Von Wölfen und Menschen


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Quelle:WeltOnline

Prof. Axel Meyer,Ph.,D., Evolutionsbiologe,Zoologe, Universität Konstanz

Als das „Gebaren eines Wolfsrudels“ bezeichnete der ehemalige SPD-Chef Kurt Beck unlängst das Verhalten seiner Parteigenossen. Als Biologe fühle ich mich dazu verpflichtet, die Ehre der Wölfe zu verteidigen.

Die Reputation von Canis lupus ist keine gute, wie uns schon früh im Leben durch Fabeln und Kindermärchen beigebracht wird. In Grimms „Rotkäppchen“ etwa erschleicht sich der Wolf das Vertrauen des kleinen Mädchens, frisst dessen Großmutter und versucht auch noch, Rotkäppchen selbst zu fressen. Im Märchen „Der Wolf und die sieben Geißlein“ verfälscht er seine Stimme mit Kreide, verschafft sich so Einlass ins Haus einer Ziegenfamilie und frisst alle Ziegenkinder bis auf eines.

Noch in „Brehms Tierreich“ wird der Wolf als „schlau und listig“ und „ungemein blutrünstig“ bezeichnet. Ihm als Raubtier istdas wohl kaum vorzuwerfen. Die relevantere Frage im Beck’schen Zusammenhang ist: Wie steht es um das Sozialverhalten des Wolfs? Hintergehen Mitglieder eines Rudels andere Wölfe desselben Rudels oder fressen sie sie gar?

Wölfe sind äußerst soziale Tiere. Erst ihr ausgeprägtes Sozialverhalten ermöglicht es ihnen, in Rudeln zu leben und zu jagen. Wolfsrudel bestehen aus bis zu zwei Dutzend Tieren, aber sechs bis zehn ist die häufigste Größe. Sie sind meist Familienverbände, die von einem Paar als Alphatiere angeführt werden. Bis zu zwei weitere Generationen des Gründungspaares gehören zum Rudel. Eine Dominanzhierarchie festigt und regelt die Beziehungen unter den Individuen. Die Alphatiere müssen dadurch weniger häufig ihre Dominanz erstreiten, und Kämpfe um die Rangordnung sind selten.

Bei Geschlechtsreife wandern die Wölfe meist aus dem elterlichen Rudel ab und versuchen, ein eigenes Rudel zu etablieren. Manchmal werden sie in andere Rudel aufgenommen, Einzeltiere können aber auch von fremden Rudeln getötet werden.

In anderen Grimm’schen Märchen übrigens rächt sich die vermeintliche Habgier und Blutrünstigkeit von Wölfen, und die überlegene Schläue von Füchsen gewinnt am Ende. Vielleicht ist dies die Moral von der Geschichte. Aber das sind ja alles nur Märchen.

8 Comments

  1. @Rote Gräfin
    „Und was ist dann positiv für Dich? Jedes Argument aber auch jedes Argument an Dich zu reißen und zu zerpflücken?“

    Nicht ganz. Lies bitte das „Humanistische Manifest“. Einiges daraus passt sehr gut zu meinem „Wunschbild“ der Erde. Seeeehr gut. Vielleicht sollte man es überarbeiten ? Soweit ich mich erinnere, hatte man Wölfe dort nicht erwähnt. Uh ! Ein Schakal… äh… Skandal ! 🙂

    Und wenn Du mir weiterhin solche amüsanten „Argumente“ entgegenbringst, werden sie weiterhin von mir beachtet und „zerpflückt“ werden. Tut mir leid, das ist mein Intelligenzquotient. Der will immer was tun. 😉
    Falls Dir das nicht gefällt, fällt dies unter „Persönliches Pech“. Überspringe meinen Kommentar und das war’s auch schon. Ich zwinge Dich doch nicht zu irgendwas, oder ? 😉

    „Was hast Du gegen eine übernatürliche Welt?“

    Wenn dafür Frauen bei lebendigem Leibe geschlagen, verbrannt, erwürgt und sonst was werden ? Tja, dann habe ich was dagegen. Ich weiss nicht… soll ich mich sonst auf Seiten der Henker schlagen und Frauen, die einfach zu viel Pflanzenwissen besitzen, eigenhändig erwürgen ? Ist Dir das lieber ? Leider muss ich Dich enttäuschen. Ich bin ein Fan von diesen „Hexenserien“ im Fernsehen und kann den Schauspielern einfach nichts antun. Sie sind einfach zu süß 😉

    Ach… Du meintest die „echten“ Hexen ? Welche Hexen ?! Die paar Frauen und Männer die glauben, sie hätten Kontakt zu irgendwelchen Kräften und Geistern ? Was soll ich dagegen haben ? Ich habe ja nur eine Meinung… und die lautet „abgedrehte Hirngespinnste“.
    Das lustige daran ist, dass die Wissenschaft nicht fern von dieser Behauptung liegt, denn die Anzahl von Beläge die eine Existenz eines Naturgeistes oder von Kontakt zu überirdischen Kräften zeigen ist gleich Null, Niente, Nix, Nada, Zero.

    Andersrum lässt sich sehr wohl das sozialverhalten der Wölfe beobachten und belegen. Das konnte man schon vor Urzeiten. Märchen und Mythen allerdings haben unsere Fähigkeit ganz rational an das Wissen ranzugehen einfach nur vernebelt. Mit den Hexen ging’s ebenfalls so zu. Angst, Furcht, Jagd… erst das rationale, das „stinknormale“ Denken löste die Furcht vor solchen „tiefbösen Wesen“ und ebnete uns die Sicht auf spaßige Sitcoms.
    Wenn Du damit ein Problem hast… Dein Pech.

    „Hast Du die Sonne, den Mond und die Sterne gemacht?“
    Nö. Sind die denn gemacht ? Cool… wo kann man einige gemachte Sterne denn kaufen ? Könnte ich gut im Zimmer gebrauchen.

    „Was sagt dazu Dein (komischer Reagenzglas Naturalismus) ?“

    Ich habe versucht, Herrn Reagenzglas zu befragen. Tut mir leid, der ist z.Zt. nicht zuhause. Ansonsten helfen Dir Tante Gu und Onkel Wiki sicherlich weiter. Versuche es mal bei ihnen 😉

    „Kann es sein, dass Du vor lauter künstlichem Licht in einer Großstadt Dir diese Phänomene einfach verborgen bleiben?“

    Könnte sein. Könnte aber auch nicht sein. Ca. 8 Minuten von hier ist ein astronomisches Institut der Uni, inklusive einer Sternenwarte. Bist herzlichst eingeladen einen Blick in die Entwicklung der Sterne zu werfen. Ja, Du hast richtig gehört.. die Sterne sind nicht erschaffen und nicht herbeigezaubert worden. Sage mir aber bitte nicht, Dein Weltbild ist soeben zusammengefallen 🙂 . Ansonsten schlage ich Dir vor, schleunigst einige intelligente Bücher zu lesen. Keine Zaubersprüche und keine esoterische Bücher, sondern die Erdkundebücher einer normalen deutschen Grundschule. Unglaublicherweise werden schon Kinder mit dem Wissen konfrontiert, dass die Sonne und die Erde ihre Existenz einer völlig natürlichen Entwicklung zu verdanken haben ! Whow ! Keine Werwölfe, keine Hexen und keine übernatürliche Magie… schrecklich, nicht wahr ? 😉

    Get a life…

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  2. @Max Headroom
    Nicht
    -> Wir haben schon vor laaaaanger Zeit erkannt, dass das erschiessen oder erstechen von unserer Spezies nicht immer positiv für uns ist.

    Und was ist dann positiv für Dich? Jedes Argument aber auch jedes Argument an Dich zu reißen und zu zerpflücken?

    -> Dort werden übernatürliche Fähigkeiten – Hexereien – nicht mehr als das Werk des Teufels angesehen, sondern als ein “übernatürliches” Werk.

    Was hast Du gegen eine übernatürliche Welt? Hast Du die Sonne, den Mond und die Sterne gemacht? Was sagt dazu Dein (komischer Reagenzglas Naturalismus) ? Kann es sein, dass Du vor lauter künstlichem Licht in einer Großstadt Dir diese Phänomene einfach verborgen bleiben?

    -> Ich glaube zwar nicht, dass wir von den Wölfen etwas besonderes lernen.

    Es geschehe nach Deinem Glauben.

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  3. @[C]Arrowman

    „Es ist Religion nötig, damit gute Menschen böses tun. – R.Dawkins“

    Aber nicht nur. Ich habe von Banküberfällen gehört, die (man höre und staune) ohne vorherige Beichte erfolgt sind. Auch soll der Ehemann einer Frau den neuen Liebhaber inflagranti erschlagen haben. Ebenfalls ohne vorherige Geisteserlaubnis des Pfarrers.
    Doch es ist auch eine Tatsache, dass unzählige Untaten unter dem Deckmantel des religiösen Glaubens geschehen sind und weiterhin geschehen. Leider kann man sich auch so gut wie sicher sein… sie werden auch in Zukunft weiterhin geschehen.

    Somit können wir von den Wölfen an sich, sicherlich nichts für uns lernen. Es werden irgendwo immer irgendwelche Menschen geben, die selbst am Sozialverhalten von Wölfen ihre Götter ankoppeln wollen… selbst wenn es nur die Farbe des Fells oder die Form der Ohren ist, die das Geisterwesen „erschaffen“ haben soll. Wo man Geister und Götter sehen will, da wird der Mensch die auch sehen. Die Geschichte hat ja gezeigt, dass man selbst in Wasserfällen, Steinen und Sternen geistige Kräfte „sah“. Und vor Wölfen werden sie erst recht nicht halt machen. Sie haben es ja schon geschafft, den Raben in Verbindung mit dem Bösen zu stellen, da werden die höchst sozialen Wölfe sicherlich kein Hindernis darstellen.

    Aber die neue positive „Färbung“ der Wölfe könnte helfen zu erkennen, dass man einige alte „Weisheiten“ mal mit neuem Blick gesehen werden sollten. Denn weder Raben noch schwarze Katzen haben was „böses“ an sich. 😉
    Das allerdings erstmal die Wissenschaft rangehen musste, um dies zu erkennen, ist fast erschreckend. Wann kommt der Laborversuch der beweisen wird, dass es keine Hexen gibt ? James Randi hat ja seine Prämie aufgegeben… zu Recht. Auch ich nehme an, dass wir bis zum Ende der Sonne wohl niemals mystische Hexenkräfte zu Gesicht bekommen werden. Wieviele weitere Märchen und Mythen werden wir noch „debunked“ sehen ? Die Mythbusters sind ja schon längst dabei, aber wieviele werden noch dem Vorbld folgen ? Ich hoffe, sehr sehr viele 🙂

    @rotegraefin
    „Friede Freude Eierkuchen? Oder hat der böse Wolf bei den sieben Geißlein gerade Kreide gefressen?:-)“

    ?? Hatte der Baron Münchhausen Kreide in der Tasche ? Kamen die Wölfe aus Panama ? Backen Wölfe bei erreichter Geschlechtsreife etwa Eierkuchen ? Die Natur der Wölfe kann manchmal sehr verwirrend sein 😉

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  4. <Leider sind gewisse Interessen zu sehr im Vordergrund. <Geht man etwas humanistischer an die Sache ran, dann ist <das Bild für die meisten viel klarer. Doch wenn die Sicht <durch monetäre oder religiöse Nebelschwaden verhindert <wird, geschehen leider unmenschliche Handlungen.

    Es ist Religion nötig, damit gute Menschen böses tun. – R.Dawkins

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  5. Oh wie schön ist Panama lol
    Friede Freude Eierkuchen? Oder hat der böse Wolf bei den sieben Geißlein gerade Kreide gefressen?:-)

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  6. @Rote Gräfin
    Wunderschön geschreiben 🙂
    Nur ein klitzekleines Fragmentchen stört mich noch…

    „Jetzt erkennen wir, dass wir dabei sind uns selbst zu vernichten. Also lernen wir von den Wölfen.“

    Wir haben schon vor laaaaanger Zeit erkannt, dass das erschiessen oder erstechen von unserer Spezies nicht immer positiv für uns ist. Leider sind gewisse Interessen zu sehr im Vordergrund. Geht man etwas humanistischer an die Sache ran, dann ist das Bild für die meisten viel klarer. Doch wenn die Sicht durch monetäre oder religiöse Nebelschwaden verhindert wird, geschehen leider unmenschliche Handlungen.

    Die Wölfe sind sehr intelligent. Ihre Intelligenz hat in vielen Kulturen gewiss Angst erzeugt. Und um dieses wilde Raubtier als „Gefahr“ in der Gesellschaft zu sehen, entwickelte man leicht verständliche Märchen und Mythen um „böse Wölfe“ und natürlich auch Märchen mit/über Werwölfe an sich. Damals waren sie regelrecht überlebenswichtig für die Gruppe. Heute, in unsererm geschütztem Unfeld der westlichen Welt können wir uns davon losreißen und entwickeln z.Bsp. romantische Werwolf-Filme wie „Blood & Chocolate“ und „Freeborn“, bzw. Horrorkomödien wie „American Werewolf“ und „Teen Wolf“. Die ursprüngliche Angst ist gewichen und man erkennt hinter dem Schleier der „erzählten Gewalt“ langsam wieder die Schönheit der Natur.

    Um mal die Natur kurz abzuschalten, entdecke ich hier auch eine gewisse Parallele zur „Hexerei“.
    Früher wurden sogar Frauen der Hexerei beschuldigt, die nur simple Kräuterkunde betrieben. Die Angst vor der Beeinflussung einer bösen Macht war so groß, dass zeitweise „blind“ beschuldigt wurde.
    Und heute ? In unserer „steriel“ und zauberlosen Welt der Wissenschaft, ohne magische Beeinflussung des Alltages, sehnt man sich nach gewissen „übersinnlichen“ Erfahrungen. So entwickelte sich der alte Glaube von der Frau mit bösen Zauberkräften langsam um in die Frau mit übernatürlichen Fähigkeiten. Der Weg zu Serien wie „Verliebt in einer Hexe“, „Bezaubernde Djinn“, „Sabrina – The Teenage Witch“ oder „Charmed“. Dort werden übernatürliche Fähigkeiten – Hexereien – nicht mehr als das Werk des Teufels angesehen, sondern als ein „übernatürliches“ Werk. Es sind „nur“ Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Die Brandmarkung „böse“ ist gewichen und hat Platz für was schöneres gemacht.

    Die Wölfe waren schon immer da, nur ist heute langsam aber sicher die Brandmarkung des Bösen gewichen. Nun entdeckt auch die „normale“ Welt, dass diese Tiere einfach nur natürlich gehandelt haben.

    Ich glaube zwar nicht, dass wir von den Wölfen etwas besonderes lernen. Aber zumindest zeigt uns diese Entwicklung, dass gewisse eingeprägte Muster sich nach einer skeptischen Analyse oft genug in positive Dinge wandeln. Wir haben heute wohl kaum Angst, beim Einkauf von Klopapier von der Kassiererin verhext zu werden, noch dass sich der Busfahrer bei unpassendem Kleingeld nachts in ein Werwolf verwandelt und unsere Kinder in der Nacht z zu sich holt. Zumindest wir sind heute aufgeklärter als unsere Vorfahren vor vielen vielen Jahren 😉 .

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  7. Hallo nickpol
    mal wieder ein wunderschöner Artikel Danke.
    Können wir hier einmal festhalten, dass nicht nur die Tierwelt sich in einem Entwicklungsprozess befindet sondern auch der Mensch?
    Märchen sind Erzählungen der Menschen untereinander, als es noch kein elektrisches Licht gab und die Menschen noch nicht lesen konnten. Die meisten Menschen lebten noch mit der Natur so verbunden, dass ihnen eben ein Wolf Angst machte. In strengen Wintern riss er schon mal ein Schaf und war auch bedrohlich für den Menschen.
    Jetzt erkennen wir, dass wir dabei sind uns selbst zu vernichten. Also lernen wir von den Wölfen.
    Von Münchhausen gibt es die wunderbare Geschichte, dass ein Wolf sein Pferd aufgefressen hat und zwar so, dass dann dieser den Schlitten zog in dem Münchhausen saß.
    Wenn ich mir jetzt dieses Bild noch einmal vor Augen führe, dann hat die wilde ungezähmte Natur, das brave, treue im Geschirr der reinen Zivilisation laufende Pferd verschlungen, und zieht jetzt den Menschen.
    Na wenn das kein evolutionärer Schritt ist dann weiß ich es nicht.

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