Bloß nicht alles glauben!


Mona SarkisTelepolis

Die Mode mit der Religionskritik

Wer sich der Religion unter dem Motto annähert: „Jeder soll nach seiner Facon glücklich werden, Hauptsache sein Nachbar muss es ihm nicht gleich tun“, der ist dieser Tage zumindest verwirrt. Zunächst poppt da ein „Kampf“ zwischen Religionen und Zivilisationen auf, der wie ein schlechter Scherz beginnt, um zum Monsterdiskurs anzuschwellen. Nun rollt scheinbar eine Gegenwelle in Gestalt „neuer Atheisten“ an. Doch wer ihre Argumente betrachtet, findet sich auch nicht besser zurecht.

Die Verwirrung beginnt bereits damit, dass man den Deutschen ein religiöses Bewusstsein weitgehend abspricht und sich diese Vorstellung eingebürgert hat. Das setzt voraus, dass die Religion je aus der breiten Bevölkerungsschicht „weg“ war. Ob das in der Vergangenheit zutraf, wäre zu klären. Für den Religionsmonitor von Bertelsmann steht jedenfalls fest, dass die Religion gegenwärtig wieder „da“ ist. Nur 28 Prozent der Deutschen seien als religionslos, hingegen 70 Prozent als religiös einzustufen.

[Anm: Eine kritische Analyse über den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung findet sich hier]

Wenngleich zwischen den Generationen und den Bundesländern zu unterscheiden ist (Ältere und Bürger aus den alten Bundesländern sind religiöser), bleibt festzuhalten: Religion ist keineswegs „out“. Das zeigt auch der Streit, den das Bundesfamilienministerium jüngst mit dem Versuch auslöste, das religionskritische Kinderbuch „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ zu verbieten. Es mache alle drei Weltreligionen lächerlich und unterstelle dem Judentum obendrein Vernichtungsabsichten, hieß es.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften sah das letztlich anders, symptomatisch aber bleibt, dass Religion und Religionskritik nach wie vor nicht langweilen. Vielmehr fand die seit dem vergangenen Jahr hereinrollende Welle religionskritischer Bücher reißenden Absatz, allen voran „Der Gotteswahn“ des in Oxford lehrenden Biologen Richard Dawkins und Christopher Hitchens Polemik „Gott ist nicht groß“, die die Befreiung von der „geistigen Sklaverei der Religion“ fordert. Etwas liegt also in der Luft. Doch was?

Neuer Wein in alten Schläuchen

Vorweg gesagt: Wirklich neu ist die von Dawkins, Hitchens oder Philipp Pullmann geübte Religionskritik, die in der Religion ein Unfreiheit und Rückschritt verbreitendes Gift sieht, nicht. Bereits der vorsokratische Philosoph Xenophanes zog im sechsten Jahrhundert gegen die Menschenförmigkeit der Gottheit zu Felde. Zu den wohl bekanntesten Aussprüchen des „Sturmvogels der griechischen Aufklärung“ gehört: „Wenn die Kühe Hände hätten, würden sie Gott in Kuhform malen“. Stattdessen erachtete er Gott als Wesen ohne Körper, selbst unbewegt, aber alles durch seine Vernunft erschütternd. Das Festhalten an der Vernunft treibt auch die „neuen Atheisten“ um. Religion raubt ihres Erachtens dem Menschen die Fähigkeit, ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Doch was treibt ihr Bangen um den Verlust von Selbstbestimmung und Vernunft aktuell an?

Für Robert Misik, den österreichischen Publizist und vehementen Religionskritiker, ist es zu einem Gutteil „der islamische Fundamentalismus“. Dieser würde das geläuterte Christentum seinerseits refundamentalisieren. Abgesehen davon, dass jegliche Rede vom und über „den islamischen Fundamentalismus“ ohne Einbettung in einen politischen und soziokulturellen Kontext am besten gleich wieder aus dem Protokoll zu streichen ist: Wenn Misik Recht hat, dann fragt man sich nicht nur, wie tief die „Läuterung“ dieses Christentums war, sondern man fragt sich vor allem nach den Beweisen dafür. In seinem jüngst erschienenen Buch „Gott behüte! Warum wir die Religion aus der Politik heraushalten müssen“ findet man sie jedenfalls nicht. Entsprechend neurotisch wirkt es stellenweise.

Auf einen [extern] anderen Grund für die neue Panik legt der britische Philosoph und Atheisten-Kritiker John Gray den Finger: die Säkularisierung befände sich auf dem Rückzug. Das Ergebnis sei „ein missionarischer Atheismus, wie es ihn seit viktorianischen Zeiten nicht mehr gegeben hat“.

Einen faden Geschmack hinterlässt auch diese These, zumal sie als Fakt ohne Erläuterungen in den Raum gestellt wird. Es mag zwar sein, dass eine religiöse Revitalisierung im Gange ist – doch wo steht sie in Verbindung mit der Kirche und deren Institutionen? Zudem lässt sich mit Grays Postulat zwar erklären, weshalb so viele Atheisten derzeit Bücher schreiben, nicht aber, weshalb diese in den Bestseller-Listen landen. In Zeiten eines Säkularisierungsabbaus könnte man eher vom Gegenteil ausgehen. Für Gray scheint dies jedoch kein Widerspruch – im Gegenteil: gerade aus dem atheistischen Boom leitet er die verebbende Säkularisierung ab. Finden die Abhandlungen demnach ihren Absatz, weil die Käufer nach einer Bestätigung unter verkehrten Vorzeichen suchen?

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7 Comments

  1. Warum begehen die großen Atheisten immer den Fehler sich nicht schützend vor Deisten und Pantheisten zu stellen und räumen das Feld für die Theologen und intelektuellen Anarchisten wie diesem Artikelverfasser, der deistische und esotherische „Sinnsuchgefühle“ mit Religion verwechselt?
    Der Papst, Theologen wie z.Bsp, Lütz oder Islamisten benutzen die Menschen doch als Schilde und Tarnkappen um sich Machtpolitisch und Kapitalistisch zu bereichern…sie gaukeln deistisches Verständnis vor, wobei sie diktatorisch und ideologisch Kalkül vorgehen um Menschen systematisch zu entmündigen, das müsste aufgezeigt und kritisiert werden von den großen Persönlichkeiten gerade der Brights-Bewegung!

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  2. kT steht üblicher weise für „kein Text“. Da soll dann die Überschrift für sich sprechen!

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  3. Hab die neueren Kommentare mittels meines Accounts „attaboy“ etwas aufzulockern versucht. Man fühlt sich wie Don Quichote…

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  4. Mir geht es ziemlich auf den Geist, dass Religionskritik vermehrt mit Emotionen abgetan wird. Hier wieder unter Beweis gestellt: „Generell scheint ihn die Rückkehr der Religion – in welcher Form auch immer – in Panik zu versetzen […]“. Wenigstens erfreulich, dass Misik nicht unterstellt wird, seine Kritik wurzele in „Hass auf das Christentum“.

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  5. Interessant, dass hier wieder diese lustige Bertelsmann-Studie genannt wird, bei der vermutlich sogar Richard Dawkins als religiös eingestuft würde.

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