Das Altruismus Gen?


FAZ.NET – Manuela Lenzen

Nietzsche hatte es klar erkannt: Fernstenliebe wollte er die Menschen lehren, denn: „Eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber. Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen.“ Der amerikanische Biologe und Autor Lee Alan Dugatkin erklärt in seinem neuen Buch, warum die Nächstenliebe schon schwierig genug, die Fernstenliebe dagegen evolutionär gar nicht vorgesehen ist.

Güte ist ein poetisches Wort für ein Phänomen, das Wissenschaftler Altruismus nennen und das schon Darwin „fast verrückt“ machte. Wenn der Sinn des Lebens aus evolutionsbiologischer Sicht darin besteht, sich fortzupflanzen, wie können dann die unfruchtbaren Arbeiterkasten der Bienen, Wespen oder Ameisen entstehen?

Darwin fand keine gute Lösung auf diese Frage, ging aber mit der Vermutung, die „natürliche Zuchtwahl“ sei auch auf die Familie, nicht nur auf das Individuum anwendbar, in die richtige Richtung. Blutsverwandtschaft lautet heute das Zauberwort: Wer Familienangehörigen hilft, sich zu reproduzieren, sorgt auch für die eigenen Gene. Bevor dies klar war, tobte ein ebenso weltanschaulich wie wissenschaftlich motivierter Streit um die Güte: Gibt es einen Selektionsdruck, nicht nur innerhalb der eigenen Familie, sondern auch Fremden gegenüber freundlich und großzügig zu sein?

Dugatkin verfolgt die Debatte um Nächsten- und Fernstenliebe in den Arbeiten und Biographien der Evolutionsforscher von Huxley bis Hamilton. In faszinierenden Porträts macht er deutlich, wie eng bei dieser Frage Biographie und Forschung zusammenhängen. Als Fachmann spart er aber auch nicht an subtilen Details, die die komplexen Altruismus-Modelle erst verständlich machen.

Die Welt, in der Thomas Henry Huxley aufwächst, ist durch eine starke Wirtschaftskrise geprägt. Elend bestimmt das Straßenbild, der Kampf ums Dasein den Alltag. Altruismus erlebt Huxley nur zu Hause. Ganz anders Pjotr Kropotkin: Überbevölkerung, Konkurrenzkampf und Malthus‘ Bevölkerungsgesetz erscheinen in der leeren russischen Weite absurd. In Sibirien findet Kropotkin überall gegenseitige Hilfe: Tiere drängen sich zusammen, um sich zu wärmen, Bauern leben in kleinen autarken Gruppen. Gegenseitige Hilfe, so schließt er, ist ein entscheidender Faktor für die Erhaltung des Lebens einer jeden Spezies, auch des Menschen – und zwar jenseits der Blutsverwandtschaft. Und wenn sich schon Tiere, Wilde und Barbaren gegenseitig helfen, dann können auch zivilisierte Gesellschaften ohne Regierung in Frieden leben.

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6 Comments

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,

    schreibe an einem Buchmanuskript über Menschheits-Schwächen. Insbesonder zum Problemenkreis Überbevölkerung als religiös untermauerte Entwicklung.

    Welche Verlage könnten sich wohl für eine Veröffentlichung interessieren?

    Mit freundlichen Grüßen
    Alfred Ewald

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  2. … und dennoch funktioniert er (mit ach und krach) noch 😉

    Die Frage nach dem weshalb kann ich nicht beantworten. Ein gläubiger Mensch würde ggf. die Gemeinschaft von Gott und Mensch hervorheben, schließlich bringt man uns ja bei, dass der alte Mann mit langem weissen Bart uns alle lieb hat. Nun ja, den einen ggf. etwas mehr als den anderen 😉
    Atheisten verweisen zumeist auf den Selbsterhaltungstrieb und das soziale Gebilde, die Vorteile gegenüber eines einzelnen Individuums bietet. Und ab einer bestimmten Größe haben wir eben kein Dorf oder Stadt mehr vorzuweisen, sondern schon einen Staat. Und wenn’s größer wird, eine EU. Danach folgt ein Kontinent, eine Landmasse, ein Planet und zum schluß dürfen wir uns hoffentlich „Bewohner des Sonnensystems im Südosten der Milchstraße“ nennen. Und all dies findet man in unseren Genen ? Bewundernswert 🙂
    Die 150 würde ich nicht so eng nehmen… schließlich sind kleinere Gruppen öfters anzutreffen als größere Gemeinschaften mit 100 und mehr Menschen. Weshalb sollte es mit 82 Millionen nicht auch klappen ? Gut, Bayern müssen wir da noch ausklammern, sind ja ein eigener Kontinent (Autsch! nicht schlagen!!) 😛

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  3. Die Grenze des Altruismus ist durch die Dunbar-Zahl definiert. Diese liegt beim Menschen bei 150. D.h., dass ein Mensch zu 150 anderen Menschen einer Gruppe soziale Kontakte halten kann. Ist die Gruppe größer, teilt sie sich in Teilgruppen. Altruismus ist wohl genetisch nur innerhalb dieser Gruppen möglich. Dieser Umstand macht den Sozialstaat absurd.

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