„Töte deinen Nächsten wie dich selbst“


Ginies/Sipa
Zur Person André Glucksmann ist einer der bedeutendsten französischen Philosophen und Essayisten der Gegenwart. 1937 als Sohn jüdisch-österreichischer Emigranten geboren, entkam er der Verfolgung durch die Nazis und studierte später Philosophie. 1968 veröffentlichte er sein erstes Buch „Diskurs über den Krieg“. Unter Einfluss von Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ löste sich Glucksmann von der doktrinären Linken und wurde zum ideologiekritischen Vorkämpfer. Als sein Hauptwerk gilt die Abhandlung „Die Meisterdenker“ (1977). Fotos: Ginies/Sipa

„Töte deinen Nächsten wie dich selbst“ – so denkt der Nihilismus. Und nur eine kritische Koalition von Religion und Denken kann dieser sich ausbreitenden Einstellung Widerstand bieten. Ein Essay von André Glucksmann. merkur.de

Wird die Menschheit in der Lage sein, die Gewalt, die sie von jeher in sich trägt, zu mäßigen oder zu beherrschen, oder wird sie an der gegen unendlich strebenden Grenzenlosigkeit der Tötungsmittel und Todestriebe zugrunde gehen? Weil sie den Kampf gegen die Gewalt im Zentrum des interreligiösen Dialogs und der Debatte zwischen Gläubigen und Ungläubigen positioniert, rührt die Regensburger Vorlesung an die Frage aller Fragen, an der sich das Schicksal des 21. Jahrhunderts entscheidet. Jeder ist angesprochen: Familienväter und -mütter ebenso wie angesehene Diplomaten, Politiker, Ideenhistoriker, Theologen und – wie in meinem Fall – eigenbrötlerische Hobbyphilosophen. Daher bin ich so frei, bei der im eigentlichen Sinne philosophischen Wirkung dieses Textes zu verweilen.

I. Warum ein solches Lob der Vernunft?


Die Frage der Gewalt, ihrer Willkür und ihrer polemischen Beziehung zur menschlichen Vernunft ist der Zeugungsakt der Philosophie, die die griechischen Denker ursprünglich als „Selbsterkenntnis“ definierten. Weit davon entfernt, zu einer egoistischen oder narzisstischen Betrachtung der jeweiligen Identität zu verkommen, impliziert eine solche Erkenntnis die direkte Konfrontation mit einer Macht, die den Menschen in seinen Grundfesten zu erschüttern oder sogar zu vernichten vermag.

Am Beispiel des Titanen Typhon, der als Letzter an dem Versuch scheiterte, die olympischen Götter zu stürzen, erklärt Sokrates, dass ihn weder die literarische Schönheit noch die meteorologische oder physikalische Bedeutung des Mythos interessiert. Er blickt tief in das Bild dieser Chaoskreatur hinein und befragt es wie einen Spiegel, „ob ich etwa ein Ungeheuer bin, noch verschlungener gebildet und ungetümer als Typhon, oder ein milderes, einfacheres Wesen, das sich seines göttlichen und edlen Teiles von Natur erfreut“ (Platon, „Phaidros“). Das abendländische Denken misst die Unmenschlichkeit oder eben Menschlichkeit des Menschen an einer radikalen, proteushaften und barbarischen Gewalt.

Mit ihrem Aufruf zur „Selbstkritik“ schreibt die Regensburger Vorlesung keineswegs nur den Muslimen die Fähigkeit zu, in den Fanatismus eines Glaubens abzugleiten, der es ablehnt, sich von der Vernunft helfen zu lassen. Der Bezug auf Duns Scotus und auf die Nihilisten unserer Tage weist darauf hin, dass niemand, weder Gläubiger noch Ungläubiger, der Gefahr einer grundlegenden Übertretung entgeht.

So erklärt sich der Appell, den Dialog der Religionen und die Auseinandersetzung zwischen Religiosität und Agnostizismus neu auszurichten: sich nicht mit Absichtserklärungen und frommen Wünschen zu begnügen, die wirkungslos zu bleiben drohen, sich nicht mit gemeinsamen Gebeten zufrieden zu geben und das zu bemänteln, was die Menschen trotz ihres so unbeirrbar guten Willens auseinanderreißt und trennt. Indem er die Notwendigkeit betont, offen und beharrlich die Steine des Anstoßes und das Blut zu suchen, in dem unsere Glaubensbekenntnisse baden, bleibt Benedikt XVI. dem Aufruf Johannes Pauls II. treu: „Habt keine Angst!“ Wie sein Vorgänger in der Enzyklika „Fides et ratio“ hält er mit kompromissloser Klarheit an der Forderung des „nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen“ fest.

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10 Comments

  1. @Eule: ?? auf welche Weise werden denn Personen vom Diskurs ausgeschlossen ? „Begriff des Nihilismus sensu Dostojewskij und Nietzsche“ :greift zu kurz:Heidegger und Vorgänger erwähnt er hier und ich verstehe schon deine Assoziation, aber Glucksmann sieht Spuren eines wie auch immer gearteten Nihilismus schon bei Platon, verfolgt dann eine Linie beim Voluntaristen Scotus, greift in der Weise sogar den Nihilismusbegriff Johannes Pauls des Zweiten auf. Sieht dann Spuren im Marxismus bis zum Gulag, im Faschismus oder auch im Szientismus des 20.Jahrhunderts, u.ä.
    „Biblischer Glauben“ und „griechisches Fragen“ , sich wechselseitig korrigierend, als Wurzel unseres europäischen
    rationalen Diskurses, das ist seine eigentliche These. Die mit
    einem naturalistischen Aufklärungs- und Vernunftbegriff in Beziehung zu setzen,der sich wahrscheinlich nicht szientistisch nennen lassen wollen würde, wäre interessant gewesen. Aber irgendwie kommt mir der Verdacht, du magst den Text gar nicht so gern nochmal (?) lesen, oder ? Deswegen führ Deinen „rationalen Diskurs“ ab jetzt mit anderen weiter und schliess ja keinen aus.
    Nichts für Ungut !

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  2. @Atheistbinichauch !

    1. Wer meint, bestimmte Personen vom rationalen Diskurs ausschließen zu können, hat zumindest implizit gewisse Vorstellungen von dessen Regeln – und reglementiert damit zugleich die bloginterne Themensuche.

    2. Ach, der Begriff des Nihilismus sensu Dostojewskij und Nietzsche hat mit der Thematik des Glucksmannschen Essays nichts zu tun? Potztausend!

    3. Irrationale Feinde des rationalen Diskurses gibt es ganz gewiß nicht nur unter religiös motivierten Fanatikern – gegenwärtig sind diese indes die deutlich aktivsten Kräfte.

    4. „Wer ist wir? Du?“ Na, Du ganz bestimmt nicht.

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  3. @Eule: habe keine Diskursregeln bestimmt, wo denn ? und wie gesagt: welcher Diskurs ? Natürlich ! erwähne ich das, was ich gern diskutiert haben will, was denn sonst ? können gerne über Dostojewskij und Nietzsche diskutieren, nur hat das mit dem Text erstmal nichts zu tun.
    „Der rationale Diskurs.. hat seine rigoros mörderischen – weil irrationalen – Feinde“ – nur auf Seiten der Glaubensfanatiker ?
    „…ein solides Bündnis der Vernunft noch die größten Chancen hat. Nutzen wir sie.“ Wer ist wir ? Du ?

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  4. Wer die Bibel ein bisschen kennt, der kann in ihr ein evolutionsgerichtetes Geschehen entdecken.
    Der Mensch wurde nach Gottes Ebenbild geschaffen und Gott wurde Mensch. Dies ist die oft vergessene Grundlage des Christentums und seiner Wurzel, des Judentums. Wie alles kann dies der Mensch in sein Gegenteil verdrehen und dann haben wir den Nihilismus einer Generation von Friedrich Nitsche. Dem gegenüber steht aber die Erkenntnis im Buddhismus des Nirwana. Der Mensch hat also immer die Wahl zwischen der Entscheidung eines Licht erfüllten und glücklich machenden Nichts zu wählen und einem grauen, unheilvollen und unglücklich machenden Nichts. Beide Möglichkeiten stecken in jedem Menschen. Es ist der Weg in die Fülle des Lebens oder der Weg in den Tod vor dem Sterben.

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  5. @Atheistbinichauch !

    Zu Frage 1): Offenbar bestimmst D u die Regeln des rationalen Diskurses und zudem das, was Merkwürden gerne diskutiert haben will.

    Zu Frage 2): L e s e wenigstens mal.

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  6. „Heute erwächst die Gefahr aus einer Vernunft, die sich für schwach hält, auf ein Begreifen der Wirklichkeiten verzichtet und ihren apophantischen Tugenden nachtrauert. “ .. „Wenn eine dringende und zwingende Vernunft nicht mehr in Mode ist, gerät ihre Nachfolgerin, die ihre Überheblichkeit, aber auch all ihre Kühnheit verloren hat, in den Sumpf der falschen Bescheidenheit. Weil sie sogar auf ihre kritische Universalität und ihren beirrenden „Dämon“ verzichtet, wagt sie es nicht mehr, das Falsche als falsch und das Böse als böse zu brandmarken“ Also sich doch nicht von der Unart des Moralisierens befreien ? Böse ?? Klingelt da was ? Habt ihr den Text verstanden ? „GEHT ES NICHT DARUM, EINER BLOSS WISSENSCHAFTLICHEN VERNUNFT ZU HULDIGEN; DIE FÜR DAS 20. JAHRHUNDERT SO TYPISCHE KONTROVERSE ZWISCHEN SZIENTISMUS UND FIDEISMUS IST IM WESENTLICHEN ÜBERWUNDEN.“ (?!) Also Brights-Denken einerseits und von der Vernunft abgekoppelter radikaler Glaubensfanatismus andererseits als zwei Seiten einer Medaille ? Beides Paradigmen einer „naiven Moderne“ ? Glucksmann denkt hier (gut: etwas blumig vielleicht) im besten Sinne schon postsäkular. Es geht also um euer Verständnis von Aufklärung. Klassische Säkularisierungsthese am Ende ? Zwei Fragen:
    1) Wie kann Glucksmann allein auf die Idee kommen, der BÖSE dogmatische Papst hätte zu einem Vernunftdiskurs überhaupt etwas beizutragen ? 2) wieso seid ihr, die ihr ja kategorisch im Modus der „Natur des Zweifels“ denkt, euch auch bei anderen Artikeln eigentlich immer alle einig in der Kommentarleiste ? Verrückte neue Welt, oder ? Wehrt euch wenigstens mal.

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  7. Nach meiner Auffassung redet A. Glucksmann keineswegs gängigen Konnotationen des Begriffs des Nihilismus das Wort, sondern verwendet ihn im Anschluß an F. M. Dostojewskij und F. Nietzsche in metaphysischer Bedeutung als negative Lebensentscheidung gegenüber einem transzendenten Welt- und Daseinsgrund. Im Gegensatz zu Dostojewskijs Versuch einer religiösen Überwindung des Nihilismus fordert Nietzsche die Setzung von zeitlich begrenzten Normen ins Nichts hinein, damit das Leben nicht durch die Erkenntnis vermeintlich ewiger Sinnlosigkeit zugrunde gehe. Exakt zwischen diesen beiden Polen vollzieht sich auch und gerade heute der rationale Diskurs. Letzterer hat jedoch insbesondere nach „der Wiederkehr der Geschichte“ (Joschka Fischer) seine rigoros mörderischen – weil irrationalen – Feinde, gegen die massiv, offensiv wie konstruktiv vorzugehen ein solides Bündnis der Vernunft noch die größten Chancen hat. Nutzen wir sie.

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  8. Nihilismus?
    Die Postmoderne akzeptiert jeden „Konstruktivisten seiner Wirklichkeit“ als absolut gleichberechtigtes Individuum und der daraus resultierenden Konsensethik auch als gleichwertig Existenzberechtigt.
    Wobei jedwede Autoritätsmoral und Missionierungsansprüche zwangsläufig verworfen werden, nur Gleichberechtigt in der Konsensfindung besteht Frieden und Freiheit.
    Das gilt in allen Lebensbereichen, bei der Politik, der Berufswahl bishin zu Sexspielen.
    Einziges Problem, sind Missions-Autoritäts-Wahrheitssysteme die Personen zwangsläufig in Schubladen einzwängen Religion/Ideologien.

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  9. Sehr poetisch.

    Wo sieht Glucksmann denn nun den Nihilismus lauern? In der Postmoderne? Wer relativiert denn Vergewaltigung, ethnische Säuberungen, Völkermord , Brudermord und Auschwitz? Wo ist denn „diese moderne Euthanasie der Vernunft“ (geiler Ausdruck übrigens)?

    Ein bisschen weniger rhetorische Ziselierung und Philosophiegeschichte zugunsten konkreterer Ausführungen wäre besser gewesen. So stochert Glucksmann völlig im Nebel, was allenfalls bei denen gut ankommt, die die dahinterstehende Abneigung des nebulösen (aber bösen) Nihilismus teilen. Das ist keine Philosophie.

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