Im Zweifel gegen das Gehirn



Hirnforscher sprechen dem Menschen die Willensfreiheit ab. Und wenn das Gehirn an allem schuld ist, dürften konsequenterweise Verbrecher nicht mehr bestraft werden. Doch eine solche «Neuro-Justiz» basiert nicht auf Wissenschaft, sondern auf Pop-Science, schreibt Eduard Kaeser -NZZ

Z um normalen Geschäft von Gerichten gehört es, Strafen für schuldhafte Taten auszusprechen. Die Annahme dabei ist, dass der Mensch die Fähigkeit und Möglichkeit zu rechtmässigem Verhalten besitzt. Aus diesem Grund bestimmt das Gesetz, dass beim Fehlen dieser Fähigkeiten die Strafbarkeit entfällt. Schuldig in allgemeinster strafrechtlicher Bedeutung heisst also: nicht schuldunfähig. Das macht es zur Routine von Verteidigern, Schuldminderungen auszuhandeln. Dazu ist natürlich oft die Expertise von Forensikern gefragt. Und in diesem Sinne stützt sich das Recht auf die Wissenschaft, mehr noch, muss sich die Rechtsprechung offenhalten für neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Zum Beispiel der Neurobiologie.

Zyste im Hirn

Aufschlussreich ist der Fall «Spider Cystkopf» aus den USA der frühen 1990er Jahre. Herbert Weinstein, ein pensionierter New Yorker, erwürgte im Streit seine Ehefrau und stiess sie aus ihrer gemeinsamen Wohnung im 13. Stock, um einen Selbstmord vorzutäuschen. Weinstein wurde angeklagt wegen Mordes.

Aber die Neurologen entdeckten in der Hautschicht, die das Gehirn spinnwebartig einhüllt, ein flüssigkeitsgefülltes Säckchen, eine sogenannte subarachnoidale Zyste (die Fachliteratur verlieh Weinstein deshalb das Pseudonym «Spider Cystkopf»). Ihr Befund: Wegen des Drucks der Zyste und des daraus resultierenden Ungleichgewichts im Stoffwechsel im linken Stirnhirn – Sitz des Kontrollzentrums für Handlungen – sei Weinstein zur Tatzeit nicht fähig gewesen, zwischen richtigem und falschem Handeln zu unterscheiden. Die Verteidigung plädierte auf verminderte Schuldfähigkeit wegen Beeinträchtigung des «moralischen» Vermögens. Weinstein wurde für schuldig befunden, nicht wegen vorsätzlichen Mordes, sondern «bloss» wegen Totschlags. Gehirn sei Dank, möchte man fast sagen.

Der Fall wirft ein Licht auf das Verhältnis zwischen Recht und Wissenschaft. Seit einiger Zeit schon macht sich eine Allianz aus Wissenschaftern und Philosophen stark für eine «Neuro-Justiz», dafür also, überhaupt die Strafe abzuschaffen und durch eine Neurologisierung der aus dem sozialen Rahmen Gefallenen zu ersetzen.

Heimlicher Herr im Haus

In Deutschland tritt vor allem der Hirnforscher Gerhard Roth in regelmässigen Abständen mit provokanten Thesen an die Öffentlichkeit, deren eine lautet: Unsere Schuldvorstellungen sind angesichts der neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften veraltet, sie sind immer noch geprägt vom Gedanken des freien Willens: einer Illusion. Denn nicht das Ich, sondern das Hirn ist heimlicher Herr im Haus. Deshalb sollte das zentrale Motiv nicht mehr Überwachen und Strafen sein, sondern Überwachen und Therapieren. Diese «Verhirnung» von Recht und Strafe baut auf die einfache Logik: Wenn nicht ich es war, der die Tat beging, sondern mein Gehirn mich dazu veranlasste, dann muss man nicht mich, die Person, zur Rechenschaft ziehen und zur Einsicht bringen, sondern mein Gehirn korrigieren oder reparieren. Die Logik ist zwar brüchig, aber sie klingt plausibel. Gefährlich plausibel sogar.

Im Zeitalter fortgeschrittener Technisierung und Verwissenschaftlichung unserer Lebensformen können wir – und hier hat Roth gewiss Recht – nicht auf neurophysiologische Ergebnisse und Einsichten verzichten, zumal nicht auf Forschungen über die Verursacherrolle des Gehirns im kriminellen Verhalten, selbst wenn sich das notorische «Verbrecher-Hirn» (wie auch das «Verbrecher-Gen») als Illusion herausstellen dürfte. Und in dieser Hinsicht kommt dem Fall Spider Cystkopf die Bedeutung eines Präzedens zu.

In den USA ist ein Öffnen der Schleusen für eine Gerichtspraxis zu beobachten, in der das Urteil des Hirnforschers vermehrt in das Urteil des Richters hineinredet. Der amerikanische Rechtswissenschafter Stephen Morse spricht bereits von einem «Gehirn-Überbeanspruch-Syndrom» in einschlägigen Kreisen. Störungen im Stirnhirn scheinen sich sogar zu so etwas wie einem «forensischen Renner» zu entwickeln, indem nun Rechtsanwälte erst einmal das Mandantenhirn auf Schäden überprüfen lassen. Man kann sich leicht ausmalen, dass in (gar nicht so ferner) Zukunft ein Angeklagter sich zunächst einer Reihe neurologischer Schuldfähigkeitstests unterzieht, bevor er überhaupt vor den Richter tritt.

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11 Gedanken zu “Im Zweifel gegen das Gehirn

  1. Hartmut Slomski

    Besitzen denn Staatsanwälte und Richter die Fähigkeit zu rechtmäßigem Verhalten? Doch wohl kaum wenn die Interessen der Kirchen im Spiel sind! Dann ist der Drecksjustiz doch jedliche Rechtsbeugung recht!

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  2. Pingback: Freier Wille - Wille versus Kausalität

  3. Lilith

    @ dvizard
    Mit einem Diss würde ich mich noch gedulden. Der Artikel ist gut geschrieben, nur mangelt es ihm eventuell ein wenig an Trennschärfe. Die dem Autor zur Last gelegten Aussagen entpuppen sich nämlich bei genauem Lesen als Wiederholungen der Positionen, die er in Wirklichkeit scharf kritisiert.

    So wie ich das sehe, sind die zentralen Ansichten im Text folgende:
    1.) Die Neurobiologie macht einerseits rasante Fortschritte, steht aber andererseits noch völlig am Anfang.
    2.) Therapie statt Vergeltung ist eine wünschenswerte Entwicklung, entbindet aber nur in extremen Fällen von Verantwortlichkeit.
    3.) Der Autor will kein klares Bekenntnis zum Leib-Seele-Dualismus tätigen, sondern neutral auf einen Unterschied hinweisen.
    4.) Dieser Unterschied besteht in dem Menschen als biologischer Mechanismus einerseits und als verantwortungstragende Person andererseits.
    5.) Dies schließt sich nicht gegenseitig aus, da der Mensch Einfluss auf sein Innenleben hat (Kühlschrank-Analogie).
    6.) Bestraft wird vor Gericht der Verstoß gegen diese Eigenverantwortung, die nur bei Pathologien massiv eingeschränkt ist.
    7.) Kausalität ist keine Entschuldigung für Normverletzungen, aufgrund genau dieser Eigenverantwortung.
    8.) Wissenschaft hat Grenzen, und wer diese leugnet, versucht sich mit neuem Zauber das alte Motiv Deutungsmacht zu erkämpfen.

    All diese Kritikpunkte sind vollkommen berechtigt und stichhaltig. Die Neuroschamanen, die groteske Windmacherei betreiben, indem sie im Nichtkausalität als Bedingung für moralische Verantwortlichkeit postulieren, sprechen nicht im Namen der Wissenschaft. Sondern sie vertreten ein – in der Wissenschaft lange überholtes! – Weltbild von einer freien Seele, welche in einem biologischen Gefäß eingesperrt sei und daher für dessen physikalische Auswirkungen auf die Persönlichkeit nicht zur Rechenschaft gezogen werden dürfe.

    Es ist eine Pseudo-Debatte, in der veraltete religiösen Konzepte wissenschaftlich verwurzelt werden sollen, indem wissenschaftliche Kompetenzen überschritten werden. Nichts anderes kritisiert Eduard Kaeser.

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  4. Es freut mich, dass beim Lesen dieses Artikels auch anderen die gleichen Gedanken wie mir durch den Kopf schossen. Was mich aber noch mehr wundert, ist dass dieser Herr scheinbar in Philosophie promoviert hat – und trotzdem offenbar von klarem Denken, argumentativer Stringenz und Logik nicht das Geringste versteht, sodass ein Student der (pfui, pfui) Naturwissenschaften wie ich ohne Mühe jede Menge Denkfehler in diesem Artikel findet. Das hat mich so erstaunt, dass ich mich beim Lesen der NZZaS sogar gefragt habe, ob wohl _ich_ hier etwas falsch verstehe. Dies scheint aber nicht der Fall zu sein.
    Da muss wohl doch noch ein Diss auf meinem Blog her.

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  5. Lilith

    „Das Verlangen nach “Freiheit des Willens” […] ist nämlich nichts Geringeres, als eben jene causa sui zu sein und, mit einer mehr als Münchhausen’schen Verwegenheit, sich selbst aus dem Sumpf des Nichts an den Haaren in’s Dasein zu ziehn.“ – Friedrich Nietzsche

    Anders gesagt: Wer den Menschen dem Diktat der Kausalität unterwirft; wer ihn dazu verdammt, von Genen wie Umwelteinflüssen geprägt zu sein; wer ihn nicht davor beschützt, bei seiner Entscheidungsfindung durch die Liebe seiner Eltern, die Lehren seiner Schule, die Ansichten seiner Freunde geprägt zu sein; der spricht ihm den freien Willen ab.

    Eine Mutter, die ihr Kind aus einem brennenden Haus rettet, weil ihre Biologie ihr das nahelegt und ihre Biografie sie darin bestärkt hat, handelt also nach Meinung der Verantwortungs-Leugner unfrei. Man könne ihr ihr Verhalten nicht moralisch anrechnen, sie sei nur eine Maschine gewesen, die geistlos das ausgeführt habe, was man ihr eingetrichtert habe; ihr Wille sei eine Illusion, sie habe aufgrund ihrer Vergangenheit gar nicht die Möglichkeit gehabt, das Kind jämmerlich verbrennen zu lassen. Erst wenn man ohne Gene und ohne Umwelt aufwächst, sei man frei.

    Und einen solchen Ursprung bietet – wer hätte es geahnt? – die Religion. Die naturgelöste, unverfälschte Seele sei auf eine solche Weise frei, und sobald sie bei der Zeugung/der Geburt/der x.ten Schwangerschaftswoche den menschlichen Körper besetze, würde dieser freche Kohlenstoffklumpen anfangen, ihre Authentizität zu verfälschen durch Synapsen und Hormone und Neurotransmitter. Wer über freien Willen spricht, spricht also über Leib-Seele-Dualismus. Scheint, als hätte die Menschheit diese Kränkung noch nicht überwunden…

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  6. Rudi

    @Gwendolan: Volle Zustimmung.
    Ob die Schuld ansich Prüfungsgegenstand im Strafrecht ist, wurde bereits vor einigen Jahrzehnten ausgiebig diskutiert.

    Faktischer Konsens ist heute, dass lediglich Schuldausschlussgründe geprüft werden, die im Gesetz benannt sind. Die fehlende Schuldfähigkeit wirkt danach grob gesagt nur dann strafmindernd oder ausschließend, wenn der Täter nicht in der Lage war, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. Gemeint ist damit die abstrakte vorhersehbare Handlungsmöglichkeit, nicht diejenige im Sinne der Willensfreiheit ansich, weil damit der Präventionszweck der Strafe nicht entfallen würde.

    Im ursprünglichen Wortsinn kann ein Täter im Zeitpunkt der Tatbegehung niemals nach der Unrechtseinsicht handeln. Das ist aber sowohl nach deterministischer wie indeterministischer Sichtweise so. Die Entdeckung der Willensunfreiheit im Hirn hinkt dieser Argumentation um Jahrzehnte hinterher, sie bietet keinen Anlass zu neuer Beurteilung.

    Man könnte jetzt annehmen, dass bei genauer Wortlautbetrachtung der Strafnorm der Schuldausschlussgrund grundsätzlich jedes mal erfüllt ist und im Sinne des Grundsatzes, dass niemand ohne Gesetz bzw. ohne hinreichend bestimmtes Gesetz bestraft werden kann, grundsätzlich Straflosigkeit nach unserer Gesetzeslage die Folge ist, bis der Gesetzeswortlaut konkretisiert wird, also geändert wird.

    Selbst bei täterfreundlichster Auslegung kann man aber letzendlich aus der Formulierung von §§ 20, 21 StGB nicht schließen, dass damit Menschen grundsätzlich nicht bestraft werden können, wenn man die generelle Willensunfreiheit annimmt, weil dann das gesamte Strafrecht nicht hätte erlassen werden brauchen. Bei genauer Betrachtung hätte man schließlich auch ohne moderne Hirnforschung von der Annahme ausgehen können, dass ein freier Wille im klassischen Sinne nicht existiert, wie dies auch von zahlreichen Denkern angenommen wurde.

    Wenn ein Richter nicht danach urteilen dürfen soll, wie er den Sinn und Zweck einer Norm versteht, dann kann man auch gleich den Wachtmeister urteilen lassen.
    http://www.jur-rudolph.de/HR/Weltbild.html

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  7. In der Tat, wie Offray de la Mettrie schon vor 200 Jahren sagte, können wir die Schuldgefühle aufgeben. Mit individueller Verantwortung haben Schuldgefühle nichts zu tun, die sind unabhängig von freiem oder unfreiem Willen. Strafe erfüllt eine durchaus sinnvolle Funktion, freier Wille oder nicht.

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  8. falk

    „Denn nicht das Ich, sondern das Hirn ist heimlicher Herr im Haus.“
    „Wie kann man aber determiniert sein durch das Gehirn und dennoch Verantwortung tragen für das, was man tut?“

    Von solchen Sätzen ist der Artikel durchzogen. Und allesamt sind kompletter Unsinn. Entweder Person und Körper sind verschieden, dann ist das Problem des freien Willens nicht-existent. Oder Person und Körper sind identisch (o. es gibt nur eines davon), dann existiert das Problem des freien Willens auch nicht, weil dann nicht eines durch etwas anderes determiniert ist.
    Das Problem entsteht nur, wenn man diese beiden Möglichkeiten vermischt, also etwa versucht, diese mehr oder weniger neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaft in ein z.B. theistisches Weltbild einzubauen. Oder wenn man versucht, noch ein bißchen Dualismus in ein naturalistisches Weltbild hinüberzuretten.

    Ich finde zwar durchaus viele Detailfragen interessant, z.B. die nach der Schuldfrage bei Vorhandensein neurologischer Erkrankungen, aber diese Fragen verwirrt und verwässert man nur, wenn man versucht, grundsätzlichere Probleme zu konstruieren, wo gar keine sind.

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  9. Der Autor scheint überhaupt nicht begriffen zu haben, wovon er spricht.
    Er scheint ernsthaft als „selbstverständlich“ zu behaupten, es gäbe einen „freien Willen“ jenseits der neurobiologischen, „natürlich“ determinierten Abläufe. Woher dieser kommen soll und wie er in die Vorgänge eingreifen soll erklärt er nicht – offenbar hält er das für trivial? Es wäre wirklich interessant, wie dass so ein freier Wille – jenseits aller natürlichen Determination, ja jenseits natürlicher Vorgänge überhaupt! – im Laufe unserer Evolutionsgeschichte entstanden sein soll. Hat ein Menschenaffe auch einen indeterminierten, freien Willen? Ein Hase? Eine Amöbe? Haben gar ein Stück RNA oder DNA – sich replizierdende Moleküle, die Grundbausteine des Lebens also – einen freien Willen?

    Die durchscheinende Einstellung, dass Wissenschaft gut und recht ist solange sie Autos, Medikamente und elektrische Zahbürsten hervorbringt, dass die Wissenschaftler aber plötzlich als „fundementalistisch“, „unreflektiert naturalistisch“, etc. bezeichnet werden sobald sie etwas verstörendes über unsere eigene Existenz oder die Wirklichkeit generell herausfinden, scheint mir äusserst bedenklich.

    Selbstverständlich gibt es nach wie vor gute Gründe für Strafen und Massnahmen:
    Spezialprävention, Generalprävention, Wahrung des Rechtsfriedens, Sicherung, Therapie zur Verminderung des Risikos einer widerholten Tat. Aber „Schuld“? Schuld in dem Sinne wie die Strafrechtsdogmatik sie versteht, Schuld im kantianischen Sinne, existiert nun mal nicht. Statt sich mit Händen und Füssen dagegen zu wehren würden die Strafrechtler und Philosophen besser daran tun, ihren Überlegungen künftig die Wirklichkeit zugrunde zu legen. Irgendwann werden sie sonst unweigerlich von ihr eingeholt.

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  10. grachus

    „Der Kühlschrank z. B. funktioniert auf der Basis der Physik. Insofern sind die Vorgänge in ihm physikalisch determiniert. Analog dazu arbeitet unser Gehirn auf der Basis der Neurophysiologie, sind also Vorgänge in ihm physiologisch determiniert. Und wie der Zustand des Kühlschranks bestimmt, was man bei welcher Temperatur herausholen kann, so bestimmt der Zustand des Gehirns quasi unseren Verhaltens-Output. Aber wir können diesen Zustand ständig verändern, etwa dadurch, dass wir neue Erfahrungen machen, oder dadurch, dass wir mit unserem Verhalten bei unseren Mitmenschen anstossen. Wir ordnen so gewissermassen den Kühlschrank immer wieder um oder füllen ihn mit Neuem. Und das heisst: Wir übernehmen Verantwortung für seinen Inhalt.“

    Insofern ist auch der Autor dafür voll und ganz verantwortlich dafür das er den großen Logikfehler in seinem eigenen Argument übersieht….

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