Jeder Mensch ist religiös – auch die Brights?


von Peter Strasser, Autor, veröffentlicht in der Welt-online

R ichard Dawkins, dessen Buch „Der Gotteswahn“ zu den Eckpfeilern des Neuen Atheismus zählt, nennt sich und jene, die denken wie er, „The Brights“. Helle Köpfe also, außerdem Demokraten. Für sie lautet die beste Antwort auf die Frage: „Warum überhaupt Religion?“, Ja, warum nur? Würden im Wettbewerbsernstfall nicht durchgehend säkularisierte Demokratien liberalen Zuschnitts als die besten aller möglichen Massengesellschaften aus der Reihe ihrer historischen Alternativen hervorstechen?

Was man den Brights gewiss nicht entgegenhalten darf, das sind die bisherigen Gesellschaften atheistischen Typs, die Diktaturen Stalins und Maos oder der Steinzeitkommunismus im heutigen Nordkorea. Atheismus und Totalitarismus sind nicht wesensverwandt. Freilich, für viele Menschen, und zwar auch solche, die gar nicht gläubig sind, ist die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Religion an sich trostlos.

Denn zweifellos sind viele Institutionen, Erfahrungsweisen und Gefühle unseres Alltags ohne religiösen Hintergrund nicht denkbar. Wer schon einmal Trauergast beim Begräbnis eines Menschen war, der sich auf seinem letzten Weg jede Einmischung der Religion verbeten hatte, kennt das peinsame Vor-sich-Hinschauen, das Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten.

Doch ist das ein Argument? Würden wir uns in einer „Brights-Gesellschaft“ befinden: Müssten wir dann religiösen Denkmälern jene Anerkennung verweigern, die wir Traditionen allgemein entgegenbringen? Keineswegs. Aber wir hätten aufgehört, uns als Teilnehmer einer religiösen Tradition zu fühlen. Folglich würden wir uns unserer eigenen christlichen Tradition gegenüber etwa so verhalten, wie man sich fühlt, wenn man – sagen wir – als Sizilientourist zwischen den riesigen Säulen des einst herrlichen Tempels der Göttin Hera in Selinunt über dem Meer steht.

Auf die Frage des Atheisten: „Warum überhaupt Religion?“, wird sich also nicht einfach antworten lassen: „Weil uns sonst eine Form des Zusammenlebens abhandenkäme, für die wir keinen geeigneten Ersatz haben!“ Hier und jetzt haben wir keinen Ersatz. Aber hier und jetzt haben wir auch keine Bekanntschaft mit der möglichen Alternativtradition einer Brights-Gesellschaft gemacht. Die konkreten Freuden einer „neuheidnischen“ Innerweltlichkeit bleiben uns, von unserer eingeübten christlichen Warte aus, verborgen.

weiterlesen

12 Comments

  1. Was meint der Mann mit „aufgeklärter Religiosität“? Religiös deute ich immer so, dass ein irrationales Moment mitgetragen werden muss. Ansonsten ist es eben weltanschaulich. Auch wenn also gewisse Formen des Buddhismus klassisch als religiöse Philosophie bezeichnet werden, kann es sich teilweise doch um reine Weltanschauung handeln.

    Eben eine aufgeklärtes Christentum wird selbst in der evangelischen Kirche nicht geduldet, in der es auf breiter Ebene nicht hingenommen wird, wenn die Gottheit sinnbildlich ausgelegt wird und die Bibel als Märchengeschichte verstanden wird, aus der man etwas lernen könnte.

    Liken

  2. „Alles Erleben, durch das uns die Welt eröffnet wird, bewegt sich vor einem Absoluthorizont – dem Sehnsuchtshorizont des Wahren, Guten, Schönen –, nach dessen Erkenntnis wir streben, ohne ihn jemals zu erreichen. Man nennt das ‚Transzendenz‘, Heidegger nannte es ‚Lichtung‘, andere mögen es anders nennen.“

    Es ist ein beliebtes rhetorisches Spielchen der Theologen und Theisten, den Begriff der Religiosität derart aufzuweichen, dass er praktisch auf jeden normalen, intelligenten Menschen zutrifft.
    Natürlich strebe auch ich als Atheist sowohl emotional als auch intellektuell zum „Sehnsuchtsshorizont des Wahren, Guten, Schönen“. Ich weise jedoch die Bezeichnung meiner „philosophischen“ oder „metaphysischen“ Sehnsucht als „religiös“ entschieden zurück, weil ihr Gegenstand nichts Übernatürliches und erst recht kein Gott ist!

    Liken

  3. „Wer schon einmal Trauergast beim Begräbnis eines Menschen war, der sich auf seinem letzten Weg jede Einmischung der Religion verbeten hatte, kennt das peinsame Vor-sich-Hinschauen, das Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten.“

    Das ist ja wohl ein Witz!
    Die Behauptung, eine Beerdigungsfeier ohne religiöse Inszenierung ließe keine Innigkeit, keine Andächtigkeit zu, ist lächerlich.

    Liken

  4. „vor einiger Zeit las ich die Punkte im Brights’ Net, zur Sicherheit habe ich das eben wiederholt“

    Und was fehlt da an Informationen, die ein „umfassendes Werk“ erfordert würden?

    „welche Quellen für Diskussionsartikel gewählt werden“

    Oben bei „Blog und Kontakt“ wird auf die Unterschiede zwischen diesem Blog und der Brights-Bewegung hingewiesen.

    Ich finde diese Paranoia um irgendwelche Quellen ungemein lächerlich. Wir haben auch schon Artikel vom der FAZ gebracht, aber für christlich hält uns trotzdem niemand. Sehr inkonsequent.

    „Sie distanzieren sich nicht von der eigenen Vergangenheit und bringen die gleichen Aufklärungsmuster, zum Beispiel gegen alles Religiöse“

    Wer ist denn „Sie“? Ja wohl kaum alle Kommentatoren des Blogs, noch alle Brights (die nicht miteinander identisch sind, wie Sie an sich selbst bemerken). Logischerweise haben Religiöse irgendein Problem mit dem Atheismus, sonst wären sie nicht religiös und genauso wird Atheisten irgendetwas nicht an Religionen gefallen, oder wie soll ich das sehen? Was das nun mit den bösen Kommunisten zu tun haben soll, erschließt sich mir allerdings nicht.

    Liken

  5. „Das ist alles auf der Hauptseite und beim Brights’ Net nachzulesen, sehr eindeutig und ohne jede Gefahr von Missverständnissen. Nun müsste man es nur wissen wollen…“ – vor einiger Zeit las ich die Punkte im Brights’ Net, zur Sicherheit habe ich das eben wiederholt. Der Grund es zu lesen, war glaube ich es wissen zu wollen… Wie erkennt man denn die Meinungen der Brights zum Beispiel in diesem Diskussionsforum? Ich versuche das zu erfahren, indem ich mitdiskutiere.
    „Leider nennst du keinerlei Argumente oder Belege für deine Position, was in keinem Verhältnis zu der Radikalität deiner Aussage steht.“ Ich erinnere mich hier an die sehr gute Diskussion, welche Quellen für Diskussionsartikel gewählt werden. Natürlich will man sich nicht beschränken, trotzdem färbt der Diskussionsverlauf oder häufige Auswahl bestimmter Quellen unangenehm ab. Leider bin ich misstrauisch beispielsweise gegenüber Quellen wie „Neues Deutschland“ – ein Blick auf auf den Herausgeber der Zeitung bestätigt mir das. Das Problem? Sie distanzieren sich nicht von der eigenen Vergangenheit und bringen die gleichen Aufklärungsmuster, zum Beispiel gegen alles Religiöse, vor wie in der Vergangenheit. Insofern eine durchaus große Übereinstimmung wenn man die Meinungen dieser Internet-Wesenheit (dieses Forums) akkumuliert. Für mich ist es daher interessant zu erfahren, und auch „offensiv“ zu erkunden, wieviel davon durch die Brights mitgetragen wird.

    Liken

  6. „Der Begriff “Brights” ist auch dadurch in meinen Augen nicht ausreichend durch ein fundiertes Werk gefestigt.“

    Das ist alles auf der Hauptseite und beim Brights‘ Net nachzulesen, sehr eindeutig und ohne jede Gefahr von Missverständnissen. Nun müsste man es nur wissen wollen…

    „Ich finde Bezüge zu den Fundamenten der “bisherigen Gesellschaften atheistischen Typs” (Kommunismus, Sozialismus) – auch hier im Forum“

    Leider nennst du keinerlei Argumente oder Belege für deine Position, was in keinem Verhältnis zu der Radikalität deiner Aussage steht.

    Liken

  7. „Ich glaube, da hat wieder einer ein Problem damit, verschiedene Sichtweisen von Brights, “neuen Atheisten” und Antitheisten zu unterscheiden.“ – Wem soll man das verübeln? Gibt es ein umfassendes Werk auf das man hier klärend verweisen könnte? Ein Zeichen dafür ist das in Anführungszeichen gesetzte „neuheidnisch“. Der Autor des Zeitungsartikels hat die „Brights“ auf seine Weise beleuchtet, indem er sich auf Nietzsche bezog. Allein dafür können wir ihm das „neuheidnisch“ dann verzeihen. Andererseits hat er es uns auch erspart zu fragen, ob Nicht-Brights eine geringere „Brightness“ als Leute haben die (noch) vom „Gotteswahn“ befallen sind. Der Begriff „Brights“ ist auch dadurch in meinen Augen nicht ausreichend durch ein fundiertes Werk gefestigt. Die Historie verlangt da wohl etwas mehr: Marx, Heidegger, …
    Interessanter ist, dass der Autor des Artikels tatsächlich nicht unbedingt negativ von „der Bewegung“ (hier meine ich die Brights und nicht „die Bewegung“ Heideggers) spricht. Er lässt die Brights zumindest als helle Gestalten gelten, die nicht durch die Geschichte befleckt sind: „Was man den Brights gewiss nicht entgegenhalten darf, das sind die bisherigen Gesellschaften atheistischen Typs, die Diktaturen Stalins und Maos oder der Steinzeitkommunismus im heutigen Nordkorea. Atheismus und Totalitarismus sind nicht wesensverwandt.“ Wie solch eine „durchgehend säkularisierte Demokratie liberalen Zuschnitts“ erreicht werden soll (angesichts von Menschen, die nicht von einer Religion ablassen), wäre durchaus interessant zu erfahren. Ich finde Bezüge zu den Fundamenten der „bisherigen Gesellschaften atheistischen Typs“ (Kommunismus, Sozialismus) – auch hier im Forum – mindestens genauso problematisch wie Andere ein Heidegger-Zitat. Mein Schluss: Durchaus ein Pro-Brights Artikel.

    Liken

  8. Naja, man kann dem Autor zugestehen, daß er „neuheidnisch“ metaphorisch gebraucht. Aber ob man in Sachtexten Metaphern verwenden sollte, die nur zur Unpräzision beitragen, ist eine andere Frage. Davon ist der Artikel nämlich leider voll. Es lebe die Unschärfe! :/

    Liken

  9. „Wie kann man die Möglichkeit bekommen, sich an eine so große Leserschaft zu wenden und trotzdem die Frechheit besitzen, sich nicht zu informieren und stattdessen den Frühnazi Heidegger affirmativ zu zitieren. Schande über sie alle!“
    Schön zu lessen das ich nicht der einzige bin der beim unkritischen Heidegger Zitat zusammengezuckt ist.

    Liken

  10. Wer unterstellt uns „Neuheidentum?“ natürlich der Herr Dressler von der FAZ! Der eine Rezension über ein Buch von Herrn Strasser genutzt hat um das Buch von Dawkins „Der Gotteswahn“ zu rezensieren. Dafür hat Dressler den Dodo des Monats bekommen.
    Es könnte ein Pro-Brights Artikel sein, wenn er sich nicht so oberflächlich mit der Thematik auseinandergesetzt hätte. Atheismus selbst ist nun erst einmal keine Weltanschauung.

    Liken

  11. „Wer schon einmal Trauergast beim Begräbnis eines Menschen war, der sich auf seinem letzten Weg jede Einmischung der Religion verbeten hatte, kennt das peinsame Vor-sich-Hinschauen, das Von-einem-Fuß-auf-den-anderen-Treten.“

    Und jeder, der das liest und Bescheid weiß, dem ist klar, dass Herr Strasser noch nie auf einer humanistischen Beerdigung war. Etwa die von Douglas Adams oder Graham Chapman, die alles andere als langweilig und trostlos waren.

    „„neuheidnischen“ Innerweltlichkeit“

    Irgendjemand von der FAZ unterstellt uns Neuheidentum und darum soll das auch wahr sein?

    „dass durch den Wegfall jenes Horizonts nicht nur unsere religiöse Sensibilität verloren ginge, sondern unser Bezug zur Welt überhaupt“

    Wer sagt denn, dass dieser „Horizont“ wegfallen soll?

    „Denn er blinzelt. Würde er aufhören zu blinzeln, so hätte er aufgehört, Mensch zu sein“

    Wie kann man die Möglichkeit bekommen, sich an eine so große Leserschaft zu wenden und trotzdem die Frechheit besitzen, sich nicht zu informieren und stattdessen den Frühnazi Heidegger affirmativ zu zitieren. Schande über sie alle!

    Wer nicht mehr blinzelt, der ist kein Mensch mehr. Wow, das ist so tiefschürfend, aus dem Loch kommt man gar nicht mehr heraus!

    Was ist der „Sinn fürs Religiöse“ anderes als der „Sinn für Sinnlosigkeit“? Warum nennt man das Numinöse oder Fantastische bitteschön „Religion“? Doch nur, um die wahren Religiösen zu schonen.

    Und am schlimmsten: Der Artikel könnte sogar Pro-Brights gewesen sein, nur dass man es nicht einmal merkt!

    Liken

  12. Ich glaube, da hat wieder einer ein Problem damit, verschiedene Sichtweisen von Brights, „neuen Atheisten“ und Antitheisten zu unterscheiden.

    Liken

Kommentare sind geschlossen.