Irrwege des Monotheismus


Antje Vollmer über die Frage, warum Religion oft unversöhnliche Emotionen auslöst

Der befreiende Geist der Aufklärung, so scheint es, ist dahin. Stattdessen suchen weltweit immer mehr Menschen ihr Heil im Glauben. Aber mehr noch als die traditionellen Kirchen profitieren von dieser Entwicklung die sogenannten Freikirchen. Das wird besonders deutlich in Lateinamerika, wo sich seit Jahren ein sozio-religiöser Wandel vollzieht, den vorher kaum jemand für möglich gehalten hätte: Auf dem einst katholischen Kontinent gehören inzwischen rund zehn Prozent der Menschen den protestantischen Pfingstgemeinden an. In Brasilien sind es sogar 15 und in Guatemala 20 Prozent.

Das ist einerseits verständlich, da die Pfingstgemeinden nach außen hin häufig die Interessen benachteiligter Bevölkerungsgruppen vertreten. Andererseits gebärden sich viele Pfingstler fundamentalistisch und verteufeln sowohl die Homosexualität als auch die Schwangerschaftskontrolle. Und sie lassen in den Wissenschaften nur gelten, was mit ihrem wortgetreuen Bibelverständnis vereinbar scheint.

Die Tatsache also, dass Menschen im 21. Jahrhundert ihre religiöse Bindung über alle Errungenschaften des menschlichen Geistes stellen, ist für die Theologin und Grünen-Politikerin Antje Vollmer zumindest aus historischer Sicht erklärlich. »Es gab nie ein Volk, einen Stamm, ein Gemeinwesen ohne Religion oder religiöse Vorstellungen«, betont sie in ihrem neuen Buch »Gott im Kommen?«, das sich über weite Strecken wie eine Einführung in die Religionsgeschichte liest. Und für Menschen, die sich dafür interessieren, durchaus empfehlenswert ist. Zumal die Autorin klar und verständlich schreibt und nicht alles so »zurechtinterpretiert«, dass die Religion am Ende immer wie der strahlende Sieger dasteht.

Stattdessen spricht Vollmer von den zahlreichen »Unruhestiftern im Namen Gottes«, die unsere Welt notfalls mit Gewalt erlösen wollen. Doch was ist die Quelle, aus der islamistische Terroristen und radikale jüdische Siedler ebenso schöpfen wie der »wiedergeborene Christ« George W. Bush? Die Vermutung drängt sich auf, dass dies der Monotheismus sei, der nur einen Gott duldet und aus dem gleichsam mit Notwendigkeit der Missionsgedanke erwächst.

Diese Auffassung vertritt zumindest der deutsche Ägyptologe Jan Assmann, der vor einigen Jahren die Behauptung wagte, dass mit dem Siegeszug des Monotheismus (Judentum, Christentum, Islam) zugleich mehr Intoleranz und Gewalt in die Welt gekommen seien. Hingegen habe die pluralistische Vielgötterei anderer Kulturen die Menschen dort offener und weltfreundlicher gestimmt. Auch wenn Vollmer diese These nicht teilt, gesteht sie doch ein, dass der Anspruch der Monotheisten auf den Besitz der absoluten Wahrheit das Leben auf der Erde nicht unbedingt friedfertiger gemacht hat.

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Gott im Kommen, Antje Vollmer

Gebundenes Buch, 192 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-466-36776-4
€ 16,95 [D] | € 17,50 [A]Die österreichischen Preise wurden von unserem Alleinauslieferer als sein gesetzlicher Letztverkaufspreis in Österreich festgelegt. | SFr 33,00 (UVP)Unverbindliche Preisempfehlung

Verlag: Kösel

3 Comments

  1. „Alle Geschichte ist Lüge“ – man kann sich aber schon darauf einigen, dass eine Verletzung von Grundrechten die durch das Rechtssystem gedeckt wird, Unrecht genannt werden kann. Ich meine also nicht das Stimmengewirr der vielen Meinungen und Auffassungen über „Richtig und Falsch“ oder „gefühlte Geschichte“. Dieser Staat hatte 40 Jahre Zeit seine Aufklärung zu betreiben und die Menschen richtig zu erziehen – ohne Religion. „Andere Autoren erklären gar unverblümt, dass der christliche Glaube die wichtigste Voraussetzung für die Durchsetzung der allgemeinen Menschenrechte gewesen sei.“ – im Sozialismus stand sogar der aufgeklärte Mensch nur in einer seltsamen Weise im Mittelpunkt. Es ist mir schon klar, dass der aufgeklärte Autor die „christliche Seite“ über die Herkunft der Menschenrechte aufklären muss.

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  2. Ich finde die Buchkritik durchaus gelungen. Für mich ist sie am Ende keine plumpe Polarisierung, wie der Argumentationsfaden „Monotheismus befördert historisch belegbar unsere Verfehlungen“ in der Mitte vermuten lässt. Die Kritik verliert auch nicht durch eine Übergewichtung von Dawkins, was durch die inhaltliche Gewichtung des Buches auch nicht gerechtfertigt scheint. Die Kritik verdeutlicht mir auch, dass Beiträge aus Deutschland und Europa durchaus eine neue und feinere Qualität bringen können als Amerika-zentrierte Bücher. Ich finde in diesem Zusammenhang besonders die klar atheistische Ausrichtung der DDR interessant. Ich lehne dabei die Geschichtsauffassung des „Neues Deutschland“ Autors Martin Koch ab.

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