Das gar nicht primitive Schnabeltier


von Prof. Axel Meyer, Ph.,D., Evolutionsbiologe und Zoologe Universität Konstanz

Ornithorhynchus anatinus, das Schnabeltier, ist ein ungewöhnliches Wesen. Es hat eine Art Entenschnabel und Schwimmhäute zwischen den Zehen. Sein Ruderschwanz ähnelt dem eines Bibers. Es legt Eier, aber säugt seine Jungen mit Milch. Bei so einem Potpourri von Merkmalen ist es verständlich, dass dieses Tier, dessen Genom nun sequenziert wurde, oft für besonders primitiv gehalten wird.
Das Schnabeltier und der Ameisenigel sind die letzten überlebenden Arten der eierlegenden Säugetiere (Monotrema). Sie trennten sich von den anderen Säugetieren vor etwa 166 Millionen Jahren. Zu diesem Zeitpunkt gab es also einen gemeinsamen Vorfahren, aus dem schließlich sowohl die Schnabeltiere als auch wir Menschen hervorgegangen sind. Unsere evolutionären Linien sind also genau gleich alt. Wer sollte da primitiver sein?
Die Berichterstattung über das „primitive“ Schnabeltiergenom spiegelt ein großes Missverständnis in der Öffentlichkeit wider. Die Evolution strebt nicht nach Fortschritt – auch wenn Homo sapiens immer oben auf den Stammbäumen gezeichnet wird. Alle Lebewesen sind eine Kombination von ursprünglichen und neueren Merkmalen. Das Schnabeltier ist nur ungewöhnlich, weil das Gewöhnliche per definitionem eben häufiger ist. Es repräsentiert zwar einen alten, also basalen evolutionären Ast, aber: Basal ist nicht notwendigerweise primitiv.

1 Comment

  1. Schön das wir wieder einen kurzen, biologischenBeitrag von Prof. Meyer auf dem Blog haben. Ich freu mich immer über die eignestreuten, biologischen Informationen.

    Und wer hat den behauptet das Schnabeltier sein primitiv? Also ich kann die Natur mit ihren unglaublichen Wegen leben hervorzubringen, sich anzupassen und zu überleben nicht primitiv finden.

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