Keine Lösung von Welträtseln


Was da zu sehen sein soll, daran entzündete sich die Debatte. ©picture-alliance/ ZB
Was da zu sehen sein soll, daran entzündete sich die Debatte. ©picture-alliance/ ZB

FAZ.Net – Feuillton

„Die Freiheit des Geistes beweisen“ wirkt auf Viele wie ein ferner Fixpunkt, der sie die Stolpersteine vor den eigenen Füßen übersehen lässt. Bevor man „Schlussfolgerungen aus neurobiologischen Erkenntnissen“ (Wolf Singer) ziehen kann, muss man diese erst einmal haben. Und man hat diese nicht schon durch die Behauptung, man habe sie – zumal diese Behauptung selbst keine über Hirne ist, sondern über die Wissenschaft vom Hirn. Sie ist also eine wissenschaftstheoretische, keine naturwissenschaftliche Behauptung. Wissenschaftstheorie besteht unter anderem darin, die Neurobiologie nach ihren Zielen und Mitteln zu fragen, nach Voraussetzungen, Methoden und Begriffen, denn daran entscheidet sich, was „Erkenntnisse“ sind.

Es muss wohl für Fachwissenschaftler wie für Laien zum Schwierigsten (und Provozierendsten) gehören: Wo der Neurobiologe vom Hirn redet, spricht der Philosoph vom Neurobiologen, seinen Äußerungen, Handlungen und Ansprüchen. Das sind zwei grundverschiedene Gegenstände, zwei Ebenen, zwei Sprachen, zwei Wissenswelten. Aber dass es zwischen ihnen keine sinnvolle Verbindung geben könnte, ist selbst unbegründet.

In den rund 200 bis Ende August eingegangenen, äußerst heterogenen Internetbeiträgen, in Leserbriefen und zahlreichen Stellungnahmen, die mich privat erreichten, tauchen ein paar besonders kontraproduktive Simplifizierungen auf:

(1) Es gehe um einen Konflikt zwischen Natur- gegen Geisteswissenschaften

Wer den ganzen Rest außerhalb der Natur- (und eventuell Technik-) Wissenschaften als „Geisteswissenschaft“ bezeichnet, wirft Fächer wie Mathematik und Informatik, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften in einen Topf mit text- und handlungsverstehenden Disziplinen (wie Sprach-, Literatur- und Geschichtswissenschaften) – als ob alle diese dieselben Methoden, dieselbe Begriffs- und Theoriebildung, denselben Typ Geltung und Wissenschaftlichkeit, dieselben Selbstverständnisse und Anwendungen hätten! Das hat Folgen für die (meist falsche) Einordnung der Neurowissenschaften.

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4 Comments

  1. @folgsam

    Leibniz´ B i l d der Denk-Mühle, die Information verarbeitet, sie indes nicht selbst produziert, veranschaulicht einen Problemkreis, auf den meine im Anschluß formulierte Frage lediglich hinweisen sollte. Leibniz entwickelte somit kein M o d e l l neurophysiologischer Korrelate des Denkens, sondern kennzeichnete mit besagtem Bild – das übrigens Hoimar von Ditfurth (m. E. erstmals 1978) in diesem Zusammenhang erneut aufgriff (ähnlich Ernst Bloch 1972, p. 311 f.) – die eigentliche Beschreibungsebene neurowissenschaftlicher Forschung. Möglicherweise interessiert Dich in Verbindung mit dieser Thematik der Gastbeitrag „Evolution und Intelligent Design in Hinblick auf dualistische Geist-Materie-Vorstellungen“, den ein guter Freund von mir vor einiger Zeit in El Schwalmos Blog veröffentlichte.

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  2. Leider war 1714 (erscheinungsjahr der „Monadologie) wesentlich weniger bis nichts über den Aufbau des Gehirns bekannt, man kann ihm also seine falsche Mühlenanologie und auch sonstige fehlerhafte Schlüsse leicht verzeihen.

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  3. Ich meine, daß das eigentümliche Gegebensein des Geistes nach wie vor verdeutlichen kann, daß die Neurobiologie „ohne Philosophie nicht zu ihrem Gegenstand“ gelangen kann. Im § 17 seiner „Monadologie“ hat Leibniz die Nichtfaßbarkeit des Geistes als Gegenstand eines Selbstzugriffs veranschaulicht: Denkte man sich das Gehirn als eine Mühle, in der man umhergehen könnte, stieße man nirgendwo zwischen allen mechanischen Teilen
    auf einen Gedanken. Den Neurowissenschaften ist also die Frage vorzulegen, ob Denkinhalte mittels bildgebender Verfahren resp. an abgebildeten Hirnströmen v e r s t e h b a r sind.

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  4. Der ganze Artikel ist ziemlich schwach. Ein paar rethorisch/dialektische Kniffe (welche an Theologen erinnern), und die ganze Sache scheint dem guten Herr Autor schwammig genug, um einen Dualismus oder zumindest disbezüglichen Agnostizismus nahe zu legen.

    Als Beispiel sei folgendes herausgegriffen: Dass Mensch und Affe zu hohem Prozentsatz die selben Gene teilten, sei ähnlich irrelevant für die Abhebung des Menschen von den anderen Tieren, wie die entsprechend ähnliche Masse. Dabei ist doch klar, dass den Mensch – wie jedes Ding – nicht seine Masse, sondern seine STRUKTUR ausmacht. Und diese Struktur ist nicht von der Menge enthaltener Elementarteilchen (Masse), sondern eben durch den Bauplan determiniert – die Gene!

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