Sex mal sex = Sex ab dreißig


Das war’s dann wohl mit der Aufklärung. Kaum sind 200 Jahre seit Kant vergangen, schon befinden wir uns wieder grottentief im Aberglauben. War da nicht so ein Spruch? „Wage es deinen Geist zu nutzen“? Pah, alles Schnee von gestern, les neiges d’antan, wie sich der einsame Humanist ebenso gewählt wie völlig nutzlos zum Thema äußert. Neil Postman hatte es schon vor 25 Jahre prognostiziert: Nach der Kultur des Wortes und der Bücher bewegen wir uns in affenartigem Tempo auf eine Kultur des Bildes zu.

Thomas Nittner arts+painting
Artikel von News Ticker

Willkommen zurück im Mittelalter. Bekanntermaßen (?) machte in finsteren Urzeiten die Kirche – damals die intellektuelle Elite – die Leute mit den Bildern in den Kirchen mit den Auswirkungen eines zügellosen Lebens auf Himmel und Hölle bekannt. Schließlich konnte der Großteil der Menschheit weder lesen noch schreiben. Leider schaut’s heute, nach Humboldt und Schulpflicht, G8 und Gesamtschule bald nicht mehr sehr viel besser aus. Angeblich haben wir jetzt schon nachgewiesenermaßen circa 5% echte Analphabeten mit einer Dunkelziffer, die schamhafterweise (wie der Begriff schon sagt) im Dunkeln bleibt. Wenn schon die Ehefrau eines recht bekannten Sportsmannes, zum Thema ihres Lieblingsbuch meint, dass sie „lesemäßig nicht so ganz turobheftig unterwegs sei“ darf man sich nicht wundern, wenn des Lesens und Schreibens Kundige schön langsam anfangen, die geistigen Koffer zu packen.

Die Leute knallen sich das Hirn, oder das, was davon übriggeblieben ist, mit Esoterik voll, die ganz Schlauen faseln was von „intelligent design“, jede Menge obskurer Heilslehren erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Hauptsache man ist anders als die Anderen, aber bitte nur Praktiken, die weder körperlich noch in intellektuell übermäßig hohe Ansprüche stellen. Schließlich will man weder Geld noch Kraft in Überzeugungen investieren, die man ein paar Monate später ja doch wieder ändert. Das passende Bild zum dürren Text? Wie wär’s mit dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte der einzig verbleibenden Weltmacht in seinem neckischen Kampfspielanzug auf diesem riesigen Flugzeugträger vor dem fetten Banner „Mission accomplished“? Im Zusammenhang der geistigen Verarmung der Welt, wie wir sie kennen, ist das doch mal ’ne richtig ehrliche Aussage.

Eine großartige deutsche Wochenzeitung bietet seit geraumer Zeit ausgewählte Texte als Hörstück im Internet an. Sozusagen für den kleinen intellektuellen Hunger zwischen drin. Während man Auto fährt, telefoniert, die Windeln wechselt oder am Klo sitzt. Wer wird schon lesen, wenn er die Möglichkeit geboten bekommt, schriftliche(!) Beiträge von wohlmodulierten Stimmen frei Ohr zu erhalten. Wenn schon die Handschuhfächer der Autos voll sind mit Hörbüchern der Weltliteratur, ist es nur konsequent, wenn das letzte bisschen Lesen (zum Beispiel von Zeitungen) auch noch entsorgt wird.

Das Hübsche daran ist, dass wir auf der einen Seite ein erschlagendes Angebot an Information haben, auf der anderen Seite aber gerade dadurch immer weniger Information aufnehmen und verarbeiten. Die galoppierende Verblödung ist nicht mehr aufzuhalten. Oder glauben sie wirklich, dass die tagtäglichen Versprechungen eines erfüllten Sexlebens durch Penisverlängerungen oder Potenzpillen in ihrer E-Mail tatsächlich eintreffen? Natüüüüürlich nicht, antwortet jeder, aber anscheinend machen die Anbieter dieser Präparate doch ihren Reibach, sonst wären sie schon lange auf andere Produkte umgestiegen, mit denen sie uns nerven können.

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8 Comments

  1. Lasst doch die einseitige Schwarzmalerei!
    All die atheistischen Bücher habe ich zum Glück sehr oft in Bücherläden sehen können, „Der Gotteswahn“ war meines Wissens auch in der Bestsellerliste.
    Ich denke eher, dass eine Zweiklassenbildung entsteht: Bildungsunterschicht mit Fernsehen, Bildungsoberschicht mit Büchern. Der Grund ist aber nicht in den bösen Reichen zu suchen, denn Bücher wären ja auch für die ärmeren leicht und preisgünstig erhältlich. Nein, diese Klassenteilung hat nicht allzu viel mit arm ode reich zu tun.
    Der Verlust von Lesekompetenz liegt einfach an den Eltern: Sind sie eher schlichte Gemüter, erziehen sie mit Fernsehen, im krassen Gegensatz zum klassischen Bildungsbürgertum, das weiterhin bestehen bleibt.
    Übrigens ist diese „Dummheit“ nicht einfach proletarisch, nein, es gibt auch genug Bonzen, die ihr Geld lieber in schmierige rosa Polohemden und solchen Kram investieren.
    Langfristig wird sich wohl eine Bildungselite bilden.
    Und nach noch längerer Zeit wird diese wieder gestürzt und auch die, die es vorher nicht taten, werden anfangen, zu lesen.

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  2. Ach ja: Sex ist natürlich ein Thema, das in den Suchmaschinen am häufigesten eingegeben wird. Das Thema Sex, bzw. Sex mal sex = Sex ab dreißig wird also die Besucherzahlen für diesen Blog fördern. sex, sex, sex

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  3. Aber geh! Ich bin doch eher optimistisch, was die kulturelle Weiterentwicklung der Menschheit anbelangt; so scheint mir in den letzten beiden Jahrzehnten der Anteil der Idioten von 97 auf 96% zurückgegangen zu sein.

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