Zwei Welten der Wissenschaft


Gen Netzwerk für die endomesoderm Spezifikation via Pharyngula

Prof. Dr. Axel Meyer, Evolutionsbiologe, Universität Konstanz

In der vergangenen Woche war ich auf einer Tagung in Eugene im US-Bundesstaat Oregon. Es ging um „evo-devo“, die Verbindung von entwicklungs- und evolutionsbiologischen Fragen. In dieser relativ neuen Disziplin werden einzelne Gene oder ganze Genome in Bezug auf ihre Rolle in der Entwicklung von der Einzelle zum erwachsenen Organismus untersucht und mit anderen Tierstämmen verglichen.

Die Konferenz war modernste Wissenschaft und bestes Entertainment in einem. Den Auftakt machten zwei Forscher, die sehr unterschiedliche Meinungen vertreten. Ihre Vorträge garnierten beide jeweils mit einem Teilstriptease, bei dem sie ihre Hemden auszogen und ins Publikum warfen. Die darunter freigelegten T-Shirts präsentierten mit witzigen Wortspielen zusammengefasst ihre jeweiligen Standpunkte. In Deutschland wäre das nicht passiert.

Den Auftakt machte Jerry Coyne von der University of Chicago, der sagte, dass Mutationen in den Teilen von Genen, die in Proteine übersetzt werden, für die Evolution am wichtigsten seien. Sein Kontrahent Greg Wray von der Duke University reflektierte die zurzeit vorherrschende Meinung, dass die Evolution stärker und schneller an den Teilen von Genen arbeitet, die regulieren, wo und wann sie angeschaltet werden. Im gleichen Hotel in Eugene fand auch eine Tagung der „Right to Life“-Bewegung statt. Die Abtreibungsgegner
waren uns Evolutionsbiologen zahlenmäßig weit überlegen. Abends an der Bar waren sie allerdings unterrepräsentiert. Beim Abendessen mit einem australischen Kollegen konfrontierte uns die junge Kellnerin mit einer Frage, die so wohl nur in den USA gestellt werden kann: Sie glaubte, dass Mitochondrien und Viren „Aliens“ seien, und wollte wissen, was wir als Biologen wohl dazu zu sagen hätten.

Wir versuchten, ihr diese unterhaltsame, aber sehr unwahrscheinliche These mit wissenschaftlichen Argumenten auszureden. Unbeeindruckt kam sie wenig später wieder und sagte, dass auch der Barkeeper mit ihr übereinstimme. „Dann steht es wohl 2:2“, sagte ich. Aber Wissenschaft funktioniert nicht so. Es geht nicht um Mehrheitsmeinungen, sondern um Wahrheitsfindung. Die korrekten Ideen werden sich schließlich
durchsetzen, auch wenn sie als Minderheitsmeinung anfingen.

Nach Oregon flog ich direkt zu einer Konferenz in Göttingen – wieder eine andere Welt, in der es sehr viel gesetzter und weniger lustig zugeht. Alles steifer, auch die Hemdkragen. 😉

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