Wie Mohammed den Islam erfand


Tilman Nagel, 66, ist emeritierter Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Göttingen
© GEOkompakt Tilman Nagel, 66, ist emeritierter Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Universität Göttingen

Was für ein Mensch war der Begründer des Islam? Wie entstand der neue Glaube? Der Mohammed-Biograf Tilman Nagel zeichnet das Bild eines herrschaftsbewussten Stammesführers – und einer kriegerischen Bewegung

GEOkompakt

GEOkompakt: Herr Professor Nagel, was für ein Mensch war der Prophet Mohammed?
Tilman Nagel: Ganz deutlich an ihm war seine überragende Willenskraft: Er hat sich niemals in Kompromisse verwickeln lassen und selbst scheinbar aussichtslose Situationen für sich und seine Anhänger entschieden. Ohne diese Standhaftigkeit hätten die ersten Muslime wohl kaum die Wirren des Anfangs überlebt. Sie hatte aber auch negative Seiten: Egoismus. Halsstarrigkeit. Die Unfähigkeit, Fehler einzugestehen.

Von islamischen Gelehrten wird Mohammed als gutmütiger Kämpfer für Gleichheit und Gerechtigkeit dargestellt.
Das ist unredlich. Nach Mohammeds Tod wollten Muslime in seinem Lebensweg unbedingt das Prophetentum erkennen. Es entstand eine idealisierte Biografie, frei von allen Widersprüchen. Mohammed galt nun als Übermensch; als göttlicher Gesandter, erwählt von Allah, um durch den Koran eine ewig gültige Botschaft zu offenbaren. So wurde ihm der Schleier des Übergeschichtlichen übergeworfen. Leider hat die islamische Gelehrtenwelt diesen Schleier bis heute nicht entfernt.

Und die westliche Forschung?
Die hat sich auf das andere Extrem hinbewegt. Seit den späten 1970er Jahren hieß es: „Die historische Figur Mohammed ist eine Fiktion; der Koran ist über Jahrhunderte hinweg von anonymen Schreibern verfasst und redigiert worden.“ Einige Islamwissenschaftler halten die muslimische Urgemeinde sogar für eine christlich-syrische Sekte.

Ist da etwas dran?
Nein. Von allen Weltreligionen ist keine historisch so gut ausgeleuchtet wie der Islam. Es gibt eine Vielzahl an Quellen: die frühen Prophetenbiografien, vor allem die des arabischen Historikers Ibn Ishaq aus dem 8. Jahrhundert; die Überlieferungen der Aussagen Mohammeds; und natürlich den Koran. Ein Buch, in dem sich spiegelt, welche Entwicklung sein Denken und Wirken genommen hat.

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