibchen meist selbst den „Mr. Right“ aus, weshalb der Paarbildung oft eine lange Balzphase vorausgeht, in der das Weibchen die buhlenden Männchen in genetischer Hinsicht und als potenzielle, brütende und pflegende Väter evaluiert.
Aber warum betrügt sie ihn dann meistens doch mit dem Nachbarn?
Sie versucht, die genetische Variation und Qualität ihrer Nachkommen zu erhöhen. Ihre Affären versuchen die Weibchen natürlich zu verheimlichen. Schließlich bekommen sie neben indirekten genetischen auch direkte Vorteile von ihren Partnern: Nahrung, Schutz und Hilfe bei der Aufzucht der Jungen. Allerdings nur so lange, wie er denkt, dass ihre Nachkommen auch seine sind. Dies trifft fast auf alle Tierarten zu und auch auf fast alle menschlichen Kulturen.

Diese milde Form polygamer Verhaltensweisen dürfte daher also genetisch veranlagt sein. Was natürlich ist, muss nicht „gut“ sein. Kleine Wunder passieren aber immer wieder, und viele Ehen sind auch genetisch monogam.

Ein Gedanke zu “Monogamie ist unnatürlich

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