Der päpstliche Poet


Hans Albert - Joseph Ratzingers Rettung des Christentums
Hans Albert - Joseph Ratzingers Rettung des Christentums

Mit dieser Besprechung von Hans Alberts „Joseph Ratzingers Rettung des Christentums“, erschienen im Alibri-Verlag, weiht das Brightsblog die neue Buchbesprechungskategorie ein, die ab sofort oben in der Navigationsleiste zu finden ist.

Die Ansichten des Papstes sind natürlich nicht immer die der Gläubigen. Kirche, vor allem katholische, ist ja etwas ganz anderes als der Glaube an sich. Überhaupt darf man ja nicht pauschalisierend von „dem Christentum“ sprechen. Das ist es jedenfalls, was von christlicher Seite gerne vertreten wird, wenn sich Religionskritik zu sehr an die offizielle Linie Roms hält. Kirchenkritik sei das ja nur, und dagegen habe man nichts. Seltsam, dass dann ein Buch (neu-)erscheint, dass den provokanten Titel „Einführung in das Christentum“ trägt, aber kaum jemand aufschreit.

Wenig verwunderlich, hat der Papst doch einige Begeisterungsstürme und Fanzusammenkünfte verursacht, und ist zudem ein Liebling der Medien. Da nimmt man es mit der Unterscheidung zwischen Kirche und Glaube schon mal nicht so genau, zumindest aber ist der Heilige Vater dann nicht mehr ganz so schlimm und weit weg vom christlichen Mainstream, wie man es behauptet, wenn es um apologetische Zwecke geht.

Mit dieser Diskrepanz setzt sich Hans Albert in seinem Buch „Joseph Ratzingers Rettung des Christentums“ auseinander. Ratzinger werde, so Albert, „im Feuilleton als Intellektueller, als kluger Kopf und einer der führenden Denker innerhalb der katholischen Theologie gehandelt“. Also müsse an seinen Büchern ja etwas dran sein. So nimmt sich Hans Albert einiger Schriften Joseph Ratzingers an, hauptsächlich des erwähnten Werks und des jüngeren Jesusbuchs.

Hans Albert hat der Theologie schon einmal ein Buch gewidmet, das sich mit dem Ratzinger nicht nahestehenden Hans Küng beschäftigte. Dass dieses Werk nicht unwesentlich länger ist als das aktuelle, mag als Lob an Küng verstanden werden. Immerhin scheint es zu diesem mehr zu sagen zu geben. Damals sprach Albert im Titel vom „Elend der Theologie“ – da wäre es interessant zu wissen, mit welchem Urteil er die Populärtheologie des Joseph Ratzinger in ähnlicher Prägnanz belegen würde.

Seine Auseinandersetzung mit den Ratzingerschen Werken beginnt mit allgemeinen Kommentaren zu seinem Gegenstand, worauf Kapitel über die beiden genannten Werke sowie die Dialoge des Heiligen Vaters mit d’Arcais und Habermas folgen. Dabei versteigt sich Albert nicht in ausufernde Interpretationen und uferlose Kommentare, wie man sie in den Texten des von ihm Behandelten bisweilen findet, sondern bleibt sehr nahe am Text.

So werden Schwächen in der Ratzingerschen Argumentation deutlich sichtbar. Dieser plädiert, sozusagen um das Christentum für das 21.Jahrhundert fitzumachen, für die Einheit von Vernunft und Glaube, zu welchem Zwecke er der naturwissenschaftlichen Weltsicht eine unzulässige Beschränkung der Vernunft attestiert. Diese liege in dem Verzicht auf das Unsichtbare, das Nicht-Messbare. Mag die wissenschaftliche Methode diesen Verzicht aus rein pragmatischen Gründen üben, sei es doch unzulässig, daraus eine Weltanschauung abzuleiten. Das Christentum hingegen sei „das Bekenntnis zum Primat des Unsichtbaren als des eigentlich Wirklichen“.

Wieso das „Unsichtbare“ das „eigentlich Wirkliche ist“, meint Joseph Ratzinger mit einem banalen Abklatsch des teleologischen Gottesbeweises erklären zu können. Die Welt sei „denkbar“, „nach geistigen Gesetzen geordnet“, wie Mathematik und Naturwissenschaften zeigen. Also könne man daraus einen Denker ableiten. Die Wissenschaft hingegen verbiete das, sie „behauptet und leugnet“ den Geist also zugleich. Das sei eine unnötige, dogmatische Einschränkung der Vernunft.

Aus der Tatsache der Denkbarkeit der Welt folgt aber nicht das Gedachtsein der Welt, also kein Denker. Simples Non Sequitur. Albert:

„Seine spiritualistische Metaphysik verleitet ihn dazu, den Gesetzen, von denen in diesen Wissenschaften die Rede ist, ‚geistigen‘ Charakter zuzuschreiben und zwar deshalb, weil sie mit Hilfe mathematischer Aussagen beschrieben werden. Aber die Tatsache, daß der Mensch dazu in der Lage ist, solche Aussagen zu verstehen […], macht die betreffenden Gesetze selbst keineswegs zu ‚geistigen‘ Tatbeständen. Der erwähnte Widerspruch beruht also ausschließlich auf dem willkürlichen Sprachgebrauch unseres Autors.“ (Albert, S.39)

Zur päpstlichen Kritik am wissenschaftlichen Denken weist Albert darauf hin, dass das Wissenschaftsverständnis Ratzingers auf dem Missverständnis beruhe, wissenschaftliches Wissen positivistisch zu deuten, eine mögliche realistische Deutung zu ignorieren. Auf diese Weise kann man Wissenschaft und Glaube zwei distinkten Bereichen zuweisen, man erhält also NOMA (non overlapping magisteria), und darauf verweisen, dass sie sich ergänzen (müssen). Dass dieser eingeschränkte Wissenschaftsbegriff, und damit das NOMA-Konzept, ja gerade das ist, was von Naturalisten bestritten wird, spart Ratzinger aus. So umgeht er die komplette Debatte, anstatt Stellung zu beziehen.

Zu dieser auch von Habermas gewählten Strategie schreibt Albert:

„[Habermas] vertritt offenbar […] die These, daß die betreffenden Problembereiche inkommensurabel seien, so daß sich diese Kompetenzregelung gewissermaßen aus der Natur der Sache ergibt. Tatsächlich handelt es sich dagegen um eine künstliche Grenzziehung, die bestenfalls dafür sorgen kann, daß mögliche Widersprüche zwischen Resultaten des Denkens in verschiedenen Bereichen unter den Teppisch gekehrt werden.“ (Albert, S.101f)

Und das scheint überhaupt eine seiner Hauptstrategien zu sein, wie Hans Albert aufzeigt. Für einen Autor, der das Christentum in die Moderne hinüberretten will, gibt Ratzinger auf erstaunlich viele Fragen erstaunlich ausweichende Antworten. So stellt uns Albert die päpstlichen Antworten auf das Theodizee-Problem, den Naherwartungsirrtum und das Trinitätsproblem vor: er hat keine. Stattdessen liefere er „Ausweichmanöver“. Das zeigt sich schön bei der Erklärung der Trinität, Zitat Albert:

„Jesus, so sagt er, nenne Gott seinen Vater, er müsse also ein anderer sein als sein Vater. Er sei aber der Vermittler Gottes an uns und seine Vermittlung würde ’sich selbst aufheben und eine Abtrennung werden, wenn er ein anderer als Gott, wenn er ein Zwischenwesen‘ werde. Daher müsse er ‚als der Vermittelnde Gott selber‘ und gleichzeitig Mensch sein. […]’womit – unbegreiflich und höchst begreiflich in einem – eine Zweiheit in Gott […] in Erscheinung‘ trete.“ (Albert, S.46/47)

Ratzinger will die Paradoxie der Trinität also mehr rechtfertigen als auflösen, indem er dieselbe in poetischer Weise wiederholt und sagt, das sei so. Dieser Umgang mit dem Trinitätsproblem erklärt sich aus Ratzingers Haltung gegenüber ernsthaften Lösungsversuchen:

„[…] es zeigt sich, dass das radikale Durchschauenwollen der Trinitätslehre, die radikale Logisierung, die zur Vergeschichtlichung des Logos selbst wird und mit dem Begreifen Gottes auch die Geschichte Gottes geheimnislos begreifen, in ihrer strengen Logik selbst konstruieren will – dass gerade dieser grandiose Versuch, die Logik des Logos selbst ganz in die Hand zu nehmen, zurückführt in eine Geschichtsmythologie, in den Mythos des geschichtlich sich gebährenden Gottes. Der Versuch einer totalen Logik endet in Unlogik, in der Selbstaufhebung der Logik in den Mythos hinein.“ (Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kösel-Verlag 2007, S.158 )

An dieser Stelle bemerkt man dann auch die größte Schwäche der Ratzingerschen Ausführungen: der oft argumentfreie, aber stets umständliche, poetische Duktus. Das wird besonders deutlich im Vergleich mit Hans Alberts klarem analytischen Ansatz. Und das ist das eigentliche Verdienst seines neuen Buches – es entlarvt den mit feuilltonistischen Ehren versehenen Papst als zweitklassigen Dichter.

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2 Gedanken zu “Der päpstliche Poet

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