Ein neuer Humanismus


Neuer HumanismusEs gibt Dinge, die lassen sich schlecht mischen: Wasser und Öl zum Beispiel. Oder Natur- und Geisteswissenschaftler. Doch sie nähern sich an.Von Kai Kupferschmidt tagesspiegel.de

Natur- und Geisteswissenschaftler kann man mit Gewalt zusammenbringen, aber lässt man sie dann eine Weile in Ruhe, neigen sie dazu, sich zu entmischen und am Ende wieder säuberlich getrennt vorzuliegen. So jedenfalls lautet das weit verbreitete Urteil über die akademische Landschaft in Deutschland.

Es könnte allerdings sein, dass die Widerstände abnehmen. Vor kurzem fand in Nürnberg eine Tagung zum Thema „Neuer Humanismus“ statt. Wissenschaftler und interessierte Laien hatten sich in der Nürnberger Burg versammelt, um zu diskutieren: Über Aufklärung und Atheismus, Epikur und Evolution, Hedonismus und Humanismus. Bemerkenswert dabei: Trotz des „geisteswissenschaftlichen“ Themas waren viele Naturwissenschaftler anwesend.

Eckart Voland zum Beispiel. Er ist Biologe und Professor für Philosophie der Biowissenschaften in Gießen. Er beschreibt sich als „Quereinsteiger in der Philosophie“. Voland hält es für wichtig, dass auch Naturwissenschaftler an ethischen Diskussionen teilnehmen: „Viele gesellschaftliche Entwürfe gehen von falschen Voraussetzungen aus“, sagt er. Bei der Feindesliebe zum Beispiel. Jahrtausendelang wurde sie von der Bibel propagiert, aber Voland hält sie für unvereinbar mit der menschlichen Natur. Der Mensch sei schließlich ein Produkt der Evolution, und Feindesliebe habe in der freien Wildbahn wenig Vorteile.

Ein anderes Problem sieht er im Rückgriff auf dualistisches Denken, in der Tatsache, dass „Evolution immer als nicht mehr zuständig erklärt wird, wenn es um mentale Zustände geht.“ Dabei sei das Gehirn ebenso der Evolution unterworfen wie jedes andere Organ. Sein Fazit: „Der Naturwissenschaftler kann helfen, das Fundament zu beschreiben, auf dem jegliche erfolgreiche Politik stehen muss.“ Sonst bestehe die Gefahr einer „Ethik, die an der Welt vorbeigeht“.

Der Kölner Physiker Bernd Vowinkel hat an der Tagung teilgenommen, „weil halt die neuen Technologien in das althergebrachte Menschenbild eingreifen“. Vowinkel meint Entwicklungen wie Roboter, Gehirnchips, künstliche Intelligenz und Prothesen, die die Leistungsfähigkeit des Menschen erhöhen. „Geistes- und Naturwissenschaften müssen stärker zusammenwachsen“, fordert er.

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5 Comments

  1. @Melchior: Du hast natürlich Recht. Tut mir leid, falls es sehr „kirchlich“ klang. Natürlich haben Naturwissenschaftler interesse an solchen Diskussionen, und aus diesem Grunde finde ich z.Bsp. eine Ethikkommission auch eine sehr gute Sache. Nur wirst Du wohl kaum bestreiten, dass die Kirche da eine .. ähm … sehr konservative Gruppe bildet, die bei einer kritischen Selbstreflexion im Bezug der ethischen Fragen wohl kaum von ihrer Position rückt. 😉

    Mitglieder sind in der Regel Mediziner und Naturwissenschaftler, jedoch ist bei der Besetzung einer Ethikkommission die Aufnahme von Juristen und Theologen zwingend.

    Theologen sind zwingend dabei, ob man will oder nicht. Nichts dagegen, nur wo sind die Imame und die Shiwa-Anbeter bei Fragen über implantierte Gehirnchips ? 😉
    Sch(m)erz beiseite. Es ist nicht explizit nur von der Ethikkommission die Rede. Es geht hier um die Vermischung im Allgemeinem. Und da gibt es eben Defizite, auch wenn die Zusammenarbeit in vielen Fällen sehr positiv verläuft (IMHO). Ich begrüße es, wenn naturwissenschaftliche Fragen und Ansätze aus den verschiedensten Perspektiven diskuttiert werden. Doch gerade die Kirche ist mit ihrer teilw. sehr archaischen Modellen manchmal gar eine steuernde Komponente in manchen Fragen.

    Mitchell will uns klarmachen, dass wir nicht das „Newtonsche Modell“ als Non-Plus-Ultra ansehen sollten, sondern das ganze Gebilde als ein großes, sich dynamisch veränderndes, Modell. Eine „Vereinfachung“ auf den kleinsten gemeinsamen Nenner ist in vielen Fällen der falsche Weg, das ganze zu verstehen. Da erzählt sie mir nichts neues, ich bin innerhalt dieser Welt der „verstaubten Wissenschaft“ aufgewachsen. Dies ist wohl mein eigener pers. Vorteil 😉

    Jedoch, nehme ich die obigen Beispiele für Feindesliebe oder dem menschl. Gehirn, dann dominieren da etwas andere „Erkenntnisse“.

    Evolution immer als nicht mehr zuständig erklärt wird, wenn es um mentale Zustände geht. Dabei sei das Gehirn ebenso der Evolution unterworfen wie jedes andere Organ.

    Volltreffer ! Hier haben wir genau das, was z.Bsp. Sandra Mitchell gerne sehen möchte. Man kann nicht nur „A“ und „B“ getrennt sehen, sondern um den Begriff „AB“ zu verstehen, muss man auch die Wechselwirkungen zwischen A und B, als auch die mögliche Wirkung eines „C“ (Umgebung, Fundament, …), mitberechnen.

    weil halt die neuen Technologien in das althergebrachte Menschenbild eingreifen.

    Die wohl größte „beschützende“ Instanz des Menschenbildes ist immer noch die Kirche. Und hier frage ich mich, in wie weit werden sie sich „öffnen“ und neue Erkenntnisse akzeptieren ? Es reicht doch schon, dass Kondom „zuzulassen“. Den Zusammenhang zwischen Sexualität und AIDS haben manche Geistliche wohl seit Jahrzehnten noch nicht erkannt. Ihr dualistisches Denken (kein Sex = keine AIDS-Gefahr) dominiert weiterhin ihr Handeln.

    Naja, und da eine nicht geringe Zahl von „Denkern“ durch dieses christliche Bild geprägt sind, generiert es möglicherweise gar Probleme bei weiteren wissenschaftlichen Erungenschaften die dieses „starre“ Menschenbild in Frage stellen, wie z.Bsp. die der Kybernetik und AI-Forschung.

    Sandra Mitchell steht meiner Meinung auf der selben Seite wie die obrigen Bernd Vowinkel und Eckart Voland. Alle versuchen das große Ganze zu begreifen. Mitchell bezieht sich auf das wissenschaftliche Denken im Allgemeinen und die beiden anderen auf ihre Fächer im Speziellen. Hier kann das große wissenschaftliche Gebilde was dazulernen. Aber insbesondere die „geistliche“ Welt muss hier vieles akzeptieren lernen. Einige können dies problemlos, aber andere rudern strickt dagegen. Ob somit die Welt weiterkommt ? 😉

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  2. Nun mal langsam. Wenn sich der Artikel auf Geisteswissenschaftler bezieht, sind damit nicht Theologen oder gar Bischoefe gemeint, sondern Philosophen, Historiker, Politikwissenschaftler und auch Soziologen.

    Was etwa Ethikkommissionen betrifft, haben Wissenschaftler (und Mediziner zusammen) sogar die Mehrheit, d.h. hier entscheiden tatsaechlich Naturwissenschaftler. (s.a. http://de.wikipedia.org/Ethikkommission ) Naturwissenschaftler haben in konkreten Faellen tatsaechlich Interesse an geisteswissenschaftlichen Diskussionen.

    Als (ehemaliger) Naturwissenschaftler frage ich mich umgekehrt, ob Geisteswissenschaftler von Methoden der Naturwissenschaftler lernen koennen. Ich will damit nicht Geschichtswissenschaft neu definieren, aber der grosse Erfolg naturwissenschaftlichen Denkens kann moeglicherweise auch die praktische Philosophie voranbringen.

    Umgekehrt kann eine kritische philosophische Analyse des Wissens- und Erkenntnismodells vielleicht auch helfen, moderne Grenzen der Naturwissenschaft besser zu erfassen. Als Stichwort nenne ich hier etwa grundsaetzliche Erkenntnisgrenzen in der Quantenmechanik. Diesbezueglich versuche ich gerade, das Buch von S. Mitchell „Komplexitaet“ zu verstehen. Soweit ich den Einband (und die Verleger-Beschreibung) verstanden habe, will sie gerade den absoluten Erklaerungsgedanke (der Physik), d.h. das Bestreben alles auf der Grundlage der Elementarteilchen erklaeren zu wollen, durch einen relativen ersetzen oder besser: bereichern. Ich hoffe, dass ich dazu mehr sagen kann, wenn ich das Buch gelesen habe.

    Persoenlich freue ich mich natuerlich ueber Impulse aus anderen Wissenschaftsgebieten. Auch wenn das am Ende immer der kritischen Beurteilung durch die Naturwissenschaft bedarf, denn keiner will sich ja von anderen vorschreiben lassen, wie er seinen Beruf auszuueben hat.

    Melchior

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  3. @Hartmut Slomski: 🙂 Ein fest verdrahtetes „del pope.exe“ wäre wirklich lustig.

    Nein, Schpaas baisaite…
    Hier sprechen Menschen über die Möglichkeit, dass sich die Geisteswissenschaft (Ethik, Moral, Glauben, …) und Naturwissenschaft (Biologie, Physik, Chemie, …) möglicherweise verzahnt werden könnte. So habe ich es zumindest verstanden. Es wird diskutiert, ob in Fragen der Ethik und Moral, z.Bsp. ein Biologe mit seinem Wissen über Neurobiologie und der Untersuchung des menschlichen Gehirns, auch ein Wort zu sagen hat oder nicht.

    Die Welt dreht sich weiter. Früher wurde jemand, der „rumgezuckt“ hat, als „vom Teufel besessen“ deklariert und zu Tode gefoltert, massakriert oder verhundert gelassen. Geistliche nannten dies „Exorzismus“.
    Darf sich nun also ein Wissenschaftler einmischen und hier gar Gesetze definieren oder kritisieren ? Macht dies überhaupt ein Wissenschaftler ? In wie weit wird dies akzeptiert und/oder unterstützt ? Sind die Geisteswissenschaftler bereit dazu, sich mit denen einzulassen ?

    Der Absatz mit „dualistisches Denken“ verdeutlicht eines der dicken Problemen ganz gut. Wärend religiäse Bücher auf Menschen mit 100%igem Adam & Eva Kostüm zutreffen, was für eine Glaubwürdigkeit haben die dann in der nahen/fernen Zukunft, wenn jemand mit einem 130%igem Körper da eine geistige Frage aufstellt ?
    Eine lustige Frage an Gläubige wäre z.Bsp.: ist jemand, dessen Beine verloren gegangen sind (Gott ist bei den Behinderten) nun weniger „biblisch“ Wert, wenn er 6 Mio Dollar Beine bekommt und amit besser/schneller laufen würde als ein normal-Mensch ? Und darf einer mit einem 50 GB Gehirnspeichererweiterungsbaustein (Whow ! Langes Wort für Brain-Memory 😛 ) sich „höher“ einstufen lassen, als jemand ohne solche Updates ? Die alten „Regeln“, die auf „<= 100%“ Menschen zugreifen müssten überdacht werden, wenn jemand per Augenimplantat zwar eine Schädigung seines biologischen Körpers ausgleichen soll (100%).

    Die „zwei Kulturen“, von denen in der Quelle die Rede ist, kennen wir. Nun gibt’s angeblich Gezanke, ob die erwartete „dritte Messiaskultur“ nun eine erklärende Kultur a la Dawkins ist, oder nicht. Beide Seiten nähern sich zwar, kommen aber nicht so ganz in Kontakt.

    Der Biologe Josef Reichholf sieht in der Kommunikation Defizite. Besonders „das starre Festhalten an Worten, die nur scheinbar gut definiert sind“ erschwere das Gespräch.

    Das kommt uns doch sehr bekannt vor. Es sollen geistige Würdenträger dort draussen geben, die den „Sinn“ eines Kondoms ziemlich eng definiert haben. Und die halten starr daran fest, auf Kosten unzähliger AIDS-sterbenden. Die Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Päpsten ist nur zufällig und nicht beabsichtigt 🙂

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  4. Wenn schon Gehirnchips eingesetzt werden sollen, dann sollten welche entwickelt werden, die die Menschen von Geburt an vor geistiger Verblödung durch religiöse Erziehung und diesbezüglicher Indoktrination schützen, idem sie derartige Einflüsse neutralisieren und zu logischem Denken anregen. Dann würde der Atheismus siegen, alle Religionen würden untergehen und wir alle würden in einer besseren Welt leben.

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