Der Kult der schwarzen Götter


von Pierre Fatumbi Verger
FOTOGRAFIEN VON PIERRE FATUMBI VERGER, 1902-1996

Der Boom der afrobrasilianischen Religionen erfasst auch die Mittelschicht

Die afrobrasilianischen Religionen erfahren nicht nur in Brasilien selbst wachsenden Zuspruch, auch weltweit wächst das Interesse. Dabei ist es nach synkretistischer brasilianischer Logik durchaus möglich, Candomblé, Katholizismus und Buddhismus gleichzeitig zu praktizieren.

Klaus Hart NZZ-ONLINE

Lärm von der nahen Autobahn, dazu der Krach von Passagierjets im Landeanflug, schnatternde Enten unterm Fenster des Kabinetts – Brasiliens angesehenste Candomblé-Priesterin, die Mae-de-Santo Sylvia de Oxalá, wirkt davon unbeeindruckt. In einer der hässlichsten Gegenden São Paulos, neben einem der über 2000 städtischen Slums, betet sie zu afrikanischen Gottheiten, den Orixás, zelebriert Rituale mit Tieropfern und Blut, Heilungen und Feste. In der denkmalgeschützten Kultstätte, zu der ein theologisches Seminar, eine Bibliothek und ein Kindergarten gehören, gibt sie ihren zahlreichen Klienten, grösstenteils Weissen, tagsüber in Privatkonsultationen Orientierung und Lebenshilfe, nutzt dafür jogo de buzios, die Kunst der Muscheln, und Numerologie, Zahlenmystik. Wahrsagerei und Pseudowissenschaft, wie viele meinen, sei dies keineswegs: «Diese Methoden sind exakt, mathematisch, präzise.» Nahezu automatisch gäben die afrikanischen Meeresmuscheln, welche die siebzigjährige Priesterin auf dem weissen Tischtuch des Kabinettstischs auswirft, auf alle Probleme und Fragen eine Antwort.

Internationale Karriere

«Zu mir kommen sogar katholische Priester und Ordensschwestern, dazu Politiker und Unternehmer.» Sylvia de Oxalá ist weit gereist, welterfahren wie keine andere Mae-de-Santo, Mutter des Heiligen. Aus einer hochgebildeten Schwarzenfamilie São Paulos stammend, wird sie zunächst Kinderärztin und Pharmazie-Forscherin, erwirbt daraufhin 1974 als erste Frau Brasiliens den Doktortitel in Aussenhandelswirtschaft, wird wohlhabende Unternehmerin mit Ex- und Importbüros in Afrika. Ohne es zu wissen, so ihre Version, wird sie indessen vom Onkel, der als Pai-de-Santo, Vater des Heiligen, die Kultstätte führt, für die Nachfolge vorbereitet. 1985, nach seinem Tod, wechselt sie von einem Nobeldistrikt der Megacity an die Unterschichtsperipherie, mietet indessen bald eine Wohnung in der 51. Avenue von New York an. Um zweimal im Jahr auch für die wachsende nordamerikanische Candomblé-Gemeinde Kulte zu zelebrieren und per jogo de buzios Lebenshilfe zu geben.

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3 Comments

  1. Wenn Sie nichts von der afro-brasilianischen Religion kennen, dann sollten Sie – ehe sie etwas so absurdes von sich geben – erst einmal darueber informieren. Sonst waere es besser, wenn Sie Ihren Kommentar fuer sich behalten wuerden. (Priester in der afro-brasilianischen Religion) Brasilien.

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  2. Ob das typisch brasilianisch ist? Es sprießen doch überall auf diesem Planeten ständig irgendwelche Sekten und neue Religionen wie Pilze aus dem Boden. Und wobei geht es dann dabei in Wirklichkeit? Um Profit!
    Es ist doch immer das gleiche Strickmuster: irgendjemand entwickelt ein religiöses Programm, nimmt entweder als Grundlage eine bestehende Religion (wie z.B. bei den christlichen Sekten) und fügt gewisse Veränderungen hinzu (inkl. mehr Fanatismus), oder nimmt eine ausgestorbene Religion und belebt sie neu (wie bei den Neo-Paganisten) oder stützt sich auf angebliche Widersacher irgendwelcher Gottheiten (wie bei den Satanisten) oder entwickelt etwas völlig neues, z.B. mit Hilfe von Science Fiction (wie z.B. Scientology). Der erste Schritt besteht dann erstmal darin eine gewisse Zahl von Anhängern zu finden, die dann weitere Leute „bekehren“. Und dann breitet sich die ganze Sache aus!
    Es kommt dabei immer auf die richtige Mixtur an! Und es ist die Frage wen kann man womit ködern? So kann es z.B. bei der einen neuen Bewegung sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe und dergleichen sein, während bei einer anderen neue Mitglieder mit Sexorgien geködert werden. Oder es wird z.B. mit der Erlösung durch außerirdische höhere Wesen geworben. Oder was auch immer.
    Oft ist dies damit verbunden, den Zuläufern einzuimpfen, sie seien von irgendwelchen Gottheiten „auserwählt“, z.B. dazu als einzige den angeblich bevorstehenden Weltuntergang zu überleben.
    Hintergedanke ist natürlich dabei den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. (Siehe z.B. Scientology).
    In Bremen z.B. hatten dies mal selbsternannte Weltuntergangspropheten geschafft, indem sie ihren Gläubugen versprachen sie wären auserwählt gerettet zu werden, indem sie von einem unsichtbaren Raumschiff einer außerirdischen Zivilisation abgeholt werden. Und um die teure Passage für die lichtjahreweite Reise zu bezahlen (und da ihr Geld auf dem neuen Heimatplaneten ohnehin wertlos wäre) gaben die Gläubigen ihre ganzen Ersparnisse her.
    Die Dummheit der Menschen ist tatsächlich unendlich!
    Und es geht den selbsternannten Religionsführern nicht immer um das Geld ihrer Gläubigen. Sie lassen sich auch als billige Arbeitskräfte einspannen, um für sie zu schuften. Und sie tun es dann sogar gerne. Z.B. für die eigene Erleuchtung! Bhagwan z.B. ließ die Leute für sich schuften, predigte Askese, ließ sich dann im Rolls Royce herumkutschieren und machte winke-winke! Und alle waren hellauf begeistert.
    Und junge Frauen können dann dafür eingespannt werden
    ihren (oft wesentlich älteren) Religionsführern sexuell zu Diensten zu sein (und sind sogar noch glücklich von ihrem „Meister“ dafür auserkoren zu sein! Oder sie werden von ihren Religionsführern auf den Strich geschickt, sind dann sogar glücklich für sie anschaffen zu dürfen.
    Wie sind denn wohl die ersten Religionen, das erste Priestertum in grauer Vorzeit, entstanden? Wahrscheinlich doch wohl weil irgendwelche Steinzeitleute keine Lust hatten selbst zu jagen, zu sammeln und zu fischen. Deshalb erzählten sie ihren Stammesgenossen etwas von Göttern und Geistern, denen Opfer gebracht werden mußten – die sie natürlich dann heimlich für sich selbst verwendeten. Oder sie zogen eine Show ab, wonach sie mit irgendwelchen Göttern und Geistern in Verbindung ständen,
    deren Dienste erbitten könnten – und ließen sich dafür durchfüttern!
    Und es geht natürlich auch um Macht, wonach Religionsführer streben! Und je gläubiger ihre Anhänger, umso leichteres Spiel haben sie.

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