«Dass wir aussterben, ist unausweichlich»


Lebensbild von Tiktaalik roseae
Lebensbild von Tiktaalik roseae

Vor vier Jahren entdeckte der Paläontologe Neil Shubin Tiktaalik, ein Mischwesen aus Fisch und Amphibium. Hier erklärt der Amerikaner, was der Mensch von dem ausgestorbenen Lebewesen geerbt hat und warum er bei der Arbeit manchmal eine Waffe trägtNZZ-Online

Interview: Frederik Jötten

NZZ am Sonntag: Mr. Shubin, Ihr neues Buch heisst «Der Fisch in uns» – wo versteckt er sich?

Neil Shubin: Er versteckt sich überhaupt nicht, er ist überall gut zu sehen, wenn man weiss, wohin man schauen muss. Zum Beispiel stammen viele der Muskeln, Nerven und Knochen, die ich jetzt gerade benutze, um zu sprechen, von Kiemen-Strukturen ab. Die Nerven, die unser Sehen und unser Riechen ans Gehirn vermitteln – alles ist wie beim Fisch.

Uns ist es geläufiger, dass wir Menschenaffen recht ähnlich sind.

Wir haben eine gemeinsame Geschichte mit allen Säugetieren, Reptilien, Fischen, ja sogar mit Schwämmen und Quallen. In jedem Organ, in jeder Zelle tragen wir das Erbe von 3,5 Milliarden Jahren Evolution. Vor sieben Jahren habe ich das regelrecht gespürt. Ich kam als Forscher an die Medical School in Chicago – und weil plötzlich Lehrpersonal fehlte, musste ich den Anatomiekurs für die jungen Medizinstudenten geben. Sie fragten mich: «Was für ein Arzt sind Sie?» Sie dachten wohl, ich sei Chirurg, Pathologe, was auch immer – und ich sagte: «Ich bin ein Fischpaläontologe.»

Waren die Studenten skeptisch?

Sie fanden das ziemlich verrückt, aber es stellte sich heraus, dass meine Vorbildung eine gute Grundlage war. Ich konnte mein Wissen über Fische, Reptilien und Würmer benutzen, um eine Landkarte von wichtigen Körperteilen zu zeichnen. Und es zeigte sich, dass viele Mediziner auch so unterrichten. Ich aber begann für mich, die tiefe Verbindung zwischen uns und dem gesamten Tierreich zu spüren.

Das hört sich poetisch an – ungewöhnlich für einen Naturwissenschafter.

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