Evangelikal glauben, homosexuell lieben


Ein schwules Paar küsst sich – manche evangelikale Christen stören sich noch immer daran. (Bild: AP Archiv)

Der schwierige Umgang mit einem Tabuthema
Von Michael Hollenbach

Das offene Ausleben von Homosexualität – für manche evangelikale Christen ist das noch immer ein Problem. Das „Christival“, zum dem sich am Wochenende in Bremen rund 20.000 fromme Jugendliche treffen, geriet deswegen in die Schlagzeilen: In einem Seminar sollte Schwulen und Lesben der Weg in die Heterosexualität gewiesen werden.

Der Berliner Wolfgang Perlack ist in einem evangelikalen Umfeld groß geworden. Als er in der Pubertät merkte, dass er schwul war, wusste er, dass er das lieber gegenüber seinen Brüdern und Schwestern in der Gemeinde verschweigt:

„Das war ein Versteckspiel, vor allem auch vor mir selbst; auch das Denken: Naja, dann lebe ich für mich selbst und versuche das zu unterdrücken, aber irgendwann merkte ich: Das geht überhaupt nicht. Und dann gab es zwei Möglichkeiten: Entweder die Theorie stimmt nicht oder mein Leben stimmt nicht.“

Wenn ein Mann sich mit einem anderen Mann wie mit einer Frau vergeht, haben beide Schändliches begangen. Sie sollen mit dem Tode bestraft werden; es lastet Blutschuld auf ihnen.
So steht es im Alten Testament bei Leviticus, und evangelikale Christen legen Wert darauf, die Bibel wörtlich zu verstehen. Der heute 40-jährige Wolfgang Perlack begann schon als Jugendlicher, die evangelikale Schwulenfeindlichkeit zu hinterfragen:

„Ich bin dann auch theologisch dahinter gekommen, dass die evangelikale Theorie einfach falsch ist, also für mich falsch ist, und ich finde sie auch generell menschenverachtend und unchristlich.“

Bei Bernd Hartwig hat es wesentlich länger gedauert. Mit 15 hatte er zum ersten Mal einem evangelikalen Seelsorger anvertraut, dass er schwul sei. Danach folgten 13 Jahre, in denen er versuchte, seine Homosexualität loszuwerden und möglichst eine Familie zu gründen:

„Da habe ich keine Mühen und Kosten gescheut, war auf Seminaren, habe biblisch-therapeutische Seelsorge in Anspruch genommen, (…) wo es darum ging, von den homosexuellen Gefühlen loszukommen.“

Die Prämisse in den evangelikalen Seminarangeboten war klar: Homosexualität entspricht nicht dem Willen Gottes. Das sagt auch Hartmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, und einer der Mitveranstalter des Christivals:

„Wir kommen von der Schöpfung her, (…) gehen davon aus, dass der Mensch ganz bewusst als Mann und Frau erschaffen wurde, und im Normalfall tatsächlich auch die Gemeinschaft zwischen Mann und Frau in einer lebenslänglichen Ehe- und Treuegemeinschaft gelebt werden kann und soll.“

Wer von dieser Norm abweicht, dem könne geholfen werden, lautet das Credo der frommen Therapeuten. Gelebte Homosexualität ist für evangelikale Christen eine Sünde – und wird behandelt wie eine Krankheit.

3 Comments

  1. Is falsch Leute.
    Das eine (von ca. 300 Seminaren) war für Leute gedacht, die damit selber Probleme haben. Also schwul sind und das nicht möchten. Die fallen sonst unter den Tisch, weil die Standartmeinung nur sagt: Nimms halt an.

    Liebe Grüße von einem, der tatsächlich in Bremen war und sich immer noch über die Berichterstattung wundert =)

    Liken

  2. in amiland gibt es diese evangelikale organisation „Exodus“, die es sich auf die fahnen geschrieben hat, lesben und schwule zu „heilen“.
    wenn ich mich recht entsinne, ist deren gründer nach einigen jahren wieder abgesprungen und frönt wieder dem homosexuellen leben 😉

    Liken

  3. Ich würde mal gerne genauer wissen, wie diese „frommen Therapeuten“ in ihren Pseudobehandlungen überhaupt vorgehen, mit seriöser Wissenschaft wird das ja wahrscheinlich nicht viel zu tun haben.

    Die Betroffenen, die in radikalreligiösen Milieus aufwachsen, sind wirklich zu bemitleiden.

    Liken

Kommentare sind geschlossen.