Schluss mit dem Darwinismus


nach einer Fotografie von 1881 von Elliot und Fry
nach einer Fotografie von 1881 von Elliot und Fry

Prof.Axel Meyer, Ph.D.,Evolutionsbiologe, Zoologe Universität Konstanz

Das Darwin-Jahr 2009 naht und mit ihm der 200. Geburtstag von Charles Darwin und das 150. Jubiläum der Veröffentlichung seines Werkes „Origin of Species“. Es gibt viele gute Gründe, diesen Wissenschaftler – er ist nach Einstein wohl der berühmteste Forscher der Welt – zu feiern. Seine Erkenntnisse zur Kraft der natürlichen Auslese haben die Welt verändert und haben bis heute Gültigkeit.
Doch es gibt eine Dimension der Evolutionsbiologie, die in die Politik und Religion hineinreicht. Darwins Ideen werden von bestimmten Gruppen als Ideologie, sogar als Religionsersatz dargestellt: Es wird von Darwinismus gesprochen.

Und Darwins Erkenntnisse über Variation und natürliche Auslese werden von seinen religiös motivierten Gegnern stark überinterpretiert. Der arme Darwin wird für Eugenik und sogar den Nationalsozialismus verantwortlich gemacht. Dabei hatte er sich noch zu Lebzeiten gegen diese Tendenzen zur Anwendung evolutionären Denkens in der Politik gewehrt.
Der Begriff „Darwinismus“ wird daher auch nur von Evolutionsgegnern gebraucht. Ich kenne keinen Biologen, der sich als Darwinist bezeichnet. Das ist wohl anders in der Philosophie, wo man sich etwa als Kantianer oder Hegelianer bezeichnet, was dann andere Interpretationsansätze der Welt auszuschließen scheint.
Die Gegner der Evolutionsbiologie kommen denn auch meist nicht aus den Naturwissenschaften. Sie beißen sich daran fest, dass Darwin dies oder das nicht erklären konnte oder hier oder dort falsch lag. Selbstverständlich! Darwin hatte keine Ahnung von vielem und lag in einigem völlig daneben! Er forschte vor 150 Jahren. Es wäre doch überraschend, wenn seitdem in der Evolutionsbiologie nichts Neues entdeckt worden wäre. Das ist Wissenschaft. Allerdings ärgert es mich, wenn in bestimmten Kreisen so getan wird, als ob an den fundamentalen Einsichten der Evolutionsbiologie immer noch gezweifelt werden müsse – nach dem Motto „Noch niemand hat eine neue Art entstehen sehen“, es ist also alles nur unbewiesene Theorie oder sogar Ideologie – Darwinismus eben.
Physiker, die von der Existenz der Schwerkraft überzeugt sind, ohne erklären zu können, wie sie wirklich funktioniert, schimpft auch niemand Gravitationisten. Evolutionsbiologische Einsichten bilden das Grundgerüst der gesamten Biologie. Sie sind selbstverständlich nur eine Theorie, aber eine, die seit 150 Jahren noch nicht widerlegt wurde. Evolutionsbiologie ist trotzdem keine Ideologie – deshalb endlich weg mit dem Wort „Darwinismus“ !

7 Comments

  1. Die größten Missbräuche und Missverständnisse, auf die viele Evolutionsgegner auch ausbeutend abzielen, liegen doch darin begründet, dass man den „Darwinismus“ deskritpiv (Regelmäßigkeiten beschreibend) oder normativ (Gesetzgebend) betrachten kann. Darwins Ideen waren deskriptiver Natur, aber viele Evolutionsgegner, vor allem aus theologischen Kreisen, versuchen immer das Thema in die normative Ecke driften zu lassen.
    Insbesondere vor Laienpublikum.

    Dabei hatte doch David Hume schon festgestellt: „Kein Sollen aus dem Sein“

    Dadurch kann man auch wunderbar aneinander vorbeireden.

    Gibt ja auch genug Leute, die halten physikalische „Naturgesetze“ für normativ und wundern sich dann, wieso es bei Extrembedingungen ganz anders aussehen kann.

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  2. Hmmm genau die beiden meine ich. 🙂 Ich hab das mal geändert.

    Darwins Rolle als Buhmann beruht auf der einen Seite auf seiner historischen Bedeutung, auf der anderen darauf, weil er von Seiten der Evolutionsbiologen auf den Schild gehoben wird.

    ich denke das trifft nicht ganz den Kern der Sache. „The Origin of Species“ muss für die damalige Gesellschaft der Schock gewesen sein. Der Mensch nicht mehr die Krone der Schöpfung, ein hyper-intelligenter Affe, dass passt schlecht in ein Weltbild, welches nahezu 2.000 Jahre vorherrschend war. Darwin hat, ich darf das mal so sagen, alles zerstört, was bis dahin hoch und heilig war. In meinen Augen einer der Gründe, warum er so verdammt wird. Selbst die Relativitätstheorie hat nicht die sozialen Veränderungen initiiert die von Darwins Werk ausgingen und noch ausgehen.
    Andererseits stimme ich dir zu, Darwin gehört ins Pantheon der Menschheit, aber nicht auf den Schild seiner Apologeten.
    :;

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  3. @nickpol

    === schnipp ===
    Erstaunlich ist doch, dass Darwin als die Grundlage allen Übels angesehen wird. Andere, wichtige und bedeutende Evolutionsbiologen, Mayer, Dobshanzky um nur diese 2 mal zu nennen überhaupt nicht.
    === schnapp ===

    mhmmm, ich gehe mal davon aus, dass Du Mayr und Dobzhansky meinst.

    Mayr war zwar knallharter Atheist, hat sich aber zeitlebens geweigert, sich mit Evolutionsgegnern zu befassen oder gar gegen Kreationisten anzutreten. Lediglich im Vorwort eines seine letzten Bücher

    Mayr, E. (2001) ‚What Evolution is‘ New York, Basic Books

    schreibt er, dass er dieses Buch Kreationisten widmet, damit die sich endlich mal darüber informieren könnten, was Sache sei. Ansonsten war er kaum für Evolutionsgegner präsent. Zudem war sein Fachgebiet die Systematik, das lockt kaum jemanden hinter dem Ofen hervor.

    Mayr war bis zu Dobzhanskys Tod eng mit ihm befreundet, obwohl er nie verstehen konnte, was diesen Menschen dazu treibt, zu beten. Dobzhansky war gläubiger Christ und Vorsitzender der amerikanischen Teilhard-Gesellschaft. So jemand eignet sich nicht gut als Buhmann.

    Darwins Rolle als Buhmann beruht auf der einen Seite auf seiner historischen Bedeutung, auf der anderen darauf, weil er von Seiten der Evolutionsbiologen auf den Schild gehoben wird.

    Dass es Menschen gibt, die Meyers Meinung nicht teilen, siehst Du daran, dass beispielsweise Thomas Junker einen neuen Namen für die STE einführen wollte (‚Synthetischer Darwinismus‘) und es ist recht interessant, dessen Begründung zu lesen. Okay, Thomas Junker ist Historiker, kein Fachwissenschaftler.

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  4. btw Guter Artikel, danke für den Link.

    …Darwin sei das Alpha und Omega der Evolutionstheorie…

    🙂
    Insistiert, wenn Darwin widerlegt ist, wäre die ET am Ende. Die Gegner der ET würden dies als epochalen Sieg feiern.
    Erstaunlich ist doch, dass Darwin als die Grundlage allen Übels angesehen wird. Andere, wichtige und bedeutende Evolutionsbiologen, Mayr, Dobzhansky um nur diese 2 mal zu nennen überhaupt nicht.

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  5. @nickpol

    === schnipp ===
    Für die Einen ist Darwin der Wissenschaftler schlechthin, für die Anderen ein Schimpfwort.
    === schnapp ===

    stimmt.

    Es geht aber noch einen Tick weiter. Wenn man Arbeiten von Evolutionsgegnern liest, steht dort immer ‚Darwinismus‘, ‚Neo-Darwinismus‘ etc. Und die Argumente, die diese Menschen vorbringen, treffen oft sogar genau das, was Darwins ‚my theory‘ ausmacht. Das wäre in etwa so, als würde man die klassische Mechanik als ‚Newtonismus‘ bezeichnen und darauf hinweisen, dass Newton durch moderne Erkenntnisse erweitert/widerlegt/überholt oder was auch immer wurde.

    Das Perfide an der ‚Argumentation‘ der Evolutionsgegner ist, zu insinuieren, dass, falls man Darwin widerlegt, die moderne Auffassung von Evolution irgendwie tangiert würde. Genauer: dass naturalistische Evolution widerlegt sei. Das stimmt genauso wenig wie die These, dass die Physik als Physik ein Problem hätte, weil einige Thesen Newtons nicht mehr vertreten werden können.

    Man könnte diesen Menschen sehr viel Wind aus den Segeln nehmen, wenn man Darwin nicht auf ein Podest stellen würde. In dem Artikel, auf den ich verlinkt habe (keine Ahnung, ob Meyer diesen als Basis verwendete oder umgekehrt), wird das noch deutlicher formuliert, allerdings nicht mit so deutlichem Bezug auf die Evolutionsgegner.

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  6. Ich finde auch, ein guter Artikel von Prof.Meyer. Während die Relativitätstheorie bisher kaum sozial und politisch vereinnahmt wurde, hatte man nichts besseres zu tun als Darwins Prinzip der natürlichen Auslese auf die menschliche Gesellschaft anzuwenden.
    Für die Einen ist Darwin der Wissenschaftler schlechthin, für die Anderen ein Schimpfwort.

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  7. Es freut mich, dass angesichts des Darwin-Jubeljahrs 2009 Menschen wie Axel Meyer auf die unpopuläre, aber richtige Idee kommen, den Namen Darwins aus der Diskussion herauszuhalten. Darwin war bahnbrechend und ist auf vielen Gebieten auch heute noch hochaktuell, aber die Evolutionsbiologie hat sich weiterentwickelt. Es ist kein Zufall, dass Evolutionsgegner immer gegen ‚Darwinismus‘ und nicht gegen ‚Evolutionsbiologie‘ argumentieren.

    Meyer ist nicht allein, seine Argumente findet man auch in der New York Times.

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