»Wer sterben will, darf das weiterhin«


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Aubrey de Grey Quelle: firstscience.com

Glaubt man dem britischen Altersforscher Aubrey de Grey, ist das ewige Leben schon zum Greifen nahe. Begegnung mit einem von seiner Mission beseelten Visionär. Von Patrick Imhasly – NZZ

Wie aus dem Nichts schwingt die Türe auf. Ein Schlaks von einem Mann stürmt herein. Er hat einen langen, ausgefransten Bart, die dünnen Kopfhaare sind zu einem kläglichen Rossschwanz zusammengebunden. Zwischen den verwaschenen Jeans und den weissen Tennisschuhen lugen pinkfarbene Socken hervor. Auf dem rechten Unterarm trägt er ein fleckiges Apple-Notebook und liest im Gehen E-Mails. Sieht so der neue Messias aus?

Aubrey de Grey war einmal Computeringenieur an der britischen Elite-Uni Cambridge. Im Selbststudium ist er zum Bio-Gerontologen geworden, und seine Botschaft lautet: Der Mensch kann das Alter überwinden und den Tod besiegen. An diesem Tag ist er im ehrwürdigen Hotel Kindli in der Zürcher Altstadt abgestiegen – auf Einladung der Bank Sarasin.

Zusammen mit dem Collegium Helveticum von Uni und ETH Zürich hat die Privatbank kürzlich einen neuen Think-Tank mit dem Namen Wire gegründet. Die Denkfabrik will Trends in Wirtschaft, Gesellschaft und Wissenschaft erforschen. «Wire soll queren Gedanken nachgehen, ihnen eine Diskussionsplattform bieten», sagt Gerd Folkers, der Direktor des Collegium Helveticum, später beim noblen Festakt im Theater Rigiblick hoch über der Stadt. Dazu geladen sind rund zweihundert Personen: Männer in dunklen Anzügen, dezenten Krawatten und weiblicher Begleitung.

Quere Gedanken? Das ist Aubrey de Greys Spezialgebiet. In den letzten Jahren hat er mit seinen Thesen das Fachgebiet der Gerontologie, der Wissenschaft des Alterns, in helle Aufregung versetzt. «Als ich meine spätere Frau getroffen habe, war ich 26, sie 45 – eine Genetik-Professorin», erzählt de Gray in einer Ecke des Restaurants Kindli, während er ein Bier kippt, wild gestikuliert und mit der rechten Hand immer wieder an seinem Bart zieht. «Ich habe angefangen, mich mit Biologie zu beschäftigen, und erschreckt festgestellt: Altersforscher wollen verstehen, wie das Altern funktioniert, aber sie haben kein Ziel vor Augen.» Ganz anders Aubrey de Grey. Für ihn, den Ingenieur, funktioniert der menschliche Körper wie eine Maschine. Vor den Bankern im Theater Rigiblick vergleicht er ihn mit einem VW Käfer, der nie kaputtgeht, wenn man ihn nur sorgfältig genug wartet.

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9 Comments

  1. 1000 Jahre fände ich schon eine vernünftigere Dauer als die läppischen ca. 80-90 die ich kriegen werde. Es wäre wirklich schön. Aber aus Hoffnung irgendwelchen Exzentrikern vertrauen – davor hüte ich mich, ohne aber die Hoffnung aufzugeben. Wenns klappt bevor ich zu alt oder tot bin – schön. Wenn sies nicht hinkriegen bis dann – dann werde ich dafür gesorgt haben, dass ich mein Leben trotzdem in vollen Zügen gelebt habe.

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  2. Das man um einiges länger leben könnte, ist das eine. Doch glaube ich kaum, dass sich das die Mehrheit der Gesellschaft leisten könnte, geradeeinmal die oberen 10 000 vielleicht. Und ich glaube nicht, dass die Menschen das akzeptieren würden, sie würden auf die Straße gehen, bis auch sie nahezu ewig leben könnten. Doch da das wirtschaftlich einfach nicht möglich ist, wird die Schere zwischen den Armen und Reichen noch mehr auseinanderklaffen, eine kleine Elite die 1000 Jahre lebt und die große Mehrheit welche schnell stirbt und leicht ersetzbar ist. Ich glaube nicht, dass sich das auf dauer halten würde. Ein verlängertes Leben ist meiner Meinung nach eigentlich im Interesse der Allgemeinheit nicht sehr wünschenswert. Die ganzen naheliegenderen Sachen die teils schon erwähnt wurden habe ich ja noch außen vor gelassen, wie die Rente zum Beispiel.

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  3. also ewig will ich auch nicht leben. vor allem nich wenn man dann pflegebedürftig ist und so. dann macht das ja keinen spaß mehr!

    und es gibt ja jetzt schon zuwenig rente für diejenigen die sie erleben!

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  4. @Arnd
    „Auch ich finde die bisherige biologische Grenze nicht akzeptabel.“
    🙂 Du weisst ja, bei wem Du dich beschweren kannst (SCNR!)
    Leider gehört das biologische Leben, so wie wir nun mal sind, zur Entwicklung der Lebewesen hinzu. So sind wir nun gemacht… wir müssen unsere Gene neu kombinieren und dadurch Nachkommen zur Welt bringen, die sich (mehr oder weniger) durchsetzen. Mag vielleicht dem einen oder anderen Philosophen stören, aber „damit muss er leben“. Wer aufgrund von Inakzeptanz Veränderungen an sich durchführt, muss mit Veränderungen an seiner eigenen Akzeptanz durch Aussenstehende rechnen. Ganz klar. Wenn man schon auf die Palme geht, wenn ein Christ zum Islam konvertiert, wie chaotisch würde es werden, wenn die Bundeskanzlerin verkünden würde, ab morgen sich zum Mann umzuoperieren und/oder 500 Jahre lang leben zu wollen ?! Akzeptabel ? Für sie ? Für uns ? Für alle ?
    Man sieht, die Gesellschaft ist viel komplexer als man glaubt. Mit Geburt und Tod alleine ist das nicht geschehen 😉

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  5. @ Ida
    🙂 Sinn und Sinnlichkeit… Zeit für einen Reset, Ida.

    Was de Grey da anstrebt ist in meinen Augen genug Stoff für einen Hollywood-Film, aber kein Ziel der Gesellschaft. Vielleicht in einer fernen Zukunft, wenn 700 Jahre alte Ausserirdischen und besuchen und wir uns „eine Augenhöhe“ herbeiwünschen, aber ansonsten verläuft das Leben stets in geregelten Bahnen. Eine Veränderung wird eine solche „Hormontherapie“ bzw. „Human Pit-Stop“ im Sinne de Greys zwar bei dem Individuum bewirken, aber ohne grundlegende Umwälzung unserer Gesetze, werden diese Veränderungen keinen Eintritt in der Kultur des Landes oder gar des gesammten Planetes bekommen.
    Ganz im Gegenteil… es werden sicherlich auch Probleme auftauchen. Wenn ich mir mal ansehe was z.Bsp. die „Handys“ durchgemacht haben… vom Klingelknochen zum Multimedia-Produzenten, dann stelle ich mir eine solche „Gen-Therapie“ ganz anders vor. In den meisten Unternehmen sind Fotohandys aufgrund der Gefahr einer Wirtschaftsspionage tabu. So kann ich mir vorstellen, dass „Gen-Verjüngte“ Menschen aufgrund mögliches Bonuswissens aus bestimmten Bereichen nicht gern gesehen werden. Wer weiss, ob die Person vielleicht 30 Jahre im Osten in einer Terrorzelle gewesen ist ? Wer weiss, ob er eine 10 jährige Spionagegeschichte bei der Gegenpartei hinter sich hatte ? Körperlich ist es nicht anzusehen und Lebensläufe auf dem Papier sind schnell mit den gewünschten Werten aus dem Drucker gefüttert.
    Und vor allem die Überbevölkerung sieht er durch die rosarote Brille. Glaubt er tatsächlich, dass die Frauen sich „gerne“ erst ab 100 Jahren für ein Kind entscheiden werden ? Und was dann ? Wenn ene Frau mit 2-3 Geschwister aufgewachsen ist, sehnt sie sich eher nach einer Großfamilie als der Sohn eines Bankkaufmannes, der als Einzelkind auf einer Elite-Universität studierte. Kinder werden kommen… und die nicht gerade „tröpfchenhaft“, eins nach dem andern 😉

    Nein. Aus der Therapie werden wir viel lernen. Wir werden Krankheiten erkennen und bekämpfen können. Aber ein Leben in einer Methusalem-Gesellschaft werden wir auch in näherer und weiterer Zukunft nicht im Blick haben. Das Altern und Sterben mag vielleicht nicht jedermann/jederfraus Ziel sein, aber als (gesunde) weise Oma oder Opa Teil der Familie zu sein ist für die meisten eher von Bedeutung, als zusammen mit Uroma und Uurururoma zusammen eim Bungee-Sprung über den letzten Skat-Abend zu plaudern 😉
    Die Medizin wird uns helfen, dass wir gesunde Menschen bleiben, aber den Tod, den wird sie wohl auf solche Weise nicht aufhalten können 🙂

    Tja, Ida. In meinen Augen macht seine Arbeit sinn. Wir werden neue Möglichkeiten der Medizin erforschen und (hoffentlich!) Wege finden, Krankheiten wie Alzheimer & Co. besser zu verstehen, zu behandeln oder gar zu verhindern. Sich das Ziel aber auf eine reine Lebensverlängerung zu setzen, ist aber sicherlich nicht sinnvoll. Wer will schon 1600 Jahre lang unter Alzheimer leiden ?

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  6. Es geht eigentlich nicht so sehr um’s ewig leben, sondern eher um die Selbstbestimmung des Todes. Auch ich finde die bisherige biologische Grenze nicht akzeptabel.

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  7. Die angestrebten 1000 Jahre wären mir auch ein wenig lange.
    Es wird doch irgendwann langweilig, wenn man alles schon gemacht hat, wenn man alles schon gesehen hat. Ich glaube auch nicht, dass die menschliche Selbstverliebtheit so lange reicht. Es werden ja jetzt schon immer mehr alte Menschen, die nicht mehr länger leben wollen. Das mag natürlich auch an körperlichen Gebrechen und mangelnden sozialen Kontakten liegen, aber wohl nicht ausschließlich!

    @ Ida
    Es geht ja nicht um Quantität, sondern um Qualität! Als aufgeklärter Mensch bist du doch in der komfortablen Situation dir selber einen Lebenssinn zu geben, ohne auf eingefahrene Glaubensrichtungen achten zu müssen. 😉

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