Der katholische Sardellenkopf


Die Jungfrau von Lourdes
Die Jungfrau von Lourdes

pr-inside.de

Lourdes (AP) In dieser Nacht sind es vielleicht 4.000 Menschen, die mit Lichtern von der Grotte um die gekrönte Madonna zur Basilika der unbefleckten Empfängnis prozessieren. Sie halten Kerzen mit weißen Papierschirmen in der Hand. Von Ferne sieht es aus, als ströme weißglühende Lava um die im Schwarzen liegenden Heiligtümer. Mit «Ave, Ave, Ave»-Rufen singen sich die Pilger in Trance. Viele gehen an Krücken oder sitzen in Rollstühlen und werden von jungen Mädchen in blau-weiß-gestreiften Kleidern geschoben. Aus dem Meer der wogenden Köpfe ragen Wimpel und Marienfiguren in den schwülen Nachthimmel. Katholiken aus Indien und Südafrika sind darunter. «Bayrisches Pilgerbüro» steht auf einem der Wimpel. Willkommen in Lourdes. Die Pyrenäenstadt, in der der bettelarmen Müllerstochter Bernadette vor 150 Jahren Maria erschien, ist eines der stärksten religiösen Kraftzentren der Welt. Das Mekka des frömmsten Katholizismus. Sechs Millionen Menschen reisen jedes Jahr zur Grotte, aus deren Quelle das für viele wunderwirkende Wasser sprudelt. In diesem Jubiläumsjahr werden sogar acht Millionen Besucher erwartet.

Der berühmteste, Papst Benedikt XVI., kommt am Samstag und bleibt für zwei Tage. Obwohl keine französische Stadt außer Paris mehr Hotels als Lourdes hat, sind alle Betten seit Wochen ausgebucht. Dabei ist Benedikt für die Souvenirhändler bislang noch ein Ladenhüter. Verehrt wird dagegen sein Vorgänger Johannes Paul II., der 2004 als «Kranker unter Kranken» am Ende seiner langen Mission in Lourdes bewegend Abschied nahm. Zwtl: Die Erscheinung der weißen Dame Zu Zeiten Bernadettes lag am Fuß der Pyrenäen nur ein verschlafenes Nest. Am 11. Februar 1858 geht die 14-Jährige zum Holz- und Knochensammeln in den Wald von Massabielle vor den Stadttoren. Als sie einen Bach durchqueren will, bemerkt sie in einer Grotte eine junge, weiß bekleidete Frau. 17 weitere Marienerscheinungen werden folgen, so steht es in den Annalen der Katholischen Kirche. Als Bernadette die weiße Dame zum 9. Mal sieht, trägt diese ihr auf, aus «der Quelle» zu trinken. Unter Geröll und Schlamm findet das Mädchen einen Quell.

Rasch macht sich die Kunde von ersten Wunderheilungen breit. 1862 wird der Wallfahrtsort von der Kirche anerkannt. Es ist 23.00 Uhr, und die Prozession hat sich aufgelöst. Vor der Grotte von Massabielle wird eine letzte Messe gehalten. Im Fels, der sich hinter dem Priester auftürmt, ist eine Nische, in der die Marienfigur steht. So, wie Bernadette sie gesehen haben will: Mit weißem Gewand, blauem Schal vor der Brust, die Hände zum Gebet gefaltet. Erleuchtet von einer meterhohen Kerzenpyramide. Pablo Baldi ist mit seinem 21-jährigen Sohn, der seit einem Autounfall querschnittsgelähmt ist, aus Mailand gekommen. Auf dessen Schoß im Rollstuhl sitzt die neunjährige Schwester. Baldi hält von hinten den Kopf seines Sohnes, küsst ihn auf den Nacken, und blickt immer wieder zur Marienfigur. Schließlich schiebt er seinen Sohn zu einem der 29 Kräne, aus denen man sich das Lourdes-Wasser abzapfen kann. Alle trinken einen Schluck, der Vater füllt noch einige Flaschen. «Natürlich wird mein Junge durch das Wasser nicht wieder Laufen lernen», sagt er. «Wir sind gekommen, um Trost zu finden.» Seine Frau sei bei dem Autounfall vor einem Jahr ums Leben gekommen. «Hier, am Ort der Erscheinung, spüre ich die Gnade Marias, die Ruhe bei Gott.» Das Mysterium von Lourdes, das Millionen Gläubige jedes Jahr erfahren. Zwtl: «Trullala, Trullala, Hey! Hey Vor den heiligen Stätten zeigt sich das andere Gesicht des Pilgerortes.

Als wirke das Lourdes-Wasser wie ein Aufputschmittel, sind die unzähligen Bars und Terrassen in der Avenue Bernadette Soubirous um Mitternacht noch von älteren Damen und Herren bevölkert. In der Lounge des Hotels Solitude liegt schwerer Bierdunst, die Kellner wuchten Maßkrüge auf die Plastiktische. Rund dreißig Pilger aus den USA, den Niederlanden und Deutschland haben sich zusammengefunden, ein 70-Jähriger heizt der Gruppe mit seiner Gitarre ein. «Trullala, Trullala, Hey! Hey!» rufen sie immer wieder. Kegelklubstimmung nach dem Rosenkranz-Gebet. Willkommen in Lourdes. Kurt Tucholsky zählte zu den schärfsten Kritikern der Kultstätte. «Man kann auch zum Kopf einer Sardelle beten, es kommt nur auf den Glauben an», zitiert er in seinem Pyrenäentagebuch ein japanisches Sprichwort. Der Kirche warf er gezielte Massensuggestion vor.

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3 Comments

  1. Hallo nickpol,
    «Natürlich wird mein Junge durch das Wasser nicht wieder Laufen lernen», sagt er. «Wir sind gekommen, um Trost zu finden.» Seine Frau sei bei dem Autounfall vor einem Jahr ums Leben gekommen. «Hier, am Ort der Erscheinung, spüre ich die Gnade Marias, die Ruhe bei Gott.»
    Hallo nickpol
    Ein sehr gutes Zitat. Trost spenden und Tost empfangen mehr will Lourdes auch nicht. Ich kann jedem nur mal empfehlen mit einem Krankentransport mit zu fahren als Pfleger.

    Kurt Tucholsky zählte zu den schärfsten Kritikern der Kultstätte. «Man kann auch zum Kopf einer Sardelle beten, es kommt nur auf den Glauben an»,

    Dazu muss man schließlich auch wissen, dass Kurt Tucholsky wohl zum Schluss seine eigene Kritik an allem und jedem nicht überlebt hat. Er wählte den Freitod.
    Wer seinen Kopf überwichtig nimmt verliert jede Freude am Leben. Der Mensch ist schließlich ein irrationales Wesen.
    Die Angst vor dem Tod treibt bei uns arge Blüten.

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