Christliche Deutungskunststücke


Hans Albert, Bright
Hans Albert, Bright

HEIDELBERG (hpd) Der Philosoph Hans Albert gilt als der bedeutendste lebende Kritische Rationalist im deutschen Sprachraum. Religionskritik spielt in seinem Werk eine große Rolle; insbesondere hat er sich immer wieder mit der Frage befasst, in welchem Verhältnis Religion und Vernunft stehen. So hat er eine Studie Hans Küng gewidmet und dessen Versuchen, den christlichen Gottesglauben rational zu begründen. In seinem neuesten Buch, das seit dieser Woche lieferbar ist, setzt er sich mit Joseph Ratzinger auseinander. Dabei steht nicht der Glaubenswächter und Politiker im Vordergrund, sondern der Denker. Das Fazit fällt eher ernüchternd aus.

hpd: Joseph Ratzinger gilt dem deutschen Feuilleton als großer Theologe und begnadeter Denker. Nach der Lektüre ihres Buches habe ich den Eindruck, Sie sehen das nicht so…

Hans Albert: Ein begnadeter Denker ist Ratzinger sicherlich nicht. In seiner Argumentation sind so viele elementare Fehler und Ungereimtheiten enthalten, dass man sich darüber nur wundern kann. Und was seine Theologie angeht, so haben – soweit ich sehe – viele seiner Fachgenossen erhebliche Bedenken gegen sie.

hpd: Welche Werke Ratzingers haben Sie Ihrer Analyse zugrunde gelegt?

Hans Albert: In erster Linie habe ich mich mit der Neuausgabe der „Einführung in das Christentum“ befasst sowie mit dem im vergangenen Jahr erschienenen ersten Band seiner Jesus-Studien. Daneben habe ich aber auch einige andere Werke herangezogen, einschließlich der Bücher, die Ratzingers Dialoge mit Jürgen Habermas und Paolo Flores d’Arcais wiedergeben.

hpd: Sie sprechen in Ihrem Buch davon, dass Ratzinger den Glauben auf der Basis einer „spiritualistischen Metaphysik“ retten möchte. Was ist darunter zu verstehen?

Hans Albert: Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Weltauffassung hat für Ratzinger die Wirklichkeit spirituellen Charakter. Sie ist „objektiver Geist“ und wurde von Gott – dem „subjektiven Geist“ – durch sein Denken geschaffen.

hpd: Was bedeutet das für seine Vorstellung von Wahrheit?

Hans Albert: Ich habe bei Joseph Ratzinger keine klare Formulierung der Wahrheitsidee finden können.
hpd: Einer der gravierendsten Vorwürfe erscheint mir, dass der Theologe hinter die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung seiner eigenen Zunft zurückfällt…

Hans Albert: Das ist in der Tat der Fall. Vor allem die Ergebnisse der Leben Jesu-Forschung werden von ihm nicht ernst genommen, zum Beispiel die eschatologische Deutung der Botschaft des Neuen Testaments.
hpd: Sie halten ihm aber auch zahlreiche „handwerkliche“ Fehler vor…

Hans Albert: Was er zum Beispiel zur Erläuterung des Trinitäts-Dogmas sagt, zeigt, dass er offenbar nicht in der Lage ist, elementare logische Zusammenhänge zu verstehen.
hpd: Und wie „rettet“ der jetzige Papst das Christentum?

Hans Albert: Er rettet es eben durch Deutungskunststücke, die man keinem Teilnehmer eines philosophischen Seminars durchgehen lassen würde. Besonders bedenklich finde ich seine Behandlung des Theodizeeproblems.
hpd: Ratzinger wirft selbst die Frage auf, ob Vernunft und Christentum voneinander getrennt sind. Wie beantwortet er sie?

Hans Albert: Er möchte zeigen, dass der christliche Glaube vernünftig ist, während der wissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit unter einer methodischen Beschränktheit leidet.
hpd: Und wie sehen Sie das?

Hans Albert: Meines Erachtens lässt sich zeigen, dass die Ratzingersche Argumentation auf eine Einschränkung des Vernunftgebrauchs im Dienste seines Glaubens hinausläuft.
hpd: Am Ende Ihres Buches kommen Sie auf Jürgen Habermas zu sprechen, mit dem Sie vor vielen Jahren eine Auseinandersetzung führten, die als „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ in die Geschichte einging. Sie sind offenbar nicht überrascht, dass der Adorno-Schüler in seinen Gesprächen mit Joseph Ratzinger viele Gemeinsamkeiten entdeckt hat…

Hans Albert: Die Frankfurter Schule hatte immer schon ein prekäres Verhältnis zur Aufklärung. Die Habermassche Wendung hat mich daher nicht überrascht. Sie hängt mit dem Geburtsfehler seiner transzendentalen Hermeneutik zusammen: der Dominanz des Konsensmotivs in seinem Denken.
hpd: Sie halten an der Religionskritik der Aufklärung fest?

Hans Albert: Es gibt keinen Grund, die Religionskritik der Aufklärung aufzugeben.
hpd: Ich danke für das Gespräch.

Die Fragen stellte Martin Bauer.

2 Comments

  1. Hans Albert: „Er (J. Ratzinger) möchte zeigen, dass der christliche Glaube vernünftig ist, während der wissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit unter einer methodischen Beschränktheit leidet.“

    Diese Aussage suggeriert, daß J. Ratzinger dem naturwissenschaftlichene Weltzugriff im Vergleich zur Glaubensreflexion in ihrer historischen, systematischen und praktischen Dimension keine oder eine nur verhältnismäßig geringe Erkenntnisrelevanz beimäße und dies zudem mit dem Hinweis auf dessen Grenzen begründen würde. Das ist Unfug. Sein Hinweis auf methodische Grenzen naturwissenschaftlicher Theoriebildung zeigt lediglich das, was man bereits auf den Schlußseiten des Linder-Biologielehrbuchs nachlesen kann: Daß die Theoriebildung innerhalb naturwissenschaftlicher Forschung nur zu einem T e i l bild der Wirklichkeit führt, das Weltbild der Naturwissenschaft als Zusammenfassung diverser Theorien aus Kosmologie, Geologie und Biologie mithin eine – wie die Einzelmodelle – Gesamt n ä h e r u n g an einen Teilaspekt (Nach J. Bublath ca. 30%) der Realität darstellt. Ratzinger hat in seinem Buch lediglich versucht, protologische Aussagen im Rahmen des evolutiven Weltbildes zu formulieren. Diese können und dürfen selbstredend kritisch diskutiert werden – dabei aber sollte man zumindest mitbedenken, daß die naturwissenschaftliche Sicht nicht die einzige Perspektive ist, die der Glaube einnehmen kann.

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  2. Oh, das Buch wäre glatt an mir vorbeigegangen. „Das Elend der Theologie“ ist äußerst lesenswert, da werde ich mir auch das neue Buch zu Gemüte führen.

    „Die Frankfurter Schule hatte immer schon ein prekäres Verhältnis zur Aufklärung. Die Habermassche Wendung hat mich daher nicht überrascht. Sie hängt mit dem Geburtsfehler seiner transzendentalen Hermeneutik zusammen: der Dominanz des Konsensmotivs in seinem Denken.“

    Klare Worte. Mal schauen, ob die in den deutschen Medien ebenso an- und vorkommen wie des Herrn Habermas. Bis jetzt schweigen außer dem hpd noch alle.

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