Eisheilige Pseudowissenschaft


Eisschleiertrichter nach Hanns Hörbiger
Pseudowissenschaften umkreisen die etablierten Wissenschaften im Laufe der Geschichte immer wieder und stellen diese in Frage. Dies zeigt sich besonders deutlich anhand der Welteislehre. In der Abbildung zu sehen ist das Sonnensystem mit Eisschleiertrichter nach Hanns Hörbiger, Signatur HA, S/476/122, Technisches Museum Wien.

Bernd Affenzeller – Report Online
Der Name Hörbiger ist im deutschsprachigem Raum ein Begriff, speziell in der Unterhaltungsbranche. Weniger bekannt ist, dass der Name Hörbiger auch in der Wissenschaft einen Ruf genießt – allerdings einen zweifelhaften.

Der Maschinenbauingenieur und Hobbywissenschafter Hanns Hörbiger hat nicht nur Paul und Attila in die Welt gesetzt, sondern der Nachwelt auch eine Theorie hinterlassen, die so ziemlich alles erklärt, worüber sich die Menschheit seit Jahrtausenden den Kopf zerbricht. Nichts weniger als das Rätsel über die Entstehung des Universums wollte Hörbiger mit seiner »Welteislehre« gelüftet haben.
Laut Welteislehre bestehen die meis­ten Körper des Universums aus Eis. Die Theorie besagt, dass Eismonde und Eisplaneten sowie der eisige »Weltäther« die gesamte Entwicklung des Weltalls bestimmen. Das Universum befindet sich laut Hörbiger in einem ständigen Dualismus von Sonnen- und Eisplaneten.

Das ist natürlich Unsinn, und heute gilt die Theorie als kuriose Idee, die wissenschaftlich nicht haltbar ist. Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts anders: Obwohl von der Wissenschaft schon damals weitgehend abgelehnt, startete die Welteislehre Mitte der 1920er-Jahre einen Siegeszug in der Laienwelt. Die Theorie vom ewigen Eis wuchs zu einer wahren Weltanschauungstheorie an, die stark mit religiösen Metaphern spielte: die Lehre als Mission, die Anhänger als Jünger und Hörbiger selbst als der Welteismeister. Nach Hörbigers Tod 1931 ebbte die Begeisterung für die Welteislehre zunächst ab, feierte jedoch im Nationalsozialismus ein kurzes Comeback. Nach dem Ende des Naziregimes ver­schwand die Welteislehre endgültig auf dem »Misthaufen der Geschichte«. Bis sie vor wenigen Jahren von Christina Wessely wieder ausgegraben wurde. Durch Zufall erfuhr sie, dass das Technische Museum Wien über den Gesamtbestand des Instituts für Welteislehre verfügt, ungesichtet und unbearbeitet. Ein gefundenes Fressen für eine Historikerin, die sich auf Wissenschaftstheorie spezialisiert hat.
Gemeinsam mit Mitchell Ash vom Institut für Geschichte an der Uni Wien und mit finanzieller Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF hat Wessely ein Projekt ins Leben gerufen, das anhand der Welteislehre die Auswirkungen von Pseudowissenschaften auf Öffentlichkeit, Wissenschaft, Technik, Politik und Religion untersuchen sollte. Zentrales Ergebnis des Projekts: Die weitverbreitete Annahme eines geradlinigen Siegeszuges der Wissenschaften ist falsch. Vielmehr muss die Wissenschaft immer wieder aufs Neue Überzeugungsarbeit leisten und zum Teil sogar vehement gegen »falsche« Weltbilder ankämpfen. Vor allem die sogenannten Pseudowissenschaften machen ihrem seriösen Pendant schwer zu schaffen. »Viele dieser Pseudowissenschaften nehmen methodische Anleihen bei den Naturwissenschaften«, erklärt Wessely. Damit wird versucht, sich und seiner Theorie einen wissenschaftlichen Anstrich zu verpassen. Pseudowissenschaften verfügen in der Regel über ein hohes Maß an Verwechselbarkeit, sind dabei aber leicht verständlich und auch für den Laien nachvollziehbar. »Der wissenschaftliche Anstrich, diese Scheinwissenschaft und die Verständlichkeit machen Pseudowissenschaft so populär«, erklärt Wessely. Das gilt auch für die Welteislehre, die von ihren Anhängern als Gegenentwurf zu Einstein und seiner Relativitätstheorie gesehen wurde. Während die Relativitätstheorie für den Laien ein Buch mit sieben Siegeln war und selbst intensive Beschäftigung nicht zwangsläufig zu einem Verständnis führte, lieferte die Welteislehre ein einfaches und anschauliches Weltbild in Form einer Erzählung. Dabei wurden astronomische und geologische Vorgänge mit spektakulären Geschichten gepaart, die fantastischen Abenteuerromanen glichen. Während diese Theorie einfach vorstellbar war, schienen die akademischen Naturwissenschaften nur Zahlen und abstrakte Formeln anzubieten zu haben und unverständlich und lebensfremd zu sein. Die Folge war ein Richtungsstreit darüber, was wissenschaftlich sei, wobei der »gesunde Menschenverstand« der breiten Öffentlichkeit der Meinung der Fachleute entgegenstand.
Dabei ist der Weg der Pseudowissenschaften nicht immer vorgezeichnet. Nicht selten wird versucht, seine Ideen in der Welt der Wissenschaft zu verankern. Fragwürdige Methoden oder falsche Prämissen lassen diesen Plan dann oft scheitern. »Pseudowissenschaftliche Theorien sind sehr oft in sich schlüssig, basieren aber auf falschen Prämissen. Das führt dann natürlich zu falschen Schlüssen, selbst wenn die Beweisführung wissenschaftlich korrekt ist«, sagt Wessely. Wenn es für die Welt der Wissenschaft nicht reicht, landen diese gescheiterten Ideen dann oft im Auffangbecken der Öffentlichkeit. Auch Hörbiger hat viele Jahre versucht, seine Ideen an Akademien und Universitäten zu verkaufen. Erst als ihm die Ausweglosigkeit seines Unterfangens bewusst wurde, hat er sich direkt an die Öffentlichkeit gewandt. Zur gro­ßen Überraschung der wissenschaftlichen Community mit Erfolg. Der Rückhalt in der Bevölkerung – Mitte der 1920er-Jahre hatte die Welteislehre Tausende von Anhängern in Deutschland und Österreich – verschaffte Hörbiger auch politisches Gewicht. Das führte so weit, dass seine Welteislehre jetzt plötzlich auch von seriösen Journalen behandelt wurde – wenn auch als negative Referenz. Ähnliches gilt heute auch für die Kreationisten in den USA, die sich alleine durch die Zahl ihrer Anhängerschaft und nicht durch die Wissenschaftlichkeit ihrer Thesen politisches Gehör verschaffen. Der Einfluss des »Intelligent Design« genannten »wissenschaftlichen« Ablegers des Kreationismus ist so groß, dass kritische Politiker es vermeiden, dieses heiße Eisen anzufassen. Die Befürworter lehnen sich hingegen weit aus dem Fenster und wollen Adam und Eva sogar im Lehrplan verankern – auf Kos­ten von Charles Darwin.

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1 Comment

  1. Ein interessanter Bericht der auch zeigt wie gefährlich Pseudowissenschaften doch sein können. Gerade wenn sie (am Anfang) von den Experten ignoriert und nicht systematisch wiederlegt werden besteht die Gefahr, dass sie (da einfach gestrick) beliebt werden.

    Ein klarer Aufruff gegen Pseudowissenschaft aufzutreten. Auch wenn es „nur“ Sternzeicehn in der Zeitung sind. Schwachsinn bleibt Schwachsinn!

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