Abenteuer im Parallel-Universum der christlichen Pop-Kultur


Rapture Ready! Adventures in the Parallel Universe of Christian Popular Culture by Daniel Radosh (Scribner, 2008).

Rezension: Alexander Zaitchik, AlterNet.

Was hören christliche Fundamentalisten auf Ihrem iPod?

Der Präsident der USA mag ein geistiger Liliputaner sein, aber da wir ihn haben, sind wir alle nur ein kleinwenig klüger. Die Bush-Jahre haben die Amerikaner auf das Gymnasium geschickt. Die USA, eine Heimstatt früherer obskurer Subjekte. Eine wenige von uns wussten etwas über die sektiererische Teilung des Islam und konnten die Städte Kandahar und Basra auf einer Landkarte lokalisieren, noch bevor der Oberste Gerichtshof der USA die Streitigkeiten der Wahl aus dem Jahre 2000 überhaupt beigelegt hatte. An der Heimatfront waren die Bush-Jahre eine schmerzliche Erfahrung, all die Kurven und Biegungen erlernen zu müssen, die vom Wahlgesetz in Florida, dem ABC des militärischen Sub-Unternehmertums bis hin zur Rolle des Bundesgerichts zum Schutz unserer verfassungsmäßigen Rechte reichte. Und natürlich war die Bush-Ära ein Crash-Kurs für diejenigen von uns, die nichts oder nur sehr wenig über die Millionen evangelikaler Christen in unserer Mitte wussten. Ein dramatischer Höhepunkt im Bewusstsein der Menschen war die, nach der von den Medien hochgespielten Rolle der „value voters“, Bushs unglaubliche Wiederwahl im Jahre 2004.

Für die säkularen und moderat religiösen Amerikaner erlangten die Fragen über die Basis der GOP (grand old party) eine neue Dringlichkeit. Wer sind diese Leute? Was wollen sie? Wie besorgt müssen wir sein?

An Freiwilligen, die bereit waren, das anzusprechen, herrschte kein Mangel. Es war mehr als ein Menschenauflauf. Oftmals platziert mit einer unfairen Betonung über die Fundamentalisten am Ende des evangelikalen Spektrums, kurbelten die Verleger die Ausgabe von Dutzenden entsetzlicher und ernster Bücher an, wie American Fascists (Chris Hedges) und The Rise of Christian Nationalism (Michele Goldberg).

In den Hauptsendezeiten der Fernsehstationen (PBS The Jesus Factor; HBD´s Friends of Good), ungezählten Magazin-Artikeln und Radiosendungen wurde das Thema ausgewalzt. Dann kam Jesus Camp, welcher im Kunstbetrieb aufleuchtete und wahrscheinlich 2007 den Oscar für die beste Dokumentation erhalten hätte, wäre nicht An Inconvenient Ruth erschienen. Die Bücher über Evangelikale und deren Politik kommen zwischenzeitlich, wie die Heuschrecken aus dem Alten Testament, aus allen Richtungen und ein Ende ist nicht in Sicht.

Ich, für mich, bin krank von alldem. Nennt es Fundi-Müdigkeit oder Baptist-Burnout — in der nächsten Zeit möchte ich nicht von und über Evangelikale nachdenken oder lesen müssen, besonders jetzt, da Mike Huckabee schmollend in kreationistische Vorlesungszyklen abgeschoben wurde. Wenn er nicht von selbst geht, braucht der evangelikale Moment eine außerordentliche Pause, er ist reif dafür. In der „nationalen Konversation“ ist eine Verschnaufpause gewünscht und angebracht. Amerika — rot, lilafarben und blau — hat es sich verdient.

Ob sie nun Platz auf ihrer Bücherliste des kommenden Sommers machen, hängt davon ab, wie chronisch ihre Fundi-Müdigkeit ist. Platz für Daniel Radoshs soeben erschienenes Buch „Rapture Ready! Abenteuer im Parallel Universum der christlichen Popkultur“.

Im eigentlichen Sinne ist dieses Buch nichts anderes als ein weiteres Buch über Evangelikale für säkuläre Liberale. Es unterscheidet sich von dem o.g. Packen Bücher dadurch, dass es sich nicht darum kümmert, wie Evangelikale wählen und warum. Wie erholen sie sich, wo machen sie Urlaub und was hören sie auf ihrem iPod, sind die Themen. Die Summe all dieser Ausfallzeiten ist ein geringfügiger Amateurmarkt. Christliche Popkultur ist eine 7 Mrd. Dollar Industrie mit gewaltigem Wachstum und einem vielfältigen Verlagsbereich. Christliche Komödiengruppen, Sex-Berater-Seminare und kreationistische Themenparks kämpfen im Schatten von Disneyland, eine gedeihende Musikindustrie und jede Menge Jesus-gebrandmarkte T-Shirts und Plunder halten die Gefängnisfabriken im gottlosen China bis zur Entzückung beschäftigt. (Der Plunder, wie Radosh berichtet, wird lieblich und leise in der Industrie als „Jesus Müll“ bezeichnet.)

Repture ready! ist nicht das erste Buch über christliche Popkultur, aber es ist das erfrischendste. Radosh, ein erfahrener Magazin-Journalist und ein früherer Editor des „Spy-Magazines“, ist ein guter Komikschreiber und damit ein erfrischender Führer durch eine Welt, in der die meisten Leute glauben, dass Homosexuelle in den unverzeihlichen Flammen der ewigen Hölle brennen. Eines der Probleme dieser Michele Goldberg-Typen ist, dass sie in dieser Parallelwelt mit ihrer starken Empfindlichkeit und halbgekräuselten Augenbrauen herumlaufen. Ermordete Ärzte, die Schwangerschaften abbrechen und die organisierten Versuche die Außenpolitik der USA so zu beeinflussen dass die religiösen Prophezeiungen erfüllt werden, können nicht so einfach hingenommen werden. Aber ebenso ist die Tatsache nicht zu umgehen, dass vieles in der evangelikalen Kultur auch sehr spaßig ist. Nicht zuletzt ist es die Art und Weise, wie dieses Buch geschrieben ist und vermarktet wurde. Christliche Kultur ist so spaßig für Säkuläre, wie die säkuläre Kultur für Christen entsetzlich erscheint. Niemand, der über derartige Inhalte schreibt, sollte das vergessen.

Oftmals ist der Humor mit Pathos vermischt, wie Radosh dies in einem Kapitel über das christliche Verlagswesen demonstriert. Die evangelikale Kultur bemüht sich ständig, eine abgeschlossene Oase in der in einer anwachsenden, weit verzweigten dominierenden Kultur zu erzeugen. Das bedeutet, dass die Ausdrucksweise der erlaubten und unerlaubten Dinge in einer Liste zu finden ist, die von Steeple Hill aufgestellt wurde, der aus der christlichen Abteilung des Harlequin-Verlages kommt, immerhin Amerikas führendem Verlagshaus für romantische Erzählungen. Die Tabuliste schließt Wörter ein, wie Mensch (Gosh), Donnerwetter, Menschenskind (Golly), Mannomann (Gee), verdammt (Dang) und Teufel, verdammt (Heck). Ebenso geblacklistet sind Nennungen aus dem Bereich der Unterwäsche jeder Art. Das Wort „poop“ (AA) ist Kindersprache und damit entschuldigt, aber nur in dieser Form des Substantivs, der Ausruf „Oh, poop“ ist verboten.

Dann gibt es noch die Welt der christlichen Sexualberater. Jede Menge evangelikaler Energie wird in die Abstinenz von Bildung und in die eifrige Umgehung des Denkens über Sex gegossen. Radosh berichtet vom jährlich stattfindenden Kongress des National Abstinence Clearinghouse, dort wird das „küssen“ noch immer als „Eingangssünde“ betrachtet. Aber viel interessanter sind die Versuche, die psychologischen Schäden zu reparieren, die durch evangelikale sexuelle Verweigerung der Christenheit entstehen. Diese Untersuchung führte Radosh zu einer Konferenz, welche von „Intimate Issues“, „pro-Sex Pfarrern“ durchgeführt wird. Diese versuchen christlichen Frauen zu helfen, am Sex Freude zu haben und herauszufinden und zu begreifen, was die Bibel alles über oralen und analen Sex sagt, einschließlich der sexuellen Selbstbefriedigung. Viele dieser Diskussionen drehen sich um die Bedeutung des Hohen Liedes Salomons, dessen Verse wohl das sexuellste sind was die Bibel zu bieten hat. Das Ziel dieser Pfarrer ist es, eine vernünftige, verständliche Sprache in die Kultur zu integrieren, so dass die Frauen auch verstehen, was sie da lesen. Als Beispiel wird hier der christliche Sex-Ratgeber von Tim und Berverly LaHayes genannt, 1976, The Act of Marriage. In diesem Buch finden wir folgende Passage:

Der Ehemann sollte allmählich und behutsam seine Hand, auf dem Körper seiner Frau, abwärts bewegen, bis er den Bereich der Scheide berührt. Dabei sollte er berücksichtigen, dass seine Fingernägel glatt gefeilt sind, um die Erzeugung jedweder Unannehmlichkeiten zu vermeiden. (welche dazu führen können, dass ihre heißen Gefühle plötzlich abkühlen.)

Nochmal, 1976.

Die Anstrengungen der modernen, reisenden Pfarrer von „Intimate Issue“ scheinen sich zu lohnen. Erlauben sie den christlichen Frauen doch, ihre Sexualität zu entdecken und damit verbunden, die Beziehungen zur „Schuld“ zu kennen, bisher einmalig auf christlichen Schauplätzen. Das Internet ist ebenso hilfreich. Christliche Sex-Sites, wie The Marriage Bed erlauben den Frauen anonyme Kenntnisse zu erwerben, insbesondere solche, die der Bibel entsprechen, so unter anderem den Gebrauch von Strapsen und Dildos. (Keine Sorge: Die christliche Sex-Spielzeug-Industrie hat alle Nacktdarstellungen von ihren Katalogen, Prospekten und Paketen entfernt, so dass keine außereheliche Lust bei den Kunden erzeugt werden kann.)

Nicht alles in diesem Buch ist schlüpfrig. Es gibt Kapitel über christliches Profi-Wrestling, christliche Themen-Parks und Supermärkte, die trotz Radoshs Anstrengungen anziehend wirken. Man kann, bei all den ausgebufften christlichen Geschäftsmännern oder Stepford Fundamentalisten, die im Angesicht des Autors mit ihren Pamphleten winken, nur flüchten, bevor es einen zu hart trifft. Das meiste der christlichen Kultur ist so muffig und temperiert, dass es einen trotz der Hand eines talentierten Schriftstellers nicht wütend macht, sondern nur noch langweilt. Bewegt man sich in dieser Welt, kommt sehr bald das Gefühl auf, dass man in die Falle eines Cracker Barrel-Geschenkladens getreten ist, vollgestopft mit Jesus-Müll. Radosh weiß das. Er stellt sicher, dass die Reisen zu Cracker Barrel durch Mini-Geschichten getrennt und angereichert werden, insbesondere aus der modernen, evangelikalen Bewegung – die Geschichte über die Popularisierung der Scofield Bibel von 1909, bis hin zur Idee des Entzückens. Diese Geschichten sind ihm besonders gut gelungen. Ebenso bringt er die Persönlichkeitsprofile der evangelikalen Dissidenten wie Jay Bakker und Aaron Weiss.

Radosh beendet das Buch mit einem Hinweis, den er nicht zu machen gedachte, als er begann das Buch zu schreiben. Er beendet seine Argumentation mit einer zaghaften Umarmung, oder Offenheit über den Teil der säkularen Kultur, wenn diese zum Gegenspieler der christlichen Kultur wird. „Es ist genau diese Provinzialität, die Intoleranz heranzüchtet“, schreibt Radosh. Christen fahren fort ihre eigene Kultur zu erzeugen, egal ob die Radiostationen des mainstreams christliche Rockmusik senden und christliche Komiker niemals ihre Sitcoms haben werden. Wenn das Publikum wiederum nur andere Christen sind, verstärkt sich das Grenzbewusstsein und verhindert Selbsterkenntnis.