Der sterbliche Gott und kein Ende der Geschichte


Ausschnitt aus Michelangelos »Moses«
Ausschnitt aus Michelangelos «Moses», der die Gesetze seines Gottes in der Rechten hält. (Bild: AKG)

Zum Verhältnis von Religion und Politik
Aufgeklärte Gesellschaften wissen, dass die Sphäre des Politischen ihre eigenen Gesetze hat. Die weltlichen Mächte sollen dabei geschieden sein von jenen des Himmels. Aber die Trennung von Kirche und Staat und also von Religion und Politik ist als Errungenschaft der Moderne alles andere als selbstverständlich.

Von Martin Meyer -NZZ

Wir leben unter den Konditionen der Moderne in einer säkularen Welt. Was wir wissen, nährt sich aus der Skepsis von kritischen Fragen, und wo wir handeln, regiert das Gesetz der Kontingenz. Vieles – und immer mehr – ist möglich; aber ebenso gilt, dass auch manches ganz anders sein könnte. Begriff und Erfahrung der Wirklichkeit lehren uns einerseits Zuversicht: ein gewisses Vertrauen in die Berechenbarkeit der Verhältnisse. Anderseits erwartet uns häufig das Risiko, das sich in schlimmen Fällen zum Debakel hin wendet. Damit müssen wir uns abfinden, denn Menschen sind zwar erfinderische Wesen, doch zugleich sollen sie die Endlichkeit ihrer Absichten und Pläne begreifen. Für die Politik – wo gegenläufige Interessen zu verhandeln sind – trifft dies ohnehin zu. In den Bereichen der Wissenschaft ist es kaum anders.

Hinzu kommt ein fundamentales Ärgernis. Es berührt und umspielt das Faktum unseres sterblichen Daseins. Obwohl wir gerne so tun und fühlen, als seien wir gleichsam ewig unterwegs – übrigens nicht nur ein tröstlicher Gedanke –, überfällt uns bei Gelegenheit das Wissen um den Tod. Und wenn wir länger darüber meditieren, setzen weitere quälende Nachtgesichte ein. Wäre dieses Leben sinnvoll gewesen? Hätte es sich nach Leistung und Ethos denn bewährt? Dürfte es vor uns selbst und vor anderen bestanden haben? Oder müssten wir eher froh gewesen sein, wenn wir niemals geboren worden wären? Die alten Fragen, seit der Antike aufgeworfen und variiert, sind auch die neuen.

Eine Ordnung mit Jenseits

Von befreiender Qualität ist wider solche Frustrationen die Vorstellung, dass es ein Jenseits gibt und einen Gott, der über seine Schöpfung wacht. Religion hat viele Aufgaben zu erfüllen – insbesondere im Alltag zwischenmenschlicher Bedürfnisse –, doch ihr stärkstes Argument zieht sie aus dem Versprechen, dass ein Leben hienieden nicht schon das Ganze gewesen sein soll. Nicht die nackte Existenz mit den Widrigkeiten der Hinfälligkeit macht den Menschen; dieser ist vielmehr aufgehoben in einer grösseren Ordnung und deshalb auch entlastet von der Angst, die aus der puren Materie spricht. Das meint das Wort von der Rückbindung; indem wir eine Ligatur voraussetzen, sind wir über uns selbst hinausgelangt.

Der nächste Schritt aus religiös gestimmtem Bewusstsein führt nun wieder in die Welt hinein. Wenn es zutrifft, dass höhere Mächte das Schicksal im Dasein begleiten, dann sollen die irdischen Verhältnisse ihrerseits danach ausgerichtet werden. Alle monotheistischen Religionen – das Judentum, die Christenheit, der Islam – strebten danach, den Geist von Lehre und Gesetz mit den Wirklichkeiten des Diesseits zu verbinden; mehr noch: die Gestaltung des Lebens daran auszurichten. Sogar – und bald prominent – das Politische geriet so in den Bann einer Dogmatik, die keine Freiräume mehr zu dulden gedachte, woraus auch folgte, dass Freund und Feind nach den Massgaben des Glaubens unterschieden wurden.

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1 Comment

  1. Feuerbach in seiner ganzen Pracht. Besonders deutlich in dem Absatz unter „Eine Ordnung im Jenseits“. Das projizieren von Wünschen auf ein Jenseits.

    Aufklärung ist nicht nur die Befreiung des Denkens aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, wie es Kant formulierte. Sie erfasst – darüber hinaus – auch elementare Bestimmungen der Lebensführung im Sinn von autonomer Verantwortung.

    sehr richtig, verantwortlich kann man nur den machen, der auch in der Lage ist mit Verantwortung umzugehen. Viel zuoft lese ich wie Menschen wenn sie Verbrechen begehen sich auf Gott oder Allah berufen und somit jegliche Verantwortung für ihr handeln von sich an den imaginären Alphamann weisen. Es erinnert mich irgendwie an die NS-Größen, die ja nur Befehle und damit die Verbrechen des Führers für Volk und Vaterland ausgeführt haben. Ob es wohl auch damit zutun hat, das dem GröFaZ mitunter gottähnliche Anbetung zuteil wurde? Wie groß ist da der Unterschied zu LEtuen die sich von Gott/Allah berufen fühlen wirklich?
    Allen gemein ist jedenfalls, das sie sich entweder aus unvermögen oder mutwillig ihren Verstand nicht eingeschaltet haben.

    Weiter unten im Text geht der Autor auf Hobbes ein.

    Leviathan bekundete sich insofern als sterblicher Gott – als ein Konstrukt für eine Wirklichkeit, in der ursprünglich jeder dem anderen ein Wolf gewesen war, jetzt indessen den Schutz der Autorität genoss.

    Geht es nur mir so oder kommt nur mir das schrecklich bekannt vor? Hobbes war 17 Jhdt. sollten wir einen Leviathan nciht längst überwunden haben? Heute jedenfalls genießt die Kirche zwar offiziel weniger rechte, unter der Hand und ich sach mal beim einfachen Volk ist sie dennoch einflussreich und unsere gewählten autoritäten tun idR. nichts um der Kirche ins werk zu pfuschen. So hat die Kirche zwar offiziell nichts zu sagen, aber dann wieder doch, wie etwa bei Lehrstühlen in staatlichen Unis.
    Wenn ich mir die geshcichte des späten Mittelalters bis heute ansehe, so gewinne ich hin und wieder den eindruck, das jede unserer Freiheiten von heute, mühsam der Kirche abgerungen werden musste.

    Letztendlich ist es aber so das dem Menschen ine WElt hne Transzendenzen oder Götter bedeutungslos vorkommt, bzw. den Menschen ein absolute Begründung der Moral fehlt. „Warum ist es gut? Weil Gott es so gern hat?“
    Ich dneke es benötigt eine gewisse innere Stärke auf eine Antwort auf das Leben das Universum und allem zu verzichten. (42, ja ne is klar) Ich denke jeder sollte in der Lage sein selber zu entscheiden nach welchen ethischen Standarts er leben will. Ich denke aber auch das jede Freiheit dort grenzen hat wo andre Menschen geschädigt oder im Ausleben ihrer Freiheiten behindert werden.
    Es muss daher jedem MEnschen möglich gemacht zu werden seinen Verstand zu benutzen, allerdings wie die Volksweisheit sagt: „Man kann ein Pferd zur Tränke führen, aber wird es auch daraus trinken?“,oder, wie ich hinzufügen möchte: „- oder wird es Angst haben das Wasser sei vergiftet?“

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