Wenn es nicht ohne Dogmen geht, dann lieber gar nicht.


Kalisch dagegen! Islamverbände dafür?
Kalisch ist dagegen! Sind die Islamverbände dafür?

Münster. Seit dem Wintersemester 2004/2005 wird an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster der Studiengang „Islamunterricht“ angeboten, der Erste seiner Art in der Bundesrepublik Deutschland.[1] Absolventen dürften damit an öffentlichen Schulen bekenntnisorientierten Islamunterricht lehren. Nur Professor Muhammad Kalisch stört dem Koordinatsrat der Muslime in Deutschland (KRM) ein wenig, denn er treibt es nämlich etwas zu bunt mit seiner historisch-kritischen Herangehensweise, weshalb sie ihm die Zusammenarbeit kündigen.

In einer Pressemitteilung vom [04. September 2008] teilte der Sprecher des Koordinationsrats der Muslime in Deutschland – KRM, Ali Kizilkaya mit, dass die Mitgliedsverbände des KRM beschlossen haben, ihre Mitarbeit im Beirat des Centrums für religiöse Studien in Münster, CRS, nicht mehr weiterzuführen. [2]

Reaktion aus Münster:

Die Entscheidung des „Koordinationsrats der Muslime in Deutschland“ (KRM), seine Mitarbeit im Beirat des Centrums für Religiöse Studien (CRS) der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) einzustellen, ist am Freitag, 5. September 2008, sowohl vom Rektorat der WWU als auch vom Centrum für Religiöse Studien bedauert worden. [3]

Dabei hatte doch alles so gut angefangen, als am Dienstag, 21. Mai 2002, die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) und Prorektor Prof. Dr. Normann Willich folgende Zielvereinbarung unterzeichneten:

Die Westfälische Wilhelms-Universität Münster wird als erste deutsche Hochschule Lehrerinnen und Lehrer für Islamunterricht ausbilden. Hierzu baut die Universität ihre religionswissenschaftlichen Angebote zu einem neuen „Centrum für Religiöse Studien“ aus und erweitert sie um einen Lehrstuhl für Islamische Theologie, der auch die Lehrerausbildung in diesem Bereich betreuen wird. [4]

Damals begründete die Ministerin ihr Vorgehen wie folgt:

Dies ist ein wichtiger Schritt hin zur Integration und Gleichberechtigung unserer rund 282.000 Schülerinnen und Schüler moslemischen Glaubens. Islamunterricht unter staatlicher Aufsicht bietet außerdem die Gewähr dafür, dass jungen Menschen keine Inhalte vermittelt werden, die nicht mit der Wertordnung des Grundgesetzes vereinbar sind. [4]

Zwei Jahre später wurde Prof. Dr. Muhammad Sven Kalisch zum Professor für das Fach „Religion des Islam“ ernannt. Er räumte damit den Weg frei, Lehrer und Lehrerinnen für das Fach Islamunterricht auszubilden, was in der Bundesrepublik Deutschland weiterhin einzigartig ist. [5] Biografisch dürfte erwähnenswert sein, dass er Sohn einer deutschen, protestantischen Familie ist und mit 15 Jahren zum Islam konvertierte. Im Gegensatz zu manch anderem jungen Konvertierten verfiel er nicht dem Islamismus, sondern wurde Anhänger der Zaiditen, „eine kleine schiitische Strömung, die davon ausgeht, dass die Offenbarung im Sinne der Vernunft interpretiert werden muss.” [6] Bemerkenswert dürfte auch der Titel seiner Doktorarbeit sein: „Vernunft und Flexibilität in der islamischen Rechtsmethodik” [6]

Mit solch einer ‚liberalen‘ Einstellung kann man schwerlich einen Blumentopf bei so konservativen bis fundamentalistischen Kräfte, wie dem Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland, gewinnen. Dieser Zusammenschluss vierer Islamverbände vertritt schätzungsweise ca. 280.000 der 3,5 Millionen Muslime in Deutschland. Merkwürdig dürfte die Tatsache sein, dass dieser Rat einen Monat nach dem Einfrieren der Mitwirkung der Mitgliedsverbände am CRS [1] gegründet wurde – am 11. April. [7]

Den Konservativen zu liberal, den Liberalen zu konvervativ.

Folgender Auschnitt stammt aus dem Vortrag „Perspektiven islamischen Denkens in Europa“, welcher am 16. November 2004 in Münster vorgetragen wurde [9] und erst im Oktober 2007 als Teil des Werkes „Zukunft der Religion in Europa“ veröffentlicht wurde.

An sich gäbe es in Europa die Chance für die Angehörigen der drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) durch eine radikale, konsequent an Aufklärung und Ratio„An sich gäbe es in Europa die Chance für die Angehörigen der drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Cnalismus orientierte Kritik sich mit den grundsätzlichen Schwächen ihrer Religionen auseinanderzusetzen und diese zu beseitigen. […] [Die] negativen Aspekte sind hauptsächlich von den zwei Grundannahmen verursacht, dass Gott Bücher schreibt und dass es eine wahre, allen anderen überlegene Religion gäbe. Derartiger Unsinn hat vor dem Urteil der Vernunft keinen Bestand und auch die von den abrahamatischen Religionen so gern betonte Geschichtlichkeit ihres Glaubens wird immer mehr als Fiktion entlarvt. Ihnen zugrunde liegt nicht Geschichte, sondern Mythos. Wenn Theologie weiterhin eine Wissenschaft im modernen Sinne bleiben möchte, dann muss sie ohnehin auf den Gerschichtlichkeitsanspruch verzichten, denn wie kann jemand unabhängig über Jesus oder Muhammad als historische Person forschen, wenn er deren historische Existenz oder gar bestimmte Eigentschaften oder historische Ereignisse als Grundlage seiner Glaubensüberzeugung betrachtet, die durch seine wissenschaftliche Arbeit eventuell zerstört werden könnte? [8]

Ob diese Aussage oder spätere das Fass beim Koordinationsrats zum Überlaufen brachte, ist leider nicht ersichtlich, dafür aber die Reaktion des KRM, „dass der Grund [für die Beendigung] in der erheblichen Diskrepanz zwischen den Grundsätzen der islamischen Lehre und veröffentlichten Positionen des Leiters des CRS in Münster liege”. [1] Gegenüber der WAZ wurde der Sprecher des Rates noch etwas genauer:

Wir können doch nicht den Propheten in Frage stellen. [10]

Die historisch-kritische Herangehensweise lehnen wir ab. Der Koran ist aus unserer Sicht vollkommen. Wir glauben, das ist Gottes Wort. [10]

Was nun aber genau unter „Diskrepanzen“ zu verstehen ist, hat die Ibbenbürener Volkszeitung (IVZ) rausbekommen:

Konkreteres über die „Diskrepanzen“ erfährt man nur hinter vorgehaltener Hand. So zweifle Kalisch, der als liberal gilt, nicht nur die Existenz zahlreicher Propheten, sondern neuerdings auch von Mohammed selbst an. Für die Verbände ein Affront. Die wiederum, so heißt es an der Uni, hätten am CRS lieber „Verkündigungsunterricht“ als kritische Forschung gesehen – mit einem „Parademuslim“ als Leiter. [11]

Als nächstes Koranschulen nach pakistanischem Vorbild?

Wollen wir nicht hoffen. Ich mutmaße eher, dass der KRM mit solchen Aktionen versucht, ein islamisches „Nihil obstat“ zu erkämpfen, um zu bestimmen, wer lehren darf und wer nicht. Wenn unsere Politiker solch einen Kniefall vollziehen würden, wäre der KRM in einem weiteren Punkt mit der katholischen Kirche gleichgezogen. Dabei wird gerade versucht, solche „mittelalterlichen“ Privilegien abzuschaffen. Was dann aus der Hoffnung eines liberalen Islam in Deutschland wird, kann sich jeder selbst ausmalen, nämlich nichts.

Die Einwände der islamischen Organisationen gegen Kalisch seien «nichts Neues», nehme doch auch der Vatikan für sich in Anspruch an katholisch-theologischen Fakultäten bei Berufungen von Lehrpersonen mitzubestimmen. «Nihil obstat» (Nichts steht entgegen) heisst die Formel, wenn die Kirche mit einer Berufung einverstanden ist. [12]

Dahingehend ist es auch nicht erfreulich, dass der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) erklärt, „dass eine Islamlehrerausbildung beabsichtigt sei, die von den Islamverbänden anerkannt wird, damit die so ausgebildeten Lehrer dann auch in den Schulen ihren Dienst verrichten können.” [13] Er will also „Alternativen prüfen“, dagegen erklärte die Rektorin der Universität Münster, Ursula Nelles, „dass der Rückzug des KRM aus dem Beirat keine Auswirkungen auf die Arbeit des Centrums haben werde.” [13]

Wer hat es bemerkt? Genau, die Islamverbände müssen die Lehrerausbildung anerkennen, sonst dürfen die Lehrer den Dienst nicht in der Schule antreten, behauptet jedenfalls die islamische Gemeinschaft Millî Görüş auf ihrem Internetportal:

Die Position des KRM hat weitreichende Folgen für die Einführung des Islamischen Religionsunterrichts nach Artikel 7 des Grundgesetzes in NRW. Danach sind die islamischen Religionsgemeinschaften verpflichtet, die Lehrer für den islamischen Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen auszuwählen. [13]

Diejenigen, die es nicht wissen, Millî Görüş ist offiziel nicht Mitglied des KRM, hat aber dennoch genug eigene Leute im KRM zu sitzen. Auch deshalb bin ich etwas misstrauisch und habe nach dem besagten Artikel 7 der NRW Landesverfassung gesucht und gefunden:

Artikel 7 (Fn 4)
(1) Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor der Würde des Menschen und Bereitschaft zum sozialen Handeln zu wecken, ist vornehmstes Ziel der Erziehung.
(2) Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zur Verantwortung für Tiere und die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, in Liebe zu Volk und Heimat, zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung. [14]

Ehrlich gesagt, kann ich die Verpflichtung für die islamischen Religionsgemeinschaften nicht herauslesen. Kann daran liegen, dass ich kein Jurist bin oder dass es diesen gar nicht gibt. Da bietet sich in meinen Augen ein Schreiben an Herr Pinkwart an, damit man Klarheit hat. Falls es jedoch diese Verpflichtung wirklich geben sollte und dadurch Prof. Dr. Muhammad Kalisch durch jemand anderes ersetzt wird, dann halte ich es gemäß den Laizisten:

Natürlich kann muslimischen Gläubigen nicht zugemutet werden, dass ihre Religionslehrer von „Ungläubigen“ ausgebildet werde. Denn dass die Vertretung der Dogmen auch von christlichen Theologieprofessoren gefordert wird hat der Fall Lüdemann gezeigt.
Vielmehr zeigt der Fall ein grundsätzliches Dilemma auf: Theologie, ob christlich oder muslimisch, ist keine ergebnisoffene Wissenschaft sondern eine Ausbildung für Prediger der jeweiligen Lehre. Wenn jedoch der Glaube die Grenze der Forschung festlegt ergibt sich das nächste Problem: welche spezifische Interpretation des Korans, welcher Verband oder welche Kirche bestimmt diese Grenzen?
Wir fordern auch deshalb eine gänzliche Abschaffung des konfessionellen – sprich dogmengebundenen – Religionsunterrichts zugunsten eines allgemeinen ethischen und religionskundlichen Unterrichts. [15]

Danke.
Robert (Brights Berlin)
in Zusammenarbeit mit brightsblog.wordpress.com und laizisten.de

[1] http://www.uni-muenster.de/ReligioeseStudien/Organisation/Ziele.html
[2] http://www.islamrat.de/page.php?show=70
[3] http://cgi.uni-muenster.de/exec/Rektorat/upm.php?nummer=10252
[4] http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/1685/
[5] http://www.uni-muenster.de/ReligioeseStudien/Aktuelles/2004.html#Professur
[6] http://www.zeit.de/2005/01/C-Religion?page=2
[7] http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2007/0412/politik/0040/index.html
[8] http://books.google.de/books?id=NhhqEHOj_JkC&printsec=frontcover#PPA35,M1
[9] http://www.uni-muenster.de/ReligioeseStudien/Aktuelles/2004.html#Ringvorlesung
[10] http://www.derwesten.de/nachrichten/nachrichten/campus-und-karriere/2008/9/13/news-76008797/detail.html
[11] http://www.ivz-online.de/aktuelles/muensterland/662675_Steht_Islam_Professor_bald_alleine_da.html
[12] http://www.nzz.ch/nachrichten/international/deutscher_islam-professor_bezweifelt_mohammeds_existenz_1.830279.html
[13] http://www.igmg.de/nachrichten/dossiers/themen-detail/landesregierung-pruft-alternativen-fur-islamlehrerausbildung.html
[14] http://www.landtag.nrw.de/portal/WWW/GB_II/II.2/Gesetze/Verfassung_NRW.jsp
[15] http://www.laizisten.de

4 Comments

  1. @Jochen Hoff

    Danke für den interessanten Link. Neben vielen richtigen Inhalten, habe ich allerdings einige starke Kritikpunkte an dem Inhalt.

    1.) In dem Text wird die Bedeutung des Begriffes “ (ehrlicher) Glaube“ unzulässig umdefiniert.
    Zitat: „Ehrlicher Glaube ist das Bemühen einem hohem menschlichen Ideal zu folgen“.
    Das ist empirisch Falsch. Auch die Attentäter des 11.9. waren ehrliche Gläubige. Sowie die Kreuzzügler, die Inquisitoren, etc. Sie haben aber kein hohes menschliches Ideal angestrebt. Bzw, wenn sie das haben ist das Ideal Verachtenswert und nicht Respektwürdig. Ganz im Gegensatz zu der Schlussfolgerung des letzen Satzes im Artikel. Zitat: „Gerade den Ungläubigen wie dem Autor steht es gut an, den Glauben des anderen als das zu sehen, was er auf jeden Fall ist. Ein positiver Stein im Charakterbild.“. Nein, dass ist er nicht in jedem Fall. Die Realität sagt was anderes.
    2.) Diesen Punkt finde ich schon recht heftig: Da steht „Wer Glauben durch Wissenschaft beweisen will, öffnet damit dem Hinterfragen seines Glaubens Tor und Tür und muss ihn schlussendlich auch selbst in Frage stellen, was meist eine menschliche Tragödie ist.“
    Das ist so falsch wie etwas nur sein kann. Sich selbst in Frage zu stellen ist der Grundstein dafür seine Fehler erkennen zu können, bevor man handelt. Wenn man also Leid verhindern will muss man, *bevor* man handelt, seine Grundsätze und Überzeugungen, nach denen man handelt, kritisch hinterfragen um Fehler überhaupt vermeiden zu können. Wenn du diese Grundsätze aber nicht mehr hinterfragst hast du beste Voraussetzungen zu einem Tyrannen zu werden, insbesondere wenn du Macht hast. Grade Tyrannen zeichnen sich durch diese Nichthinterfragung ihres Weltbildes aus.

    Sonst wären da Kleinigkeiten. Das Zitat von Brecht ist natürlich sehr richtig.
    Allerdings glaube ich dir nicht das du Ungläubig bist. Das was du geschrieben hast sieht zu sehr nach Apologetik aus. Da wird versucht etwas, was definitiv von größtem Übel sein *kann*, als in jedem Fall positiv hinzustellen. (siehe die letzten beiden Sätze). Das ist selbst schon ethisch fragwürdig. Auch wenn es unbestritten ist, dass Glaube ein „Positiver Stein im Charakterbild“ sein *kann*.

    herzliche Grüße,
    Eike

    Gefällt mir

  2. Millî Görüş meinte anscheinend Artikel 14 und nicht 7.

    „Artikel 14

    (1) Der Religionsunterricht ist ordentliches Lehrfach an allen Schulen, mit Ausnahme der Weltanschauungsschulen (bekenntnisfreien Schulen). Für die religiöse Unterweisung bedarf der Lehrer der Bevollmächtigung durch die Kirche oder durch die Religionsgemeinschaft. Kein Lehrer darf gezwungen werden, Religionsunterricht zu erteilen.

    (2) Lehrpläne und Lehrbücher für den Religionsunterricht sind im Einvernehmen mit der Kirche oder Religionsgemeinschaft zu bestimmen.

    (3) Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes haben die Kirchen oder die Religionsgemeinschaften das Recht, nach einem mit der Unterrichtsverwaltung vereinbarten Verfahren sich durch Einsichtnahme zu vergewissern, daß der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit ihren Lehren und Anforderungen erteilt wird.

    (4) Die Befreiung vom Religionsunterricht ist abhängig von einer schriftlichen Willenserklärung der Erziehungsberechtigten oder des religionsmündigen Schülers.“

    Gefällt mir

  3. Der Dogmatiker spricht:
    „Ich bin gewillt, alles als wahr anzuerkennen, das demjenigen entspricht, das ich für wahr halte; aber ich bin nicht gewillt, irgendetwas als wahr anzuerkennen, das demjenigen, das ich für wahr halte, widerspricht.“

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.