Professorales Geschwafel


Herr Ratzinger sehr plakativ 😀

Begründung von Ethik und Moral durch die Religion

In seiner jüngsten Rede vor den Vereinten Nationen am 18. April 2008 kommt Dr. Ratzinger auch auf die Begründung der Menschenwürde zu sprechen:
Er bezeichnet die Menschenwürde gleichzeitig als Quelle und Ziel der Schutzbemühungen der Vereinten Nationen. Er begründet den Umstand, dass die Menschenwürde allen Menschen zustehe, mit der zentralen Stellung des Menschen im „Schöpfungsplan“ seiner Gottheit. Gleichzeitig führt er jedoch aus, diese Rechte seien im „Naturrecht“ angelegt, das in das Herz der Menschen eingeschrieben sei und in den Kulturen der Zivilisationen gegenwärtig sei. Ohne diesen Kontext liefen diese Rechte Gefahr, ihrer universellen Geltung beraubt zu werden, die so universell sei wie die menschliche Person. Die Menschenwürde laufe Gefahr, Einzelinteressen geopfert zu werden.

Zu dem Punkt „Naturrecht“ ist zu sagen, dass es jeder Nachvollziehbarkeit entbehrt, dass etwas deshalb Recht oder Unrecht sein soll, weil sich dies aus der Natur ergibt. Letztendlich lässt es sich nicht begründen, dass von Natur aus irgendwelche Rechte vorhanden seien. Rechte werden stets von Menschen nach einem Akt der Wertung gewährt oder errungen. In der Natur sind Zustände vorzufinden, etwa das „Recht des Stärkeren“, dass jedoch Ausdruck eines tatsächlichen Machtverhältnisses ist, nicht aber Ergebnis eines menschlichen Wertungsaktes.

Dr. Ratzinger bezieht sich jedoch auf dasjenige „Naturrecht“, welches in das Herz der Menschen eingeschrieben sei, welches ihm also emotional angeboren sei. Es ist allerdings auch vor diesem Irrglauben zu warnen, das dasjenige „Recht“ sein müsse, was der Mensch emotional empfindet: Dies kann schließlich auch Rassenhass, Quälerei zur Belustigung und Schlimmeres sein, was die menschliche Geschichte auch bereits hervorgebracht hat.
Zwar können die angeborenen emotionalen Mechanismen Maßstäbe zur Festlegung einer Strafe sein oder auch kurzfristige Entscheidungen im Bereich des Notwehrrechts ermöglichen. Auch kann eine Orientierung an den Emotionen die Gefahr von Selbstjustiz verringern, so dass mit jeder Wertung vorsichtig umgegangen werden sollte, die im Widerspruch zum emotionalen Wesen des Menschen steht.
Jedoch muss diese Empfindung keineswegs mit dem übereinstimmen, was in einer Zivilisation als Recht angesehen wird oder was in unserer Rechtsordnung Recht wäre: Notwehrrecht und empfundene Richtigkeit des Strafrechts haben als Gemeinsamkeit aller Menschen nicht ihre Wurzeln in der Zivilisation, sondern im Bereich des vorzivilisatorischen Kampfes unter Tieren oder im Kampf Mann gegen Mann. Die Emotion kann in der Evolution einem Zweck gedient haben, der mit den Zwecken der Zivilisation deckungsgleich ist: Ob dies der Fall ist, hängt im schlimmsten Fall jedoch vom Zufall ab. Auch dürften die emotionalen Empfindungen zu bestimmten Themen weltweit deutlich differieren und nur in eingeschränkten Bereichen identisch sein.

Die Emotion kann daher niemals als alleiniger Grund für die Begründung von Rechten herhalten. Es ist daher dringlichst davon Abstand zu nehmen, dass vorrangig in Recht umsetzen zu wollen, was der spontanen Empfindung entspricht.

Möglich ist allerdings, dass die Bezugnahme auf das Herz des Menschen auf ganz besondere Emotionen hinweisen soll, auf die Eigenschaften des Mitgefühls etwa. Auch bezüglich der im christlichen Sinne als „gut“ bezeichneten Eigenschaften sind letztendlich die selben Argumente anzuführen. Hinsichtlich der rechtlichen Bewertung eines Kindermörders dürfte bei der Mehrheit allenfalls das Mitgefühl gegenüber den Kindern überwiegen und bezüglich des Strafverlangens eine rechtliche Wertung die Folge sein, die gerade mit der Menschenwürde nicht im Einklang stünde.
Letztendlich hat die Menschenwürde niemals universell gegolten, ist bis heute selbst in großen Teilen der Welt nicht durchgesetzt (Todesstrafe!) und die Bezugnahme auf den Schöpfungsplan kann – wenn überhaupt – allenfalls einen streng Gläubigen überzeugen.

Der Schutz der Menschenwürde kann schließlich zwar Ziel der Bemühungen der vereinten Nationen sein, wie er richtig feststellt, nicht jedoch Quell der Bemühungen. Ein Recht ist niemals Selbstzweck. Vorrangiger Zweck des Menschenwürdeschutzes ist das Bemühen um eine friedliche, freie Zivilisation unter gleichberechtigter Teilhabe der Mitglieder dieser Zivilisation, die Vermeidung jeder Form von Barbarei unter Verwendung schlüssiger zivilisationsförderlicher ethischer Grundsätze.

Nur wenn dieses Ziel aus den Augen verloren wird, besteht die Gefahr, dass die Menschenwürde den Interessen Einzelner geopfert wird.

tnx Holger

5 Comments

  1. Die Kritik an der Rede ist polarisierend und führt auf Gegenargumentationen die gar nicht nötig sind. Außerdem hilft es durchaus den Begriff „Naturrecht“ selbst nachzuschlagen.

    „Ein Recht ist niemals Selbstzweck. Vorrangiger Zweck des Menschenwürdeschutzes ist das Bemühen um eine friedliche, freie Zivilisation unter gleichberechtigter Teilhabe der Mitglieder dieser Zivilisation, die Vermeidung jeder Form von Barbarei unter Verwendung schlüssiger zivilisationsförderlicher ethischer Grundsätze.“

    Der Begriff Selbstzweck taucht einfach so auf, dabei geht es hier darum, dass Menschen sich den Gesetzen bloßen Viehs zu einem gewissen Grad berechtigt entziehen können, das ist die neue Komponente des Menschen und seine Natur. Dies ist die *Quelle* seiner Würde. Im Gegenteil, deine Argumentation unterstellt das der Mensch gerade soviel von seinem „Selbstzweck“ preisgibt wie für das eigene und gesellschaftliche Fortbestehen nötig sind.

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  2. Tradition kann sicherlich als Trägheitsmoment zu einer Verfestigung von Ansichten beitragen. Letztendlich ist Tradition aber ein Argument jenseits von Gut und Böse.

    Eine solche Form von Konservativismus auch in Form der Religion, der letztendlich auf jeden guten Grund verzichtet, kann nicht auf Dauer überzeugen. Er endet mit der Religion selbst.

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  3. Wobei, @Rudi, der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek (ein bekennender Agnostiker) gerade diese Passung zwischen emotionalen Anlagen und dem kulturell notwendigen Schutz von Leben und Eigentum maßgeblich den (ebenfalls im stetigen Wettbewerb evolvierenden) Traditionen und Religionen zuschrieb – gerade weil diese Schutzinstitutionen weder rational noch emotional leicht nachvollziehbar begründet werden konnten…

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  4. @drunkentroll:
    eben, Leben und Eigentum werden normalerweise in jeder Gesellschaft geschützt, in der die Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft auch nur halbwegs freiwillig ist. Ansonsten wäre es eben vorteilhafter, als Eremit in der Natur zu leben. So sind diese Rechte quasi Notwendigkeiten einer auch nur halbwegs freien Gesellschaft.

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  5. Mal davon ab, dass mir der „für alle gültige Moralkopass“ der heiligen “ sehr auf mein Scrotum geht,
    ist es schon „seltsam“, dass sich weltweit auch ohne Weltreligionen weitgehend gleiche Verhaltensmuster in grundsätzlichen Fragen, vor allem im Erhalt des eigenem oder des einem nahe stehendem Leben gezeigt haben. Ein Verhalten, dass sich bei den meisten Völkern zusätzlich auf den persönlichen Besitz weiter entwickelt hat.

    „Die Emotion kann in der Evolution einem Zweck gedient haben, der mit den Zwecken der Zivilisation deckungsgleich ist: Ob dies der Fall ist, hängt im schlimmsten Fall jedoch vom Zufall ab. “
    Emotion an sich entzieht sich doch schon unseres vernünftigen Verhaltens, gerade weil Sie weit, weit vor der Entwicklung der menschlichen Intelligenz da war. Wenn man aber davon ausgeht, dass die Evolution die für sich selbst warscheinlich recht überaschende Entwicklung menschlicher Intelligenz nicht designed hat (siehe http://www.creationmuseum.org/) klingt es doch recht unwarschilnlich dass sich ein (in Wörtern EIN) Gott sich immer nur der gleichen Bevökerungsgruppe in nah Ost gezeigt hat, während andere Polytheisten (die auch nicht einfach Leute auf der Straße umlegen) zur gleichen Zeit genau so glaubwürdig schon länger von viiiiiiiiiiiiiiel ( die anzahl der „i“ ist hier ca. i=GOTT*10³)mehr Göttern schwärmten, die es sogar schon viel länger gab…
    Naja Priester wissen eh über Moral mehr Bescheid…
    Ich geh jetzt noch ne Runde Gläubige und Kinder töten.
    Hab ja ohne Gott eh keine Moral

    PS. um vorzubeugen, auf Bene und nicht auf den Autor bezogen

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